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Politik und Medien

Medien in der Politik oder Politik in den Medien?

Bachelorarbeit 2009 61 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Das Thema und seine Grundproblematik
1.2. Die Thesen

2. Hauptteil
2.1. Frames, Framing und Framing-Effekte
2.2. Die Mediendemokratie
2.3. Die Medien im Zusammenspiel
2.3.1. Politikvermittlung durch die Medien: Ein historischer Überblick
2.3.2. Die Rolle der Medien
2.3.3. Erich Böhme: Ein Beispiel für die subjektive Sicht der Dinge
2.4. Die Politik im Zusammenspiel
2.4.1. Die Rolle der Politik
2.4.2. Die subjektive Wahrnehmung eines Politikers: Interview
2.5. Interdependenzen von Medien und Politik

3. Fazit und Ausblick
3.1. Interpretation
3.2. Fazit

4. Literaturangaben

5. Anhang.

1. Einleitung

1.1. Das Thema und seine Grundproblematik

„Bild dir deine Meinung“[1], so wirb eine große deutsche Tageszeitung seit Jahren. Ein solcher Slogan vermittelt den Eindruck, dass die Leser ausschließlich Informationen ohne Wertung zur Verfügung gestellt bekämen. Die Medien[2] erfüllten nur die Rolle der Informationsquelle. Doch eine große Mehrheit der Menschen sieht das anders. Laut einer Umfrage aus den neunziger Jahren glauben 80% der Befragten[3], dass der Einfluss der Medien auf die politische Meinungsbildung stark oder sehr stark ist. Ungefähr 75% glauben sogar, dass die Wahl-entscheidungen von den Medien beeinflusst werden. Im gleichen Artikel wird jedoch dargelegt, dass es wissenschaftlich dafür keine Bestätigung gibt. Und genau an dieser Stelle setzt die Problematik an. Auch aus den Reihen der Politiker habe ich schon oft Kritik an den Medien gehört. In meinen zwei Jahren in der Kommunalpolitik[4] wurde mir oft von dem Gefühl berichtet, die Medienvertreter seien politisch festgelegt und würden durch gezielte Auswahl und Ausführungen von Themen versuchen, Einfluss auf die Meinung der Medien-konsumenten zu nehmen. Diese Diskrepanz zwischen der Forschung, den subjektiven Wahrnehmungen von (Kommunal-) Politikern und den Bürgern habe ich zum Anlass genommen, mich näher mit dem Thema zu befassen. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt der Arbeit:

- In welchem Verhältnis stehen Medien und Politik zueinander?
- Wie sehr beeinflussen die Medien die Politik?
- Wie sehr beeinflusst die Politik die Medien?
- Bildet sich der Medienkonsument noch eine Meinung, oder wird seine Meinung gebildet?
- Warum gibt es bei der Frage der Einflussnahme der Medien auf die Meinungsbildung eine scheinbare Diskrepanz zwischen der Forschung und der subjektiven Wahrnehmung?

Diese Fragen sollen in dieser Arbeit beantwortet werden. Dabei wird ein Schwerpunkt auf die subjektive Wahrnehmung der beiden Vertreter ihres Systems, der Medien und der Politik gelegt.

1.2. Die Thesen

1. Die Medien und die Politik stehen in einer wechselseitigen Abhängigkeit zueinander.
2. Der Grad der Beeinflussung ist ein subjektives Gefühl.
3. Das Beklagen über „schlechte“ Presse ist oftmals eine Schutzbehauptung der Betroffenen.

2. Hauptteil

Im Hauptteil dieser Arbeit werden zunächst die thematischen Grundlagen beschrieben. Im Anschluss daran wird zunächst auf die Rollen sowohl der Medien als auch der Politik eingegangen, bevor die Interdependenzen von Medien und Politik aufgezeigt werden.

2.1. Frames, Framing und Framing-Effekte

Zu Beginn der Arbeit wurde dargelegt, dass die öffentliche Meinung von einer Beeinflussung der Medien auf die Meinungsbildung ausgeht. Daher sollen im Folgenden die Fragen geklärt werden, wie es überhaupt zu eine Beeinflussung kommen könnte und ob das pauschal für alle Menschen gleich gelten kann.

