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Asiatische Kampfkünste als begleitende Intervention bei der (Re)Sozialisierung von kriminellen Jugendlichen

Diplomarbeit 2009 95 Seiten

Sport - Sportarten: Theorie und Praxis

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jugendkriminalität
2.1 Was versteht man unter Jugendkriminalität?
2.2 Jugendkriminalität in unserer Gesellschaft

3. Kriminalitätstheorien
3.1 Psychoanalytischer Ansatz
3.2 Frustrations- Aggressions-Hypothese
3.3 Familie, Erziehungsstil und psychoanalytische Theorie nach Richter
3.4 Die Anomietheorie von Merton
3.5 Theorie der Differentiellen Assoziation nach Sutherland
3.6 Theorie der differentiellen Gelegenheiten nach Cloward/Ohlin
3.7 Theorien des Labeling Approach
3.8 Multikausalität als Erklärungsmodell

4.Resozialisierung
4.1 Resozialisierung und Sport
4.2 Ausgleich gegenüber den Wirkungen des Strafvollzugs
4.2.1 Sport als Lern und Erfahrungsfeld
4.3 Anschluss an die Außenwelt
4.3.1 Glenn Mills School

5. Asiatische Kampfkünste
5.1 Die Entwicklung der Kampfkünste
5.1.1 Einfluss von Yoga
5.1.2 Einfluss des Tao
5.2 Unterschied Kampfkunst / Kampfsport
5.3 Budôpädagogik und Ihre Entwicklung
5.3.1 Die Überlieferung der Lehre
5.3.2 Die rechte Haltung
5.3.3 Dōjōkun - die Regeln des Budô
5.3.3.1 Die Suche nach dem vollkommenen Charakter
5.3.3.2 Der rechte Weg der Wahrheit
5.3.3.3 Verwirklichung seiner persönlichen Lebensziele
5.3.3.4 Die Grundregeln der Etikette ehren
5.3.3.5 Verzicht auf Gewalt

6.Asiatische Kampfkünste als begleitende Intervention
6.1 Welche Bedeutung nimmt die Kampfkunst ein?
6.2 Shorinji-Ryu (Karate-dô) als praktische Behandlungsmaßnahme
6.2.1 Bewegungs- und Zweikampfspiele
6.2.2 Chinesische Gymnastik und Yoga
6.2.3 Kihon - die Grundschule
6.2.3.1 Stellungen (Tachikata)
6.2.3.2 Arm und Beintechniken
6.2.4 Kata - die Bewegungsabläufe
6.2.5 Kumite - der Kampf
6.2.6 T´ai Chi Meditative Bewegung
6.2.7 Za-Zen - Meditative Versenkung

7. Fazit und Ausblick

8. Abbildungsverzeichnis

9.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Immer wieder hört man in diversen Nachrichtensendern bzw. Zeitschriften, dass die Straftaten Jugendlicher zunehmen.

Politiker diskutieren darüber, ob noch härtere Strafen angebracht wären. Diese Diskussionen werden oft sehr emotional und undifferenziert geführt; wobei die Interessen, Wünsche und Ängste der jungen Generation nicht zur Kenntnis genommen werden. Denn wenn Jugendliche ihren Frust ausleben und dabei Gesetze übertreten werden sie weggesperrt. Es wird so manchem klar, dass ein Mensch ohne Aussicht auf ein würdiges Leben zu noch viel mehr fähig ist als zur Rebellion. Es kann also davon ausgegangen werden, dass durch härtere Strafen - wie etwa Erziehungscamps - das Problem nicht zu lösen sein wird.

„Aus kriminologischer wie auch aus pädagogischer Sicht verfehlen gerade die geforderten harten Strafen die beabsichtigte Wirkung (Mansfeld 2001, S. 7)“.

Deshalb ist es wichtig neben solchen Bestrafungsmöglichkeiten Alternativen aufzuzeigen, die der Prävention, bzw. Resozialisierung dienlich sein können. Strafen sind dazu da, jemandem eine zweite Chance zu geben, über sein Vergehen nachzudenken und sich Gedanken über seine neue Chance in der Gesellschaft zu machen.

„Aggressionen abzubauen über das Kämpfen“, mag für Viele paradox klingen, doch gibt es zahlreiche Studien bzw. Vertreter der Kampfkünste, die genau dieser Meinung sind. Meine Arbeit soll dazu beitragen, die Hintergründe der Kampfkünste näher zu bringen. Für mich ist die Kampfkunst in erster Linie die Lehre der Gewaltvermeidung und Reduzierung, sowie der Kampf mit sich selbst. Wenn das Training so gestaltet wird, dass ein Jugendlicher zuerst gegen sich selbst kämpfen und gewinnen muss, bevor er lernt, wie er gegen andere zu kämpfen hat, lernt er gleichzeitig, wie man die Gewalt im Kampf gegen andere zuerst reduzieren, dann vermeiden kann und schließlich, wie man den Kampf gänzlich vermeidet.

