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Der Terrorismus der RAF. Motive, Verläufe und Ergebnisse unter besonderer Berücksichtigung der Hochphase 1977/78

Magisterarbeit 2002 125 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die Protestbewegung der 60er Jahre
1. Die Ereignisse
a) 1965 bis Mai 1967
b) Der Tod Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Rudi Dutschke
c) Zerfall der Studentenbewegung
2. Die ideologischen Grundlagen der Studentenbewegung
a) Herbert Marcuse
b) Antifaschismus und Antiimperialismus

II. Die Entstehung der Roten Armee Fraktion
1. Vorphase
2. Lebensläufe
a) Gudrun Ensslin
b) Andreas Baader
c) Ulrike Meinhof
3. Die Baader-Befreiung – Entstehung der Roten Armee Fraktion
4. „Offensive ´72“ und das Ende der Gründergeneration

III. Die Ideologie der Roten Armee Fraktion
1. Die „Kampfschriften“ der RAF
a) „Das Konzept Stadtguerilla“
b) „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“
c) „Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf“
2. Der Faschismusvorwurf der Roten Armee Fraktion
3. Die Imperialismustheorie der Roten Armee Fraktion
4. Beurteilung der Ideologie

IV. Zwischenphase 1972-1976
1. Die Gefangenkomitees und die Frage der „Isolationsfolter“
2. Die Hungerstreiks: Der Körper als Waffe
3. Die RAF-Nachfolgegruppe „4.2.“
4. Der Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm
5. Der Stammheim-Prozeß
6. Der Selbstmord Ulrike Meinhofs

V. Die „Offensive ´77“
1. Die Ermordung Siegfried Bubacks und Jürgen Pontos
2. Das Attentat auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe
3. Höhepunkt der Gewalt: Der Herbst 1977
a) Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten
b) Die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“
c) Der Selbstmord in Stammheim
d) Die Ermordung Schleyers
4. Die RAF nach dem Herbst 1977

VI. Ursachen des Terrorismus
1. Psychologische Erklärungsansätze
2. Biographische Erklärungsansätze
3. Normative Erklärungsansätze

VII. Die Terrorismusgesetze als Antwort des Staates auf den Terror
1. Das „Anti-Terrorismusgesetz“ vom 18. August 1976
2. Das „Kontaktsperregesetz“ vom 30. September 1977
3. Beurteilung der gesetzlichen Maßnahmen

VIII. Ausblick

IX. Schlußbetrachtung

X. Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Monographien, Sammelbände
3. Aufsätze
4. Zeitungsartikel

Einleitung

„Wir haben die Konfrontation gegen die Macht gewollt. Wir sind Subjekt gewesen, uns vor 27 Jahren für die RAF zu entscheiden. Wir sind Subjekt geblieben, sie heute in die Geschichte zu entlassen.“[1] Nach fast drei Jahrzehnten des „bewaffneten Kampfes“ gegen das politische System der Bundesrepublik erklärte sich die „Rote Armee Fraktion“ (RAF) im Frühjahr 1998 für aufgelöst. Wo nahm jedoch der Terrorismus der RAF seinen Anfang? Was waren die Wurzeln des Linksterrorismus der siebziger Jahre? Und: Was waren die Ursachen und die Auswirkungen des Terrorismus? Diese grundlegenden Fragen sollen in dieser Magisterarbeit bearbeitet und beantwortet werden.

Es gilt als allgemein anerkannt, daß die RAF ein radikales Zerfallsprodukt der studentischen Protestbewegung der sechziger Jahre war[2]: „Die Rote Armee Fraktion ist ... ein degenerierter Sproß, aber eben doch ein Sproß der achtundsechziger Rebellion“.[3] Deshalb erscheint es notwendig, die Ereignisse und die ideologischen Antriebskräfte der sogenannten „68er“ im ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit zu skizzieren. Dabei wurde der Schwerpunkt auf die Begebenheiten der Jahre 1965 bis 1968 gelegt, wobei der Tod Bennos Ohnesorgs am 2. Juni 1967 und das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. Mai 1968 die traurigen Höhepunkte der Studentenbewegung darstellten. Die Jahre 1965 bis 1968 waren vor allem durch eine fortschreitende politische Radikalisierung und die Zunahme von Gewalt gekennzeichnet, die im Terrorismus der RAF Anfang der siebziger Jahre zu münden schienen. Hierbei stellen sich folgende Fragen: War dieser Prozeß zwangsläufig, ist er vielleicht monokausal zu begründen? Inwieweit lieferte die Protestbewegung das ideologische Rüstzeug für den Linksterrorismus? Um diese und andere Fragen zu beantworten, wird auch ein Blick auf die ideologischen Grundlagen der Protestbewegung, wie Antifaschismus und Antiimperialismus, geworfen. Auch die „Frankfurter Schule“ bzw. die „Kritische Theorie“ beeinflußte die Protestbewegung. Da jedoch die Betrachtung aller Vertreter dieser theoretischen Schule den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde, richtet sich der Fokus auf Herbert Marcuse. Er wurde nicht grundlos als der „Stichwortgeber“[4] der Bewegung bezeichnet, denn seine Arbeiten beeinflußten die Studenten in großem Maße.

Das zweite Kapitel bietet eine Darstellung der Vorphase und der Entstehung der RAF. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung der Ereignisse, wie beispielsweise der Brandstiftung in zwei Frankfurter Kaufhäusern in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 und der darauffolgende Prozeß gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein. Die Kaufhausbrände werden oft als inoffizielles Gründungsdatum der RAF bezeichnet[5], da die späteren Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, die Journalistin Ulrike Meinhof und der Anwalt Horst Mahler bei der Verhandlung zum ersten Mal aufeinandertrafen. Zum besseren Verständnis der Geschichte der RAF erfolgt zudem eine Skizzierung der Lebensläufe der Gründungsmitglieder Ensslin, Baader und Meinhof. Hier stellt sich die Frage, aus welchem Lebenszusammenhang die RAF-Gründungsmitglieder kamen. Welchen Weg waren sie gegangen, der sie in den Terrorismus führte? Des weiteren soll auf das eigentliche Gründungsdatum der RAF eingegangen werden, nämlich die Befreiung Baaders am 14. Mai 1970. Nachfolgend wird die „Offensive ´72“ skizziert, in der die RAF mit einer Welle von Sprengstoffanschlägen auf amerikanische Militäreinrichtungen, Polizeistationen und auf das Springer-Verlaghaus erstmals in Erscheinung trat und damit den „bewaffneten Kampf“ gegen die Bundesrepublik aufnahm. Das Kapitel schließt mit den Verhaftungen des „harten Kerns“ der Roten Armee Fraktion im Jahre 1972.

Ein deutlicher Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Ideologie der RAF. Dieses dritte Kapitel betrachtet die ersten drei „Kampfschriften“ der RAF: Zum einen das „Konzept Stadtguerilla“ aus dem Jahre 1971, das Ulrike Meinhof zugeschrieben wird; „Über den bewaffneten Kampf in Westeuropa“, welches Horst Mahler 1971 verfaßte; und die 1972 veröffentlichte Schrift „Dem Volk dienen. Stadtguerilla und Klassenkampf“, dessen Autorin vermutlich Ulrike Meinhof war. Zudem werden die beiden Haupttheoreme der RAF bearbeitet: der Faschismusvorwurf und die Imperialismustheorie. Zu diesem Kapitel stellen sich folgende grundlegende Fragen: Welche Strategie hatte die RAF entwickelt? Was war das Ziel der RAF? Welchen Zweck verfolgte sie mit ihrer Ideologie? Und: Wie sah die RAF das politische System der Bundesrepublik und die deutsche Gesellschaft? Abschließend folgt eine Beurteilung der ideologischen Grundlagen der Terroristen. Hier kommen besonders Wissenschaftler zu Wort, die sich intensiv mit der Denkweise der RAF auseinandergesetzt haben.

Als Zwischenteil folgt im vierten Kapitel die Betrachtung der Ereignisse der Jahre 1972 bis 1976. Hierbei sollen sowohl die sich 1973 bildenden „Gefangenenkomitees“ und die aufkommende Diskussion um die „Isolationshaft“, die Hungerstreiks der inhaftierten RAF-Mitglieder, die Nachfolgegruppierungen der RAF-Gründergeneration, als auch der Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm dargestellt werden. Zudem erfolgt eine kurze Beschreibung des Prozesses gegen Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe in Stuttgart-Stammheim. In diesem Abschnitt wurde jedoch auf eine detaillierte Beschreibung des Verhandlungsablaufs verzichtet, denn die Beschreibung des langen Hergangs des Prozesses würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb erschien eine Fokussierung auf einen Aspekt des Stammheim-Prozesses notwendig, nämlich die langwierige Diskussion um die Verhandlungsfähigkeit bzw. –unfähigkeit der Angeklagten. Diese Perspektive soll deutlich zeigen, wie die RAF-Mitglieder versuchten, die Verhandlung zu sabotieren und den Prozeßsaal zur politischen Agitation zu nutzen. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels befaßt sich mit dem Selbstmord Ulrike Meinhofs und der daraufhin einsetzenden Mythenbildung um die Umstände ihres Todes.

Das fünfte Kapitel wirft einen Blick auf die Begebenheiten der Jahres 1977. Die „Offensive ´77“ bedeutete den Höhepunkt der Gewalttaten: Die Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Deutschen Bank und die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Dr. Hanns Martin Schleyer, um so die inhaftierten RAF-Mitglieder freizupressen; Schleyer sollte diese Entführung nicht überleben. Zudem entführte ein palästinensisches Terror-Kommando die Lufthansa-Maschine „Landshut“, um den Forderungen der RAF Nachdruck zu verleihen. Die Bundesregierung blieb jedoch konsequent und ging auf die Ultimaten der RAF nicht ein. In der Nacht zum 18. Oktober befreite ein Sonderkommando des Bundesgrenzschutzes in Mogadischu die Besatzung und Passagiere der „Landshut“ aus der Gewalt der Terroristen. Am Morgen des gleichen Tages wurden die RAF-Häftlinge Baader, Ensslin und Raspe tot in ihren Zellen aufgefunden. In diesen Abschnitt soll vor allem auf die aus dem RAF-Umfeld aufgestellte These von einer staatliche Hinrichtung eingegangen werden. Dieses Kapitel schließt mit einer kurzen Betrachtung der RAF nach dem Jahr 1977.

