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Mündigkeit als pädagogisches Leitmotiv

Eine Analyse didaktischer Handlungsalternativen

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0) Wer? Wie? Was?

1) Was ist Mündigkeit?

2) Warum zur Mündigkeit erziehen?

3) Warum ist es eigentlich unmöglich zur Mündigkeit zu erziehen?

4) Welche Methoden sind weniger geeignet?

5) Welche Charakteristika hat mündigkeitsfördernder Unterricht?
5.1) Realitätsbezug des Unterrichts
5.2) Handlungsorientierung
5.3) Demokratischer Unterricht

6) Gibt es ein Unterrichtskonzept, das diese Charakteristika betont? („Problem-Based Learning“)

7) In welcher theoretischen Tradition steht solcher Unterricht?

8) Fazit

9) Literaturverzeichnis

0) Wer? Wie? Was?

Seit der Zeit der Aufklärung und Kants berühmter Forderung nach vollständiger Mündigkeit des Individuums ist geistige Freiheit ein Grundpfeiler westlich-demokratischer, individuell egalitärer Gesellschaften geworden: Ohne Mündigkeit fehlt die Grundvoraussetzung für die Entwicklung innovativer Gedanken und damit auch für Fortschritt und Wachstum. Ohne mündige Individuen sind staatliche demokratische Organisationsprinzipien lediglich leere Worthülsen (siehe Weimarer Republik als „Demokratie ohne Demokraten“[1] ). Die betroffene Gesellschaft läuft in einer solchen Situation Gefahr die (wenn auch von vornherein schwachen, da lediglich institutionellen) freiheitlichen Grundprinzipien ihres Staates unversehens einzubüßen.[2] Es wird offensichtlich, welch überragenden Stellenwert Mündigkeit im Selbstbild, der Ideologie und Philosophie der gesamten westlichen Hemisphäre einnimmt.

Jedoch ist Mündigkeit kein natürlich gegebener Zustand. Im Gegenteil: Un mündigkeit ist ein solcher. Es stellt sich daher die grundlegende, ja gesellschaftlich existenzielle Frage, wie schulischer Unterricht dazu beitragen kann Mündigkeit zu fördern und welche didaktischen Prinzipien zu diesem Zweck gewinnbringend eingesetzt werden können.

Zu diesem Zweck wird diese Arbeit zuerst den Begriff Mündigkeit definieren. Anschließend wird herausgearbeitet, warum Mündigkeit als schulisches Lernziel so wichtig ist. In diesem Zusammenhang wird diese Untersuchung auch auf die prinzipielle Unmöglichkeit einer „Erziehung zur Mündigkeit“ eingehen.

Im Anschluss wird diese Untersuchung darlegen, welche pädagogischen Handlungsansätze den Ansprüchen an mündigkeitsfördernden Unterricht nicht genügen. Der folgende Abschnitt wird erläutern, welche Prinzipien sinnvoll zu nutzen sind um SchülerInnen ihre (Selbst-)Entwicklung zu mündigen Bürgern zu erleichtern.

Ziel dieser Arbeit ist also eine Evaluation und Präselektion einiger didaktischer Handlungsalternativen mit Blick auf eine Optimierung der Chancen auf Entwicklung von Mündigkeit unter den SchülerInnen.

„Sapere Aude!“

(Kant, S. 3)

1) Was ist Mündigkeit?

Um zu klären, welche didaktischen Modelle potentiell die Ausbildung von Mündigkeit erleichtern, ist es unumgänglich den Begriff Mündigkeit zu so genau wie möglich definieren. Dies ist das Ziel der folgenden Absätze.

Mündigkeit ist ursprünglich ein philosophischer Begriff. Zu ihrer groben Skizzierung und Verortung sollen nun prominente Definitionsansätze dargelegt werden. werden.

Immanuel Kant, wohl der Denker der Aufklärung, beschrieb Mündigkeit bekanntermaßen über einen negativen Definitionsansatz: „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“[3] Für Kant ist also Mündigkeit, i.e. das freie Nutzen des eigenen Verstandes, integraler und konstitutiver Bestandteil einer aufgeklärten Gesellschaft. Jedoch hat Kats Argument nicht nur den liberalistischen, egalitär-antifeudalen, gesellschaftlichen Aspekt: Mündigkeit und Aufklärung sind Ideale, deren Verwirklichung nie vollständig sein kann. In diesem Sinne gibt es also die aufgeklärte Gesellschaft nicht. Es werden aber immer neue Problemlagen offenbar, die eine (weitere) Annäherung an diese Ideale mehr als nur legitimieren.

Peter Massing, seines Zeichens Politikdidaktiker, fügte viel später – den Grundgedanken von Kant aufgreifend, ihm jedoch eine Betonung des (Entscheidungs-)Prozesscharakters beifügend, hinzu, dass derjenige mündig sei, der „zu eigenem Denken gelangt ist, wenn er von Vorurteilen und Verblendungen frei […] gelernt hat, Vorgefundenes kritisch zu reflektieren […], um auf dieser Basis zu entscheiden.“[4] Diese Ausführungen sollen für den Umfang dieser Untersuchung ausreichen um ein Bild dessen zu skizzieren, was Mündigkeit in der Philosophie bedeutet.