In der folgenden Arbeit werden zuerst die Hintergründe der Jugendkriminalität behandelt, welche im Kontext unterschiedlicher Ansätze zur Kriminalitätstheorie behandelt werden sollen. Danach werde ich die Entwicklung und Geschichte der asiatischen Kampfkünste darstellen, um einen Eindruck von der Vielfältigkeit des Wesens der Kampfkunst und seiner Bedeutung für die Resozialisierung zu geben und um ihre Grundlagen verständlich zu machen.

2. Jugendkriminalität

„ Seit 21 Monaten sitz ich hier im sogenannten modernsten Jugendknast in Deutschland und kaum einer hier hat mich gefragt warum. Und wenn doch, und es kam cool meine Antwort „ Totschlag “ , haben die Beamten und Knackis gesagt, „ is ja schon gut, reg dich bloßnicht auf “ . Mehr nicht! Wahrscheinlich haben die Muffe vor ´ nem Totschläger wie mir. Aberändern tu ich mich bestimmt nicht “ (Trainingsteilnehmer beim Aufnahmegespräch zit. nach Weidner 2001, S. 126).

Wie hier vom Trainingsteilnehmer geschildert, mangelt es nicht an bedrückenden Beispielen erschreckender Jugendgewalt, jedoch sollte man differenzieren, ob es sich um einen Einzelfall handelt oder ob es immer wieder zu kriminellen Handlungen kommt. Es stellt sich die Frage: Haben die Jugendlichen keine positiven Vorbilder mehr an die sie sich halten können? Das Elternhaus ist teilweise mit der Erziehung überfordert, was zu einer Gewaltbereitschaft der Jugendlichen führt. Daraus resultiert, dass der Staat in einer “Bringschuld” ist, wenn das Elternhaus aus verschiedenen Gründen versagt und Kinder und Jugendliche auf die schiefe Bahn geraten. Hier braucht es einen "Warnschuss" der Wirkung zeigen sollte. Verwarnungen und Ermahnungen, die heute viele Richter aussprechen, sind völlig ungeeignet. Jugendliche brauchen Grenzen und sollen auch zurechtgewiesen werden dürfen. Also muss festgestellt werden, welche präventiven Maßnahmen zu einer Besserung des Problems beitragen und in welchem Ausmaß. Auch stellt sich die Frage, welche Auswirkungen diese Maßnahmen im konkreten Sinne haben.

2.1. Was versteht man unter Jugendkriminalität?

Wo beginnt die Jugendkriminalität, wo hört sie auf? Ist es schon kriminell, wenn ein Jugendlicher einen Kaugummi aus einem Kaufhaus stiehlt um seinen Freunden zu imponieren? Fragen wie diese zeigen uns wie abhängig die Bewertung von Jugendkriminalität vom Standpunkt des Betrachters ist.

In den Medien und in mehreren Diskussionen ist die Jugendkriminalität ein Dauerthema. Die meisten Erklärungsversuche beziehen sich auf unterschiedliche Theorieausschnitte, welche die Ursachen von Jugendkriminalität etwa in der Vorbildwirkung von Computerspielen, Gewaltvideos oder im Mangel an Perspektiven in bestimmten sozialen Umständen suchen (vgl. Krall, 2004 S. 9).

"Kriminalität im juristischen Sinn ist ein Verhalten (Tun oder Unterlassen), das gegen ein Strafgesetz verstößt." (Hellmer, 1966 S. 11) Das heißt, das Strafgesetz sagt uns, dass für ein unsoziales Verhalten eine Strafe stehen muss. Das heißt, „ Kriminell im juristischen Sinn ist demnach jemand, der rechtskräftig verurteilt ist“ (Hellmer, 1966 S. 12)

Die persönliche Motivation für ein Verbrechen wird hierbei nicht berücksichtigt. Das soziale Umfeld einer Person, welches oft eine Ursache für unsoziales Verhalten sein kann, wird im juristischen Sinn nicht in Betracht gezogen.

Wie Herzog-Bastian betont (1988, S. 9-10)“Für Verhaltensweisen, die man unter dem Blickwinkel der sozialen Auffälligkeiten von Jugendlichen zur Definition des Begriffes Jugendkriminalität auswählt, ist offenbar vor allem der strafrechtliche Bezugsrahmen leitend. Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel für die Beobachtung der Kriminalitätsentwicklung und -bewegung ist die polizeiliche Kriminalitätsstatistik, die Auskunft über die Erscheinung gibt. Ohne die Berücksichtigung der Ursachen kann aber über Jugendkriminalität nichts ausgesagt werden.“

2.2 Jugendkriminalität in unserer Gesellschaft

Jugendliche der Arbeiterschicht machen die Hälfte der Gefängnisinsassen aus, diese werden auch häufiger von der Justiz ermittelt und registriert als solche der übrigen Gesellschaft. Bei Auslese- und Beschreibungsprozessen, wird deutlich gemacht, in welchem Ausmaß die Schichtzugehörigkeit Auswirkungen auf die Strafanzeige hat. Zum Beispiel Eltern, die eine hohe Position einnehmen oder in der Öffentlichkeit bekannt sind, werden eher nicht mit einer Anzeige ihres Nachwuchs konfrontiert, d.h. die Taten von Jugendlichen aus einem „guten“ Haus werden vielfach als Dummheiten abgetan und nicht als Straftaten wahrgenommen, womit oftmals auch eine gewisse Vertuschung einhergeht. Bei Schulversagern oder sozialen Außenseiter hingegen wird bedeutend häufiger eine Verbindung zur Kriminalität hergestellt (vgl. Herzog- Bastian, 1988 S. 14-15).

