Lade Inhalt...

"Nackter Wahnsinn" - Struktureller Funktionalismus des Wahnsinnsmotivs

Seminararbeit 2008 11 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Wahnsinnsmotiv im Iwein Hartmanns von Aue
2.1. Ätiologie des Wahnsinns
2.2. Der totale Wahnsinn
2.3. Therapie und Heilung

3. Struktur und Bedeutung des Wahnsinnsmotivs -
Interpretation im Rahmen der Intention des Werkes

4. Literaturverzeichnis
4.1. Quellen
4.2. Forschungsliteratur

1. Einleitung

Die folgende Untersuchung dient einer werkzentrierten Analyse und Interpretation des Wahnsinnsmotivs im Iwein Hartmanns von Aue. Der gesamte Komplex ist daher in Analogie zum Aufbau innerhalb des Romans in die einzelnen Phasen Ätiologie des Wahnsinns, Gipfel des Wahnsinns und Leben in der Wildnis sowie Therapie und Heilung aufgegliedert, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Genese der Krankheit und damit verbunden auf den Liebeskonzeptionen Hartmanns liegt. Einen fundierten Überblick über die Ergebnisse der älteren Forschung liefert Haferlach (1991), dessen Ergebnisse aus medizinhistorischer Perspektive äußerst konstruktiv sind. Diese Untersuchung stützt sich auch hinsichtlich der Gliederung insbesondere auf den Aufsatz Schmitts (1985), welcher interessante interpretatorische Ansätze aufweist. Er erkennt durch seine Hinweise auf spiegelbildliche Korrespondenzen die funktionale Bedeutung der Struktur dieses Komplexes wie im gesamten Iwein. Krause (1985) verweist im Rahmen der Interpretation des Wahnsinns auf gestörte Kommunikations- und Interaktionszusammenhänge. In diesen Kontext lässt sich auch die Analyse Sosnas (2003) einordnen. Im Folgenden sollen in Anbetracht dieser und weiterer Forschungsergebnisse die strukturellen Signifikanzen des höfischen Romans herausgearbeitet und im Spiegel des Aufbaus des gesamten Werkes und dessen Intention analysiert und interpretiert werden. Die Popularität des Iwein und insbesondere des Wahnsinnsmotivs, welches beispielsweise im „Bussard“ rezipiert und zum Handlungskern ausgestaltet wurde, sowie die Kontroversen in der Forschung machen eine erneute Auseinandersetzung mit der Thematik zu einem interessanten Unternehmen.[1]

