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Geschlecht und Ehre

Zwischen Mann und Frau? Sozio-geschlechtliche Hybridität des Xanith in der soharischen Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wikans Motivation und Methode

3. Der Begriff der Ehre und ihr Stellenwert in Sohar

4. Abgrenzung der Schlüsselkategorien: Homosexualität, Transsexualität, Transvestismus und Geschlecht

5 Das Ansehen des Xanith

6... Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Ausgangspunkt für diese Hausarbeit sind Unni Wikans Feldforschungen im Oman, die sie zwischen März 1974 und Januar 1976 betrieb. Sie konzentrierte sich dabei auf die Stadt Sohar im Norden des Oman, mit dem Ziel, ein Portrait des alltäglichen Lebens der dort lebenden Bevölkerung zu erstellen. Eine besondere Erscheinung, die ihr dort auffiel, war die Gestalt des Xanith} Bei diesen Menschen handelt es sich anatomisch um Männer, die sich selbst allerdings als Frauen bezeichnen und laut Wikan vom Rest der soharischen Gesellschaft gemäß der gesellschaftlichen Normen (zum Beispiel bei der Geschlechtertrennung) auch als solche klassifiziert werden. Die Männer, die sich für diese Art der Persönlichkeit entscheiden, sind keiner bestimmten Altergruppe oder sozialen Schicht zuzuordnen. Bei geschlechterspezifisch vergebenen Tätigkeiten wählt ein Xanith stets die, welche den Frauen zugeordneten sind.

Eine typische Art der öffentlichen Bekennung zu der neuen Rolle ist das demonstrative Übernehmen weiblicher Aufgaben bei größeren Anlässen, beispielsweise das Singen bei Hochzeiten. Bei diesem Wechsel, der jederzeit durch Heirat und vollzogenen Geschlechtsverkehr mit der Braut wieder rückgängig gemacht werden kann, bleibt aus rein rechtlicher Sicht der männliche Status erhalten, es verändert sich aber das eigene Verhalten, der subjektive Blick auf sich selbst und das Äußere. Da ihm das Tragen der Gesichtsmaske und ähnlicher ausschließlich weiblicher Elemente nicht erlaubt ist, drückt er unter anderem durch Farbgebung der Kleidung und Tragweise des Haares seine Differenzierung von der männlichen und Annäherung an die weibliche Form aus und nimmt so äußerlich eine eigene Position zwischen typisch Männlichem und typisch Weiblichem ein.

Ein anderes Charakteristikum ist, wie Wikan eine ihren Quellen zitiert, dass alle Xanithe homosexueller Prostitution nachgehen. Hierbei nehmen sie die passive (weibliche) Position ein.

Dies sind Beobachtungen, die Wikan zu der Feststellung kommen lassen, dass es sich bei diesem Phänomen nicht um Transvestismus oder Transsexualität handelt, sondern der Xaniteinem eigenen dritten Geschlecht zwischen Mann und Frau zugeordnet werden muss.

Dieser Folgerung soll in der Hausarbeit auf den Grund gegangen werden. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei nicht nur der Untersuchung der von ihr aufgeworfenen Geschlechtsfrage gewidmet, sondern auch dem Ehraspekt in der soharischen Gesellschaft sowie Wikans Beobachtungen darüber, wie beziehungsweise ob dieser sich bei den verschiedenen möglichen Stufen (Mann - Xanith - Rückgang zum Mann - Rückgang zum Xanith) verändert.

Zum Verständnis beitragen soll ein Blick auf Wikans Gründe und Motivation für ihre Feldforschung, sowie eine Beschreibung von Herangehensweise und Ausführung derselben. Außerdem soll eine klare Abgrenzung der Begriffe Transvestismus, Transsexualität, Homosexualität und Geschlecht dabei helfen, Wikans Argumentationen zu verfolgen und unter diesen Voraussetzungen eigene Schlussfolgerungen ziehen zu können. Dabei wird zudem das Echo mit einbezogen, das die Veröffentlichung ihrer Beobachtungen unter anderen Experten ausgelöst hat.

Ziel dieser Untersuchungen ist ein Überblick über Voraussetzungen und Materie von Wikans Forschungen im Oman im Allgemeinen und eine Beleuchtung der Punkte, die Wikan zur Beurteilung der Kategorie des Xanith heranzieht, im Speziellen, um selbst einordnen zu können:

Muss der Xanith als eigenes drittes Geschlecht angesehen werden?