Das darauffolgende Kapitel befaßt sich mit den potentiellen Ursachen des Terrorismus. Hierbei werden drei Deutungsmodelle verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen vorgestellt, denn es ist festzustellen, daß eine wissenschaftliche Richtung allein, die möglichen Ursachen des Terrorismus nicht zu ergründen vermag. Zum einen wird in diesem sechsten Kapitel der psychologische Erklärungsansatz betrachtet. Hier stellt sich vor allem die Frage nach dem geistigen Zustand der Terroristen: Sind die RAF-Mitglieder psychisch kranke Menschen gewesen? Zum anderen fragen sich die Vertreter der biographischen Methode, ob die Lebensläufe der Terroristen Ähnlichkeiten aufzeigen und somit auf den gemeinsamen Faktor hinweisen, der terroristische Karrieren charakterisieren könnte. Außerdem wird als Drittes der normative Erklärungsansatz untersucht. Hier stellt sich die Frage, warum gerade in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Terrorismus entstehen konnte. Letztendlich muß aber gefragt werden, inwieweit die hier vorgestellten Deutungsmodelle eine befriedigende Antwort auf die Ursachen des Terrorismus geben können.

Das siebte Kapitel beschäftigt sich mit der Terrorismusgesetzgebung der siebziger Jahre. Als Beispiele dafür wurden das „Anti-Terrorismus-Gesetz“ vom 18. August 1976 und das „Kontaktsperregesetz“ vom 30. September 1977 herausgenommen. Die „Terroristengesetze“ sind vor allem als legislative Antwort und Reaktion des deutschen Staates auf den Terrorismus zu werten. Neben der Darstellung der Inhalte der Gesetzte, stellt sich in diesem Zusammenhang hauptsächlich die Frage nach Erfolg oder Scheitern des Rechtsstaates.

Das letzte Kapitel gibt einen kurzen Ausblick über die Entwicklung der RAF in den achtziger und neunziger Jahren bis hin zur offiziellen Auflösung im Frühjahr 1998. Dabei kann dieser Ausblick lediglich eine Skizzierung der Begebenheiten sein. In der Schlußbemerkung werden die hier aufgestellten Fragen nochmals aufgegriffen und beantwortet.

Die Quellen- und Literaturlage zum Thema RAF ist außerordentlich ergiebig. Neben Veröffentlichungen wie „Texte und Materialien zur Geschichte der RAF“[6], „Bewaffneter Kampf. Texte der RAF“[7] und „texte: der RAF“[8], in denen alle „Kampfschriften“, Diskussionspapiere, Prozeßerklärungen etc. zumindest bis 1997 zu finden sind, existiert eine ganze Reihe von Biographien oder Gesprächsaufzeichnungen mit ehemaligen Terroristen.[9] Diese umfangreiche Quellenlage erleichterte vor allem den Zugang zur Ideologie der RAF und eröffnete den Blick auf die Gedankenwelt der Terroristen. Auch die Ereignisse des Jahres 1977 haben in der Dokumentation des Presse- und Informationsdienstes der Bundesregierung[10] ein detaillierte Darstellung erfahren.

Aufgrund der Fülle an Forschungsliteratur zum Thema RAF und der Studentenbewegung, fällt es schwer, hier umfassende Angaben zu machen. Deshalb sollen nur einige wichtige Publikationen exemplarisch vorgestellt werden. Besonders im Bereich der Protestbewegung ist die Arbeit von Gerd Langguth „Mythos ´68. Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke – Ursachen und Folgen der Studentenbewegung“[11] hervorzuheben. Langguth beschreibt in seinem 2001 erschienenen Werk die fortschreitende Radikalisierung der Studentenbewegung anhand Rudi Dutschkes. Auch die von ihm erstellte Arbeit „Protestbewegung. Entwicklung, Niedergang und Renaissance. Die Neue Linke seit 1968“[12] stellt eine gute und informative Übersicht über die Ereignisse und Auswirkungen der sechziger Jahre dar.

Wie bereits erwähnt, mangelt es nicht an Literatur zur Geschichte der RAF. Auch wenn die Arbeiten von Butz Peters[13] und Stefan Aust[14] dem journalistischen Genre zuzuordnen sind und hier nachvollziehbare Quellennachweise fehlen, so sind diese beiden Bücher doch dazu geeignet, den Verlauf der Ereignisse in den sechziger und siebziger Jahren nachzuzeichnen. Besonders hervorzuheben ist jedoch zum Thema RAF das Buch „Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute“ von Bernhard Rabert.[15] Auch wenn bei dieser Arbeit gelegentlich wissenschaftliche Objektivität vermißt wurde, gehört diese jedoch mit ihrer umfangreichen Literaturauswahl und überzeugenden Argumentation zu den Standardwerken zum Thema RAF. Besonders ausgiebig und aufschlußreich wird von Rabert die Ideologie der RAF betrachtet, speziell der Faschismus- und Imperialismusvorwurf. Im Bereich der RAF-Ideologie ist zudem die Arbeit von Iring Fetscher und Günter Rohrmoser[16] aus der vom Bundesministerium herausgegeben Reihe „Analysen zum Terrorismus“ hervorzuheben. Fetscher und Rohrmoser geben hier einen informativen Einblick in die Gedankenwelt der RAF.

Es fällt jedoch auf, daß die aktuellsten Arbeiten zum Thema RAF Mitte der neunziger Jahre veröffentlicht wurden. Neuere wissenschaftliche Ergebnisse, welche die Auflösung der RAF 1998 miteinbeziehen und eine umfassende Analyse anstellen, sucht man vergebens.

I. Die Protestbewegung der 60er Jahre

1. Die Ereignisse

a) 1965 bis Mai 1967

Die westdeutsche Protestbewegung der sechziger Jahre wird gemeinhin als die der „68er“ tituliert, doch bildet das Jahr 1968 eher den Endpunkt einer Entwicklung, die bereits Anfang der sechziger ganz überraschend einsetzte.[17] Hatten Sozialwissenschaftler noch Anfang der sechziger Jahre vom „Ende der Ideologie“ gesprochen und davon, daß sich die Jugend Westdeutschlands nicht mehr von einer revolutionären Ideologie mitreißen lassen werde[18], so belehrten die Ereignisse der folgenden Jahren Forscher und Gesellschaft eines Besseren: „Die antiautoritäre Revolte schien regelrecht vom Himmel gefallen zu sein. Kaum etwas hatte auf sie hingewiesen.“[19] Die „Revolte“ der sechziger Jahre war zudem mit der Renaissance marxistischer und sozialistischer Ideen verbunden.

Auch war die Protestbewegung kein deutsches sondern ein internationales Phänomen, bildete doch das „free-speech-movement“ und der Protest gegen den Vietnam-Krieg der amerikanischen Universität von Berkeley 1964 den Ausgangspunkt für den Aufruhr in vielen Nationen.[20] Der Protestbewegung war dieser internationale Kontext wohl bewußt und wurde auch gewollt agitatorisch eingesetzt: „die SDS[21] -Studenten [sahen] ihre Mission als eine welthistorisch bedeutsame an ... . Denn subjektiv hatten die an der Revolte Beteiligten das Gefühl, sie leisteten einen wichtigen Beitrag im weltweiten Kampf gegen ,Imperialismus‘ und ,Faschismus‘“.[22]

In der überwiegenden Mehrheit ging der Protest von Studenten aus, wobei die Freie Universität (FU) in Berlin gewissermaßen das „Epizentrum“ bildete. Der SDS, in dem sich ab 1965 das antiautoritäre Lager um Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Hans-Jürgen Krahl durchzusetzen begann, wurde bald zum „Motor“ der Bewegung. Rudi Dutschke sollte zur Symbolfigur des studentischen Protestes werden. So urteilt Gerd Langguth über Rudi Dutschke: „Dutschke wurde also für viele Jugendliche zu einer Identifikationsfigur, seine Leidenschaft in der Sprache war spürbar, er verkörperte für viele junge Menschen glaubhaft einen politischen Aufbruch.[23]

Trotz ersten Demonstrationen und Veranstaltungen gegen den Vietnam-Krieg, hatte der studentische Protest anfangs noch überwiegend universitären Charakter. Mit Losungen wie „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“[24] wandten sich die Studenten gegen die verkrusteten Strukturen deutscher Universitäten: Diese galten als „antiquiert, ineffizient und legitimationsschwach“[25]. Besonders wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit der Universitäten und mancher Lehrbeauftragter galten diese wie jene als diskreditiert.[26] Die ersten Aktionen richteten sich deshalb gegen Maßnahmen der Universität, wie zum Beispiel gegen Verbote von Veranstaltungen[27].

Die Ablehnung des militärischen Engagements der USA in Vietnam gewann eine immer größere Bedeutung – und an verbaler Schärfe: In der Nacht vom 3. auf den 4. Februar 1966 führte eine Gruppe um Rudi Dutschke eine Plakataktion durch. Unter dem Motto „Amis raus aus Vietnam“ stand auf den Plakaten zu lesen: „Erhard und die Bonner Parteien unterstützen Mord. Mord durch Napalm! Mord durch Giftgas! Mord durch Atombomben! ... Kuba, Kongo, Vietnam – die Antwort der Kapitalisten ist Krieg. ... Wir sollen den Herrschenden beim Völkermord helfen. Deshalb beschwören sie das Gespenst der gelben Gefahr. Wie lange noch lassen wir es zu, daß in unserem Namen gemordet wird?“[28] Dieser Antiamerikanismus zeigte sich auch nach der Vietnam-Demonstration am folgenden Tag, als ca. 500 Studenten zum Amerika-Haus zogen, die Fassade mit Eiern bewarfen und die US-Flagge auf halbmast setzten. Die USA „galten als Repräsentant des Bösen“, zudem als das Land, in dem „ein zügelloser Kapitalismus“[29] regiere und welches in Vietnam Völkermord betreibe.