Bei den „Frames“ handelt es sich um einen integralen Bestandteil der Kommunikations-forschung.[5] Ihre Untersuchung ist Teil der Theorie zur journalistischen Arbeits­weise, bekannt unter dem Namen „Framing-Ansatz“. Liegen einem Journalisten eine große Menge von Daten oder Informationen vor, so muss er diese selektieren und strukturieren, da dem Journalisten in zunehmendem Maße immer weniger Zeit zum Verarbeiten von Informationen bleibt. Dieser Vorgang erfolgt auf der Basis von Frames. Dabei stellen die Frames keinen allgemein gültigen journalistischen Leit­faden dar, sondern sind individuell. Sie beruhen auf den Vor-erfahrungen und Ein­stellungen eines Journalisten. Die Anwendung der Frames ist in der Literatur als „Framing“ zu finden. Damit ist gemeint, dass ein jedes mögliches Thema eine journa­listische Rahmung erhält. Das führt dazu, dass sowohl die Auswahl eines Themas wie auch dessen Strukturierung von diesem Rahmen beeinflusst sind. Dabei gilt es zu beachten, dass die Auswahl eines Themas nicht willkürlich erfolgt, sondern die Frames Schemata schaffen, die unwillkürlich zur Anwendung kommen. Dazu gehören unter anderem Erfahrungen mit einem Thema, Fachkenntnisse zu einem Thema, Erfahrungen mit betreffenden Akteuren oder der mediale Nutzwert eines Themas. Ein Thema wird demnach bevorzugt ausgewählt, wenn es in das bestehende Schema passt. Einfacher formuliert, je stärker Informationen in diese Schemata passen, desto eher werden sie ausgewählt und im Rahmen eines Themas umgesetzt.[6] Wird ein Thema ausgewählt, so unterliegt auch die Betonung inner­halb der Berichterstattung wieder dem ausgebildeten Schema. Lässt man die Wirkung des Framings für den Medienkonsumenten zunächst außer Acht, so erhöht das Framing die Effizienz der journalistischen Arbeit. Es ist den Journalisten möglich, mehr Informationen in weniger Zeit zu verarbeiten und zusammenzuführen, ohne eine umfassende Analyse des Themas durchführen zu müssen.

Gerade weil die journalistische Auswahl und Bearbeitung eines Themas nicht allein betrachtet werden kann, wird in der Forschung die Frage nach der Wirkungsweise des Framings auf den Rezipienten, also den Medienkonsumenten, gestellt. Übernehmen die Medienkonsumenten den von den Journalisten angebotenen Inter­pretationsrahmen? Korrespondiert der Interpretationsrahmen des Medien­konsumenten mit dem angebotenen Rahmen der Medien-berichterstattung?

Diese Übernahme eines angebotenen journalistischen Interpretationsrahmens, oder die Veränderung eines bestehenden Rahmens durch die Medienberichterstattung, wird als „Framing-Effekt“ bezeichnet.[7] Genau wie der Journalist, haben auch die Medienkonsumenten Frames gebildet, die zu einem Schema für eingehende Informationen führen. Ein einfaches Beispiel dafür ist die Auswahl der, aus der Sicht des Medienkonsumenten lesenswerten, Inhalte einer Zeitung. Über die Auswahl entscheiden die Betroffenheit von einem Thema, das persönliche Interesse, das themenspezifische Vorwissen und der Zeitaufwand zum Lesen eines Themenbeitrags. Die Frames des Medienkonsumenten werden zu einem Großteil durch die Medien gebildet und sind unterschiedlich stark beeinflussbar. Besonders Schlüssel-ereignisse können Auslöser von Orientierungsphasen und der damit verbundenen Neubildung von Frames sein. Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit sind etwa die Anschläge auf das World Trade Center, die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika oder die Bestechungsvorwürfe im Handball. Solche Ereignisse erzeugen eine große Welle an medialer Berichterstattung. Es werden neue Themen geschaffen oder der Fokus eines Themas verändert sich. Dies führt dazu, dass der Medienkonsument nicht nur eine Menge neuer Informationen zu verarbeiten hat, sondern diese Informationen oftmals nicht in ein zuvor gebildetes Schema passen. Ist in solchen Fällen also automatisch von einem Framing-Effekt auszugehen? In der Forschung zu diesem Thema wird die Frage verneint. Es sind bei den Medienkonsumenten Unterschiede zu machen. Eine Unterscheidung bietet das Model von Hastie und Park aus dem Jahre 1986.[8] Die Medienkonsumenten werden darin unterschieden, ob sie ihre Urteile zu einem Thema aus Informationen bilden, über die sie schon vor dem Ereignis verfügten (Gedächtnis basierende Urteile oder „memory-based“) oder ihre Urteile „on-line“ aufgrund des ersten Eindrucks bilden. Das sind die Urteile, die schon während der Enkodierung von Einzelinformationen abgespeichert werden. Bei den Memory-based-Urteilen bildet sich der Medienkonsument beim ersten Kontakt mit einem Thema kein Urteil. Erst wenn es zu einer Urteilsrelevanz kommt, werden Informationen aus dem Gedächtnis bemüht. Die daraus resultierenden Urteile sind instabil und temporär. Somit ist ein solcher Medienkonsument stark anfällig für Framing-Effekte. Der Medienkonsument der seine Urteile on-line bildet, kann diese leicht abrufen, da er schon beim ersten Kontakt mit einem Thema viele Einzelinformationen speichert und diese zu einem Gesamturteil zusammenfügt. Diese Urteile sind dann, erst einmal gefasst, schwer veränderbar. Somit ist ihre Anfälligkeit für Framing-Effekte gering.