Laut Herzog -Bastian (1988, S. 10 -11) sind die „demographischen Gesichtspunkte zu berücksichtigen, diese sind vorrangig das Lebensalter und das Geschlecht von Jugendlichen Straftätern. Jugendkriminalität ist vorwiegend eine männliche Erscheinung. Mädchen gleichen Alters machen einen geringeren Anteil an allen registrierten Straftätern aus. Die höchste registrierte Straffälligkeitsrate weist die Altersgruppe der 18-20jährigen männlichen Jugendlichen auf. Sie beruht offenbar auf dem Zusammentreffen mehrerer Faktoren; dazu zählt eine erhebliche Aggressivität, die mit sozialer Ungebundenheit einerseits und größerer Schärfe der strafenden Gesellschaft einhergeht.“

Dieser Ansicht kann ich mich nur anschließen. Ich sehe das Problem darin, dass eine angemessene Erziehung der Kinder heutzutage nicht mehr ausreichend intensiv stattfindet. Viele Eltern kümmern sich einfach zu wenig um ihre Kinder und überlassen die Erziehung den Lehrern und dem Fernseher bzw. dem Computer. Meiner Meinung nach ist die Empathie eine der wichtigsten Eigenschaften, die man lernen kann; wobei für die Vermittlung dieser die Familie zuständig ist, egal welcher Herkunft und Schicht.

Neben Diebstahl, Einbruch und Sachbeschädigung dominieren Hehlerei, Körperverletzung, Betrug, Urkundenfälschung und Widerstand gegen die Staatsgewalt das Register an Straftaten unter Jugendlichen. Die Jugenddelinquenz wird jedoch durch Diebstahl bestimmt. Viel weniger sind weibliche Jugendliche mit Delinquenz belastet, weil sie weniger gewaltbereit und hartnäckig sind als ihre männlichen Altersgenossen. Im Wesentlichen beschränkt sich diese auf Diebstahl, Betrug, Sachbeschädigung und Rauschgiftdelikte (vgl. Schneider, 1998 S. 473).

Die Hälfte aller Delikte steht in einem Zusammenhang mit Alkohol, wobei diese oft in kleineren und größeren Gruppen geschehen, entweder wird Geld oder Alkohol dabei erbeutet oder es werden aggressive, vandalistische Handlungen unter Alkoholeinfluss getätigt. Bei Jugendlichen ist die Delinquenz selten ursprünglich, das heißt sie verdichtet sich zu Verhaltensmustern, welche durch Nachahmung verfestigt werden. Meist sind die Straftaten ungeplant und gehen aus eine temporären Stimmung hervor. Dabei entstehen Schäden, welche die Jugendlichen oft nicht vorausgesehen oder geplant haben (vgl. Schneider, 1998 S. 471).

3.Unterschiedliche Ansätze zur Kriminalitätstheorien

Aufgrund der unterschiedlichen Ansätze, die abweichendes Verhalten beschreiben, ist es zunächst schwierig zu klären, welche Theorien wichtig oder angemessen genug erscheinen (vgl. Lamnek, 1988 S. 55)

Wie auch Meyer & Weber (1981, S.1) in ihrer Einleitung schildern, ist die Theoriebildung durch eine Kontroverse zwischen der „alten“ und der „neuen“ Kriminologie gekennzeichnet. Der Streit begann Ende der sechziger Jahre mit der Rezeption des „Labeling Approach“. Während in den „alten“ oder ätiologischen Ansätzen fast ausschließlich die Frage nach den „Ursachen“ kriminellen Verhaltens aus einer täterfixierten Perspektive gestellt wird, richtet sich der „Labeling Approach“ hauptsächlich auf die Wirkung von Normen und Sanktionen, die Reaktion der Umwelt auf Delinquenz, auf die Entstehung und Inhalte von Gesetzen, als auch auf deren Überwachung durch die Instanzen der staatlichen Kontrolle. Aufregung verursachte dieser Erklärungsansatz besonders deswegen, weil er schichtspezifische Kriminalitätsraten als ungleiche Verfolgung der staatlichen Instanzen, wie Polizei, Staatsanwaltschaft etc., deutet.

Es ist zu vermerken, dass alle Erklärungsmodelle sich resolut gegenseitig ablehnen.

Kerscher (1977, S. 9) versucht aus seiner Sicht die Situation zu schildern „Nicht jede Theorie kommt der Wahrheit am nächsten, bloß weil sie neu oder modern ist. Oftmals erbringt auch das Studium älterer, vergessener, unterdrückter Theorien richtige Erkenntnisse. Die Frage lautet: Liefert diese Theorie eher Legitimationswissen für die Instanzen sozialer Kontrolle, für die Rechtfertigung der Strafjustiz, des inhumanen und reformbedürftigen Strafvollzugs, die Praxis der Fürsorgeerziehung und für die Untermauerung unreflektierter Vorurteile über Kriminelle, Irre und Minderheiten in der Öffentlichkeit und bei uns selbst?“.