Am 22. Juni 1966 protestierten 3000 Studenten an der FU Berlin in einem zehnstündigen „Sit-in“[30] gegen das Raumverbot für politische Veranstaltungen, welches der Senat der Universität am 16. Februar erlassen hatte. Dieser „Sit-in“ ist ein gutes Beispiel für die angewandte Praxis der „begrenzten Regelverletzung“, hier noch – im Vergleich zu späteren Aktionen – ein „harmloser“ Hausfriedensbruch. Die „begrenzte Regelverletzung“ hatte zum Zweck, einerseits die geltenden rechtlichen Normen nur minimal zu übertreten, andererseits „aber doch die ,Herrschenden‘, vor allem die Universitätsverwaltung und die seinerzeit auf solche Aktionen taktisch nicht vorbereitete Polizei [zu zwingen], möglichst ,überzureagieren‘.“[31] Dabei galt Gewalt gegen Sachen als ein legitimes Mittel, sozusagen als „befreiende Gewalt“. Die Gewalt gegen Personen wurde jedoch zu diesem Zeitpunkt noch abgelehnt, denn sie wurde als „reaktionäre Gewalt“ verstanden, die immer vom Staat ausgehe.[32]

Die auf die staatlichen Maßnahmen folgende Empörung sollte zudem zur Solidarisierung unter den Studenten führen: Die angebliche Repression des Staates sollte die zunehmende „Faschisierung“ der Gesellschaft zeigen[33]. Es war ein Charakteristikum dieser Zeit, daß auf beiden Seiten – auf der einen Seite die Studenten, auf der anderen die Öffentlichkeit – Reize eingesetzt wurden, die einen Aufschaukelungsprozeß zur Folge hatten: Zum einen waren es die Studenten, die bei Demonstrationen in den folgenden Monaten die Ordnungskräfte bewußt und gezielt provozierten. Zum anderen wiederum war es die Öffentlichkeit, die die Studenten bald als „Radaubrüder“, „langhaarige Affen“ und „Störenfriede“ bezeichnete; diese Etikettierung wurde besonders durch die Presse gefördert.[34] Auch die harten Maßnahmen der Polizei trugen dazu bei, obwohl man hier konstatieren muß, daß die Polizei auf die neue Art des Protests kaum vorbreitet war.[35] Als sich der Protest gegen die USA zu richten begann, fühlten sich vor allem die West-Berliner angegriffen, da sie die Vereinigten Staaten aufgrund der geographischen Lage Berlins als Schutzmacht begriffen. Die Diffamierungen gegen die Studenten wurden immer massiver.[36]

Ein wichtiges politisches Ereignis trug ebenfalls zur Anheizung der Atmosphäre bei: Nach dem Zusammenbruch der CDU/CSU-FDP-Koalition bildete sich Ende 1966 die Große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD, mit Kurt-Georg Kiesinger als Bundeskanzler und Willy Brandt als Vizekanzler. Die Große Koalition wurde von vielen als undemokratisch angesehen, da 90 Prozent der Abgeordneten die Regierung stützten und nur noch die FDP die Opposition bildete. Der Protest der Studenten weitete sich nun in Verbindung mit anderen oppositionellen Gruppen zur sogenannten „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) aus. Wichtigen Raum in dem außerparlamentarischen Protest nahm auch die Kampagne gegen die Notstandsgesetze ein, die von der Großen Koalition verabschiedet werden sollten. „Diese wurden von ihren Gegnern als ,NS-Gesetze‘ bezeichnet und als eine Gefährdung der demokratischen Grundrechte interpretiert.“[37] Der Kampf gegen die Notstandsgesetzgebung endete jedoch mit einer Niederlage der APO: Am 30. Mai 1968 wurde die Notstandsverfassung mit 384 zu 100 Stimmen im Bundestag angenommen.

In Berlin verhaftete die Polizei am 5. April 1967 elf Mitglieder der „Kommune I“[38]. Ihnen wurde vorgeworfen, einen Bombenanschlag auf den US-Vizepräsident Hubert Humphrey geplant zu habe; Humphrey sollte am folgenden Tag Berlin besuchen. Nach Untersuchung der Bombe wurde festgestellt, daß diese mit Farbstoff, Pudding und Mehl gefüllt war; eine Richtigstellung durch die Polizei, daß es sich nicht um einen Sprengkörper gehandelt hatte, erfolgte nicht. Die Presse stürzte sich sofort auf das „Pudding-Attenat“ und witterte eine kommunistische Verschwörung. Auf den Titelseiten prangten nun Schlagzeilen wie „Maos Botschaft in Ost-Berlin lieferte die Bomben gegen Vizepräsident Humphrey“ oder „Attentat auf Humphrey von Kripo vereitelt – FU-Studenten fertigen Bomben mit Sprengstoff aus Peking“[39]. Die Kommunarden erklärten später auf einer Pressekonferenz, daß sie keinen terroristischen Akt geplant hätten, „sondern nach dem Vorbild der Amsterdamer Provobewegung einen ,Akt der Lächerlichmachung‘.“[40] Die Angehörigen der „Kommune I“ hatten sich schon davor einen Namen mit ungewöhnlichen und provokanten Aktionen gemacht. Die Konkret-Journalistin Ulrike Meinhof, später Gründungsmitglied der RAF, empörte sich in einer ihrer Kolumnen über das staatliche Vorgehen gegen die „Pudding-Attentäter“: „Es gilt als unfein, mit Pudding und Quark auf Politiker zu zielen, nicht aber, Politiker zu empfangen, die Dörfer ausradieren lassen und Städte bombardieren.“[41]

Als extreme Zuspitzung war die Aktion vom 24. Mai 1967 zu interpretieren, in der die „Kommune I“ Flugblätter mit der Überschrift „Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“ verteilte. Hintergrund dieses Flugblattes war ein Kaufhausbrand in Brüssel, bei dem zwei Tage zuvor über 300 Menschen umgekommen waren. In zynischer und grotesker Weise heißt es im Text: „Unsere belgischen Freunde haben endlich den Dreh heraus, die Bevölkerung am lustigen Treiben wirklich zu beteiligen: Sie zünden ein Kaufhaus an, dreihundert saturierte Bürger beenden ihr aufregendes Leben, und Brüssel wird Hanoi. Keiner von uns braucht mehr Tränen über das arme vietnamesische Volk bei der Frühstückszeitung zu vergießen.“[42] Gegen die Kommunarden Rainer Langhans und Fritz Teufel wurde daraufhin wegen Aufforderung zur Brandstiftung ermittelt, vor allem wegen Passagen wie „Ab heute geht er [der Bürger] in die Konfektionsabteilung von KaDeWe, Hertie, Woolworth ... und zündet sich diskret eine Zigarette in der Ankleidekabine an.“[43] Wie gereizt und aggressiv die Atmosphäre innerhalb der Studentenschaft war, zeigte eine Notiz der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, zu dieser Zeit noch Stipendiatin der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelt zum erstenmal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnam-Gefühl, das wir in Berlin bislang noch missen müssen.“[44] Sogar anerkannte Professoren, wie beispielsweise der Religionswissenschaftler Jacob Taubes, hielten dieses Flugblatt für eine „surrealistische Provokation“.[45]

b) Der Tod Benno Ohnesorgs und das Attentat auf Rudi Dutschke

Zwei Ereignisse jedoch veränderten alles und trugen zu einer weiteren Zunahme der Gewalt bei: Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 und das Attentat auf Rudi Dutschke am 11. Mai 1968.

Der Schah von Persien, Reza Pahlevi, und seine Frau Farah besuchten am 2. Juni 1967 Berlin. Schon bei ihrer Ankunft am Nachmittag kam es zu Zusammenstößen zwischen Studenten und regimetreuen Persern. Am Abend sollte das Kaiserpaar die Oper besuchen. Auch hier hatten sich Demonstranten versammelt, die gegen den Schah „Mörder, Mörder“[46] skandierten. Ein paar Steine und Farbbeutel flogen, jedoch konnten der Schah und seine Frau die Oper ungehindert betreten. Die Demonstration begann sich schon aufzulösen, als die Polizei losstürmte. In dieser Auseinandersetzung zwischen Ordnungskräften und Demonstranten geschah es, daß der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras mit einem Kopfschuß tödlich verletzt wurde. Der Tod Ohensorgs und die Freisprechung des Polizisten Kurras lösten ein „politisches Erdbeben“ aus.[47] Der studentische Protest griff auf viele westdeutsche Universitäten über. Das schon vor dem 2. Juni 1967 vorhandene starke Mißtrauen der Studenten gegenüber dem Staat, wurde mit dem Tod Ohnesorgs noch verstärkt.[48] Nach der Beerdigung Ohnesorgs fand in Hannover der Kongreß „Bedingungen und Organisation des Widerstandes“ statt, in dessen Verlauf Jürgen Habermas deutlich auf die möglichen Auswirkungen der massiven Gewaltrhetorik des SDS zu sprechen kam: Er warf Rudi Dutschke und seinen „Genossen“ linken Faschismus vor.[49]

Das zweite wichtige Ereignis war das Attentat auf Rudi Dutschke: Am 11. April 1968 schoß der rechtsradikale Josef Bachmann Dutschke nieder, der schwere Kopfverletzungen davontrug und 1978 an den Folgen dieses Anschlages starb. Dieser Mordversuch löste wiederum eine weitergehende Eskalation aus: Am Abend des 11. Aprils versuchten Demonstranten die Auslieferung der „Bild“-Zeitung am Springer-Verlagshaus in Berlin zu verhindern, denn „Bild“ wurde für das Pogromklima verantwortlich gemacht.[50] Es kam zu schweren Ausschreitungen, Steine flogen, Auslieferungsfahrzeuge wurden in Brand gesetzt. Die gewalttätige Reaktion ist im Lichte der Aussage Michael Baumanns, später Mitglied der linksterroristischen „Bewegung 2. Juni“, zu begreifen: „Die Kugel war genauso gegen dich, da haben sie das erste Mal nun voll auf dich geschossen. ... Da war natürlich klar, jetzt zuhauen, kein Pardon mehr geben.“[51]

c) Zerfall der Studentenbewegung

Mit dem Attentat auf Dutschke war der Protestbewegung der führende Kopf genommen worden, der studentische Protest sollte schon bald nach diesem Ereignis zerfallen. Aber auch das Scheitern der Kampagne gegen die Notstandsgesetze und das Ende des Prager Frühlings durch den Einmarsch sowjetischer Truppen, beschleunigten in großem Maße den Auflösungsprozeß. Ein Gefühl der Ohnmacht und Enttäuschung machte sich breit, die Politik des SDS wurde zunehmend kritisiert. Kennzeichnend für diese Phase war zudem die Erkenntnis, daß die viel beschworene Einheit mit den deutschen Arbeitern ein Trugbild gewesen und die Bewegung von Anfang an politisch isoliert war. Auch die Erkenntnis, daß in der Bundesrepublik keine revolutionäre Situation existierte, trug zum Zerfallsprozeß bei.[52]

Die studentische Bewegung begann sich in politische Richtungskämpfe zu verstricken, der Protest fing an, sich in seine heterogenen Bestandteile wieder aufzulösen.[53] Besonders der Regierungswechsel, die Bildung einer sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt, hatte eine nachlassende Mobilisierung unter den Studenten zur Folge: „Der Regierungswechsel des Jahres 1969 zeigte zumindest einem Großteil der Anhänger der Protestbewegung, daß die politische Ordnung der Bundesrepublik doch nicht so ,verkrustet‘ oder unbeweglich war. ... Gerade die bald einsetzende Ostpolitik des späteren Friedensnobelpreisträgers [Willy Brandt], war es, die viele idealistisch eingestellte junge Menschen an ihn band.“[54] Ein Teil der Protestbewegung begann den „Marsch durch die Institutionen“, wie ihn Rudi Dutschke propagiert hatte, und arrangierte sich mit dem bestehenden politischen System. Ein anderer Teil suchte sein „Heil“ in der entstehenden Drogen- und Sektenszene oder in der Resignation. Es bildeten sich zudem Kadergruppen verschiedenster kommunistischer Ausprägung, darunter Maoisten, Trotzkisten oder SED-orientierte Organisationen.[55] Eine kleine Minderheit jedoch ging den Schritt in die Illegalität und begann den Kampf gegen die Bundesrepublik Deutschland.

1970 löste sich dann der Sozialistische Deutsche Studentenbund endgültig auf.

