Lade Inhalt...

Leben mit ADHS - Symptome und Belastungen bei Erwachsenen mit ADHS-betroffenen Kindern unter besonderer Berücksichtigung der familiären Lebenslage

von L. L. (Autor)

Bachelorarbeit 2010 56 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
2.2 Lebenslagen und familiäre Lebenslage
2.3 Auswirkungen der ADHS

3. Starke Belastung durch die ADHS-Erkrankung/Betroffenheit des Kindes

4. Methodisches Vorgehen
4.1 Kontaktaufnahme und Durchführung der Untersuchung
4.2 Soziodemographisches Profil der Teilnehmer

5. Ergebnisse
5.1 Belastung durch Erziehung
5.2 Belastung im Alltag
5.3 Belastung durch Versagensgefühle
5.4 Belastung mit Partnerschaft
5.5 Belastung durch fehlende soziale Achtung sowie Akzeptanz der ADHS-Erkrankung
5.6 Belastung durch das Umfeld
5.7 Unterstützung
5.8 Belastung vs. Unterstützung

6. Diskussion der Ergebnisse

7. Fazit

III. Abbildungsverzeichnis

IV. Literaturverzeichnis

V. Anhang

Fragebogenleitfaden

II Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Geschichte vom Zappel-Philipp

"Ob der Philipp heute still

Wohl bei Tische sitzen will?" Also sprach in ernstem Ton Der Papa zu seinem Sohn, Und die Mutter blickte stumm Auf dem ganzen Tisch herum

Doch der Philipp h ö rte nicht, Was zu ihm der Vater spricht. Er gaukelt

Und schaukelt, Er trappelt

Und zappelt

Auf dem Stuhle hin und her. "Philipp, das missf ä llt mir sehr!"

Seht, ihr lieben Kinder, seht, Wie ´ s dem Philipp weiter geht! Oben steht es auf dem Bild.

Seht! Er schaukelt gar zu wild, Bis der Stuhl nach hinten f ä llt; Da ist nichts mehr was ihn h ä lt. Nach dem Tischtuch greift er, schreit. Doch was hilft ´ s? Zu gleicher Zeit Fallen Teller, Flasch und Brot.

Vater ist in gro ß er Not.

Und die Mutter blicket stumm Auf dem ganzen Tisch herum.

Nun ist Philipp ganz versteckt, Und der Tisch ist abgedeckt. Was der Vater essen wollt, Unten auf der Erde rollt. Suppe, Brot und alle Bissen, Alles ist herabgerissen.

Suppenschüssel ist entzwei, Und die Eltern stehn dabei. Beide sind gar zornig sehr, Haben nichts zu essen mehr “ . [1]

Schon der Psychiater, Lyriker, Kinderbuchautor und Verfasser des Struwwelpeters (1845) hat die Symptomatik und die Auswirkungen einer ADHS-(Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung) Erkrankung anekdotisch dargestellt. Diese Störung gab es schon immer und ist keine Modediagnose unserer schnelllebigen Zeit.[2] ADHS hat viele Gesichter, ist in ihrer Ausprägung sehr differenziert zu betrachten und zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und Völker der Erde. Wir leben heute in einer Multitasking- Gesellschaft und sind ständig einer starken Reizüberflutung ausgesetzt. Wir drohen unter einer Informationsflut zu ersticken, die allen Menschen zunehmend Schwierigkeiten bereitet. In verstärktem Maße sind von den Folgen Menschen mit ADHS betroffen, die durch unsere Multitasking-Gesellschaft und die ständige Getriebenheit immer schneller an ihre Grenzen kommen.[3] Diese gesellschaftliche Entwicklung führt auch dazu, dass das Thema Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewinnt, es ist die am meisten erforschte psychiatrische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter, über die es viel Literatur und Informationen gibt. Ca. 5% der Kinder und Jugendlichen sowie 2% der erwachsenen Bevölkerung sind laut Studien von einer ADHS betroffen.[4] Während die ADHS-Thematik bei Kindern und Jugendlichen ständig Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen ist, ist die sich aus der ADHS ergebende Belastung für die Familie, insbesondere der Erziehenden, bisher kaum Gegenstand wesentlicher empirischer Studien. Die Literatur befasst sich vielfach mit ADHS im Kindes- und Jugendalter (inzwischen auch mit ADHS im Erwachsenenalter) - noch zu gering werden Zusammenhänge der ADHS-Erkrankung des Kindes mit den Auswirkungen auf die familiäre Lebenslage beachtet. Mit zunehmender Erkenntnis braucht gerade dieser Bereich eine erhöhte Aufmerksamkeit, um Symptome und Auswirkungen im Zusammenhang mit der familiären Lebenslage in einer Familie mit ADHS betroffenen Kindern im Vergleich zu einer nicht belasteten Familie zu analysieren und zu fundierten Erkenntnissen zu kommen.