Folgend werden verschiedene Ansätze zur Kriminalitätstheorie (der Psychoanalytischer Ansatz, die Frustrations- Aggressions-Hypothese, Familie, Erziehungsstil und psychoanalytische Theorie nach Richter, die Anomietheorie nach Merton, die Theorie der Differentiellen Assoziation nach Sutherland, die Theorie der differentiellen Gelegenheiten nach Cloward/Ohlin, die Theorie des Labeling Approach), vorgestellt .

3.1 Psychoanalytischer Ansatz

Von der Geburt bis zum Ende steht der Mensch im ständigen Kontext mit seiner Entwicklung. Die Entwicklung wird dabei von verschiedenen Faktoren bzw. Phasen eines einzelnen im Leben beeinflusst, dabei orientiert sich diese an der biologischen Reife des Körpers wobei jede einzelne Phase in einem ständigen Konflikt steht. Die Psychoanalyse, welche dieses Thema behandelt und einige Erklärungsansätze liefern konnte, wurde 1890 von dem Wiener Neurologen Sigmund Freud gegründet.

Wie auch Dittmann & Jehle (2003, S. 44) Freuds Ansatz erklären, befasst sich die Psychoanalyse mit den Einflüssen kindlicher Erfahrung, familiärer Probleme, ungünstiger Milieubedingungen, und intrapsychischer Konflikte. In seiner Arbeit, welche im Jahre 1916 erschienen ist, schildert Freud, dass „Personen, die zur Erleichterung und Begründung eines Schuldgefühls unbekannter Herkunft Delikte begehen.“ Die Ursache dafür sah Freud in einer ungenügenden Verarbeitung des bekannten „Ödipuskomplexes“. Störungen der Mutter-Kind Bindungen betonen auch spätere Autoren als einen kriminologischen Faktor. Zur Entstehung seelischer Erkrankungen hat Freud wichtige Erklärung geliefert, welche darlegen, dass Kriminalität als Symptom für tiefliegende, seelische und charakterliche Störungen erscheint. Der Aufbau des Über-Ichs ereignet sich in der frühen Kindheit und ist bestimmt von der Kind - Mutter Beziehung, welche für bestimmte Charakterstrukturen verantwortlich ist. Die Grundbedingung für die Entwicklung eines „Urvertrauens“ ist die stabile seelische Zuwendung der

Bezugsperson. Mängelzustände emotionaler Hinsicht können zu andauernden psychischen, sozialen wie auch körperlichen Schäden führen (vgl. Kerscher, 1977 S. 11).

In den ersten Lebensjahren, in denen Kinder eine mangelnde psychologische Pflege bekommen, wurden bestimmte Symptome beobachtet, welche von Weinerlichkeit, Wimmern, Gewichtsverlust, Entwicklungsstillstand,

Schlafstörungen, Kontaktverweigerung, erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten, Verlangsamung der Motorik und zunehmender Apathie gekennzeichnet sind. Das Syndrom, welches der klinischen Depression bei Erwachsenen ähnelt, wurde als „anaklitische“ Depression bezeichnet, die auf dem Verlust der anaklitischen Identifikation, d. h. der Verlust der ersten Beziehungsperson (Mutter), beruht. Bei einer Untersuchung in einem Findelhaus, bei der Kleinkinder an Hospitalismus getestet wurden, wurde trotz guter psychischer, hygienischer und medizinischer Fürsorge, festgestellt, dass Pfleglinge Symptome der anaklitischen Depression aufwiesen, wenn sie sich eine Pflegerin als Bezugsperson „teilen“ mussten (vgl. Kerscher, 1977 S. 11).

3.2 Frustrations- Aggressions-Hypothese

Unter aggressivem Verhalten werden meist nur körperliche Angriffe gegen Lebewesen verstanden. Doch die Bandbreite an aggressiven Verhaltensweisen ist eine sehr viel größere und komplexere. Die Absicht eines aggressiven Verhaltens, welche zum Beispiel die impulsive Spielfreude eines Kindes sein kann, ist nicht immer klar zu erkennen und wird oft falsch interpretiert. Trotz dieser Tatsache gibt es mehrere Definitionen für Aggressivität, die nicht immer auf bestimmte Reaktionen zutreffend sind, aber hilfreich sein können, Aggression besser zu verstehen.

Freuds Ansicht war, dass die Hauptmotivation des Menschen im Streben nach Lust und der Vermeidung von Schmerz liegen. Man galt als frustriert, wenn man an der Lustgewinnung oder Schmerzvermeidung gehindert wurde. Seine

Meinung war, dass Aggression auf einen angeborenen Trieb oder Instinkt zurückzuführen ist. Diese Ansicht war für einige Psychologen in den USA, die Lern- und Umwelterfahrungen als wichtige Determinanten herausstellten, ein Dorn im Auge (vgl. Baumeister, Bushman, 2002 S. 599).