Darüber hinaus ist die Auswahl der Informationen, die für eine Urteilsbildung herangezogen werden, abhängig vom Vertrauen in das jeweilige Medium.[9] Dieses Vertrauen teilt sich in vier Bereiche. Als erstes ist die Themenselektivität zu nennen. Der Medienkonsument vertraut darauf, dass der Journalist die Themen auswählt, die für den Rezipienten relevant sind. Als zweites die Faktenselektivität, also das Vertrauen in die Auswahl der Fakten und Hinter-grundinformationen zu einem bereits selektierten Thema. Der dritte Bereich ist die Richtigkeit bzw. Glaubwürdigkeit. Dabei geht es um das Vertrauen in die nachprüfbare Richtigkeit der dargestellten Fakten. Der vierte und letzte Bereich ist die journalistische Bewertung. Damit ist das Vertrauen in die Bewertung eines Themas, zum Beispiel in Kommentaren, gemeint. Daraus resultiert auch das Vertrauen in Handlungsaufforderungen.

Die genannten vier Bereiche entscheiden in ihrer Ausprägung über der Vertrauen in die Medien, welches darüber entscheidet, welche Quelle für die Informationsbeschaffung und somit zur Meinungsbildung ausgesucht wird. Dieses wird in der Forschung als Vertrauen erster Ordnung beschrieben. Fasst der Medienkonsument Vertrauen zu einer Medienquelle, so kommt es zur Vertrauenshandlung als Akzeptanz von Botschaften dieser Medienquelle. Diese Akzeptanz von Botschaften ist auch als Glaubwürdigkeit einer Medienquelle zu verstehen und wird als Vertrauen zweiter Ordnung bezeichnet. Als Medienquellen sind dabei nicht ausschließlich die Massenmedien der Fernsehkonzerne und Zeitungsverlage zu sehen, sondern in Hinblick auf die politischen Themen auch die Politikvertretungen selbst.

Glaubwürdigkeit als Bereitschaft „Botschaften eines bestimmten Objektes als zutreffend zu akzeptieren und bis zu einem gewissen Grad in das eigene Meinungs- und Einstellungsspektrum zu übernehmen.“[10]

Zusammenfassend lassen sich aus den Forschungen zum Framing mehrere Punkte für die weitere Betrachtung des Zusammenspiels von Medien und Politik festhalten.

Die Beeinflussung der Medienkonsumenten durch die Berichterstattung ist kein Auto-matismus. Sie ist in hohem Maße vom Medienkonsumenten und seiner Urteilsbildung abhängig. Die Auswahl der dafür relevanten Medienquellen ist ebenfalls nicht willkürlich, sondern basiert auf dem gefassten Vertrauen in die Medienquelle. Das bedeutet, eine spontane Meinungsmache einer einzelnen Medienquelle, zum Beispiel einer Zeitung, ist nur dann wirksam, wenn schon vorher möglichst viele Medienkonsumenten der Zeitung vertrauen und diese als führende, meinungsbildende Quelle etabliert ist.