Anlass der vorliegenden Arbeit ist daher die sich immer stärker abzeichnende Bedeutung der Elternbelastung und die Auswirkungen auf die familiäre Lebenslage sowie die damit verbundene gegenwärtige Aktualität. Weiterer Anlass ist die persönliche Betroffenheit und somit persönliches Interesse an der Thematik, die Berührung mit dem Projekt „Raus aus der Krise - ADHS-Kompetenz für den Erziehungsalltag“ sowie gewonnene Erkenntnisse aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Leben mit ADHS-betroffenen Kindern aus der Perspektive der Erwachsenen darzustellen unter besonderer Berücksichtigung der familiären Lebenslage. Es soll festgestellt werden, wie Erwachsene mit ADHS-betroffenen Kindern die Belastungen bei Elternschaft wahrnehmen. Hierbei werden die subjektive Wahrnehmung und Bewertung dieser Erfahrung an den objektiven Aspekten der Literatur hinterfragt und analysiert, wobei davon ausgegangen wird, dass ein ADHS-betroffenes Kind eine große Belastung und Auswirkung für die Familiensituation und das Umfeld darstellt. Die Arbeit will einen Beitrag zum Verständnis der Situation der Erwachsenen mit ADHS-betroffenen Kindern leisten, mit dem Ziel, dass hieraus Ansätze für die Soziale Arbeit abgeleitet werden können.

In der vorliegenden Arbeit werden Zusammenhänge zwischen der Lebenslage und den familiären Belastungen durch ADHS-betroffene Kinder aufgezeigt. Für die Erhebung der Belastungssituation der Eltern wird ein vollstandardisierter Fragebogen verwendet. Die subjektiven Erfahrungen werden anhand verschiedener objektiver Aspekte verglichen, erläutert und analysiert. Um die Auswirkungen einer ADHS zu verdeutlichen, wird im theoretischen Teil, Kapitel 2, - nach Erläuterung einiger Begriffe und der Nomenklatur - auf Symptome, Ursachen und Diagnose einer ADHS eingegangen (2.1). In 2.2 werden Lebenslagen mit den speziellen Aspekten der familiären Lebenslage dargestellt, um anschließend die besonderen Auswirkungen der ADHS-Kinder- und Jugendsymptomatik auf die familiäre Lebenslage aufzuzeigen, soweit sie sich aus der Literatur ergeben (2.3). Aufgrund dieser theoretischen Grundlagen und der empirischen Ermittlungen werden anschließend die Fragestellungen für diese Arbeit erläutert (Kapitel 3). Kapitel 4 befasst sich zunächst mit der methodischen Durchführung der Untersuchung (4.1) und beschreibt sodann das soziodemografische Profil der an der Untersuchung teilnehmenden Probanden, einschließlich deren ADHS-Betroffenheit (4.2). Die Ergebnisse der Untersuchung werden anhand von ausgewählten Themen in Kapitel 5 dargestellt. Schließlich werden in Kapitel 6 die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und diskutiert. Abgerundet wird die Arbeit in Kapitel 7 mit einem Fazit.