2. Die ideologischen Grundlagen der Studentenbewegung

Im folgenden Kapitel soll auf die ideologischen Grundlagen der Studentenbewegung eingegangen werden. Bei näherer Betrachtung fällt auf, daß dieser vor allem utopische Visionen einer neuen, besseren Welt zugrunde lagen und sie von einem moralischen Rigorismus geprägt war.[56] Neben den marxistischen Klassikern wie Marx und Engels war vor allem die „Frankfurter Schule“ der wichtigste Ideologie-Lieferant, wenn auch nicht ausschließlicher.[57] Diese Ideenschule war eine Weiterführung und Ausformung des Marxismus, bekannt auch als „kritische Theorie“. Die Studentenbewegung erhob Autoren wie Herbert Marcuse, Max Horkheimer, Theodor Adorno und Jürgen Habermas – unfreiwillig oder freiwillig – zu ihren geistigen Vätern.[58] Eine tiefergehende Bearbeitung der Ideen der „Kritischen Theorie“[59] würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen, deshalb soll der Fokus lediglich auf Herbert Marcuse gerichtet werden, dessen Arbeiten einen großen Einfluß auf die Protestbewegung hatten.[60]

Im gesamten kann jedoch vorab festgehalten werden, daß die Studenten die Theorien der „Frankfurter Schule“ zu griffigen Schlagworten umfunktionierten, es wurden nur Versatzstücke entnommen.[61] Gerd Langguth spricht hier berechtigterweise von dem Eklektizismus der Studentenbewegung.[62] Als Zweites werden die zwei wichtigsten Schlagworte der Protestbewegung beleuchtet: Antifaschismus und Antiimperialismus.

a) Herbert Marcuse

Herbert Marcuse gilt als einer der „Stichwortgeber“ des studentischen Protests.[63] Im Gegensatz zu seinen Fachkollegen Adorno und Horkheimer wird von Marcuse behauptet, er habe sich gern zur Galionsfigur des studentischen Protests machen lassen.[64] Seine Werke „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“[65], „Triebstruktur und Gesellschaft“[66], besonders „Der eindimensionale Mensch“[67] und „Repressive Toleranz“[68] gehörten zu den meist gelesenen Werken Marcuses. Bei Marcuse sind die Notwendigkeit radikaler Veränderungen und die subjektiven und objektiven Voraussetzungen einer Revolution die zentralen Gedanken.[69]

Im Zentrum der Kritik in „Der eindimensionale Mensch“ steht die vollständige Ideologisierung, die zu einer eindimensionalen Gesellschaft ohne Opposition geführt habe.[70] Marcuse vertritt die These, daß der Mensch in der Industriegesellschaft durch den Massenkonsum und den Warenfetischismus eine neue, fortgeschrittenere Art von Entfremdung erfahren würde.[71] Durch die Überfütterung des Menschen in unserer Gesellschaft sei der Mensch manipuliert, also durch den Kapitalismus gewissermaßen unter Narkose gesetzt, denn es gehe nur noch um die Befriedigung falscher Bedürfnisse.[72] Marcuse bezeichnet die Menschen des Spätkapitalismus, die entfremdeten Wesen, als „eindimensional“, weil sie sich unbewußt mit der eigenen und der gesellschaftlichen Entfremdung identifizieren und so nur in einer Dimension leben.[73]

Marcuses Beitrag „Repressive Toleranz“ war für die geistigen Grundlagen der studentischen Protestbewegung noch wichtiger. Marcuse forderte hier ein Widerstandsrecht gegen die Gesellschaft[74]: „Aber ich glaube, daß es für unterdrückte und überwältigte Minderheiten ein ,Naturrecht‘ auf Widerstand gibt, außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben. ... Wenn sie Gewalt anwenden, beginnen sie keine neue Kette von Gewalttaten, sondern zerbrechen die etablierte.“[75]

Besonders Marcuses Kritik an der westlichen Industriegesellschaft machte ihn zum Vordenker der Protestbewegung der sechziger Jahre.[76] Sein Ruf nach „totalem Protest“ und der „totalen Verweigerung“, sich dieser eindimensionalen Gesellschaft, die keine Alternativen mehr zulasse, zu entziehen, stieß bei den Studenten auf offene Ohren. Gerd Langguth weist darauf hin, daß Marcuse deshalb von der Studentenbewegung so begeistert angenommen wurde, weil seine Theorien radikaler und jugendgerechter als beispielsweise die von Jürgen Habermas gewesen seien.[77]

b) Antifaschismus und Antiimperialismus

Spezifisch für die Revolte der deutschen Studenten war die Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit der Bundesrepublik Deutschland, dem Nationalsozialismus.[78] Das Bewußtsein, daß viele der Elterngeneration das NS-Regime, ob aktiv oder als Mitläufer, unterstützt hatten, gab der Studentenbewegung eine große ethische Schubkraft. Es entwickelte sich unter den Studenten aus Scham und Empörung ein moralischer Rigorismus, etwas wie Auschwitz nie wieder geschehen zu lassen und alle Tendenzen zu bekämpfen, die nur im entferntesten so etwas zuließen.[79] Besonders die Einstellung der Elterngeneration gegenüber der Hitler-Diktatur ließ viele Kritik üben: „Die allgemeine Stimmung war nicht nach Durcharbeiten und Erinnern, sondern nach Verfremden und Abspalten. ... Und da die Teilnehmer am großen Ausrottungs- und Unterjochungsfeldzug ein paar Jahre später schon wieder brav die Fabriken und Büros bevölkerten, als wäre nichts gewesen ... schrumpfte der Faschismus unvermittelt auf ,Fehler‘ des damaligen Führers zusammen.“[80]

Aus Scham und Empörung entstand eine Feindschaft gegenüber dem Staat und gegenüber der Gesellschaft, die Auschwitz zugelassen hatte.[81] Aber nicht nur die jüngste Vergangenheit qualifizierte Westdeutschland als einen faschistischen Staat: Da die Bundesrepublik ein kapitalistischer Staat sei, konnte die Folge daraus nur Faschismus sein, denn der Faschismus wurde als Wesenmerkmal des Kapitalismus gesehen.[82] Zudem verneinte die Studentenbewegung die Reformierbarkeit der Bundesrepublik: „In dieser faschistoiden Klassengesellschaft sei eine echte demokratische Entwicklung, die den wirklichen Interessen des Volkes diene, nicht mehr möglich, da auch Reformen nur Oberflächenwirkung hätten und lediglich zu einer Stabilisierung des gegenwärtigen Systems beitragen würden.“[83]

Nach Meinung vieler Studenten war auch die „Entnazifizierung“ ein vollkommener Fehlschlag gewesen, denn viele NSDAP-Mitglieder bekleideten hohe Ämter in westdeutschen Institutionen.[84] Die personelle Kontinuität war für die Mehrheit der Studenten der Beweis, daß es sich bei der Bundesrepublik Deutschland um einen faschistischen, zumindest aber einen präfaschistischen, Staat handeln mußte. Auch die Tatsache, daß die deutsche Regierung zur amerikanischen Politik in Vietnam keine Stellung nahm, ja sie sogar zu unterstützen schien, bewies für die Studentenbewegung den autoritären Charakter des Staates.[85] Der Einzug der „Nationaldemokratische Partei Deutschlands“ (NPD) in sechs Länderparlamente in den Jahren 1966/67 schien dies ebenfalls zu beweisen. Die faschistische „Fratze“, so die Meinung der Studenten, könne man in den Überreaktionen des Staates sehen, beispielsweise im repressiven Vorgehen der Polizei bei Demonstrationen. Auf diese angebliche Repression des faschistischen Systems gab es für viele dann nur noch eine Antwort: Auf Gewalt muß man mit Gegengewalt reagieren.[86] Im Gegensatz zur Bundesrepublik stand aus der Perspektive der „68er“ natürlich das sozialistische Gegenbild, die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Im realen Sozialismus sei die Entnazifizierung gründlicher durchgeführt worden als in Westdeutschland, so das Argument. So erübrigte sich die Kritik am SED-Regime, realer Sozialismus galt für viele Studenten als „die“ Alternative zum Parlamentarismus.[87]

Einen weiteren Schwerpunkt in der Gedankenwelt der Protestbewegung bildete der Kampf gegen den Imperialismus verbunden mit einem rigorosen Antiamerikanismus. Die sechziger Jahre kann man als eine Zeit der Dekolonisation bezeichnen, da viele Länder der Dritten Welt sich von den Kolonialmächten zu emanzipieren begannen und Befreiungskriege gegen diese führten. Jedoch waren zahlreiche Länder auf das Ende der Kolonialisierung nicht vorbereitet, was vielerorts autokratische Regimes entstehen ließ, die ebenfalls mit Guerillakriegen konfrontiert wurden.[88] Die Studentenbewegung nahm großen Anteil an den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, hauptsächlich an jenen in Südamerika und Südostasien. Die linken Studenten sahen sich als Teil der Befreiungsbewegungen gegen den Imperialismus, besonders das Thema Vietnam hatte „für die Protestgeneration die Bedeutung und Funktion eines einer Bekehrung gleichenden Erlebnisses. Es fiel ihnen wie Schuppen von den Augen: Das ist der monopolkapitalistische Imperialismus, der die Völker ausrottet, wie Hitler es mit den Juden getan hat. Die westliche Demokratie ist ein Betrug, über den wir das Volk aufklären müssen.“[89] Es wurde die Gleichung aufgestellt, daß Vietnam sei gleich Auschwitz, und dies galt es zu verhindern. Hier zeigte sich auch ganz deutlich die Korrespondenz und die Verwobenheit der Begriffe Antiimperialismus und Antifaschismus, die sich gegenseitig ergänzten und bedingten. Jedoch muß man auch erkennen, daß die Identifikation der Studenten mit der Dritten Welt Mut machen sollte, „indem man eine weltweite Einheitsfront der Unterdrückten behauptete“[90] und sich damit selber zu „einem wichtigen Faktor des globalen Gesamtkonflikts“[91] aufwertete.

