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John Rawls - Der übergreifende Konsens

Seminararbeit 2009 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. John Rawls und die Bedeutung seines Werkes
1.1 John Rawls' Leben
1.2 Die Bedeutung des Werkes „Politischer Liberalismus"

2. Was ist der übergreifende Konsens?
2.1 Vom Pluralismus zum übergreifenden Konsens
2.2 Rawls' Auslegung des übergreifenden Konsenses
2.3 Der Unterschied zu einem modus vivendi

3. Der übergreifende Konsens zur Diskussion
3.1 Die Konsensfindung und ihre Probleme
3.2 Der unmoralische Konsens

Zusammenfassung und Resümee

Literaturverzeichnis

Vorwort

Der Pluralismus ist ebenso wie der Liberalismus ein entscheidendes Kennzeichen der Demokratie. Wie sie es schafft trotz der verschiedenen pluralistischen und liberalen Strömungen ihre Stabilität zu wahren, ist eine zentrale politische, philosophische und moralische Frage.

In der vorliegenden Arbeit soll RAWLS' Antwort auf diese Frage, die Konzeption des übergreifenden Konsenses, eruiert werden.

Den Schwerpunkt setze ich auf das Kapitel „Die Idee eines übergreifenden Konsenses" seines Buches „Politischer Liberalismus".

Nachdem ich sein Leben und die Bedeutung seines Werkes kurz vorstellen werde, möchte ich erklären, wie es überhaupt zu einem übergreifenden Konsens kommt, wie RAWLS diesen definiert und worin Unterschiede zu einem modus vivendi bestehen. Ein mir besonders wichtiger Teil dieser Arbeit ist der dritte Gliederungspunkt: „Der übergreifende Konsens zur Diskussion", in dem ich RAWLS Konzeption analysieren werde.

Die Hausarbeit soll einen Überblick über RAWLS Idee schaffen, wichtige Aspekte klären und anregen sich weiter und tiefer mit der Thematik zu beschäftigen. In Anbetracht der Kürze der Arbeit können sich meine Ausführungen nur auf die wichtigsten Punkte RAWLS' Theorie beschränken und erheben in keinem Fall den Anspruch die gesamten Facetten des übergreifenden Konsenses widerzugeben. Auch die angeführte Kritik am Schluss wird nur Argumente und offene Fragen behandeln, die mir besonders interessant erscheinen und die ich hervorheben möchte.

1. John Rawls und die Bedeutung seines Werkes

1.1 John Rawls' Leben

John RAWLS muss den einflussreichsten Vertretern der liberalen politischen Philosophie zugeordnet werden. Die Harvard University bezeichnet ihren Emeritus im Nachruf als den "most important political philosopher of the 20th century".[1]

RAWLS wurde 1921 in Baltimore (Maryland, USA) in ein politisch aktives Elternhaus geboren. Während sein Vater als möglicher Kandidat für den Senat der Vereinigten Staaten galt, kämpfte seine Mutter für die Gleichberechtigung der Frau. In Princeton nahm er ein Philosophiestudium auf, das er 1950 mit der Promotion abschloss. Später lehrte er als Professor an der Cornell Universität in Ithaca (New York, USA) und am MIT in Cambridge (Massachusetts, USA) bis er 1961 an die Harvard University in Cambridge wechselte, an der er zuerst als Philosophieprofessor arbeitete. Als Nachfolger des Nobelpreisträgers Kenneth Arrow hatte er dort ab 1979 die Position eines Harvard University Professors inne. Im Alter von 81 Jahren verstarb RAWLS 2002 infolge mehrerer Schlaganfälle.[2]

1.2 Die Bedeutung des Werkes „Politischer Liberalismus"

In die Ränge der wichtigsten Vertreter der politischen Philosophie stieg der Philosoph 1971 mit seinem Buch „Theorie der Gerechtigkeit" auf und schuf die bedeutendste politische Theorie der Gegenwart. Die Arbeit widmet sich der Konzeption der Gerechtigkeit als Fairness und deren Prinzipien für eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft. Sein zweites Hauptwerk „Politischer Liberalismus" von 1998 ist zur Basis der Debatte über die Grundlagen demokratischer Verfassungsstaaten geworden und erweitert das Konzept der Gerechtigkeit als Fairness unter anderem um das für liberale Gesellschaften wesentlich kennzeichnende Faktum des Pluralismus.[3]

2 Was ist der übergreifende Konsens?

2.1 Vom Pluralismus zum übergreifenden Konsens

Der liberale, demokratische Staat zeichnet sich durch Grundwerte wie der freien Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und Pluralismus der Meinung aus. Die Fülle der Rechte stellt hohe Anforderungen an die Gerechtigkeitskonzeption. Der neuzeitliche Pluralismus, also die ungleichen Weltanschauungen, entsteht durch die verschiedenen Menschen mit ihrem unterschiedlich kulturellen, religiösen, philosophischen und moralischen Hintergrund. In unserer Gesellschaft prallen die verschiedensten Ansichten aufeinander. Nur in wenigen Punkten haben wir, die Bürger, gleiche Ansichten. Selbst unsere sozialen Netze, wie berufliche Umgebung und unsere Freundeskreise, die aus Gleichgesinnten bestehen, sind durch Meinungsverschiedenheiten geprägt. Dass wir in moralisch wie politischen Fragen meist nicht zum gleichen Ergebnis kommen, ist nicht unbedingt Folge unserer Unwissenheit oder Boshaftigkeit, sondern es sind vielmehr vernünftige Meinungsverschiedenheiten, die für sich rechtfertigbar, aber dennoch nicht mit den anderen Haltungen vereinbar sind.[4]