2. Das Wahnsinnsmotiv im Iwein Hartmanns von Aue

2.1. Ätiologie des Wahnsinns

Hartmann differenziert bereits im Vorfeld des zu untersuchenden Komplexes Verletzungen, welche rein physischer Natur sind und deren Behandlung gut durch einen Arzt erfolgen könne, und Wunden, die durch die Macht der Minne entstehen, wodurch deren Heilungsprozess schwieriger sei (V.1537-86).[2] An dieser Stelle wird die Liebe als unwiderstehliche, fesselnde Macht eingeführt. Mit wan er was toetlichen wunt (V.1546) mag Hartmann auf die nachfolgende Handlung hinweisen: Die Minne wird dem Protagonisten zum Verhängnis werden, weil er zu Tode von ihr ergriffen ist. Insbesondere die Ambivalenz dieser Liebe scheint den Untergang Iweins im Wahnsinn zu determinieren. Denn er liebt Laudine, die Frau des Brunnenritters, welchen er im Kampf erschlagen hat, und diu im ze tode was gehaz (V.1543). Es ist ein emotionaler Antagonismus ersichtlich, der sich nicht auflösen kann.[3] Der Protagonist weiß um seine Schuld (nach also swaerer bürde/ miner niuwen schulde, V.1616-17) und ist beim Anblick der trauernden Laudine emotional zutiefst ergriffen. Seine Gedanken sind besessen von dem sehnsüchtigen Wunsch nach der Gunst dieser Frau. Signifikant an der Liebeskonzeption Hartmanns ist die Definition derselben im Sinne einer übermächtigen Leidenschaft, welche den Geist des Individuums unterwirft und Irrationalität im Handeln erzeugt.[4] Iweins Hoffnung gründet im Glauben an die Macht der Minne (V.1625-30). Den entscheidenden Beitrag leistet an dieser Stelle die eloquente Dienstmagd Lunete, die Laudine taktisch geschickt und mit politisch-pragmatischen Argumenten an den Gedanken der Notwendigkeit eines neuen Landesherren heranführt und letztendlich Iwein als ideale Lösung erwägt (V.1822-2053). Sie erscheint als rationale Vermittlungsfigur zwischen den affektiv handelnden Protagonisten.[5] Schließlich ist Lunete erfolgreich, nicht zuletzt auf Grund ihres besonderen persönlichen Verhältnisses zu ihrer Herrin (V.1789-95), und es kommt zur Hochzeit. Auch in diesem Kontext operiert der Terminus „Minne“ auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Für Iwein ist die Hochzeit ein Bündnis aus aufrichtiger Liebe, während bei Laudine die Indizien für pragmatische Beweggründe überwiegen. Für ihn ist es Minne als individueller Affekt, für sie Rechtsterminus, welcher die Basis der rechtlichen Fundierung und Absicherung des Ehebündnisses begründet.[6] Sie handelt aus politischem Kalkül heraus als Landesherrin. Auch ihre Gefühlswelt ist von einem Antagonismus (einerseits muss sie als Landesherrin rational der politischen Verpflichtung nachkommen, andererseits ist sie als trauernde Ehefrau emotional erschüttert) geprägt.[7] Diese offensichtliche Absurdität der Beziehung ist prädestinierend für die weitere Entwicklung des Protagonisten. Die Figurenkonstellation Iwein – Lunete – Laudine offenbart die Dialektik von Vernunft und Emotion.[8] Die Mahnung Gaweins sich nicht wie Erec wegen seiner Frau zu verligen, veranlasst Iwein dazu, Laudine um urloup zu bitten. Er bindet sich an die gewährte Jahresfrist und zieht los, um seinen Ruhm in ritterlichen Turnieren zu mehren (V.3037-58). Während sie in geselliger Runde vor dem Schloss des König Artus lagern wird sich Iwein seinem Fristversäumnis bewusst: ir gebot unde ir bete/ diu heter übergangen (V.3086-87). Von Kummer und schmerzlicher Liebe ergriffen scheint er nicht mehr in der Lage die Gesellschaft um sich herum wahrzunehmen. Erste Symptome einer psychischen Erkrankung wie stark eingeschränktes sinnliches Wahrnehmungsvermögen (daz er sin selbes vergaz, V.3091) sowie Artikulationsfähigkeit (er überhorte und übersach, V.3094) sind feststellbar.[9] Sie sind als Affekt Folge der Erkenntnis seiner Schuld und damit noch aus dem situativen Kontext heraus zu begründen. Die seelische Erschütterung Iweins repräsentiert noch nicht den Wahnsinn, sondern vielmehr eine Etappe auf dem Weg dorthin (als er ein tore waere, V.3095).[10] Das Bewusstsein seines Versäumnisses ereilt den Protagonisten intuitiv ohne erkennbaren Anstoß von außen (V.3083-84). Ursache dieses schmerzlichen Liebeskummers ist damit möglicherweise die Minne im Inneren Iweins. Betrifft diese erste Phase der Erkrankung noch den Bereich des sinnlichen Wahrnehmungsvermögens im Rahmen starker emotionaler Ergriffenheit aus dem Affekt des Erkennens heraus, so markiert die Schmährede Lunetes den Übergang in die nächste Phase.[11] Sie bezichtigt ihn des Treuebruchs und Verrates. Diese Anklage mag auch als Repräsentation gesellschaftlicher Ablehnung, welche der Protagonist durch seinen Bruch mit den Rechtsvorstellungen als Konsequenz erfahren muss, dienen. Die kontinuierliche Verschlechterung des Krankheitsbildes offenbart sich im Verlust von Frohsinn und Verstand (V.3201-15). Damit büßt er die Fähigkeit vernünftigen Denkens ein und ist fortan von dem Drang beherrscht, sich aus der Gesellschaft zu eliminieren. Die Erkenntnis der eigenen Schuld begründet den Verlust der Selbstachtung (Er verlos sin selbes hulde, V.3221).

[...]


[1] Vgl. zur Wirkungsgeschichte zusammenfassend: Wolf, Jürgen: Einführung in das Werk Hartmanns von Aue, Darmstadt 2007, S.71-72.

[2] Vgl. dazu auch Haferlach, Torsten: Die Darstellung von Verletzungen und Krankheiten und ihrer Therapie in mittelalterlicher deutscher Literatur unter gattungsspezifischen Aspekten, Heidelberg 1991, S.38.

[3] Vgl. Krause, Burkhardt: Zur Psychologie von Kommunikation und Interaktion. Zu Iweins ‚Wahnsinn’. In: Jürgen Kühnel u.a. (Hgg.): Psychologie in der Mediävistik. Gesammelte Beiträge des Steinheimer Symposions. Göppingen 1985, S.226: Das Zeremoniell der Hochzeit repräsentiert nur eine äußere Harmonisierung. Der innere Konflikt zwischen haz und herzeminne bleibt ungeklärt.

[4] Vgl. Haferlach, Torsten: Die Darstellung von Verletzungen und Krankheiten, S.38.

[5] Vgl. Sosna, Anette: Fiktionale Identität im höfischen Roman um 1200: Erec, Iwein, Parzival, Tristan, Stuttgart 2003, S.110.

[6] Vgl. Wolf, S.82.

[7] Vgl. Krause, Burkhardt: Zur Psychologie von Kommunikation und Interaktion, S.227.

[8] Vgl. Sosna, S.110.

[9] Wahrnehmung, Erinnern und Vergessen werden damit als zentrale Themen exponiert. Sosna verweist auf weitere Defizite innerhalb sozialer Interaktion.

[10] Vgl. Schmitt, Wolfram: Der ‚Wahnsinn’ in der Literatur des Mittelalters am Beispiel des ‚Iwein’ Hartmanns von Aue. In: Jürgen Kühnel u.a. (Hgg.): Psychologie in der Mediävistik. Gesammelte Beiträge des Steinheimer Symposions. Göppingen 1985, S.201.

[11] Vgl. ebd. S.201-202.

Details

Seiten
11
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640683185
ISBN (Buch)
9783640683277
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154714
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
Schlagworte
Nackter Wahnsinn Struktureller Funktionalismus Wahnsinnsmotivs

Autor

Zurück

Titel: "Nackter Wahnsinn" - Struktureller Funktionalismus des Wahnsinnsmotivs