Die neuen Helden der Protestbewegung waren unter anderem Ernesto Che Guevara, Fidel Castro und Ho Chi Minh. „Die Identifikationssucht machte auch vor bereits damals überführten Massenmördern wie Stalin oder Mao Tse-tung nicht halt.“[92] Die neuen, vermeintlichen Verbrecher waren dann auch schnell gefunden: Die USA galten als die imperialistische Großmacht, die Marionettenregimes in der ganzen Welt unterstütze, um die eigenen kapitalistischen Interessen zu bewahren.[93] Ebenso wurde die Bundesrepublik von den Studenten als ein imperialistischer Staat identifiziert, denn die westdeutsche Regierung unterstütze die USA in ihren imperialistischen Bestrebungen indirekt, wenn nicht sogar direkt: „Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie die Bundesrepublik sich zum Komplizen der gegenwärtig brutalsten Macht in der Welt [USA] macht. Wir können den Kampf des vietnamesischen Volkes gegen die USA nur wirksam unterstützen durch unseren eigenen Kampf gegen die Stützpunkte und Niederlassungen der USA in der Bundesrepublik.“[94]

II. Die Entstehung der Roten Armee Fraktion

1. Vorphase

In der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 brach in den Frankfurter Kaufhäusern „Schneider“ und „Kaufhof“ Feuer aus. Es entstand nur ein geringer Sachschaden, Menschen kamen dabei nicht zu Schaden. Es stellte sich danach bald heraus, daß es sich in beiden Fällen um Brandstiftung handelte, einen Bekenneranruf hatte es auch gegeben. Kurz nach Mitternacht rief eine Frau im Frankfurter Büro der Deutschen Presseagentur (DPA) an und sagte: „Gleich brennt´s bei Schneiders und im Kaufhof. Es ist ein politischer Racheakt.“[95] Hinweise auf die Täter gingen bald ein, ein paar Tage später wurden Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll und Horst Söhnlein wegen Brandstiftung festgenommen[96]. „Im Auto entdeckten die Fahnder Uhrenteile, den Glühkopf eines Batteriezünders, Reste des Klebebandes, mit dem die Bomben umhüllt waren, und sonstige zum Bau eines Sprengsatzes geeignete Materialien.“[97]

Am 14. Oktober 1968 begann der Prozeß gegen die Brandstifter. Erst hatten die Angeklagten die Aussage verweigert, mit der Begründung, gegen eine Klassenjustiz sei es sinnlos sich zu verteidigen. Ein paar Tage später sagte dann doch Gudrun Ensslin aus, was die Intention für die Brandstiftung gewesen war: Man wollte ein Fanal gegen den Vietnam-Krieg setzen. „Wir taten es aus Protest gegen die Gleichgültigkeit, mit der die Menschen dem Völkermord in Vietnam zusehen. Wir haben gelernt, daß Reden ohne Handeln unrecht ist.“[98] Weiter führte Ensslin aus, daß sie sich nicht für ein paar verbrannte Schaumstoffmatratzen interessiere, sondern für die verbrannten Kinder in Vietnam.[99] Horst Mahler hatte das Mandat für Baader übernommen und plädierte dafür, die Angeklagten milde zu bestrafen: „Das Zuchthaus ist nicht der richtige Aufenthalt für diese Angeklagten. Wenn sie trotzdem ins Zuchthaus geschickt werden, so könnte man die Schlußfolgerung ziehen, daß in dieser Gesellschaft das Zuchthaus der einzige Aufenthaltsort für einen anständigen Menschen ist.“[100] Auch Ulrike Meinhof, die als Prozeßbeobachterin teilnahm, kommentierte in einer Konkret-Kolumne die Kaufhausbrandstiftung: „Gegen Brandstiftung im besonderen spricht, daß dabei Menschen gefährdet werden könnten, die nicht gefährdet werden sollen. Gegen Warenhausbrandstiftung im besonderen spricht, daß dieser Angriff auf die kapitalistische Konsumwelt ... eben diese Konsumwelt nicht aus den Angeln hebt. Den Schaden – sprich Profit – zahlt die Versicherung.“[101] Die Straftat sei eher systemerhaltend und konterrevolutionär, eine antikapitalistische Aktion habe hier nicht stattgefunden. Jedoch unterstützte und verteidigte sie auch die Brandstifter: „Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch.“[102]

Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein wurden am 31. Oktober 1968 zu drei Jahren Zuchthaus wegen menschengefährdender Brandstiftung verurteilt. Die Kaufhausbrandstiftung war aber für viele scheinbar nur eine Bagatelldelikt, ein richtiges Zeichen gegen den Vietnam-Krieg.[103] Jedoch hätte man diese Aktion als ein „frühzeitiges Signal eines möglicherweise einsetzenden Terrorismus.“[104] sehen können. Die späteren Mitglieder der Gründergeneration der RAF trafen hier aufeinander: Baader und Ensslin auf der Anklagebank, Mahler als Verteidiger und Meinhof als Prozeßbeobachterin. Hier wurde schon der Grundstein für die spätere Terroristengruppe gelegt.[105]

Da Baader, Ensslin, Proll und Söhnlein bereits mehrere Monate ihrer dreijährigen Strafe in der Untersuchungshaft abgesessen hatten und die Verteidiger Revision beantragten, wurden sie vorerst entlassen. Gudrun Ensslin und Andreas Baader engagierten sich nach dem Prozeß im sogenannten „Staffelberg-Projekt“ für entlaufene Fürsorgezöglinge, bei dem sie auch wieder mit Ulrike Meinhof zusammentrafen.[106] Als im November 1969 der Revisionsantrag abgelehnt und somit das Frankfurter Urteil rechtskräftig wurde, beschlossen Andreas Baader und Gudrun Ensslin unterzutauchen und setzten sich nach Frankreich, später nach Italien ab. In Italien trafen sie Horst Mahler, dem wegen seiner aktiven Rolle bei der Anti-Springer Demonstration nach dem Attentat auf Dutschke die Anwaltszulassung entzogen worden war. Mahler erzählte Baader und Ensslin von einer militanten „APO-Avantgarde“, die sich gerade in Berlin zu bilden begann. Baader und Ensslin waren bereit, nach Deutschland zurückzukehren und sich aktiv an dem Aufbau dieser Gruppe zu beteiligen. In Berlin tauchten sie dann auch eine Zeit bei Ulrike Meinhof unter. Am 4. April 1970 wurde jedoch Andreas Baader bei einer Verkehrskontrolle festgenommen.[107]

2. Lebensläufe

Es erscheint sinnvoll, die Lebensläufe der späteren Terroristen zum besseren Verständnis der RAF darzustellen. Woher stammten sie? Welchen Weg waren sie gegangen, der sie Anfang der siebziger Jahre in den Terror führte? Hier soll der Werdegang von drei Mitgliedern der Gründergeneration der RAF skizziert werden. Es zeigt sich dabei, daß es drei vollkommen unterschiedliche Lebensläufe waren, die zum Terrorismus führten: Zum einen Gudrun Ensslin, die scheinbar aus einem maßlos übersteigertem Moralismus heraus den Weg des Terrorismus wählte, zum anderen die erfolgreiche Journalistin Ulrike Meinhof, die keinen Sinn mehr in ihrer Arbeit sah und meinte, durch Terrorismus endlich etwas verändern zu können. Und letztendlich Andreas Baader, bei dem moralische und politische Impulse wohl weniger im Mittelpunkt standen. Bei ihm könnte man im Hinblick auf seinen Lebenslauf annehmen, daß pure Abenteuerlust und die Neigung zur Gewalt eine Rolle gespielt haben könnten.

a) Gudrun Ensslin

Gudrun Ensslin wurde am 15. August 1950 als viertes von sieben Kindern in der Nähe von Schwäbisch-Gmünd geboren. Der Vater, Helmut Ensslin, war in der Ortschaft Bartholomä seit 1937 der evangelische Pfarrer und entstammte der Bekennenden Kirche. Pfarrer Ensslin und Frau Ilse hatten der Wandervogelbewegung angehört. „Positiv gegenüber einem Ausgleich mit Moskau, kritisch gegenüber Adenauers Westbindung und der Wiederbewaffnung, war Helmut Ensslin, der eine oft widersprüchliche Persönlichkeit war, marxistischem Gedankengutes nicht abgeneigt.“[108]

Gudrun Ensslin, vom protestantischen Pietismus und Moralismus ihres Elternhauses geprägt, engagierte sich schon früh im Evangelischen Jugendwerk und leitete Bibelkreise. Ende der sechziger Jahre war sie für ein Jahr als Austauschschülerin in den USA und wohnte dort bei einer wohlhabenden Methodistenfamilie. Sie entdeckte „mit Empörung den Widerspruch zwischen einer sich christlich dünkenden Gesellschaft und der sozialen Realität, die alles andere als christlich war, in der es Armut und tiefe Klassengegensätze gab, in der Intoleranz und Ignoranz herrschten.“[109] Gudrun Ensslin wurde als sehr hilfsbereit und sensibel beschrieben, aber auch als „Mensch des Absoluten“ mit einer „völlig furchtlosen Natur und Veranlagung.“[110] Günter Grass, der Gudrun Ensslin in Berlin kennengelernt hatte, charakterisierte sie später folgendermaßen: „Sie war idealistisch, mit einem eingeborenen Abscheu vor jedem Kompromiß. Sie hatte ein Verlangen für das Absolute, die perfekte Lösung.“[111]

Nach dem Abitur studierte sie in Tübingen Germanistik, Anglistik und Pädagogik. Dort lernte sie auch Bernward Vesper, Sohn des Dichters Will Vesper, dem „nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Dichter“[112], kennen und heiratete ihn später auch. Die beiden gründeten den Verlag „Studio für neue Literatur“ und brachten Bücher wie „Gegen den Tod. Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“ heraus. Anfang 1964 legte Gudrun Ensslin die erste Prüfung für das Lehramt an Volksschulen ab. Anschließend zogen Ensslin, die mittlerweile ein Stipendium von der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“ erhalten hatte, und Vesper nach Berlin und engagierten sich dort als Wahlhelfer für die SPD. Als aber 1966 die Große Koalition gebildet wurde, wendete sich Gudrun Ensslin enttäuscht von der SPD ab: „Wir mußten erleben, daß die Führer der SPD selbst Gefangene des Systems waren, die politische Rücksichten nehmen mußten auf die wirtschaftlichen und außerparlamentarischen Mächte im Hintergrund.“[113]

Wie auch viele andere Studenten, wurde Gudrun Ensslin durch die aufkommende Protestbewegung politisiert. Aber vor allem der 2. Juni 1967 löste bei ihr eine fortschreitende Radikalisierung aus. Ihre Reaktion auf den Tod Benno Ohnesorgs soll nach Aussagen eines SDS-Mitgliedes hysterisch gewesen sein[114] Er erinnerte sich daran, daß Gudrun Ensslin erklärte: „Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Dies ist die Generation von Auschwitz – mit denen kann man nicht argumentieren! Die haben Waffen und wir nicht. Wir müssen uns bewaffnen!“[115] Jillian Becker bemerkte dazu, daß der 2. Juni für Gudrun Ensslin eine Art Offenbarungserlebnis gewesen sein muß, denn der Tod Ohnesorgs habe sie dazu veranlaßt, ihre pazifistische Position aufzugeben.[116] Die politischen Aktivitäten des SDS gingen ihr nicht mehr weit genug: „Gudruns Freunde, so ihre Anklage, täten nichts außer reden und schreiben, sie quatschten endlos über die Theorie, aber taten nichts. Sie selber wollte vom Abwarten, vom Planen, von Diskussionen und von Mäßigung nichts mehr hören.“[117] 1967 lernte sie Andreas Baader kennen. „Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Und dennoch ergänzen sie einander auf eine symbiotische Art und Weise.“[118] Jillian Becker charakterisierte die Beziehung Baaders und Ensslins als eine Verbindung von Fanatismus und Skrupellosigkeit.[119]

