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Wie kann es einem Schriftsteller in einer Diktatur gelingen, Kritik am Regime auszuüben, ohne dass sein Roman unter Zensur gerät?

Untersucht am Beispiel: „Die gelbe Tasche“ von Lygia Bojunga Nunes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 16 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Biographie der Autorin

3. Die Eingangssequenz
3.1 Der Wunsch Schriftstellerin zu werden
3.2 Rachels Roman

4. Die gelbe Tasche

5. Dinge, die sich in der gelben Tasche befinden...
5.1 Der Hahn Afonso
5.2 Die Regenschirmfrau
5.3 Der Schreckliche
5.4 Das Bild vom Garten, den Rachel so gerne hat

6. Das Haus der Reparaturen

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die gelbe Tasche“ („A bolsa amarela“) von Lygia Bojunga Nunes erschien in Brasilien im Jahr 1976.[1] Zu dieser Zeit herrschte dort die schon seit 1964 andauernde Militärdiktatur. Erst 1985 sollte diese beendet sein.

Unter der Militärdiktatur wurden viele Romane, die Kritik am Regime ausübten, zensiert, sodass Bojunga Nunes auf das Stilmittel der Metapher zurückgreifen musste, damit ihr Roman nicht ebenfalls unter Zensur geriet. Mit Hilfe von lebendigen Gegenständen, die typisch für die kinderliterarische Phantastik sind, konnte sie die Situation in Brasilien beschreiben.

Dadurch dass es sich um einen Roman für Kinder und Jugendliche handelt, wird dem Leser auf den ersten Blick die Kritik am Regime, die sich dahinter verbirgt, nicht deutlich. Erst wenn man weiß, dass die Autorin zur Zeit der Diktatur den Roman geschrieben und sie selbst sich für Demokratie und freie Meinungsäußerung eingesetzt hat, erkennt man ihre eigentliche Aussageabsicht.

Wie ist es einem Schriftsteller überhaupt möglich unter einer Diktatur zu arbeiten?

Wie gelingt es Bojunga Nunes die Militärdiktatur in Brasilien zu kritisieren, ohne dass sie dies zu offensichtlich tut?

Im Folgenden soll zunächst das Leben der Autorin und deren Werte dargestellt werden, anschließend erfolgt eine Untersuchung der Eingangssequenz des Romans und einiger Gegenstände, die sich in der gelben Tasche befinden. Wie eine Gesellschaft auch funktionieren kann, beschreibt Lygia Bojunga Nunes im Kapitel „Das Haus der Reparaturen“.

In einem abschließenden Fazit sollen die Werte, die Bojunga Nunes vertritt, mit den Inhalten des Romans verglichen werden und nochmals auf den Wunsch der Hauptfigur Rachel – Schriftstellerin zu werden – eingegangen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Kurze Biographie der Autorin

Die Autorin Lygia Bojunga Nunes wurde am 26. August 1932 in Pelotas im Bundesstaat Rio Grande do Sul in Brasilien geboren. Mit 8 Jahren kam sie nach Rio de Janeiro und besuchte dort eine Schule.[2] 1951 begann sie ein Medizinstudium. Sie sprach im selben Jahr auch bei einem Theater vor und wurde sofort angenommen. Damit begann ihre Karriere als Schauspielerin.

Zusammen mit ihrem Mann gründete Bojunga Nunes 1964 eine Volksschule für arme Landarbeiterkinder, um deren Ausbildungschancen zu verbessern. 5 Jahre lang leitete sie die Schule selbst.[3]

Dabei erlebte sie das Ausmaß des Elends und die unterschiedlichen Nöte der Familien. In ihren Werken tauchen die Erlebnisse, die sie dort hatte, immer wieder auf.[4]

1971 erschien ihr erstes Kinderbuch „Os Colegas“ (Die Freunde). 1982 wurde ihr als erster Kinderbuchautorin aus einem „Dritte Welt“-Land die Hans Christian Andersen-Medaille verliehen.[5]

2004 wurde sie mit dem Astrid Lindgren Gedächtnispreis ausgezeichnet.[6]

Themen, die in Bojunga Nunes' Romanen immer wieder auftauchen sind die Armut in Brasilien, Probleme des Landes und der Menschen, Kinderarbeit, Umweltzerstörung, Unterdrückung, Tod, politische Verfolgung, Angst und der Mut zur Selbstverwirklichung.[7] Häufiges Stilmittel – auch um der Zensur der Diktatur zu entgehen – sind anthropomorphisierte Tiere, Begriffe und Gegenstände. Die Erzählungen sind dabei teilweise deutlich verfremdet. Dennoch wird in Bojunga Nunes' Werken die große soziale Anteilnahme der Autorin an den Geschicken ihrer Figuren deutlich.[8]

3. Die Eingangssequenz

In der Eingangssequenz, dem Kapitel „Meine Wünsche“, werden die drei Wünsche der Hauptfigur Rachel näher beschrieben. Rachel wünscht sich, endlich erwachsen zu werden und lieber ein Junge als ein Mädchen zu sein. Ein neuer Wunsch, der erst im letzten Monat dazu gekommen ist, ist der Wunsch Schriftstellerin zu werden. (Vgl. Bojunga Nunes 1983, 7f.)