2. Theoretische Grundlagen

Um die Auswirkungen und Belastungen durch ADHS-betroffene Kinder und Jugendliche auf die familiäre Lebenslage nachvollziehbar aufzeigen zu können, wird zuerst das Störungsbild ADHS beschrieben. Anschließend wird auf das Lebenslagenkonzept und die familiäre Lebenslage eingegangen, um dann im nächsten Schritt die Auswirkungen der ADHSBetroffenheit auf die familiäre Lebenslage darzustellen. In diesem Zusammenhang werden einige Begriffsdefinitionen erläutert.

2.1 Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Begrifflich sind Aufmerksamkeit und Hyperaktivität enthalten: Aufmerksamkeit heißt „das Ausrichten des Wahrnehmens, Vorstellens und Denkens auf bestimmte gegenwärtige oder erwartete Erlebnisinhalte, ein psych. Zustand gesteigerter Wachheit und Aufnahme- bereitschaft, kann willkürlich (willentlich) auf einen Gegenstand gerichtet oder unwillkürlich (passiv) durch starke Reize erregt werden.“[5] Hierbei liegt ein komplizierter Mechanismus zu Grunde, damit Eindrücke aus dem Umfeld aufgenommen und verarbeitet werden können. Cordula Neuhaus hat zur Definition von Aufmerksamkeit - schon im Blick auf ADHS - verschiedene Aspekte aufgezählt:

- Grad der allgemeinen Wachheit (Vigilanz)
-Aktivierbarkeit der Aufmerksamkeit
-Fähigkeit, das Wichtigste zu filtern (selektive Aufmerksamkeit)
-Fähigkeit mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen
-Fähigkeit sich schnell von einem Reiz auf einen neuen einzustellen

Menschen mit einer ADHS haben mit der Nutzung dieser genannten Fähigkeiten Probleme[6] bzw. weisen Defizite oder Störungen auf.

Hyperaktivität bedeutet: nicht hinreichendes situationsangepasstes überaktives Verhalten.[7]

M. Winkler definiert ADHS wie folgt: „Als Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (AD/HS:

Attention Deficit/Hyperactivity Disorder) wird heute ein klinisches Syndrom bezeichnet, das durch erhebliche Beeinträchtigungen der Konzentrations- und Daueraufmerksamkeitsfähigkeit, Störungen der Impulskontrolle sowie fakultative motorische Hyperaktivität bzw. Unruhe gekennzeichnet ist.“[8]

Abgesehen davon, dass Heinrich Hoffmann in seinem „Struwwelpeter“ schon 1845 die Symptome der ADHS-Erkrankung beschrieb, wurden diese erstmalig von dem englischen Arzt G. F. Still als Verhaltensauffälligkeit bei Kindern wissenschaftlich benannt. Er bezeichnete die Störung als „abnormal psychical condition“. Später wurde mit den damals zur Verfügung stehenden Methoden angenommen, dass noch nicht nachweisbare minimale neurologische Veränderungen Ursache für die Störungen seien, klinische Bezeichnung „Minimale Cerebrale Dysfunktion“ oder „psychoorganisches Syndrom“.[9] Die Bezeichnung hat sich im Laufe der Zeit mehrfach geändert. In das Diagnosesystem der „International Statistical Classification of Diseases (ICD)“ der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde die Störung als „Hyperkinetisches Syndrom des Kindesalters“ erstmalig 1978 eingeführt. In dem zweiten wichtigen Klassifikationssystem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-III)“ der amerikanisch-psychiatrischen Gesellschaft ist die Diagnosestellung seit 1980 auch für Erwachsene unter dem Begriff „Attention Deficit Disorder“ (ADD) aufgeführt[10] (Anmerkung, zurzeit gültig: DSM IV, DSM V in Vorbereitung). Inzwischen ist der Begriff „Attention Deficit/Hyperactivity Disorder“ (ADHD) eingeführt, deutsche Bezeichnung ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung).[11] Weitere Begriffe für das Erscheinungsbild sind z.B. Hyperkinetisches Syndrom, Hyperkinetische Störung, Aufmerksamkeits-hyperaktivitätssyndrom, Psychoorganisches Syndrom; Akronyme sind z.B. AD(H)S, ADHS/ADS, AD/HS, POS. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) verwendet, da dieser Begriff beide Formen der Störung (mit und ohne Hyperaktivität) beinhaltet und inzwischen am gebräuchlichsten ist.