2. Wikans Motivation und Methode

Die Reise in den Oman war für Wikan nicht die erste Berührung mit der arabischen Welt. Schon vorher hatte sie sich zu Forschungszwecken in Kairo/Ägypten aufgehalten und Ergebnisse daraus auch für Vergleiche mit bestimmten Phänomenen in Sohar herangezogen.

In ihrem Buch „Behind the Veil in Arabia - Women in Oman “ erwähnt sie speziell ihre tiefe Faszination vom ursprünglichen Arabien. Um dieses „real, authentic Arabia“ [4] zu erkunden, boten sich ihr im Oman in den Siebzigerjahren ideale Voraussetzungen. Das Land war bis wenige Jahre vor ihrer Ankunft streng isoliert geführt und erst 1970 durch die Machtübernahme Sultan QÁbÚs b. Sajids auf den Weg in die Moderne gebracht worden.

Als Ort für die Forschungen wurde ihr Sohar (Æu^Àr) vorgeschlagen. Diese Stadt ist im Norden in der Küstenebene am Golf von Oman (al-BÁÓina) gelegen. Während heute über[1] 100.000 Menschen in Sohar leben[2], waren es in den Siebzigerjahren nur circa 15.000 Einwohner, sowohl mit arabischem als auch mit persischem und baluchischem Hintergrund und unterschiedlichen eigenen Sprachen. Diese Vielfältigkeit geht besonders auf die Entwicklungen im 18. Jahrhundert zurück, als Teile Ostafrikas und der persischen Südküste für einige Zeit in Besitz der Herrscher der Sa^íd-Dynastie waren.[3]

Da sich Wikans Forschungsgebiet auf den Raum Sohar beschränkte, war es nötig, sich auch mit verschiedenen anderen Orten im Oman vertraut zu machen, um Beobachtungen in Sohar überhaupt adäquat einordnen zu können. Sie verbrachte daher zur Erarbeitung von Vergleichsmaterial einige Zeit in Maskat (der Hauptstadt des Oman) und Bahla (circa 180 km südlich von Maskat) um 'typisch soharisch' und 'typisch omanisch' differenzieren zu können. Die nur für Sohar charakteristische Benutzung der Gesichtsmaske (Burqa), die Wikan gleich in ihrer Einführung erwähnt, zeigt, wie wichtig diese Berücksichtigung der Vielfältigkeit im Oman ist.

Unter den Gegebenheiten der Geschlechtertrennung und Wikans Sprachkenntnissen projizierten sich ihre Untersuchungen auf die Welt der arabischen Frauen in Sohar und darauf, wie diese ihre Außenwelt sehen und erleben. Wikan betont dabei, dass es ihr nicht um die Bestätigung eigener Theorien geht. Vielmehr möchte sie sich durch teilnehmende Beobachtung (participant observation[4] ) diesen Frauen nähern, ihr Leben beobachten und kennenlernen und die Ergebnisse sowohl dem normalen interessierten Leser als auch anderen Anthropologen zugänglich machen.

Die auffällige Abwesenheit des für europäische Verhältnisse so üblichen Geredes unter Frauen stellte für Wikan und ihre Methode eine unerwartete Problematik dar.

...they had little to offer me of the kinds of things which figure as ’’information“ in an anthropologist’s notebook. ... they did not gossip and thereby tell me about neighbors, acquaintances, and local events. They did notjudge others and thereby reveal their own values.[5]

Ebenso sind Emotionen aller Art, die für Wikan indirekt Informationen enthalten haben könnten, etwas Privates und werden selbst vor Familie und engen Freunden verborgen.[6] Dieses Verhalten ist allerdings nicht nur typisch für Sohar. Christine Eickelman berichtet das gleiche aus der circa 120 km südwestlich von Maskat gelegenen Stadt Hamra.[7] Situationen,

[...]


[1] Für diesen Begriff übernehme ich hier Unni Wikans Schreibweise.

[2] Vgl. Wikan, U.: Behind the veil in Arabia, Baltimore & London 1982, S. 168.

[3] Vgl. Wikan (1982), S. 168.

[4] Wikan (1982), S. 3.

[5] http://www.citypopulation.de/Oman_d.html, Zugriff 29.12.07.

[6] Holes, C.: ßUmAn, in: Encyclopedia of Islam, Vol. 10 T-U, Leiden 2000.

[7] Vgl. Wikan (1982), S. 9.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640677702
ISBN (Buch)
9783640677511
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155240
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Arabistik/Institut für Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
Geschlecht Ehre Zwischen Mann Frau Sozio-geschlechtliche Hybridität Xanith Gesellschaft

Autor

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Titel: Geschlecht und Ehre