Kurze Zeit später brach Gudrun Ensslin mit ihrem bürgerlichen Leben: Sie verließ Bernward Vesper sowie ihren 1967 geborenen Sohn Felix und distanzierte sich vom Elternhaus.

b) Andreas Baader

Andreas Baader wurde am 6. Mai 1943 in München geboren. Sein Vater, Dr. Berndt Phillipp Baader, war 1945 im 2. Weltkrieg gefallen. Andreas Baader wurde von seiner Mutter Anneliese, der Großmutter und mehreren Tanten großgezogen, die ihn verwöhnten und verhätschelten. Baader galt schon früh als Problemkind und Querulant, er wurde als intelligent und sprunghaft charakterisiert, aber auch als aggressiver Angeber.[120] „Andreas hatte nie Angst,“ urteilte seine Mutter. „Er führte alles bis zur letzten Konsequenz durch.“[121] Die Oberschule brach er ab und wurde wegen seiner Motorrad- und Autodiebstähle mehrmals verhaftet. Am 2. Juni 1967 saß er sogar in Traunstein eine Haftstrafe wegen Fahrens ohne Führerschein und Motorraddiebstahls ab. Um sich dem Wehrdienst und seinen anderen Problemen zu entziehen, ging er Anfang der sechziger Jahre nach West-Berlin. Dort trieb er sich in der Berliner Halbwelt herum und wurde von der Malerin Ellinor Michel, mit der er 1965 ein Kind bekam, finanziert. Er galt als Frauenheld, Angeber und Maulheld.[122]

Mit Politik hatte Andreas Baader jedoch nichts am Hut: „Weder die traditionelle Linke, noch die sich in nächster Nähe entwickelnde Protestbewegung fand in diesen Jahren sein Interesse.“[123] Der Staat war für ihn ein „beschissenes Scheißhaus“, an Demonstrationen, besonders nicht genehmigte, nahm er nur aus prinzipieller Ablehnung teil.[124] Erst durch die Beziehung mit Gudrun Ensslin kam Baader mit marxistischen Klassikern in Berührung. Bekannte erzählten, daß Gudrun Ensslin das, „was Andreas Baader eruptiv und lautstark von sich gegeben hätte, stets in eine gedankliche, in eine politische Form gebracht habe. Sie habe ihn verdolmetscht, seinen Aktionismus auf eine intellektuelle Ebene erhoben. ,Kopf und Bauch‘ nennen einer ihrer Weggenossen diese Symbiose.“[125] Rabert beispielsweise charakterisierte Baader richtigerweise als ein Musterbeispiel für den in der RAF vorherrschenden Eklektizismus: „Besessenheit und Geltungssucht ersetzten bei ihm die intellektuelle Potenz und Theoriekenntnis.“[126]

c) Ulrike Meinhof

Ulrike Meinhof wurde am 7. Oktober 1934 in Oldenburg geboren. Der Vater, Dr. Werner Meinhof, verlor wegen seiner sozialistischen Meinung in der NS-Zeit die Anstellung. Werner und Ingeborg Meinhof schlossen sich in der „Hessischen Renitenz“ der kirchlichen Opposition an, auch hatten sie über den älteren Bruder Werner Meinhofs Kontakt zur „Bekennenden Kirche“. 1940 starb der Vater überraschend an Krebs, die Mutter studierte daraufhin Kunstgeschichte, um die Familie ernähren zu können. An der Universität lernte Ingeborg Meinhof Renate Riemeck kennen. Diese übernahm nach dem Tod Ingeborg Meinhofs die Erziehung Ulrikes und ihrer Schwester Wienke.[127] Renate Riemeck, später Professorin für Pädagogik an der Universität Braunschweig, hatte großen Einfluß auf Ulrike Meinhof, politisch wie persönlich.[128]

Ulrike Meinhof galt als intelligenter und ernster Mensch, der sich für andere einsetzte und einen starken Sinn für Freundschaft hatte. So urteilte Freimut Duve über sie: „Ich habe diese Fähigkeit zur Treue immer an ihr bewundert und ein bißchen gefürchtet, die sich auch im ganz persönlichen Bereich ausdrückte, die Hingabefähigkeit zur Familie, zum Freundeskreis.“[129] Renate Riemeck charakterisierte sie als eine äußerst moralischen Menschen.[130]

1955 machte Ulrike Meinhof Abitur und begann ihr Studium der Psychologie, Pädagogik und Kunstgeschichte an der Universität Marburg; später wechselte sie nach Münster. Sie engagierte sich in dieser Zeit in „Kampf dem Atomtod“-Ausschuß, in Münster wurde sie dann zur Sprecherin des Ausschusses gewählt. 1958 trat Ulrike Meinhof dem SDS bei. Bernhard Rabert beschrieb hier ganz deutlich die politische Entwicklung von Ulrike Meinhof, die sie in ihrer Studienzeit machte: „In Münster entwickelte sie als Aktivistin gegen Atomwaffen und Wiederbewaffnung den tiefverwurzelten, mehr emotional als rational begründeten Pazifismus und die unversöhnliche Frontstellung gegen alles Militärische, was später zum Nährboden für die übersteigerten Imperialismusvorwürfe wurde.“[131]

In der Zeit in Münster brachte sie mit ihrem Kommilitonen Jürgen Seifert eine Zeitschrift mit dem Namen „argument“ heraus, in der sie ihre ersten journalistischen Versuche unternahm. In „argument“ übte sie auch harsche Kritik an der Adenauer-Regierung und deren Antikommunismus; dieser ersetze nämlich nur den Antisemitismus. So schrieb sie: „Millionen wählten Adenauer, aber sie vertrauten darauf, daß die Konsequenz eines Atomkrieges nie Wirklichkeit wird. Millionen wählten Adenauer und merken nicht, daß sein Antikommunismus Völkerhaß erzeugt.“[132] Bei einer Pressekonferenz lernte Ulrike Meinhof 1958 Klaus Rainer Röhl kennen, Chefredakteur der linken Hamburger Studentenzeitung „konkret“, die lange Zeit von der DDR finanziert wurde.[133] Ulrike Meinhof wurde im Januar 1960 Chefredakteurin von „konkret“, Dezember 1961 heirateten sie und Klaus Rainer Röhl.

Ihre Kolumnen wurden sehr erfolgreich und machten sie und „Konkret“ bekannt. Besonders die Klage von Franz-Josef Strauß gegen Ulrike Meinhof, weil sie ihn mit Hitler verglichen hatte, brachte ihr Publizität ein. Themenschwerpunkte ihrer Leitartikel waren immer wieder die „restaurativen Tendenzen“ der Bundesrepublik und die „braundeutschen Politiker“. In ihren Leitartikeln war schon früh ein stark ausgeprägter Antifaschismus erkennbar.[134] Auch die Große Koalition, die Kritik an den Notstandsgesetzen und der amerikanischen Politik thematisierte sie in ihren Artikeln. Nach einer inhaltlichen Umstrukturierung von „Konkret“ begann der Aufstieg des Magazins. Die Röhls verkehrten in den Hamburger Schickeriakreisen, die sich gerne mit der „Star-Kolumnistin“ schmückten.[135] Ulrike Meinhof konnte aber immer weniger den Widerspruch zwischen ihrer engagierten journalistischen Arbeit und dem bürgerlichen Leben in der „Partyrepublik“ ertragen: „Die Aufnahme ins Establishment, die Zusammenarbeit mit den Studenten – derlei, was lebensmäßig unvereinbar scheint, zerrt an mir, reißt an mir.[136] Erst die Trennung von Klaus Rainer Röhl, der Umzug von Hamburg nach Berlin und die damit verbundene Intensivierung des Kotaktes mit der Studentenbewegung, hoben diesen Widerspruch auf. Ulrike Meinhof unterstützte in Berlin den SDS und nahm an dessen Kampagnen teil. Jedoch blieb sie in Berlin isoliert und fand nicht so recht den Anschluß an die Studentenbewegung.[137]

Der Tod Ohnesorgs am 2. Juni 1967 war für sie ebenfalls ein einschneidendes Erlebnis. In einer Kolumne schrieb sie, Ohnesorg sei ein „letztes und wieder ein erstes Opfer [von] SS-Geist und -Praxis“.[138] Auch der Vietnam-Krieg, dessen imperialistischen Charakter sie immer deutlicher zu erkennen meinte, war ein wichtiges Thema in ihren Artikeln.[139] Ulrike Meinhof begann sich immer deutlicher von den politischen Vorstellungen der traditionellen Linken abzuwenden. Der neugegründeten Deutschen Kommunistischen Partei konnte sie keine Sympathie mehr entgegenbringen, denn diese war ihr nicht radikal genug[140]: „Was da legal geworden ist, das ist kommunistischer Sozialdemokratismus.“[141] Ihre Kolumne zeigten immer deutlicher, daß sie sich weiter zu einer radikaleren politischen Linie hin entwickelte.[142]

Nach der endgültigen Trennung von „Konkret“ im Jahr 1969 konzentrierte Meinhof ihre journalistische Arbeit überwiegend auf soziale Randgruppen, wie Fürsorgezöglinge oder Heiminsassen.[143] Vor allem ist hier ihre Arbeit am Drehbuch zum Fernsehspiel „Bambule“ zu nennen, in dem die Situation von Heimkindern dargestellt werden sollte. „Heimerziehung, das ist das Büttel des Systems, der Rohrstock, mit dem proletarischen Jugendlichen eingebleut wird, daß es keinen Zweck hat, sich zu wehren ... Bambule, da ist Aufstand, Widerstand, Gegengewalt – Befreiungsversuche.“[144] Ulrike Meinhof begann jedoch immer mehr die Wirksamkeit ihrer journalistischen Arbeit anzuzweifeln, sie glaubte bald nicht mehr daran, überhaupt etwas damit bewegen zu können.[145] Die Begegnung mit Gudrun Ensslin und Andreas Baader sollte den letzten Anstoß geben, ihr legales Leben aufzugeben und in den Untergrund zu gehen: „Das Leben der Kaufhausbrandstifter schien ihr viel konsequenter als ihr eigenes.“[146] Besonders die Unbeugsamkeit und die Konsequenz einer Gudrun Ensslin beeindruckte Ulrike Meinhof: „Die sechs Jahre jüngere Gudrun war die wahre Vorreiterin für Ulrikes Kreuzzugsstreben.“[147]

Andreas Baader stellte sie letztendlich vor die Wahl: Sie „müsse sich entscheiden, sie könne nicht eine revolutionäre Politik betreiben und gleichzeitig beruflich Karriere machen.“[148] Am 14. Mai 1970 beendete Ulrike Meinhof ihr legales Leben, als sie maßgeblich an der Befreiung Baaders beteiligt war.

[...]