2.2. Die Mediendemokratie

Ein weiterer zu klärender Begriff ist die „Mediendemokratie“[11]. Es scheint unübersehbar, dass immer mehr Politiker in den Medien vertreten sind. Sie sind aber nicht nur Gast in den Politikmagazinen, sondern zunehmend auch in Unterhaltungsendungen. In der Literatur findet sich dafür der oftmals kritisch verwendete Begriff der Mediendemokratie, ein seit einigen Jahren viel verwendetes Wort, das den Kritikern der Politik dazu dient, die Politiker als ausführende Gewalt der medialen Meinung darzustellen oder ihnen vorzuwerfen, dass sie immer mehr die Medien als Wahlkampfplattform missbrauchen.[12]

Der Begriff Mediendemokratie ist ein fester Bestandteil im Vokabular von Journalisten, Politikern und Medienvertretern, die ihn allerdings ohne klare Definition verwendet. Er dient den genannten Gruppen vielmehr als Pseudonym für verschiedene Phänomene im Umfeld von Medien und Politik.[13]

Die akademische Bearbeitung des Begriffes der Mediendemokratie führte zu einer Unterteilung in zwei Bereiche, der politikwissenschaftlichen und der medienwissen-schaftlichen Bearbeitung. Somit besteht eine Abhängig von der Zuordnung zu einem der beiden Systeme, der Politik oder den Medien. Zwischen den beiden Bereichen gibt es jedoch einige Schnittstellen, die eine objektive Arbeitsgrundlage zur Begriffsbestimmung bieten.

Mit der Einführung der Privatsender 1984 fiel der Startschuss für die akademische Auseinandersetzung mit dem Thema „Medien und Politik“. Der Schwerpunkt der Forschung lag zunächst auf dem Handeln und Wirken von „Politik und Demokratie in der Informations-gesellschaft“.[14] Das spezielle Augenmerk auf die „Entertainisierung“[15] der Politik kam Ende der neunziger Jahre hinzu. Mit den Jahren wurde die Forschung immer differenzierter und auf drei Kernbereiche spezialisiert. Die „Entertainisierung der Politik“ bezieht sich insbesondere auf die Zeit der Wahlkämpfe. Man versteht darunter die Veränderungen der Politik in fünf Bereichen.[16]

Erstens die Personalisierung des Wahlkampfes. Nach amerikanischem Vorbild konzentriert sich der Wahlkampf auf die Person des Kandidaten. Dabei bleiben die Sachthemen im Hintergrund. Als zweites ist der Angriffswahlkampf zu nennen, in dem auf die negativen Eigenschaften und die Schwächen des Gegners verwiesen wird („Negativ Campaign“). Die dritte Veränderung ist die Professionalisierung des Wahlkampfes. Die Gestaltung der Wahl-kampagnen wird Fachleuten aus Werbe- und PR-Agenturen überlassen. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei auch die Kontakte zu den Medien. Der vierte Punkt ist ein gezieltes Ereignis- und Themenmanagment. Dabei geht es darum, wann welches Thema medial und medienwirksam gesetzt werden soll. Der fünfte und letzte Punkt ist der Marketingansatz der politischen Werbung, also die Annäherung der politischen Werbung an die Produktwerbung der Werbebranche.

Trotz der zunehmenden Entertainisierung der Politik Ende der Neunziger, etablierte sich der Begriff der Mediendemokratie erst mit dem Bundestagswahlkampf 2002. So wurde dieses eine Wort zum Titel ganzer Sammelbände. Der „Erfolg“ dieses Begriffs erklärt sich in verschiedenen Bausteinen. Der erste wesentliche Baustein der Mediendemokratie sind die „neuen“ Sendeformate, die den Weg von den „harten“ Nachrichten in die „weichen“ Unterhaltungsformate[17] beschreiten. Diese Sendeformate, zu denen insbesondere die Polit-Talkshows, aber auch nichtpolitische Sendungen zählen, bieten die Möglichkeit, die sonst so unzugänglichen, undurchsichtigen und nahezu geheim anmutenden politischen Prozesse einem breiten Publikum zugänglich zu machen und den Politiker als Menschen kennenzulernen. Doch sind die neuen Sendeformate wiederum nur ein Resultat des erhöhten medialen Wettbewerbs, der sich mit der Einführung von immer zahlreicheren Privatsendern verstärkt. Während die Zeitungen mit sinkenden Auflagen zu tun haben, und das Internet als politische Informationsquelle noch nicht alle Möglichkeiten entfaltet hat, festigt das Fernsehen dank der Sendeformate die Rolle als Leitmedium. Somit übt dieses Medium den größten Einfluss auf das Verhalten von Politikern, Parteien und Nutzern aller Medien aus. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung gibt es eine zunehmende mediale Präsenz der Politiker, insbesondere in den Wahljahren. Es kann also von einer Anpassungsleistung gesprochen werden.