Ende der Dreißiger Jahre wurden Freuds Gedankengut und Erkenntnis der experimentellen Lernforschung von Dollard, Doob, Miller, Mowrer und Sears (1939) als Frustrations-Aggressions-Hypothese (FAH) weiter entwickelt. Der Kernsatz der FAH lautet in Ihrer ursprünglichen Fassung „Aggression ist immer eine Folge von Frustration“ und „Frustration führt immer zu einer Art von Aggression“ (vgl. Amelang, 1986 S. 376).

Wie Weidner (2001, S. 20-21) erklärt, verfolgt die (FAH) einen auf einen Trieb zurückgehenden Erklärungsansatz. Das heißt, wenn man die (FAH) auf den Bereich Kriminalität in Verbindung mit Gewalt bezieht, erleiden Delinquenten mehr Frustration als nicht delinquente Jugendliche. Delinquenten wird sozusagen eine geringe Frustrationstoleranz zugeschrieben, die sich durch verschiedene Aktionen wie Körperverletzung oder Sachbeschädigung äußert.

Wenn man alle situativen Auslöser zusammenfasst, dann tritt aggressives Verhalten um so eher auf:

- „ je stärkere aversive Stimuli (Situationen) vorliegen;
- je besser man sich an diese Stimuli in der verhaltensauslösenden Situation erinnert;
- je weniger Fluchtmöglichkeiten gegeben sind (Fluchthemmung);
- je erfolgreicher die Aggression in der Vergangenheit gewesen ist;
- je eher geeignete Aggressionsziele vorhanden sind;
- je eher aggressionsfördernde Attributionen (Rechtfertigungs- und Neutralisierungsstrategien) bestehen;
- je stärker die soziale Unterstützung für Aggression ist (z. B. Stillschweigende Zustimmung Dritter oder der breitenöffentlichkeit);
- je stärker soziale Normen die Aggression begünstigen “ (Berkowitz 1989 zit. nach

Fischer & Wiswede, 2002 S. 143).

Berkowitz erkannte, dass Aggression oft zu Frustration führt, weil negative Affekte Enttäuschungen hervorrufen, welche dann die Aggression auslösen, d. h. unerfreuliche Eigenschaften können die Neigung zu Aggression erhöhen (vgl. Tedeshi, 2002 S. 579).

Laut Baumeister & Bushman (2002, S. 599), die Dollard et al. (1939) zitieren, bestehen drei Faktoren, die zu Beginn einer Frustration Aggressionen auslösen. Der erste Umstand einer frustrierten Antwort bezieht sich auf das angestrebte Ziel, dass einem verwehrt wird, d. h. je höher die Bestrebungen sind, desto höher die Enttäuschung. Der zweite Faktor beruht auf dem Grad der frustrierten Antwort. Hindernisse die leicht zu überwinden sind, sind weniger frustrierend als unüberwindliche Barrieren. Der dritte Faktor beruht auf der Zahl der wiederholten bzw. oft vorkommenden Behinderung. Demnach führen oft auftretende Hindernisse zu einer stärkeren Frustration als einmalige Hindernisse.

3.3 Familie, Erziehungsstil und psychoanalytische Theorie nach Richter

Wie Kerscher (1977, S. 13) nach Richter (1969) beschreibt, spielt die Intaktheit der Familiensituation eine entscheidende Rolle, was in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen belegt werden konnte.

Richter beschreibt in seinem Buch „Eltern, Kind, Neurose“, „dass das Kind für die Eltern oftmals eine ganz bestimmte Aufgabe erfüllt und dass sie das Kind daher unbewusst in eine Rolle hineinzwängen“ (Kerscher, 1977 S. 13).

Gründe können sein, dass das Kind

- den seelischen Ersatz für den Ehemann/-frau übernimmt, welche getrennt leben;
- die Idealvorstellung übernimmt, die man selber früher angestrebt hat;
- als Sündenbock dargestellt wird, dem die eigenen, negativen

Persönlichkeitszüge zugeschrieben werden (vgl. Kerscher, 1997 S. 14).

Die Psychoanalytische Forschung deutet damit an, dass ein Erziehungsverhalten, welches als übertrieben verwöhnend, einengend, aber auch inkonsequent empfunden wird, ein Grund für seelische Störung sein kann. Diese werden dann oft durch kriminelle Aktivitäten ausgelebt (vgl. ebd., 1977 S. 14).

„Rigorose Versagungen und Verbote, Hemmungen der Aktivität und des Selbstständigkeitsstrebens, Forderung blinden Gehorsams und Unterwerfungsbereitschaft des Kindes können später zu Trotz, Sadismus, Minderwertigkeitsgefühlen und zu autoritätshörigen Charakterzügen führen (ebd., 1997 S. 14)“.

Die familiäre Atmosphäre bzw. die familiären Erziehungsverhältnisse haben einen immensen Einfluss auf das Verhalten bzw. Missverhalten der Jugendlichen. Wie Kerscher (1997, S. 14) betont ist die Struktur bestimmter Charakterzüge, welche in der frühen Kindheit durch die Ausbildung von IchIdeal & Über-Ich entstehen, abhängig „von Beginn, Dauer und Intensität der Identifikation mit den Sozialisationsagenten“.

