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Buebs Streitschrift zwischen den Zeilen

Essay 2009 4 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Die Streitschrift zwischen den Zeilen

Einleitung

„Mit der antiautoritären Bewegung konnte ich mich nie anfreunden weil sie zu viele Torheiten anthropologischer und praktischer Natur propagierte“. (Bueb, 2006: S 53/54)

Daseinszweck des Kindes ist es, sein eigenes Leben zu leben – nicht das Leben, das es nach Ansicht der besorgten Eltern führen sollte oder das den Absichten des Erziehers entspricht, der zu wissen glaubt, was für das Kind am besten ist. Solche Einmischung und Lenkung von Seiten Erwachsener hat lediglich eine Generation von Robotern zur Folge.“ (Neill, 1969: S. 30)

In seinem Buch „Lob der Disziplin“ desavouiert Bernhard Bueb die antiautoritären Bestrebungen der Pädagogik der APO (außerparlamentarische Opposition) der „68er“ Generation. Ob er mit seiner stellenweise etwas polemischen Kritik auf den (unfreiwilligen) Begründer dieser Pädagogik zielt oder auf das was die Kinderläden der antiautoritären Protestbewegung daraus gemacht haben, bleibt weitgehend spekulativ. Er fordert jedenfalls eine Rückkehr zu einer hierarchisch strukturierten Beziehung zwischen Erzieher und Edukand auf Kosten des dialogischen Konfliktlösungsmodells. In wie weit die Ansichten A.S. Neills und Bernhard Buebs auseinanderklaffen und ob eventuell sogar ein gewisser Konsens besteht, soll das vorliegende Essay anhand einiger ausgewählter Passagen aus Buebs Buch beleuchten.

Anti-antiautoritär vs. „romantisch“

„Aber die Vorstellung, vornehmlich auf die Kräfte der Selbstbestimmung bei Jugendlichen zu setzen, entsprach einer Neigung zur Romantik die unter Pädagogen durchaus weit verbreitet ist.“ (Bueb, 2006: S. 54). Dieser Seitenhieb auf Neills Selbstregulationstheorie soll den Eindruck erwecken, dass die Pädagogik Neills das Ergebnis von Schwärmerei war. Gerade die Zeugnisse A.S. Neills und die vieler ehemaliger Summerhill Schüler demonstrieren jedoch äußerst anschaulich, dass es sich hier nicht um „Romantik“ handelt, sondern um ein, zwar revolutionäres und zugegebenermaßen gewagtes aber doch wohl durchdachtes, pädagogisches Konzept, welches sich in seiner Ausgestaltung im Laufe der Zeit an seinen positiven und negativen Erfahrungen selbst geschärft hat. In seiner Wirkung auf die Selbstregulation bei Jugendlichen ist hier eher eine Zu- statt eine Abnahme zu verzeichnen. Erwähnenswert und klärend, in diesem Zusammenhang, sei ein Hinweis auf die Klientel beider Erzieher. Neill hatte keine Bedenken seine Pädagogik (vor allem in den Anfangsjahren von Summerhill) an Kindern und Jugendlichen zu praktizieren, die zum Teil als schwer erziehbar galten und von anderen Schulen und Internaten bereits abgewiesen worden waren. Bueb, hingegen, erwarb seine pädagogischen Erfahrungen als leitender Direktor von Deutschlands berühmtesten Internat „Schloss Salem“; einer internationalen Privatschule am Bodensee, welches der Nimbus elitärer Besonderheit umweht. Selbst Bueb räumt in einem Interview mit dem Magazin Focus ein, „kein sehr schweres Gymnasium“ geführt zu haben (vgl. Heft 6/1999 S. 54).

Autorität vs. Selbstregulation

„Wer Selbstbestimmung lernen will, muss Unterordnung gelernt haben.“ (Bueb, 2006: S. 55). Diese Aussage löst allzu sehr Assoziationen an Adornos „Autoritären Charakter“ aus, dessen Autoritäre Unterwürfigkeit/Autoritäre Aggression Konstellation (vgl. Dubiel, 2001: S. 56) Erich Fromm als Voraussetzung für autoritäre Dispositionen erkannt hat und auf eine sadomasochistische Charakterstruktur zurückführt (vgl. Fromm, 1949). Sie erinnert an das Ethos des wilhelminischen Bürgertums in dem Schlüsselworte wie „Disziplin“ und „Unterordnung“ ähnlich eng miteinander verschränkt waren wie bei Bernhard Bueb und er begeht den Fehler unserer Vorväter wenn er „nun aus solchen Symbolen einer selbstverständlichen Tradition […] Symbole reflektierter Prinzipien, Mittel der expliziten ideologischen Argumentation“ (Elias, 1989: S. 272) macht, wie Norbert Elias es formulierte.

Hierarchisch vs. dialogisch

„Eltern müssen zu der Macht und Verantwortung „ja“ sagen.“ (Bueb, 2006: S. 55). Ganz abgesehen von der äußerst bedenklichen Reihenfolge, proklamiert Bueb hier einmal mehr die subtile Abkehr von einer dialogischen Konfliktlösung. Nach Max Weber bedeutet Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Weber, 1964: S. 38). Im Sinne dieser Definition kann es kaum einer gesunden Entwicklung des jugendlichen Charakters dienen, wenn jedes Hinterfragen, jedes „Warum?“ einer Norm generell und lapidar mit „Darum!“ beantwortet wird. Bueb rechtfertigt solch ein Verhalten des Erziehers wenn er diesbezüglich die Erziehungspraxis seiner Mutter lobt (vgl. Bueb, 2006: S. 80).

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Details

Seiten
4
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640692019
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155301
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Soziologie
Note
15
Schlagworte
Buebs Streitschrift Zeilen

Autor

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Titel: Buebs Streitschrift zwischen den Zeilen