[1] RAF: Die Auflösungserklärung der RAF, März 1998, in: http://www.kurtuluscephesi.com/raf/raf3.html (2.07.2002)

[2] Um nur einige zu nennen: Uwe Backes: Geistige Wurzeln des Linksterrorismus in Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 1992, B 3-4, S.40; Gerd Langguth: Protestbewegung. Entwicklung, Niedergang, Renaissance. Die Neue Linke seit 1968, 2.A., Köln 1984; anderer Meinung ist beispielsweise: Heinz Steinert: Erinnerung an den „linken Terrorismus“, in: Henner Hess: Angriff auf das Herz des Staates. Soziale Entwicklung und Terrorismus, 1.A., Frankfurt a.M. 1988, S.15-54, S.17.

[3] Fred Luchsinger: Nicht zur Revolution disponiert. Zehn Jahre nach dem Aufruhr, in: K.E. Becker / H.-P. Schreiner (Hrsg.) Anti-Politik. Terrorismus – Gewalt – Gegengewalt, Hannover 1979, S. 75-78, S.77.

[4] Bernd Guggenberger: Die Praxis der Systemkritik, in: Die politische Meinung, 23. Jg., Heft 181, 1978, S.35-46, S.38.

[5] Vgl. Hans Josef Horchem: Extremisten in einer selbstbewußten Demokratie, Freiburg 1975, S.15.

[6] RAF: Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, 1.A., Berlin 1997

[7] RAF: Bewaffneter Kampf. Texte der RAF. Auseinandersetzung und Kritik, 2.A., o.O. 1976

[8] Ebd.: texte: der RAF, 1.A., Malmö 1977

[9] Beispielsweise: Michael „Bommi“ Baumann: Wie alles anfing, München 1975; Stefan Wisniewski: „Wir waren so unheimlich konsequent...“, Ein Gespräch zur Geschichte der RAF, Berlin 1997; Oliver Tolmein: „RAF – das war für uns Befreiung“. Ein Gespräch mit Irmgard Möller über den bewaffneten Kampf, Knast und die Linke, 2. A., Hamburg 1999

[10] Presse- und Informationsdienst der Bundesregierung (Hrsg.): Dokumentation zu den Ereignissen und Entscheidungen im Zusammenhang mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine „Landshut“, 2.A., Bonn 1977

[11] Gerd Langguth: Mythos ´68: Die Gewaltphilosophie von Rudi Dutschke – Ursachen und Folgen der Studentenbewegung, München 2001

[12] Ebd., Protestbewegung, siehe Anm.1

[13] Butz Peters: RAF. Terrorismus in Deutschland, Stuttgart 1991

[14] Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, erweiterte und aktualisierte Ausgabe, München 1998

[15] Bernhard Rabert: Links- und Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland von 1970 bis heute, Bonn 1995

[16] Iring Fetscher / Günter Rohrmoser: Ideologien und Strategien, Analysen zum Terrorismus, Band 1, hrsg. vom Bundesministerium des Inneren, Opladen 1981

[17] Vgl. Langguth, Protestbewegung, S.17; siehe auch: Ders.: Studentenrevolte – was blieb?, in: Die politische Meinung, 23. Jg., Heft 181, 1978, S.47-54, S.48-49.

[18] Beispielsweise Helmut Schlesky und Ludwig von Friedeburg, siehe: Langguth, Mythos ´68, S. 17; siehe auch Langguth, Protestbewegung, S.19.

In den 50er Jahren war dies tatsächlich der Fall, die Mehrheit der westdeutschen Jugend war gegenüber politischen Fragen zumeist gleichgültig eingestellt. Jedoch gab es auch hier politische Initiativen, beispielsweise die „Anti-Atomtod-Bewegung“. Siehe: Mario Krebs: Ulrike Meinhof. Ein Leben im Widerspruch, Reinbek 1988, S.30; Langguth, Mythos, S.19.

[19] Wolfgang Kraushaar: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur, Hamburg 2000, S.212; s.a. Manfred Funke: Extremismus und offene Gesellschaft, in: Ders.: Extremismus im demokratischen Rechtsstaat. Ausgewählte Texte und Materialien, Düsseldorf 1978, S.15-46, S.15.

[20] Vgl. hierzu: Rabert, Linksterrorismus, S.89; Kraushaar, Mythos, S.25; Hier sind nur einige Länder zu nennen: Frankreich, Spanien, Italien, Türkei, Brasilien, Mexiko.

[21] SDS = Sozialistischer Deutscher Studentenbund. Der SDS war der Studentenverband der SPD, jedoch erklärte 1961 die SPD, daß eine Mitgliedschaft im SDS mit der SPD-Parteinangehörigkeit unvereinbar sei, denn der SDS wurde „kommunistischer Umtriebe“ verdächtigt. Der SDS wiederum bescheinigte der SPD einen Rechtsruck. Ausgangspunkt der ideologischen Differenzen war hier das „Godesberger Programm“ der Sozialdemokraten von 1958, in dem sich diese endgültig von marxistischen Grundpositionen verabschiedeten.

[22] Langguth, Mythos, S.26. Auf die Begriffe „Imperialismus“ und „Faschismus“ soll in einem folgenden Kapitel eingegangen werden.

[23] Langguth, Mythos, S.35; siehe auch: Baumann: Wie alles anfing, S.35; Vgl. auch Sebastian Scheerer: Deutschland: Die ausgebürgerte Linke, in: Hess, Angriff, S.276.

[24] Aufschrift auf Transparenten, mit denen die Studenten der Universität Hamburg bei einer Immatrikulationsfeier im November 1967 gegen die nationalsozialistische Vergangenheit von Professoren protestierten, vgl.: Jillian Becker: Hitlers Kinder? Der Baader-Meinhof-Terrorismus, Frankfurt a.M. 1978 S.134-135.

[25] Kraushaar, Mythos, S.199.

[26] Vgl. ebd., S.200.

[27] Am 7. Mai 1965 hatte der Rektor der FU Berlin, Hans-Joachim Lieber, die Teilnahme des Schriftstellers Erich Kuby an einer Podiumsdiskussion durch Hausverbot verhindert, da Kuby sich über die Universität kritisch geäußert hatte. In der folgenden Woche bildeten die Studenten eine sogenannte „picketing line“(=Streikposten-Linie) um das FU-Gebäude gegen das Redeverbot Kubys, und im Otto-Suhr-Institut wurde ein befristeter Streik durchgeführt.

[28] Zit. nach: Scheerer, Linke, S.259, s.a.: Gretchen Dutschke: Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben, München 1998, S.84-87.

[29] Langguth, Mythos, S.22.

[30] Sit-in = Sitzstreik.

[31] Langguth, Mythos, S.21.

[32] Vgl. ebd., S.104; siehe auch: Ders., Studentenrevolte, S.47.

[33] Vgl. Langguth, Protestbewegung, S.43; Der Vorwurf des „Faschismus“ soll im nächsten Kapitel noch eingehender bearbeitet werden.

[34] Vgl. hierzu: Dieter Claessens / Karen de Ahna: Das Milieu der Westberliner „scene“ und die „Bewegung 2.Juni“, in: Baeyer-Katte / Claessens, Gruppenprozesse, S.20-181, S.59 u. 83.

[35] Vgl. Scheerer, Linke, S.261.

[36] Vgl. Neidhardt, Bedingungen, S.335.

Es blieb nicht nur bei Beschimpfungen, sondern es kam auch zu Handgreiflichkeiten. Auf einer Kundegebung von Berliner Senat u.a. gegen den Vietnam-Kongreß des SDS, griffen die Demonstranten eine jungen Mann an, der Rudi Dutschke ähnlich sah. Der junge Mann konnte sich nur noch mit Hilfe der Polizei retten. Vgl. Dutschke, Leben, S.189.

[37] Langguth, Mythos, S.23.

[38] Zur Kommune I siehe: Scheerer, Deutschland, S.261.

[39] Zit. nach: Claesses,/Ahna, Milieu, S.67.

[40] Ebd.

[41] „Napalm und Pudding“, konkret Nr. 5, 1967, in: Klaus Rainer Röhl / Hajo Leib (Hrsg.): Ulrike Meinhof. Dokumente einer Rebellion. 10 Jahre konkret-Kolumnen, Hamburg 1972, S.72.

[42] abgedruckt in: Peter Mosler: Was wir wollten, was wir wurden. Zeugnisse der Studentenrevolte, Reinbek 1988, S.55.

[43] Ebd.

[44] Zit. nach: Langguth, Mythos, S.57.

[45] Vgl. ebd., S.55.

[46] Vgl. Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.57.

[47] Rabert, Linksterrorismus, S.91; ebenso Joachim Wiesner: Studenten-Protest, „Außerparlamentarische Opposition“ und Gesellschafts-Revolution in den 60er Jahren, in: Die neue Ordnung, 24. Jg., 1970, S.262-279, S.274.

[48] Vgl. Claessens/Ahna, Milieu, S.72.

[49] Siehe hierzu: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Frankfurter Schule und Stundentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail. 1946 bis 1995, Band II: Dokumente, Hamburg 1998, S.251-255; siehe auch: Iring Fetscher: Terrorismus und Reaktion, Köln/Frankfurt a.M. 1977, S.15.

[50] Vgl. Langguth, Protestbewegungen, S.28; Peters, RAF, S.70.

[51] Baumann, Wie alles anfing, S.40; Klaus Rainer Röhl weist ebenfalls darauf hin, welche Auswirkungen das Attentat auf Rudi Dutschke auf das Klima in der Bundesrepublik hatte: Klaus Rainer Röhl: Fünf Finger sind keine Faust, Köln 1974, S.271.

[52] Vgl. Kraushaar, Mythos, S.35, Rabert, Linksterrorismus, S.92; Neidhardt, Bedingungen, S.334.

[53] Vgl. Claessens/Ahna, Milieu, S.88.

[54] Langguth, Mythos, S.108.

[55] Siehe hierzu ausführlicher: Langguth, Protestbewegung, S.52-56.

[56] Vgl. Uwe Backes: Bleierne Jahre. Baader-Meinhof und danach. Erlangen/Bonn/Wien 1991, S.56.

[57] Langguth, Mythos, S.27.

[58] Siehe hierzu: Gerhard Fels: Der Aufruhr der 68er. Zu den geistigen Grundlagen der Studentenbewegung und der RAF, Bonn 1998, 45-65 und S.89-95.

[59] Siehe hierzu: Ulrich Gmünder: Kritische Theorie. Horkheimer, Adorno, Marcuse, Habermas, Stuttgart1985; Fels, Aufruhr, S.45-53.

[60] Vgl. Langguth, Mythos, S.27.

[61] Vgl. ebd., S.29; ebenso: Malte Buschbek: Die Verwilderung der Argumente, in: Arbeitsstab „Öffentlichkeitsarbeit gegen Terrorismus“ im Bundesministerium des Innern (Hrsg.): Hat sich die Republik verändert? Terrorismus im Spiegel der Presse, Bonn 1978, S.7-18, S.12.

[62] Vgl. ebd.

[63] Vgl. Guggenberger, Systemkritik, S.38.