3.4 Die Anomietheorie von Merton

Die Anomietheorie, welche auf die soziologischen Theorien von Emile Durkheim zurückgeht, wurde von Robert K. Merton modifiziert. Durkheim unterscheidet „Gesellschaften mit einem geringen Grad der Arbeitsteilung von hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaften“ (Kerscher, 2008 S. 49).

In der hochgradigen Gesellschaft kommt es zu einer Schwächung des Kollektivbewusstseins, das heißt die gemeinsamen Glaubens & Wertvorstellungen einer Gesellschaft gehen verloren und der Individualismus tritt in den Vordergrund. Durkheim beschreibt dies durch drei Gefahren:

„1. Hochdifferenzierte Arbeitsteilung führt zu einer Vernachlässigung der einzelnen Begabungen.
2. Zu weit getriebene Arbeitsteilung verhindert das Solidaritätsgefühl.
3. Ein zu hoher Grad an Arbeitsteilung führt zur Desintegration der Gesellschaft, wie es beispielweise Wirtschaftskrisen oder Arbeitskämpfe belegen“ (Kerscher, 2008 S. 49).

Nach Ansicht Mertons ist die Anomie ein Zustand der Normlosigkeit sowie ein Nachlassen der Verhaltens- und Anspruchniveaus. Seine Ausgangsfrage lautete: „Warum üben einige soziale Strukturen auf gewisse Personen einen deutlichen Druck aus, sich eher deviant als konform zu verhalten?“ (Kerscher, 2008 S. 51).

Seine Erklärung für abweichendes Verhalten ist die Unterscheidung im Bereich der „kulturellen“ und „gesellschaftlichen“ Struktur. Aus seiner Sichtweise sind sämtliche psychologischen und individualistischen Ansatzpunkte zurückzuweisen (vgl. Kerscher, 1977 S. 38).

Unter der sozialen Struktur versteht Merton die Trennung von kulturellen und sozialen Strukturen bzw. das Auseinanderklaffen von Zielen. Das heißt Individuen, die eine benachteiligte Position in der Gesellschaft einnehmen, sind anfälliger für delinquentes Verhalten als privilegierte. Was besagt, dass vor allem finanzielle Defizite von bestimmten Bevölkerungsschichten mit ungesetzlichen Mitteln ausgeglichen werden. Allerdings sind auch die Zugangswege je nach sozialer Struktur begrenzt, was zu verschiedenen Anpassungstypen führt. Individuen mit hohem sozialem Status sind im Vorteil, ihnen stehen alle legalen Wege zur Verfügung. Für Individuen der unteren Schicht werden die Zugangschancen für ein erfolgreiches Leben jedoch versperrt. Dieser Druck, der in die Normlosigkeit führt, wird zwar wahr- genommen, jedoch trotz aller Bemühungen, der an den Tag gelegt wird als „mystischer“ Bereich, hinsichtlich von Glück und Unglück erklärt (vgl. Meyer & Weber, 1981 S. 33).

Wie Meyer & Weber (1981, S. 34) betonen, wird die Ursache von Erfolglosigkeit von einigen Personen richtig erkannt und wird eher der Kategorie „Rebellion“ zugeordnet.

Kritisch kommentiert Jacobsen (2008, S.46) Mertons Theorie, indem er meint, dass nicht alle Arten von Delinquenz erklärt werden können, ebenso wie eine Theorie nicht alle Arten von Krankheiten erklären kann.

„Die Verwendung der Oberbegriffe Delinquenz und Verbrechen behindere theoretische Aussagen eher, als das sie sie fördere. Merton sagt ausdrücklich, dass seine entwickelte Anomietheorie nur auf einige, aber keineswegs auf alle Arten des abweichenden Verhaltens, das gewöhnlich als kriminell oder delinquent bezeichnet werde, angewendet werden soll. Er stellt jedoch nicht klar, welche Arten von abweichendem Verhalten er ausnehmen möchte (Sack/König S. 285 & 303 in Merton 1957 zit. nach Jacobsen, 2008 S. 46).

3.5 Theorie der Differentiellen Assoziation nach Sutherland

„Der US- amerikanische Kriminologe Edwin H. Sutherland ist in Deutschland insbesondere durch seine Untersuchungen zur Wirtschaftskriminalität berühmt geworden. Daneben hat er eine lerntheoretisch orientierte Kriminalitätstheorie entwickelt. Diese Theorie der differentiellen Assoziation geht davon aus, dass Kriminalität wie alles Verhalten gelerntes Verhalten ist“ (Kerscher, 1977 S. 41)

Das heißt Kriminalität kann durch Kontakte im Laufe des Sozialisationsprozesses zu anderen kriminellen Kulturen erlernt werden. Zur kriminellen Handlung kann es dann kommen, wenn diese Kontakte für die Entwicklung oder Persönlichkeit des jeweiligen Individuums besonders wichtig sind (vgl. ebd., 1977 S. 41).

„Für das Auftreten abweichenden Verhaltens sind sowohl die Lebensgeschichte, die vermittels entsprechender Kontakte die bestimmenden Neigungen und Widerstände produziert, wie auch die aktuellen, situativen Umstände verantwortlich, die für den einzelnen in einer konkreten Handlungssituation als relevant empfunden werden“ (Lamnek, 1988 S. 189).