„Die Vielfalt vernünftiger umfassender [...] Lehren, die wir in modernen demokratischen Gesellschaften finden, [ist] kein vorübergehender Zustand [...], der bald verschwinden wird. Sie ist ein dauerhaftes Merkmal der öffentlichen Kultur einer Demokratie. Unter den durch die Grundrechte und Freiheiten freier Institutionen gesicherten Bedingungen wird immer eine Vielfalt konträrer und nicht miteinander zu vereinbarender [...] Lehren entstehen und bestehen bleiben, falls eine solche Vielfalt nicht bereits bestehen sollte."[5]

Dieses Auseinanderklaffen unserer Anschauungen gefährdet aber in gewisser Weise unsere politische Stabilität und soziale Einheit.[6] Das gesellschaftliche System, unsere Grundstruktur, muss den Wandel der Zeit überdauern, darf nicht nach jeder Laune verworfen werden. Was nützt das scheinbar beste Gerechtigkeitsmodell, wenn es nicht dauerhaft ist? Ein wichtiges Merkmal eines konsensfähigen Systems ist nicht zuletzt, dass es stabil ist, um seinen Bürgern nicht ihre Basis zu entziehen.[7] Diese Aufgabe, eine gemeinsame Grundlage zu finden, die Stabilität bietet und trotzdem pluralistisch geprägt ist, erweist sich als nicht gerade leicht, insbesondere, wenn man nicht vom Ideal ausgeht, sondern davon, dass die Meinungen verschieden, vielleicht sogar völlig gegensätzlich sind und die Kontrahenten sich im schlimmsten Fall auch nicht annähern wollen.[8] John RAWLS fragt in seinem Buch Politischer Liberalismus also nicht zu Unrecht:

„Wie kann eine stabile und gerechte Gesellschaft freier und gleicher Bürger, die durch vernünftige und gleichwohl einander ausschließende religiöse, philosophische und moralische Lehren einschneidend voneinander getrennt sind, dauerhaft bestehen? Oder anders ausgedrückt: Wie können einander zutiefst entgegengesetzte, aber vernünftige umfassende Lehren zusammen bestehen und alle dieselbe Konzeption einer kostitutionellen Ordnung bejahen?"[9]

Die politische Konzeption, die die Rechte und Pflichten des Zusammenlebens regelt, muss, so schlägt er vor, von einem übergreifendem Konsens getragen werden. Einem Konsens, dem von jeder Weltanschauung zugestimmt werden kann.[10] Man kann sagen, um überhaupt funktionieren zu können, muss die Gesellschaft bzw. der Staat bzw. die Gerechtigkeitskonzeption eines Verfassungsstaates auf diesem übergreifendem Konsens beruhen.[11]

[...]


[1] Vgl. Gewertz, Ken, 2002: John Rawls, influential political philosopher, dead at 81: Author of "A Theory of Justice" was James Bryant Conant University Professor Emeritus, in http://www.news.harvard.edu/gazette/2002/11.21/99-rawls.html, eingesehen am 01.05.2009

[2] Vgl. Hinsch, Wilfried, 2002: Realistische Utopie des Liberalismus. Zum Tod des Philosophen John Rawls, in http://www.nzz.ch/2002/11/26/fe/newzzD8ZT4QD5-12.html, eingesehen am 01.05.2009

[3] Vgl. Hinsch, Wilfried, 2002: Realistische Utopie des Liberalismus. Zum Tod des Philosophen John Rawls, in http://www.nzz.ch/2002/11/26/fe/newzzD8ZT4QD5-12.html, eingesehen am 01.05.2009

[4] Vgl. Wallner, Jürgen, 2001: Freiheit und Gerechtigkeit: Entwurf eines eschatologischen Liberalismus. Hamburg, S.103

[5] Rawls, John, 1998: Politischer Liberalismus (übersetzt von Hinsch, Wilfried). Frankfurt am Main, S.106

[6] Vgl. Lütge, Christoph, 2007: Was hält eine Gesellschaft zusammen? Ethik im Zeitalter der Globalisierung. Tübingen, S. 151

[7] Vgl. Braun, Johann, 2006: Einführung in die Rechtsphilosophie: der Gedanke des Rechts. Tübingen, S.257

[8] Vgl. Braun, Johann, 2006: Einführung in die Rechtsphilosophie: der Gedanke des Rechts. Tübingen, S.258

[9] Rawls, John, 1998: Politischer Liberalismus (übersetzt von Hinsch, Wilfried). Frankfurt am Main, S.14

[10] Vgl. Dietrich, Frank, 2001: Dimensionen der Verteilungsgerechtigkeit. Stuttgart, S. 133

[11] Vgl. Wallner, Jürgen, 2001: Freiheit und Gerechtigkeit: Entwurf eines eschatologischen Liberalismus. Hamburg, S.103

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640685172
ISBN (Buch)
9783640685585
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155102
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl Institut
Note
1,0
Schlagworte
John Rawls Konsens

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Titel: John Rawls - Der übergreifende Konsens