So wie sich die Darstellungspolitik also den Nachrichtenfaktoren anpasst, um die Chance zu erhöhen, in der politischen Berichterstattung berücksichtigt zu werden und damit Aufmerksamkeit zu gewinnen, so ist auch der Zug in die Unterhaltung eine Anpassungsleistung an die Bedürfnisse des Publikums.“[18]

Während sich das Zitat von Holtz-Bacha so liest, als wäre das Verhalten der Politik eine rein marktorientierte und logische Handlung, die nur konsequent ist, werfen Kritiker der Politik vor, mit ihrem Verhalten die zunehmende Verflachung von Politik zu fördern. Im Unterhaltungssektor zähle weniger die Herstellungs- als vielmehr die Darstellungsebene. Einige Forscher sehen in dem Prozess hin zu neuen Sendeformaten auch eine Chance.[19] Die Darstellung von Politik durch populäre, massenmediale Kanäle fördere die Zugänglichkeit von Informationen für alle und schaffe eine gemeinschaftliche Wissensbasis. Außerdem sei es nicht neu, dass Politik eine symbolische Funktion hat und auch haben muss, da die soziale Welt immer weiter ausdifferenziert. Ohne ein politisches und normatives Zentrum, das die Richtung vorgibt und die Welt steuert, ist die symbolische Funktion von Politik umso stärker gefragt.[20]

Die zunehmende Präsenz der Politik in den ‚weichen‘ Sendeformaten brachte auch für die Politiker Veränderungen. Neben den fachlichen Kompetenzen waren immer mehr auch die Fähigkeiten des medial vermittelten politischen Kommunizierens und Handels gefragt. Alles in allem erfordert die Mediendemokratie eine ‚Öffentlichkeitstauglichkeit‘.

Neben dem Fernsehen mit seinen neuen Sendeformaten, bilden die sogenannten „Neuen Medien“ einen weiteren Baustein der Mediendemokratie. Zwar ist das Fernsehen auch weiterhin das Leitmedium, doch die Bedeutung insbesondere des Internets und der mobilen Kommunikation nimmt stetig zu. Und fast zwangsläufig bringt ein solcher medialer Wandel Veränderungen für die mediendemokratischen Strukturen mit sich. Die Neuen Medien stehen für das Weg vom passiven Nutzen vorproduzierter Inhalte und das Hin zur Einbindung des Nutzers in den Kommunikationsprozess. Während die anderen Medien verschiedene Sendeformate bieten, die allesamt nur konsumiert werden können, bieten die Neuen Medien auch offene Darstellungen mit Beteiligungs- und Gestaltungsangeboten.[21] Beispielhaft seien die virtuellen Parteizentralen, die Homepages von Politikern oder die Online-Kampagnen von Bürgerinitiativen genannt. Doch bieten sich hier nicht neue Möglichkeiten für den Nutzer, sondern auch für eben jene Akteure, die sonst nur Gegenstand der Berichterstattung sind.

Bei all diesen Gestaltungsmöglichkeiten erscheint es verwunderlich, dass die Neuen Medien noch nicht das Leitmedium darstellen. Doch der Grund scheint schnell gefunden zu sein denn die Praxis folgt nicht ganz der Theorie. Die Neuen Medien bringen nicht wesentlich mehr Beteiligung durch Online-Angebote. Vielmehr werden die gleichen Angebote, die es auch vorher schon gab, online präsentiert. Das heißt, die Neuen Medien werden nur als Verteiler-medium genutzt, wie es ebenfalls in den klassischen Sendeformaten der Fall ist. Natürlich sind die Chancen der Neuen Medien nicht verloren, doch geht es diesem Medium nicht anders als zuvor den klassischen Medien, wie Fernsehen oder Printmedien. Eine zunehmende Kommerzialisierung führt dazu, dass oftmals nur noch finanzstarke, professionalisierte Angebote wahrgenommen werden. Das heißt für den politischen Sektor, die basis-demokratischen Angebote, zum Beispiel ehrenamtliche Bürgerinitiativen, haben es immer schwerer, wahrgenommen zu werden. Somit überbieten sich die Medienkonzerne und politischen Akteure selbst, um stets wahrnehmbar zu bleiben.[22]