Von der Warte des Pädagogen betrachtet, der qua natura officii die „naturgegebene“ Unmündigkeit seiner Schützlinge zu verringern sucht[5], sind Aufklärung und Fördern von Mündigkeit die fundamentalen normativen Säulen seines Berufsstandes.[6] Aus diesem Grunde sehen alle 16 diesbezüglichen Ländergesetze explizit Mündigkeit als Unterrichtsziel und Handlungsmaxime vor.[7]

„Urteilskraft setzt in der Bürgerschaft immer

mehr Wissen voraus, woher soll es kommen?“

(Massing 2002, S. 83)

2) Warum zur Mündigkeit erziehen?

Die Frage, warum Mündigkeit ein Ziel ist, das Unterricht sich zu erreichen anschicken sollte ist auf mehreren Ebenen zu beantworten. Erstens ist, wie bereits eingangs erwähnt, die deutsche Geschichte ein Paradebeispiel dafür, welche Gefahren in gesamtgesellschaftlicher Unmündigkeit lauern: Die historische Entwicklung von der Weimarer Republik zum Terrorregime der Nazis ging (subjektiv betrachtet) rasant voran, da die deutsche Bevölkerung, in fast vollständiger Ermangelung von Mündigkeit, offenbar einfach nicht verstanden hat, was vor sich ging, bevor es zu spät für effektiven Widerstand war[8]. Um eine derartige (politische wie menschliche) Katastrophe in der Zukunft verhindern zu können ist es unumgänglich, nachkommenden Generationen das intellektuelle und habituelle „Rüstzeug“ dafür zu vermitteln. Eben diesen Auftrag hat schulischer Unterricht.[9]

Zweitens hat in einer demokratisch organisierten Gesellschaft wie der deutschen jeder ein Recht darauf, sich angemessen am politischen Prozess beteiligen zu dürfen und zu können. Demokratische Systeme zeichnen sich aber per se durch die Existenz und Akzeptanz widersprüchlicher Meinungen und Interpretationen zu ein und demselben Thema aus („demokratischer Pluralismus“). Es ist ihnen daher fremd eine Lösung zu präsentieren und diese durchzusetzen. Es ist in demokratischen Systemen daher allein schon aus ethischen Gründen schlicht unumgänglich, kommende Generationen von SchülerInnen zu befähigen sich in diesem „Meinungsdschungel“ zurechtzufinden und rational in ihnen Entscheidungen fällen zu können.[10]

Drittens leben wir in einer von sich rasant weiterentwickelnden Umständen geprägten Zeit. Unweigerlich kommen Assoziationen zu vielzitierten Schlagworten wie Globalisierung, Mobilität (lokale wie berufliche), technologischer Fortschritt, usw. auf. Der/die Einzelne ist diesen Umständen nur gewachsen, wenn er/sie in der Lage ist, sich diesen Veränderungen anzupassen und das (ganz individuell) Beste aus den sich neu ergebenden Chancen zu machen. Diese Anpassungsfähigkeit jedoch muss - wie jede andere Fähigkeit auch - erlernt werden – wo wiederum die Institution Schule ins Spiel kommt.[11] Die Fähigkeit, sich ins (schulische, soziale, politische, etc.) Geschehen mischen zu können, setzt bei den SchülerInnen die die Verfügbarkeit eines bestimmten Wissens voraus. Dieses Wissen kann in a) kognitive, b) prozedurale sowie c) habituelle Kompetenzen kategorisiert werden.[12] Genauer gesagt: Die SchülerInnen sollten idealerweise a) über Wissen über Institutionen, Fakten und Zusammenhänge verfügen, b) Vorgänge verstehen und ihre eigenen Gedanken in einer Diskussion sinnvoll einbringen können, und schließlich c) ihre theoretischen Positionen mit praktischem Handeln füllen können.[13] Diese Aufzählung ist ganz offensichtlich stark normativ aufgeladen und läuft Gefahr sich der Kritik auszusetzen, ihre Forderungen seien nahezu utopischer Natur. Nichtsdestotrotz sind die genannten Kompetenzen als „pädagogische Nordsterne“ durchaus operationalisierbar.

[...]


[1] Marschall, S. 23

[2] Eindrucksvoll wird dieser Prozesses in Sebastian Haffners Büchern „Geschichte eines Deutschen - Die Erinnerungen 1914 - 1933“ und dem in England publizierten „Germany – Jekyll and Hyde” beschrieben, in dem der Autor die Mentalität des Durchschnittsdeutschen beschreibt und die daraus resultierenden Probleme, vor allem natürlich den Aufstieg der Nationalsozialisten, darlegt.

[3] Kant, S. 3

[4] Massing 1999, S. 186

[5] vgl. Blankertz, S. 307; vgl. Meyer / Jank, S. 209

[6] vgl. Meyer / Jank, S. 122f.

[7] vgl. Meyer / Jank, S. 27

[8] vgl. Haffner, S. 102

[9] vgl. Meyer/Jank, S. 46f., 50, 121ff., 209ff.

[10] vgl. Meyer / Jank, S. 121f.

[11] vgl. Heimlich, Wember, S. 22f.

[12] vgl. Breit, S. 155

[13] vgl. Massing, S. 110f.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640673643
ISBN (Buch)
9783640673391
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154665
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Mündigkeit Leitmotiv Eine Analyse Handlungsalternativen

Autor

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