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Die Anatomie des Dark Tourism

Essay 2010 5 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Die Anatomie des „Dark Tourism“ und seine Bedeutung heute.

Ehemalige Schauplatze von Tod und Gewalt sind zu einem beliebten Touristenerlebnis geworden. Der Trend „Dark Tourism“ befindet sich immer weiter auf dem Vormarsch und begeistert immer mehr Menschen aller Altersgruppen. Diese Arbeit beschaftigt sich mit den Ursprungen des Trends und analysiert die moglichen Motivationen eines „Dark Tourists“ von heute. Wahrend Einige die vielen unterschiedlichen Attraktionen als gleichwertig betrachten, unterscheidet diese Arbeit zwischen Attraktionen im schwarzen und weiBen Bereich. Desweiteren wird auf die heutige und zukunftige Bedeutung des Trends eingegangen und die Rolle der Medien naher beleuchtet.

1 Einleitung

Tagtaglich besuchen rund 3500 Menschen aus aller Welt die wohl beruhmteste Baugrube Ground Zero in New York. [1] Wahrend Angehorige und Freunde den Opfern die letzte Ehre erweisen, berichten Tour Guides uber das tragische Ereignis vom 11. September 2001. Viele Touristen lassen sich vor der Baustelle, auf der ehemals die Zwillingsturme zu sehen waren, fotografieren und versuchen krampfhaft daran zu denken, nicht in die Kamera zu lacheln.

Ein ahnliches Bild bietet sich in Ausschwitz. Die Besucherzahlen des Museums Ausschwitz- Birkenau steigen kontinuierlich an. Im Jahr 2006 waren es uber 900.000 Besucher aus 94 Landern, die den Ort, an dem schatzungsweise 1,1 Millionen Menschen ermordet wurden, mit eigenen Augen sehen wollten. Im vergangenen Jahr (2009) zahlte das Museum schon mehr als 1,3 Millionen Besucher. [2]

So gibt es unzahlige Beispiele fur das Phanomen „Dark Tourism“. Der Begriff wurde erstmals 1996 von den Professoren John Lennon und Malcolm Foley gepragt, um einen Tourismustrend zu beschreiben, der . charakterisiert ist durch das Reisen zu einem Ort, teilweise oder nur motiviert durch das Verlangen nach tatsachlichen oder symbolischen Begegnungen mit dem Tod.“ (Seaton 1996 original:englisch). Bedingt durch unterschiedliche Faktoren erlebt dieser Trend einen Aufschwung wahrend des 20. und 21. Jahrhunderts und findet immer groBere Beliebtheit unter den Touristen, was sowohl positive als auch negative Folgen mit sich zieht. Im Folgenden wird die Anatomie des Trends „Dark Tourism“ und seine Bedeutung in der heutigen Tourismusbranche naher betrachtet.

2 Ursprunge des Dark Tourism

„Dark Tourism“ ist kein Trend, der sich erst im 20. oder 21. Jahrhundert entwickelt hat, sondern schon im antiken Rom weit verbreitet war. Von 264 v. Chr. bis Anfang des 5. Jahrhundert nach Chr. gehorten Gladiatoren-Kampfe, nachgebildete Seeschlachten und Tierhetzen im Kolosseum in Rom zum Alltag dazu und wurden regelmaBig von rund 50.000 Schaulustigen besucht.[3] Auch dazu zahlten offentliche und politische Hinrichtungen in GroBbritannien, die bis 1868 legal von statten gingen und ein unglaubliches Schauspiel fur Menschen aller Standesklassen darstellten,, religiose Pilgerfahrten (z.B. des Islam nach Mekka oder christliche Walfahrten zu Stadten im Heiligen Land) und Schlachten bzw. Schlachtfelder (z.B. die von Waterloo und Gettysburg). [4]

