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Der Strukturwandel in der DDR-Medienlandschaft während der „Wendezeit“

Seminararbeit 2006 15 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Meinungsmonopol der SED-Führung

3. Strukturwandel – Demokratisierung der DDR-Massenmedien?

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Einfluss der Medien scheint gerade in der heutigen Zeit eine immer wichtigere Bedeutung zu gewinnen. Begriffe wie Mediengesellschaft oder mediales Zeitalter prägen unser alltägliches Leben. Fast jeder kann nahezu überall und zu einem beliebigen Zeitpunkt Informationen abrufen, erstellen und veröffentlichen. Daher ist anzunehmen, dass sich der Einfluss der Massenmedien auf alle gesellschaftlichen Ebenen und Bevölkerungsgruppen in den letzten Jahrzehnten um ein Vielfaches erhöht hat. Wer die neuesten und wichtigsten Meldungen nicht gehört, gelesen oder gesehen hat, steht schnell im sozialen Abseits. Dabei fungieren die Medien zwangsweise als Informationsfilter. Was wichtig und aktuell ist und in welchem Umfang die selektierten Informationen berichtet werden, liegt in der Macht derjenigen, die hinter den Medien stehen. Vor allem gesellschaftlich relevante Themen, wie

z.B. die Umstrukturierung des Gesundheitswesens und auch Großereignisse wie eine Fußball-Weltmeisterschaft, sind im Focus der Berichterstattung zu finden. Das wohl markanteste gesellschaftliche Großereignis in der deutschen Nachkriegszeit aber dürfte die Überwindung des geteilten Deutschlands darstellen.

Da sich die „Wende“ ohne die friedliche Revolution innerhalb der DDR, die von den Medien getragen wurde, vermutlich nicht so relativ schnell vollzogen hätte, ergaben sich folgende Fragestellungen: Wer war für das Entstehen und Verbreiten von Informationen in der DDR verantwortlich und welche Ziele wurden dabei verfolgt? Welchen Einfluss und welche Bedeutung weist die Geschichtsforschung den DDR-Medien in der Zeit während der „Wende“ zu? Wurden diese von der SED bis zu letzt als Instrument zur Machterhaltung genutzt oder konnte sich eine liberale Medienlandschaft entwickeln, die den Prozess der deutschen Einheit beschleunigte?

Um diese Fragen beantworten zu können, soll im ersten Kapitel zunächst der Forschungsstand über die Struktur der Medienlandschaft der DDR vor 1989 und das sich daraus ableitende Meinungsmonopol der SED-Führung untersucht und anschließend die Hauptaufgaben und Ziele der SED-Medienpolitik herausgestellt werden. Damit die Meinung der Geschichtsforschung über den Einfluss und die Bedeutung der DDR-Medien während der „Wendezeit“ beschrieben werden kann, soll im zweiten Kapitel darauf eingegangen werden, welche Ereignisse, die den Strukturwandel ermöglichten, von den Forschern als grundlegend und richtungweisend dargestellt werden.

2. Meinungsmonopol der SED-Führung

Seit Öffnung der Partei- und Staatsarchive 1990 und der seither zahlreich erschienenen Zeitzeugenberichte sind die Anleitungs- und Lenkungsmechanismen der SED-Agitationsbürokratie im Wesentlichen transparent geworden und nur um Facetten zu bereichern.[1] Mit der Gründung der DDR am 07.10.1949 erfolgte die weitgehende Übernahme des in der Nachkriegszeit entstandenen sowjetischen Medienkontrollsystems. In Artikel 27 der DDR-Verfassung wurde zwar formal die Freiheit der Berichterstattung der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens zugesichert, dies galt jedoch nur unter Vorbehalt des Artikels 1 der ostdeutschen Verfassung, in dem die Arbeiterklasse und ihre marxistisch- leninistische Partei die staatliche Führung beanspruchten.[2] Daher ist anzunehmen, dass die Auslegung dieser Normen im Belieben der Parteiführung stand. Die politisch groben Richtlinien und Vorgaben für die Arbeit der DDR-Medien wurden durch das Politbüro der SED unter der Führung des jeweiligen Generalsekretärs erlassen und auf verschiedenen Großveranstaltungen der Partei bekannt gegeben.