Zusammenfassend lassen sich zum Begriff Mediendemokratie folgende Punkte festhalten: Mediendemokratie bedeutet, dass sich die politischen Entscheidungen, die Präsentation von Politikern und ihrer Aussagen an den Bedürfnissen der Medien insbesondere des Fernsehens beziehungsweise seiner Zuschauer orientieren oder sogar ausrichten. Die Politik verhält sich marktorientiert. Mit den Neuen Medien erhält diese Entwicklung eine neue, immer mehr an Bedeutung gewinnende Ebene. Jedoch führt die Kommerzialisierung dazu, dass viele der Chancen ungenutzt bleiben und dem Wettbewerb untergeordnet werden. Zu den Entwicklungen innerhalb der Mediendemokratie gibt es keine einhellige Meinung seitens der Forschung. Es werden deutlich die Nachteile aufgezeigt, denen aber auch einige Chancen entgegenstehen.

2.3. Die Medien im Zusammenspiel

Da auch in der Forschung eine Abwägung der Vor- und Nachteile der mediendemokratischen Entwicklungen stattfindet, soll im Folgenden die Sicht der Medien und der Politik in ihrem Zusammenspiel näher beleuchtet werden. Zunächst geschieht dies mit Fokus auf die Rolle der Medien.

2.3.1. Politikvermittlung durch die Medien: Ein historischer Überblick

Die Medien und die Politik als Gegenstand der Berichterstattung sind heute wie selbstverständlich miteinander verbunden. Jede politische Neuigkeit, jedes neue Gesetz und jeder neu vergebene Posten werden von den Medien bisweilen kritisch begleitet und kommentiert. Das war in der Geschichte der Medien nicht immer so. Der Ursprung der Politikvermittlung liegt bei den Printmedien, bei deren Einführung im 17. Jahrhundert[23] diese bereits die Rolle des Politikvermittlers erfüllten. Die (Innen‑) Politik dominierte lange Zeit die Berichterstattung, wobei schon damals das dabei vermittelte Bild von Politik von der Auswahl der Ereignisse, über die berichtet wurde, geprägt war. Wer aber glaubt, es habe dort eine breite Palette von unterschiedlichen Politikdarstellungen gegeben, der irrt sich. Die politische Berichterstattung war vielmehr geprägt von militärischen, diplomatischen und herrschaftlichen Themen. So wurde zumeist das Bild von Politik als Handeln der politisch-militärischen Eliten vermittelt. Hinzu kommt, dass schon im 19. Jahrhundert die Politik-vermittlung durch bestimmte Faktoren beeinflusst wurde. Als Beispiel sei die mediale Konzentration auf die damaligen Großmächte genannt. Bei aller beherrschenden Stellung der Politik als Gegenstand der Berichterstattung, war die Berichterstattung auf Äußerlichkeiten des politischen Geschehens beschränkt. Es gab keinerlei Kommentierungen, Hintergrundberichte oder Ursachenforschung, weshalb von einem investigativen Journalismus nicht ansatzweise die Rede sein konnte. Doch im Laufe des 19. Jahrhundert nahm die Bedeutung der politischen Berichterstattung ab, da zunehmend andere Themen interessant wurden, so zum Beispiel die Auslandsberichterstattung. Während die Inlandsberichterstattung stark zensiert wurde, konnte aus dem Ausland vieles über politische Themen gelesen werden.[24] Von besonderem Interesse waren die Länder im Umbruch, wie die U.S.A, Großbritannien oder Frankreich.