[64] Vgl. Fels, Aufruhr, S.66; Langguth, Mythos, S.30: Langguth ist der Meinung, daß dies damit zusammenhing, daß er durch die Studentenbewegung weltweit bekannt wurde; Einen sehr kritischen Aufsatz über Marcuse haben verfaßt: Günther Heckelmann/ Lucas Heumann: Herbert Marcuse und die Szene 1978, in: Die politische Meinung, 23. Jg., Heft 181, 1978, S.55-69.

[65] Siehe: Herbert Marcuse: Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, Darmstadt/Neuwied 1974

[66] Siehe: Ders.: Triebstruktur und Gesellschaft, Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Frankfurt a.M. 1967.

[67] Siehe: Ders.: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied/Berlin 1968.

[68] Siehe: Ders.: Repressive Toleranz, Auszüge in: Kraushaar, Frankfurter Schule, Band II, S.211 (erschienen in: Wolff, Robert Paul, Moore, Barrington/Marcuse, Herbert: Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt a.M. 1973).

[69] Vgl. Bernd Lutz (Hrsg.): Metzlers Philosophen Lexikon, 2. A., Stuttgart 1995, S.564-568, S.564; Gmünder, Kritische Theorie, S.102.

[70] Vgl. Lutz, Philosophen, S.567.

[71] Vgl. Langguth, Mythos, S.32; siehe auch: Fels, Aufruhr, S.75.

[72] Vgl. Fels, Aufruhr, S.76; siehe auch: Becker, Kinder, S:48-49.

[73] Vgl. Langguth, Mythos, S.32.

[74] Vgl. Rabert, Linksterrorismus, S.100.

[75] Marcuse, Repressive Toleranz, in: Kraushaar, Frankfurter Schule, Band II, S.211.

[76] Vgl. Lutz, Philosophen, S.567; siehe auch: Bruno Jahn (Hrsg.): Biographische Enzyklopädie deutschsprachiger Philosophen, München 2001, S.268-269, S.269.

[77] Vgl. Langguth, Mythos, S.33.

[78] Vgl. Friedrich H. Tenbruck: Auch wenn die Aktionsfront zerbrochen ist ... Der „lange Marsch durch die Institutionen“ – heute, in: Die politische Meinung, 23. Jg., Heft 181, 1978, S.25-34 , S.31.

[79] Vgl. Bernard Rabert: Terrorismus in Deutschland. Zum Faschismusvorwurf der deutschen Linksterroristen, Bonn 1991, S.39; „Spiegel“-Interview mit Horst Mahler und Gerhart Baum „Wir müssen raus aus den Schützengräben“, in: Der Minister und der Terrorist. Gespräche zwischen Gerhart Baum und Horst Mahler, hrg. Von Axel Jeschke und Wolfgang Malanowski, Reinbek 1980, S.11-84.

[80] Scheerer, Linke, S.194.

[81] Siehe hierzu das „Spiegel“-Interview mit Horst Mahler und Gerhart Baum „Wir müssen raus aus den Schützengräben“, Anm.60; Das Zitat von Gudrun Ensslin ist symptomatisch für diese Feindschaft: „Dies ist die Generation von Auschwitz – mit denen kann man nicht argumentieren!“, siehe Quellennachweis Anm. 38.

[82] Vgl. Fels, Aufruhr, S.21.

[83] Werner Fronober: Die Neue Linke, in: Die neue Ordnung, 26. Jg., 1972, S.270-278, S.275.

[84] Vgl. ebd., S.19.

[85] Vgl. Hans-Jürgen Wirth (Hrsg.): Hitlers Enkel oder Kinder der Demokratie? Die 68er-Generation, die RAF und die Fischer-Debatte, Gießen 2001, S.27.

[86] Vgl. ebenfalls „Spiegel“-Interview mit Horst Mahler und Gerhart Baum „Wir müssen raus aus den Schützengräben“, Anm. 61.

[87] Vgl. Fels, Aufruhr, S.20.

[88] Vgl. ebd., S.35.

[89] Günter Rohrmoser. Ideologische Ursachen des Terrorismus, in: Iring Fetscher / Günter Rohrmoser: Ideologien und Strategien. Analysen zum Terrorismus, Band 1, hrsg. vom Bundesministerium des Innern, Opladen 1981, S.282; siehe auch: Rudi Dutschke Referat auf dem „Internationale Vietnam-Kongreß“ in West-Berlin, 18.Februar 1968, in: Kraushaar, Frankfurter Schule, Band II, S.344: „In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen [...].“

[90] Guggenberger, Systemkritik, S.40

[91] Ebd.

[92] Kraushaar, Mythos, S.200; siehe auch: Karl Cornides: Die geistige Situation zu Beginn der siebziger Jahre, in: Europa-Archiv, 25. Jg., Folge 15-16, 1970, S.609-618, S.611; Wiesner, Studenten-Protest, S.278.

[93] Vgl. Ernesto Che Guevara: Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnams...“, in: www.partisan.net/archive/1967/266738.html (3.08.2002): „Der nordamerikanische Imperialismus ist der Aggression schuldig, seine Verbrechen sind ungeheuer und überziehen die ganze Welt.“

[94] Aufruf zur Teilnahme an dem Teach-in „Waffen für den Vietcong – Kampf dem USA-Terror“ und der anschließenden Demonstration zum US-Generalkonsulat, 2.Februar 1968, in: Kraushaar, Frankfurter Schule, Band II, S.339; siehe auch besonders die charakteristische Aussage Mahlers: „Spiegel“-Interview mit Horst Mahler und Gerhart Baum „Wir müssen raus aus den Schützengräben“, Anm. 61:

„Warum hat Willy Brandt nicht [...] früh und eindeutig gegen die amerikanische Vietnampolitik Stellung bezogen, obwohl wir das von Willy Brandt als einem Mann, der gegen den Faschismus gekämpft hat und der ganz klar auch erkannt hat, welche Rolle die USA in Indochina spiel, erwarten konnten?“

[95] Zit. nach: Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.66.

[96] Kurze Lebensläufe von Thorwald Proll und Horst Söhnlein bei: Becker, Hitlers Kinder, S.55-56.

[97] Ebd., S.67.

[98] Ebd., S.75.

[99] Vgl. Peters, RAF, S.54.

[100] Zit. nach: Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.77

[101] Warenhausbrandstiftung, konkret Nr. 14/1968, in: Röhl/Leib: Ulrike Meinhof, 87-88

Die Konkret-Journalistin Meinhof war von Gudrun Ensslins Radikalität und Konsequenz stark beeindruckt, auch wenn sie die Brandstiftung nicht direkt billigte. Vgl. Krebs, Leben, S.169 und S.171.

[102] Ebd.

[103] So bemerkte Fritz Teufel aus der Kommune I: „Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben.“

[104] Langguth, Mythos, S.57.

[105] Vgl. Horchem, Extremisten, S.15.

[106] Siehe hierzu ausführlicher: Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.85-87.

[107] Zu der Verhaftung siehe: ebd., S.111-114.

[108] Rabert, Linksterrorismus, S.118.

[109] Krebs, Leben, S.199.

[110] Fernsehinterview mit Ilse Ensslin 1972, zit. nach: ebd., S.201.

[111] Zit. nach: Becker, Kinder, S.62.

[112] Rabert, Linksterrorismus, S.118.

[113] Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.43.

[114] Vgl. Becker, Kinder, S.62.

[115] Zit. nach: Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.60.

[116] Vgl. Becker, Kinder, S.62.

[117] Ebd.

[118] Krebs, Leben, S.201.

[119] Vgl. Becker, Kinder, S.66.

[120] Vgl. ebd., S.196; Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.24; Rabert, Linksterrorismus, S.119.

[121] Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.24.

[122] Vgl. Becker, Kinder, S.65.

[123] Rabert, Linksterrorismus, S.120; s.a. Krebs, Leben, S.197.

[124] Vgl. Becker, Kinder, S.63.

[125] Krebs, Leben, S.201.

[126] Rabert, Linksterrorismus, S.120.

[127] Vgl. Krebs, Leben, S.22.

[128] Vgl. Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.33; Rabert, Linksterrorismus, S.171.

[129] zit. nach: Krebs, Leben, S.22.

[130] Vgl. ebd., S.43.

[131] Rabert, Linksterrorismus, S.171.

[132] Zit. nach: Krebs, Leben, S.45.

[133] Vgl. Rabert, Linksterrorismus, S.173; 1958 trat Ulrike Meinhof auch in die verbotene Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein.

[134] Krebs, Leben, S.88; Backes, Jahre, S.120.

[135] Vgl. Krebs, Leben, S.126.

[136] Brief von Ulrike Meinhof, 1967, zit. nach: Röhl, Fünf Finger, S.285; vgl. auch Krebs, Leben, S.127; s.a.: Rabert, Linksterrorismus, S.173; Becker, Kinder, S.132.

[137] Vgl. Becker, Kinder, S.137.

[138] Drei Freunde Israels, konkret Nr.7/1967, in: Röhl/Leib, Ulrike Meinhof, S.73.

[139] Vgl. Napalm und Pudding, in: Konkret Nr.5/1967, in: ebd., S.72; Vietnam, konkret Nr.5/1965, in: ebd., S.52; Vietnam und Deutschland, konkret Nr.1/1966, in: ebd., S.59.

[140] Vgl. Becker, Kinder, S.142.

[141] Sozialdemokratismus und DKP, konkret Nr.15/1968, in: Röhl/Leib, Ulrike Meinhof, S.89

Hier ist auch die Aussage Bernd Rabehls wichtig, welche die politische Radikalisierung Meinhofs deutlich macht: „Als sie hier Ende 67 auftauchte, da war sie dabei, uns zu überholen.“, zit. nach: Krebs, Leben, S.147.

[142] Dies berichtete auch Röhl, Fünf Finger, S.347: „Aber der Inhalt [der Artikel] ist nicht mehr der gleiche. Es ist nicht mehr die Friedens-, Verständigungs- und allenfalls Widerstandspolitik der früheren Jahre. Ulrike greift an. Auch Linke – Schlag auf Schlag.“

[143] Ulrike Meinhof war seit 1964 auch als Rundfunkjournalistin tätig und war hier ebenfalls sehr erfolgreich.

[144] Ulrike Meinhof in einem Hörfunkbericht 1969, zit. nach: Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.100.

[145] Vgl. Fetscher, Terrorismus, S.25.

[146] Aust, Baader-Meinhof-Komplex, S.106; ebenso Röhl, Fünf Finger, S.416.

[147] Becker, Kinder, S.151.

[148] Krebs, Leben, S.208.

Details

Seiten
125
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638206068
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15521
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Politisches Seminar
Note
1.0
Schlagworte
Terrorismus Motive Verläufe Ergebnisse Berücksichtigung Hochphase

Autor

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Titel: Der  Terrorismus der RAF. Motive, Verläufe und Ergebnisse unter besonderer Berücksichtigung der Hochphase 1977/78