Im Gegensatz zur lückenlosen parteiamtlichen Anleitung, Vorzensur und Kontrolle der Buch- und Filmproduktion unterstanden die übrigen DDR-Medien formal keiner institutionalisierten Zensurbehörde. Hier erfolgte die Medienkontrolle durch ein sehr feines Geflecht von so genannten „Empfehlungen“, welche hauptsächlich von der Zentralkomitee-Abteilung Agitation und Propaganda herausgegeben wurden.[3] Tatsächlich handelte es sich bei diesen „Empfehlungen“ aber um strikt zu befolgende Weisungen und Vorgaben für die Chefredakteure der einzelnen Medien. Belege dafür lassen sich vor allem in den Akten des SED-Parteiarchivs, des Presseamts, in Mitschriften aus Redaktionssitzungen und den so genannten „Donnerstag-Argus“ finden.[4] Einig sind sich die Forscher darüber, dass die wesentliche Struktur des DDR-Mediensystems bis zum Herbst 1989 erhalten geblieben ist. Der Autor Gunter Holzweißig verdeutlichte ausführlich, dass die inhaltliche und personelle Anleitung der Medien bei den Verantwortlichen der SED-Führung lag und das letzte Wort bei der Weisungsbefugnis der Generalsekretär des ZK hatte. Dieser, so betont Holzweißig, verstand sich häufig als „Generalchefredakteur“ und machte von seinem „Nebenjob“ öfter Gebrauch. Die publizistische Umsetzung der Politbürobeschlüsse übernahm der jeweilige ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda. Ihm unterstanden unter anderem die Agitationskommission beim Politbüro und die ZK-Abteilung Agitation. „Die letztere war für die direkte Anleitung der Medien zuständig, erteilte Sprachregelungen und kontrollierte deren Befolgung systematisch.“[5] Die für die Medien bedeutsamen Politbürobeschlüsse wurden in der Regel dienstags nach den Politbürositzungen in der Agitationskommission vor wenigen ausgewählten SED-Spitzenjournalisten der zentralen Printmedien, dem Fernsehen und dem Hörfunk vom jeweiligen ZK-Sekretär für Agitation im Kommandoton erläutert und der Chefredakteur des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ stellte auf diesen Sitzungen seine redaktionelle Planung für die kommende Woche vor, „an der sich die anderen Medien unter Berücksichtigung ihrer Zielgruppen zu orientieren hatten“.[6] Jeden Donnerstag hatten sich ca. 60 bis 80 leitende Ostberliner SED-Journalisten und Medienfunktionäre beim Leiter der Abteilung Agitation zur so genannten Argumentation, der „Donnerstag-Argu“, einzufinden. Zum einen sollten während dieser Zusammenkünfte keinesfalls zu veröffentlichende, jedoch für notwendig erachtete Hintergrundinformationen vermittelt werden und zum anderen sollten die Teilnehmer die „Empfehlungen“ für die Berichterstattung unverzüglich in die Redaktionen weiterleiten. Unstrittig scheint weiterhin, dass das Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrats, welches sich hauptsächlich mit der Herausgabe von Lizenzen der Blockpartei- und Kirchenpresse befasste, die staatlichen Komitees für Rundfunk und Fernsehen und der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN) der ZK-Abteilung Agitation direkt unterstanden. Telefonate und Fernschreiben aus der ZK-Abteilung Agitation sicherten die Uniformität der DDR-Medien bis zu den einzelnen Bezirkszeitungen ab. Bisher gibt es allerdings keine Monographien zur Geschichte einzelner Medien und des Presseamts. Wissenschaftlich fundierte jedoch in komprimierter Form erarbeitete Abrisse zur Geschichte des Hörfunks und des Fernsehens der DDR lassen sich scheinbar nur in Beiträgen ostdeutscher Medienwissenschaftler finden. Eine empirische Studie über die DDR-Medienmacher fehlt gänzlich.[7]