Die Gründe, welche zu kriminellem Verhalten führen, werden in den folgenden „neun Thesen“ kurz dargestellt:

1. „Kriminalität ist gelerntes Verhalten;
2. Kriminelles Verhalten wird in Interaktion mit anderen Personen in einem Kommunikationsprozess gelernt;
3. Kriminelles Verhalten wird hauptsächlich in intimen persönlichen Gruppen erlernt;
4. Das Erlernen kriminellen Verhaltens schließt das Lernen
a.) der Techniken zur Ausführung des Verbrechens, die manchmal sehr kompliziert, manchmal sehr einfach sind,
b) die spezifische Richtung von Motiven, Trieben, Rationalisierungen und Attitüden ein;
5. Die spezifische Richtung von Motiven und Trieben wird gelernt, indem Gesetze positiv oder negativ definiert werden;
6. Eine Person wird delinquent infolge eines Überwiegens der die Verletzung begünstigenden Einstellung über jene, die Gesetzesverletzung negativ beurteilen. Dieses ist das Prinzip der differentiellen Kontakte;
7. Differentielle Kontakte variieren nach Häufigkeit, Dauer, Priorität und Intensität;
8. Der Prozess, in dem kriminelles Verhalten durch Kontakte mit kriminellen und
antikriminellen Verhaltensmuster gelernt wird, umfasst alle Mechanismen, die bei jedem anderen Lernprozess auch beteiligt sind;
9. Obwohl kriminelles Verhalten ein Ausdruck genereller Bedürfnisse und Werte ist, wird es nicht durch diese generellen Bedürfnisse und Werte erklärt, da nichtkriminelles Verhalten Ausdruck eben derselben Bedürfnisse und Werte ist“ (Amelang, 1986 S. 163- 164).

Die Theorie von Sutherland wurde dann von Glaser erweitert, welcher die Meinung vertrat, „dass Personen kriminelle Handlungen um so eher ausführen werden, je mehr sie sich mit Personen identifizieren, aus deren Sicht kriminelles Verhalten positiv bewertet wird (Wiswede, 1973 S. 36 zit. nach Lamnek, 1986 S. 208).

Das heißt, durch bestimmte soziale Formen der modernen Gesellschaft kann es zu einer Identifikation mit Kriminalität jeglicher Art kommen (vgl. Lamnek, 1988 S. 208).

3.6. Theorie der differentiellen Gelegenheiten nach Cloward/Ohlin

Cloward/Ohlin haben ihre Theorie der differentiellen Gelegenheiten auf der Anomietheorie Mertons, der Theorie der differentiellen Assoziation und der Subkulturtheorie aufgebaut. Ihrer Meinung nach ist das kriminelle Verhalten im Kontakt zu kriminellen Subkulturen erlernbar (vgl. Kerscher, 1977 S. 42).

In Ihrer Theorie unterscheiden sie 3 Arten subkultureller Verhaltensmuster, die verschiedene Entstehungsursachen haben: “Die kriminelle Subkultur (hauptsächlich nützlichkeitsbezogener Diebstahl), die Konfliktsubkultur (Gewalt als Mittel zur Erlangung von Status) und die Subkultur des Rückzugs (Drogengebrauch), letzteres beruht auf der Erfolgslosigkeit hinsichtlich legitimen und illegitimen Mitteln“ (Oesterdiekhoff, 2001 S. 124).

Ihrer Meinung nach, ist delinquentes Verhalten zwar von äußerlichem Druck abhängig, dieser ist jedoch noch keine hinreichende Begründung. Das Individuum muss Zugang zu illegitimen Mitteln haben, um sich abweichend zu verhalten, „ denn der einzelne kann als Positionsträger einer ‚illegitimen Gelegenheitsstruktur’ in Bezug auf die Mittelwahl betrachtet werden“ (Lamnek, 1988 S. 203-204).

Das heißt, ethnische sowie religiöse Minderheiten, die unterste Arbeiterklasse oder Frauen können durch die eingeschränkten Möglichkeiten bei der Verfolgung hochbewerteter Ziele gehemmt werden, was sie zur Verwendung illegaler Mittel bringen kann. Hierbei kann es jedoch auch zu Engpässen kommen, da illegitime Mittel rar sind und mit soziale „Positionen“ korrelieren (vgl. ebd., 1988 S. 203-204).

In dieser Hinsicht können Personen angeführt werden, die sowohl zu legalen sowie zu illegitimen Mitteln Zugang haben; Personen, welche nur legale Mittel zur Verfügung haben; Personen, die keinen Zugang zu legalen, wohl aber zu illegitimen Mitteln haben; schließlich Personen, die am System der legalen als auch der illegitimen Mittel gescheitert sind. Um diese illegitime Mittel zu verhindern, verlangt es nach einer zielführenden Struktur von Zugangschancen (vgl. ebd., 1988 S. 203-204).