Im Folgenden soll primär der Wunsch, Schriftstellerin zu werden untersucht werden, da die beiden anderen Wünsche am Ende des Romans durch die Erlebnisse im Haus der Reparaturen unwichtig und überflüssig geworden sind.

3.1 Der Wunsch Schriftstellerin zu werden

Zum Üben schreibt Rachel Briefe an einen imaginären Jungen namens André. Ihm erzählt sie, dass in ihrer Familie niemand Zeit für sie habe, sie oft Ärger bekomme und sie des Öfteren als Lügnerin dargestellt werde: „(...) hat sie allen erzählt, ich wäre noch immer die größte Lügnerin der Welt. Dann war es wieder einmal soweit. Alle waren gegen mich.“ (Bojunga Nunes 1983, 13)

Als Rachels Bruder einen Brief von André an Rachel findet, glaubt er nicht, dass sie André nur erfunden hat: „Da guckte mein Bruder mich böse an und sagte, es hätte keinen Sinn, mit mir zu reden, weil ich niemals die Wahrheit sagte.“ (Bojunga Nunes 1983, 18)

In seinem Brief gibt André Rachel den Tipp, von nun an nur noch Dinge zu erfinden, die es nicht gebe. Somit könne sie vermeiden Ärger zu bekommen. (Vgl. Bojunga Nunes 1983, 14)

André sagt zu Rachel: „Aber wenn Du eine Geschichte erfindest mit erfundenen Leuten; mit einem erfundenen Haus, mit erfundenen Tieren, mit lauter erfundenen Sachen, wette ich, daß Du keine Ohrfeige kriegst, oder ...“ (Bojunga Nunes 1983, 14)

Hierbei verweist die Autorin auf ihre eigene Situation als Schriftstellerin. Sie muss Bilder für das erfinden, was sie sagen möchte, da sie die Wahrheit nicht schreiben darf. Durch Metaphern – wie beispielsweise den Hühnerhof oder den Schrecklichen – , mit denen sie auf Probleme innerhalb der Diktatur verweist, gelingt es ihr, dass ihr Buch nicht unter Zensur gerät. Kinderbücher werden von Generälen eher weniger gelesen, sodass die Kritik an der Gesellschaft durch Phantasiegestalten nicht weiter auffällt und das Buch nicht konfisziert wird.

Der Verweis auf die Ohrfeige steht für die Konsequenzen, wenn der Roman unter Zensur geraten würde.

Rachel beschließt – nachdem sie das Briefeschreiben von ihren Geschwistern und den Eltern zwei Mal verboten bekommen hat – einen Roman zu verfassen. Denn wenn sie einen Roman schreibt, steht von vornherein fest, dass alles erfunden ist und niemand kann mehr gegen sie sein. (Vgl. Bojunga Nunes 1983, 22)

Eines Tages finden die Familienmitglieder jedoch auch diesen Roman und machen sich darüber lustig. Sie empfinden Rachels Gedanken als lächerlich: „Und das schlimmste war, daß sie nicht nur über meine Geschichte lachten, sondern auch über mich und über das, was ich dachte.“ (Bojunga Nunes 1983, 23)

Wütend zerreißt Rachel den Roman und beschließt erst wieder zu schreiben, wenn sie erwachsen ist. Doch der Wunsch Schriftstellerin zu werden wächst ab diesem Zeitpunkt immer weiter an. (Vgl. Bojunga Nunes 1983, 24)

[...]


[1] Vgl. Kümmerling-Meibauer, Bettina: Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Ein internationales Lexikon. Band 2: L-Z, Stuttgart u.a. 1999, S. 796.

[2] Vgl. Asper, Barbara: Lygia Bojunga Nunes, in: Franz, Kurt; Lange, Günter und Payrhuber, Franz-Josef (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur - Ein Lexikon. Begründet von Alfred Clemens Baumgärtner und Heinrich Pleticha. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach, Teil 1: Autoren/Übersetzer, Meitingen1995ff., S. 1.

[3] Vgl. Kümmerling-Meibauer, S. 796.

[4] Vgl. Asper, S. 2.

[5] Vgl. Kümmerling-Meibauer, S. 796.

[6] http://www.alma.se/templates/KR_Page.aspx?id=3081&epslanguage=EN, eingesehen am 28.02.2009.

[7] Vgl. Asper, S. 2.

[8] Vgl. Asper, S. 2f.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640674541
ISBN (Buch)
9783640674756
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154974
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Jugendbuchforschung
Note
1,7
Schlagworte
Schriftsteller Diktatur Kritik Regime Roman Zensur Untersucht Beispiel Tasche“ Lygia Bojunga Nunes

Autor

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