Damit dieses System der „Empfehlungen“ funktionieren konnte, sind die Aufgaben und Funktionen der Journalisten von besonderer Bedeutung, da sie als Mittler zwischen Informationsgeber und –empfänger fungieren. Umfangreiche Forschungen zur Rolle der Journalisten stehen aber noch aus, da vor allem fragmentarische, anekdotenbeladene und meist verklärende Erinnerungsbände von früheren, berühmten Parteijournalisten überwiegen, wie z. B. der Bericht von Erich Selbmann über seine Tätigkeit als Chefredakteur der „Aktuellen Kamera“. Bisher sind weder Monographien über den Verband der Journalisten der DDR, noch über die Universität Leipzig als Kaderschmiede der ostdeutschen Journalisten erschienen. Es gilt lediglich als gesichert, dass die politische Kontrolle des Verbandes sowie der Leipziger Sektion Journalistik der ZK-Abteilung Agitation oblag. Dagegen stellt sich ein umfangreicher Sammelband von Fach- und Publikationszeitschriften, der unter Beteiligung von einstigen Akteuren und Medienwissenschaftlern zusammen erstellt wurde, als informativer dar.[8] Dieser gewährt zwar Einblicke in den Redaktionsalltag, die Rolle der DDR-Journalisten hinreichend zu beschreiben, vermag er aber vermutlich nicht. Sehr eingehend und ausführlich beschäftigte sich der Autor Stefan Pannen in seinem Werk „Die Weiterleiter“ mit der Funktion und dem Selbstverständnis ostdeutscher Journalisten, indem er einerseits die DDR-Journalistenromane und anderseits Interviews mit ostdeutschen Journalisten zum Untersuchungsgegenstand erhob. Dabei fand er, wie einige andere Autoren ebenfalls, unter anderem heraus, dass sich der Einfluss der SED auf die Medien und die Journalisten per Gesetz und Anleitung, über Parteigruppen und Stasi, durch Sozialisation und Ausbildung vollzog und mit der Degradierung der Journalisten zu Weiterleitern eine Deformation ihrer Fachkompetenz einherging. Ihm zu Folge sei kaum ein DDR-Journalist aus dem Beruf ausgestiegen, da psychosoziale Faktoren die ostdeutschen Journalisten als gewöhnliche Werktätige, deutsche Untertanen und vermeintliche Nischenbewohner erscheinen lassen.[9]

Den Schwerpunkt der Medienarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit sieht die Forschung bei der „politisch-operativen Sicherung“ der Druck- und Studiotechnik, sowie bei der Bespitzelung und Überwachung der Journalisten im Hinblick auf deren politische Zuverlässigkeit. Dies belegen zwei faktenreiche Untersuchungen über die Rolle des MfS bei der „politisch-operativen Sicherung“ am Beispiel von SED-Bezirkszeitungen.[10]

Des Weiteren verdeutlichen diese beiden Studien, dass das MfS ein großes Interesse an einer IM-Verpflichtung von solchen Journalisten hatte, deren Aufgabengebiet sich im außerredaktionellen Bereich befand. Interessant erscheint dagegen die Frage, wie häufig veröffentlichte Leserbriefe in Zeitungen auf Bestellung der Partei geschrieben worden sind. Inzwischen überzeugend aktengestützt ist zwar, dass systemkritische Leserbriefe und deren Verfasser durch das MfS „bearbeitet“ wurden[11], aber die Autorin Ellen Bos kommt in ihrer Studie „Leserbriefe in Tageszeitungen der DDR“ zu dem Ergebnis, „dass Leserbriefe in der Vergangenheit in der DDR in begrenztem Rahmen durchaus eine Chance boten, die Einbahnstraßen-Struktur der öffentlichen Kommunikation zu durchbrechen.“[12] Ihren Ausführungen zu Folge hatte die SED von Anfang an versucht, eine Massenverbundenheit als Grundprinzip der angestrebten Presse neuen Typs zu entwickeln.

[...]


[1] Eppelmann, Rainer / Faulenbach, Bernd / Mählert, Ulrich: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S. 114.

[2] Holzweißig, Gunter: Massenmedien in der DDR, Berlin 1989, S.10 f.

[3] Holzweißig, Gunter: Zensur ohne Zensor, Bonn 1997, S. 218 ff.

[4] Eppelmann, Rainer / Faulenbach, Bernd / Mählert, Ulrich: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S. 114.

[5] Holzweißig, Gunter: Die schärfste Waffe der Partei, Köln 2002, S. 9.

[6] Ebd.: S. 9 ff.

[7] Eppelmann, Rainer / Faulenbach, Bernd / Mählert, Ulrich: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S. 115.

[8] Eppelmann, Rainer / Faulenbach, Bernd / Mählert, Ulrich: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S. 115.

[9] Pannen, Stefan: Die Weiterleiter, Köln 1992, S. 209.

[10] Holzweißig, Gunter: Zensur ohne Zensor, Bonn 1997, S. 218.

[11] Eppelmann, Rainer / Faulenbach, Bernd / Mählert, Ulrich: Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003, S. 115.

[12] Bos, Ellen: Leserbriefe in Tageszeitungen der DDR, Opladen 1993, S.231.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640680313
ISBN (Buch)
9783640681754
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155402
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
DDR Zeitgeschichte Wende Medien SED Fernsehen Zeitung Strukturwandel

Autor

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Titel: Der Strukturwandel in der DDR-Medienlandschaft während der „Wendezeit“