Ein nicht legitimer Zugang kann zu einer kriminellen Karriere führen. Das heißt, die Ziele die nicht erreicht werden, können beim Einzelnen ein Auslöser, bzw. eine Ursache sein. Diese haben entweder keinen Lernprozess erlebt oder sind durch das soziale Netz nicht aufgefangen worden. Mit anderen Worten, die Jugendlichen, die sich vom Normsystem abwenden und den Glauben an die Legitimität der bestehenden Ordnung verlieren, zeigen delinquentes Verhalten (vgl. Oesterdiekhoff, 2001 S. 124).

3.7 Theorien des Labeling Approach

Der „Labeling Approach“ ist ein relativ neuer Ansatz der Soziologie zum Thema des abweichenden Verhaltens. Dieser geht von einem Etikettierungs-, Reaktions- oder Definitionsansatz aus. Im Gegensatz zu den ätiologischen Konzepten, beschreibt er, dass nicht die Täter im Vordergrund stehen, sondern Institutionen sozialer Kontrolle. Demzufolge ist delinquentes Verhalten nicht in der Person oder im sozialen Umfeld zu suchen, sondern in einer Konstruktion der Justiz (vgl. Weidner, 2001 S. 60).

Betont wurde dieser Gedanke bereits (1938) von F. Tannenbaum, der Delinquenz so beschrieb: „Der Prozess der Entwicklung des Kriminellen ist daher ein Prozess des Markierens, Definierens, Identifizierens, Absonderns und des Wachrufens eines entsprechenden Bewusstseins in ihm und in der Gesellschaft; es wird zu einer Art des Stimulierens und des Hervorrufens gerade der Charakterzüge, derer man den Kriminellen beschuldigt“(ebd., 2001 S. 60).

Bekannt wurde der Labeling Approach erst durch Meads (1968) sozialpsychologische Theorie des Symbolischen Interaktionismus. Böhnisch (1999, S. 70) bezeichnet diese als „Primäre Devianz“, als antisoziale Tendenz infolge der Sozialisation, welche zu abweichendem Verhalten führt, wenn sie sozial auffällt.

Die „sekundäre Devianz“ nimmt eine größere Rolle ein. Sie beruht auf der Rollenzuschreibung durch die Kontrollorgane. „Ist das Individuum als deviant stigmatisiert oder etikettiert, dann wird es durch die Reaktion der anderen, konformen Mitglieder der Gemeinschaft gezwungen, sich mit diesem Etikett auseinander zu setzen“(Lemert, 1951 S.68 zit. nach Weidner, 2001 S. 61).

Die „sekundäre Devianz“ kann so verstanden werden, dass dies ein Vorgang zwischen abweichendem Verhalten und der Reaktion gesellschaftlicher Abweichung ist. Der Labeling Ansatz, der ursprünglich aus Nordamerika stammt, wurde dann durch den Deutschen Fritz Sack(1968) in einer radikalen Version neu aufgerollt. Er interpretierte die Grundlagen des Ansatzes neu und stellte die Behauptung auf „dass Normen eindeutig sind, dass ihre Applizierung auf Sachverhalte bruchlos möglich ist und dass sie kaum Spielraum für Variationsmöglichkeiten enthalten“ (Sack, 1972 S. 24 zit. nach Lamnek, 1988 230).

Wie auch Lamnek (1988, S. 231) gleichermaßen beschreibt, erhält Sacks Machtaspekt eine entscheidende Bedeutung. Seiner Meinung nach wirken soziale Reaktionen nicht nur im Rahmen formeller sozialer Kontrolle, sondern haben auch Einfluss auf die Alltagsinteraktion in der Definitionszuweisung.

Es dürfte klargeworden sein, dass Zuschreibungsvorgänge kein Privileg und kein spezifisches Charakteristikum von Gerichten, Polizisten und sonstigen Personen und Institutionen der sozialen Kontrolle sind, sondern dass die Zuschreibung von intentionalen Eigenschaften und Vorgängen ein generelles Merkmal der interaktiven und kommunikativen Prozesse zwischen Menschen darstellt “ (Sack, 1972 S. 24 zit. nach Lamnek, 1988 S. 231).

Lamnek (1988, S. 218) betont auch, dass die Wahrnehmung in den Fünfziger Jahren in Deutschland zur breiteren Betonung von einzelnen Theorieelementen führt, bzw. zu Versuchen sie in andere Theorien zu integrieren. Um sich besser verständigen zu können, formulierte Lamnek sieben Thesen, welche die Schwierigkeiten dieses Vorhabens darstellen sollten:

1. „Der labeling approach beschäftigt sich mit der sozialdeterminierten Normsetzung; jene, die durch die hierarchische Organisierung der Sozialstruktur Macht haben, können jene Normen durchsetzen, die in ihrem Interesse liegen. Erste Voraussetzung für die Klassifikation als abweichendes Verhalten ist also die Normsetzung selbst.

[...]

Details

Seiten
95
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640685851
ISBN (Buch)
9783640686452
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155430
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2
Schlagworte
Asiatische Kampfkünste Intervention Jugendlichen

Autor

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Titel: Asiatische Kampfkünste als begleitende Intervention bei der (Re)Sozialisierung von kriminellen Jugendlichen