Obwohl diese Beispiele schon hunderte von Jahren zuruckliegen, so hat sich „Dark Tourism“ im Wesentlichen bis heute nicht viel verandert. Was sich aber verandert hat, sind die Zuschauer und das Bezugssystem in dem sie sich befinden. „Obwohl Waterloo noch immer eine groBe Attraktion fur Touristen darstellt, wird es heute wohl kaum mehr die gleiche Euphorie hervorrufen wie vor hundert Jahren, selbst nicht unter den Briten.“ (Seaton, 1999:154 original:englisch) Die Schlachtfelder und Geschehnisse von damals wurden abgelost unter anderem von den Schlachtfeldern vom ersten und zweiten Weltkrieg, durch den Holocaust im 20. Jahrhundert und weiteren aktuellen Ereignissen am Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts (z.B. Anschlag auf das World Trade Center und Naturkatastrophen wie das Erdbeben in Sichuan 2008 oder in Haiti 2010). Wahrend sich aber die Destinationen im Laufe der Zeit verandert haben, blieb das Prinzip bis heute das Gleiche.

3 Das Spektrum des Dark Tourism

Obwohl die genannten Beispiele wie Pilgerreisen, Unglucksstellen von beruhmten Personen, Ausschwitz-Birkenau , Ground Zero und sogar Naturkatastrophen wie das Erdbeben in Sichuan alle unter die Kategorie „Dark Tourism“ fallen, kann man sie dennoch in unterschiedliche Subkategorien einordnen. Ein Museumsbesuch im US Holocaust Museum in Washington D.C. zum Beispiel erscheint sicher nicht so makaber oder „dark“ wie eine Tour durch das Vernichtungslager in Ausschwitz-Birkenau selbst. Aber wie ist das zu begrunden? Der Autor Philip R. Stone hat sich der Aufgabe gestellt, eine Art Spektrum fur „Dark Tourism“ zu entwickeln, das sich von Schwarz nach WeiB erstreckt. Seiner Theorie zufolge wurde ein Besuch im Museum uber den Holocaust am weiBen Ende des Spektrums liegen, der Besuch im Konzentrationslager allerdings am anderen Ende, im Schwarzen Bereich.

Wie aber kann man Attraktionen in dieses Spektrum einordnen? Was macht Ausschwitz- Birkenau so „dark“, dass es rund eine Millionen Menschen im Jahr anzieht?

Nach Stone sind „Dark Sites“ Orte, an denen das Ereignis wirklich stattgefunden hat, sodass man es authentisch wahrnehmen kann. Meistens sind die Ereignisse, die im dunklen Bereich des Spektrums liegen, aktueller. Sie haben zu Lebzeiten der heutigen Generationen stattgefunden und Menschen konnen somit leichter eine Verbindung mit den Geschehnissen herstellen. An dieser Stelle muss man erwahnen, dass Foley und Lennon diese Theorie einschranken. Ihrer Meinung nach gehoren Schauplatze von Kriegen und anderen Ereignissen, die vor dem 20. Jahrhundert stattgefunden haben, uberhaupt nicht in die Kategorie „Dark Tourism“, wegen der chronologischen Distanz, weil „die Ereignisse nicht zu Lebzeiten der heutigen Menschheit stattgefunden haben, die diese bewerten sollen.“ (Lennon J. und Foley M. 2000:12). Stone allerdings schlieBt Ereignisse vor dem 20. Jahrhundert nicht aus, sondern ordnet sie stattdessen auf der Skala in der grauen Zone ein. Desweiteren haben „Dark Sites“, wie zum Beispiel die Erdbebenregion Sichuan oder andere Orte die Opfer von Naturkatastrophen wurden, nicht die Absicht Touristen anzuziehen, was man oft an der mangelnden oder schlecht ausgebauten touristischen Infrastruktur erkennen kann. Attraktionen im weiBen Bereich der Skala sind, nach Stone, Orte, die mit Ereignissen in Verbindung gebracht werden d.h. Museen oder auch nachgebaute Schauplatze. Sie sind seiner Meinung nach unterhaltungsorientiert und konnen im Gegensatz zu den „Dark Sites“ dem Besucher keine authentische Wahrnehmung bieten, was auch mitunter daran liegt, dass manche dieser Ereignisse lange zuruckliegen. [5]