Die Rolle der Printmedien beziehungsweise der ‚Presse‘ war im 19. Jahrhundert gekennzeichnet von einem Auf und Ab der Freiheiten und Beschränkungen. Die 1819 eingeführte Zensur als Zeichen der absolutistischen Beschränkungen, wurde im Revolutions-jahr 1848 wieder aufgehoben. 1871 bis 1874 fand das Reichspressegesetz seine Anwendung, das die Innenpolitik erneut zum vorrangigen Thema der Berichterstattung machte und durchaus als Beschneidung der Pressefreiheit verstanden werden kann. In den Jahren nach 1874 entstand durch die Gründung der ersten Parteien eine Art Meinungspresse, so dass nun auch Kommentare und Stellungnahmen zu bestimmten Themen veröffentlicht wurden. Als Folge aus den Entwicklungen um die Meinungspresse kam es zu einem Pluralismus in der Politikvermittlung.[25] Die Hoheit in Berichterstattung und Meinungsbildung unterlag daraufhin nicht mehr allein der Staatskontrolle, was wiederum zu einer Zunahme der Titel und einer Erhöhung der Auflagen der Printmedien führte. Schon in den Jahren vor 1914 kann die Presse als eine ‚Großmacht‘ innerhalb des deutschen Reiches angesehen werden. Dieses wird insbesondere bei der Mobilisierung und der Vorberichterstattung zum Ersten Weltkrieg deutlich.

Mit der Zeit des Nationalsozialismus beginnt eine „Dunkle Zeit“[26]. Die Presse wird systematisch instrumentalisiert, aber niemals offiziell gleichgeschaltet. Die Wirkung der Presse wurde vom damaligen Reichspropagandaministerium als gering eingestuft. Vielmehr wurde das Instrument der Presseanweisung und der inneren Kontrolle in den Verlagen angewendet.

Nach 1945 wird in der BRD die Pressefreiheit mit dem Grundgesetz wieder vollumfänglich eingeführt, während in der DDR die Politikvermittlung durch Staatsinstanzen und Parteiorgane gelenkt wird.[27]

2.3.2. Die Rolle der Medien

Schockenhoff spricht den Medien eine Doppelrolle zu.[28] Zunächst erfüllten sie eine Dienstfunktion. Die Medien bilden eine öffentliche Meinung heraus, die nach demokratischem Selbstverständnis Grundlage der Politik ist. Dabei seien Missbrauchs-möglichkeiten medialer Freiheit durchaus denkbar. Diesen Missbräuchen ist der Medien-nutzer hilflos ausgeliefert. Die öffentliche Meinung, die durch die Medien herausgebildet wird, ist dabei kein Reflex, sondern Produkt aktiven Interesses und Meinungspflege. Um die öffentliche Meinung konkurrieren staatliche Institutionen genauso wie nichtstaatliche Lobbyisten und Einzelakteure.[29] Dabei spiegeln die Medien die verschiedenen Interessen, Standpunkte und Argumentationen nicht nur wider, sondern sind Katalysator des demokratischen Meinungsbildungsprozesses. Gleichzeitig kommen den Medien nach Klier drei zentrale Funktionen[30] zu:

1. Die Informationsfunktion. Die Medien informieren über das politische Geschehen und dessen Hintergründe.
2. Die Überwachungsfunktion. Die Medien überwachen die politische Machtausübung der Regierungen und Parlamente.
3. Die Förderfunktion. Die Medien fördern den politischen Prozess durch aktive Einflussnahme auf die Meinungsbildung.

Daraus wird deutlich, dass die mediale Berichterstattung nicht nur die Vorstellungen über Wichtigkeit und Richtigkeit vermittelt, sondern durch unvermeidliche Selektion mittels Frames und Definition politischer Themen das Denken der gesellschaftlichen Mehrheit zu einem Thema beeinflusst. Anders ausgedrückt nehmen die Medien Einfluss auf die individuelle Meinung der Menschen. Schließlich existieren Nachrichten, Ereignisse und Personen nur dadurch, dass sie in den Medien erscheinen. Bei Schockenhoff liest sich das noch etwas konkreter. „Die Medien erfinden erst die Öffentlichkeit, die sich dann nur in ihnen wiederfinden kann.“[31]

Prüß hingegen stellt die Rolle der Medien etwas anders dar.[32] Sie sieht in den Medien die Möglichkeit, das gesellschaftliche Geschehen überschaubarer zu machen, ein aktiveres öffentliches Leben zu führen und in Belangen von öffentlichem Interesse leichter zu einem Urteil kommen zu können. Dabei sollte der Journalismus helfen, vielen Menschen unterschiedliche Meinungen und Informationen auf verständliche Art zur Verfügung zu stellen und somit zu einem „Willenbildungsprozess“[33] beizutragen. „In demokratie-theoretischer Hinsicht gewähren die Medien durch Meinungsvielfalt Pluralität. Während das Grundgesetz diesen Begriff vermeidet, sprechen die Landespressegesetze explizit von der „Wahrnehmung einer öffentlichen Aufgabe“ der Presse, wenn sie in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt. In den Urteilen des Bundes-verfassungsgerichts kommt diese öffentliche Aufgabe noch konkreter zum Ausdruck. Dort heißt es im Spiegel-Urteil, dass sich in der Presse „die öffentliche Meinung artikuliert“ und „die Presse als ständiges Verbindungs- und Kontrollorgan zwischen dem Volk und seinen gewählten Vertretern in Parlament und Regierung“ fungiert.“[34]