4 Motivation der „Dark Tourists“

Es gibt verschiedene Grunde warum Touristen die Baustelle „Ground Zero“, das US Holocaust Museum in Washington D.C oder auch das Grab von Elvis besuchen. Familienangehorige und andere Betroffene erweisen den Opfern die letzte Ehre und zeigen ihr Mitgefuhl, versuchen aber auch gleichzeitig das, was geschehen ist, zu verarbeiten indem sie den Ort des Geschehens mit eigenen Augen betrachten. Eine andere Art der Motivation ist die Bildung. Viele Touristen interessieren sich fur die Geschichte und besuchen Museen oder die Schauplatze selbst, weil ihnen Bucher oder die Informationen aus den Medien nicht ausreichen oder sie die Geschehnisse selbst interpretieren wollen. Im Falle von Grabstatten prominenter Personen (oder auch deren Unglucksstellen und Wohnorte) ist die Hauptmotivation die starke Verbundenheit zu dieser „Legende“. Touristen identifizieren sich mit der Person selbst oder mit ihren auBergewohnlichen Taten, die sie zu Lebzeiten geleistet haben und die sie mitunter beruhmt gemacht haben. Ein sehr aktuelles Beispiel fur diese Kategorie ist der Tod von Michael Jackson. Auch hier fanden sich viele Menschen aus verschiedenen Landern vor den Toren der Neverland Ranch ein, um ihre Betroffenheit und Trauer uber den Tod des „King of Pop“ zu bekunden.

Man muss jedoch bedenken, dass Motivationen nicht nur einseitig sondern vielseitig sind und es deswegen sowohl positive als auch negative Motivationen gibt. Sogenannte „Gaffer“ und „Schaulustige“ besuchen „Dark Sites“ getrieben durch ihre Sensationslust und sind oft nicht an einer Interpretation der Geschehnisse interessiert, sondern wollen nur von sich behaupten konnen „Ich war da!“. Beispiele fur diese Gruppe von Touristen gibt es viele. Eins davon ist der Lockerbie-Anschlag vom 21. Dezember 1988. Die AA ( American Airlines) verzeichnete an diesem Tag mehr als 2000 Anrufe von Menschen, die sich nach dem besten Weg zur Unglucksstelle erkundigten. [6]

5 Die Rolle der Globalen Kommunikation

Im Bereich des Tourismus sind die Medien heutzutage nicht mehr wegzudenken. Oftmals sind sie es, die die potentiellen Touristen dazu verleiten, uber eine Reise in ferne Lander nachzudenken, weil sie beeindruckende Reportagen und Bilder in Fernsehen und Zeitungen gesehen haben.

[...]


[1]. http://www.focus.de/politik/ausland/ground-zero_aid_114932.html 22.12.09

[2]. http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Auschwitz-Birkenau 22.12.09

[3]. http://de.wikipedia.org/wiki/Gladiator 26.12.09

[4]. Seaton, A. (1999) “War and Thanatourism: Waterloo 1815-1914” Annals of Tourism Research 26:130-158. S. 131

[5]. Stone, P.R. (2006) “A dark tourism spectrum: Towards a typology of death and macabre related tourist sites, attractions and exhibitions”

[6]. http://www.yorkshirepost.co.uk/features/Tourists-who-like-to-be.1225011.jp 12.12.09

Details

Seiten
5
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640693801
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155426
Institution / Hochschule
Fachhochschule Stralsund
Note
1,0
Schlagworte
Dark Tourism Katastrophentourismus Tourismus Ground Zero Schlachtfelder Gedänkstätten Erdbeben Black Tourism

Autor

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Titel: Die Anatomie des Dark Tourism