Ronneberger beschreibt vier Hauptfunktionen der Medien: Herstellung des öffentlichen Raums, politische Sozialisationsfunktion, politische Kontrollfunktion sowie Bildungs- und Erziehungsfunktion.[35] Prüß beschreibt, dass „andere Autoren […] die wichtigsten Aufgaben in Information, Kontrolle und Meinungsbildung zusammen[fassen]. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben zudem den Auftrag, vollständig, objektiv und verständlich zu berichten.“[36] Auch Faulstich folgt in großen Teilen Ronnebergers Funktionsbeschreibung und definiert als politische Funktionen der Medien: „Information, Bildung, Sozialisation, Artikulation, Kritik und Kontrolle.“[37]. Jarren, Grothe und Rybarczyk fügen dieser Beschreibung außerdem die Widerspiegelung und Vermittlung von Politik zu.[38]

„Massenkommunikation stellt Öffentlichkeit her, sorgt für den Austausch von Informationen und Meinungen, bewirkt Anteilnahme und trägt zur Sozialisation der Menschen und zum Verständnis der Welt bei. Sie dient der Verständigung und dem Austausch der gesellschaftlichen Teilsysteme untereinander und erfüllt damit (makrosoziologisch) als Hauptfunktion die gesellschaftliche Integration.“[39]

[...]


[1] Beispiel: http://www.nrhz.de/flyer/media/11211/105_Schwarzer.jpg

[2] Der Begriff Medien wird im Folgenden als übergreifender Begriff für alle Medien, insbesondere den Massenmedien verwendet. D.h., der Begriff „Massenmedien“ wird nicht extra verwendet.

[3] vgl. GLEICH 1998, S.54

[4] Seit 2007 für die SPD als Mitglied im Flensburger Ausschuss für Umwelt, Planen und Stadtentwicklung.

[5] vgl. MATTHES 2007

[6] vgl. SCHEUFELE 2003

[7] s. MATTHES 2007

[8] vgl. MAYERL 2008

[9] vgl. KOHRING 2004

[10] s. WIRTH 1999, S.55

[11] s. Kapitel 2.2.

[12] vgl. http://www.mediendemokratien.de/

[13] vgl. BIEBER 2004, S. 13 ff

[14] s. ROHE 1997,

[15] vgl. BIEBER 2004, S.15

[16] vgl. DÖRNER 2001 in BIEBER 2004. S. 15

[17] vgl. BIEBER 2004, S.17

[18] s. HOLTZ-BACHA 2000, S.164

[19] vgl. DÖRNER 2000 S.154

[20] vgl. LEGGEWIE 2000, S.227

[21] vgl. BIEBER 1999, S.35-38 und 186-200

[22] vgl. BIEBER 2004 , S.28f.

[23] vgl. WILKE 1998, S.147

[24] vgl. WILKE 1998, S.147f.

[25] vgl. ebd., S.148

[26] s. ebd., S.148

[27] vgl. WILKE 1998, S. 148 f.

[28] vgl. SCHOCKENHOFF 2000, S.276

[29] vgl. SARCINELLI 2005, S. 32

[30] vgl. KLIER 1990, S. 25

[31] s. SCHOCKENHOFF 2000, S.277 ff.

[32] vgl. PRÜß 1998, S. 23 ff.

[33] s. ebd., S. 24

[34] s. ebd, S. 24

[35] vgl. RONNEBERGER 1964, S. 291 ff.

[36] s. PRÜß 1998, S. 24f.

[37] vgl. FAULSTICH 1994, S. 56

[38] vgl. JARREN/GROTHE/RYBARCZYK 1993, S. 13

[39] s. TONNEMACHER 1996, S. 35

Details

Seiten
61
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640679232
ISBN (Buch)
9783640680887
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155059
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,0
Schlagworte
Politik Medien

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Titel: Politik und Medien