Im Kinder- und Jugendalter fällt eine ADHS durch eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne in Verbindung mit hoher Ablenkbarkeit auf. Zusätzlich können motorische Unruhe, Zappeligkeit, Impulsivität, Stimmungsschwankungen und ein gestörtes Sozialverhalten auftreten sowie Probleme in der Grob- und Feinmotorik, in der Wahrnehmung und beim Schreiben, Lesen und Rechnen.

Die Kernsymptome von ADHS bei Kindern werden durch Kriterien aus den Bereichen Unaufmerksamkeit (Störung der Aufmerksamkeit, Mangel an Ausdauer), Hyperaktivität (unruhiges Verhalten) und Impulsivität (plötzliche Ausbrüche, die sozial nicht angemessen sind) definiert.[12]

Nach der Klassifikation des DSM-IV sind folgende Kriterien aus dem Bereich der Unaufmerksamkeit definiert. Das betroffene Kind

1. beachtet oft Einzelheiten nicht, oder macht Flüchtigkeitsfehler bei Hausaufgaben, oder beim Arbeiten
2. hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten
3. scheint oft nicht zuzuhören
4. führt oft Anweisungen nicht vollständig durch, bringt Aufgaben nicht zu Ende
5. hat Schwierigkeiten zu organisieren
6. hat Abneigung gegen Sachen, die länger dauernde geistige Anstrengung erfordern
7. verliert ständig Gegenstände
8. lässt sich sehr stark durch andere Reize ablenken
9. ist bei Alltagstätigkeiten sehr oft vergesslich[13]

Der Bereich der Hyperaktivität und Impulsivität beinhaltet folgende Kriterien, wobei die Kriterien 1-6 Hyperaktivität und die Kriterien 7-9 Impulsivität umfassen. Das betroffene Kind

1. zappelt häufig mit Händen oder Füßen, oder rutscht unruhig auf dem Stuhl herum
2. steht in unpassenden Situationen auf, wo sitzen bleiben erforderlich ist
3. läuft oder klettert ständig herum, wo dies unpassend ist
4. hat Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich zu beschäftigen
5. ist häufig auf Achse, wie getrieben
6. redet sehr oft übermäßig viel
7. platzt mit Antworten heraus, bevor die Frage fertig gestellt wurde
8. kann sehr schwer warten, bis es an der Reihe ist
9. unterbricht ständig andere oder platzt in deren Gespräche ein[14]

Kinder und Jugendliche mit Hyperaktivität und Impulsivität, die häufig auch als Zappelphilipp bezeichnet werden, fallen durch ein gestörtes Sozialverhalten in der Familie, im Kindergarten und in der Schule auf.[15] Ihr Verhalten wird als rastlos und unüberlegt definiert. Ihre Ausdauer und Konzentration ist sehr gering.[16] Im Kindergartenalltag zeigt sich das Kind als schwer erzieh- und integrierbar, weil es keinerlei Regeln beachtet und Grenzen wahren kann.[17] Im Schulalltag fallen diese Kinder dadurch auf, dass sie sich nicht lange konzentrieren können, andere Kinder oft ablenken und häufig Streit mit ihren Mitschülern haben. Das hat zur Folge, dass sie von Lehrern und Mitschülern als störend und unruhestiftend angesehen werden.[18] Kinder und Jugendliche mit einer vorwiegenden Hypoaktivität fallen durch Langsamkeit und Verträumtheit auf.[19] Ihr Verhalten ist auch von Unaufmerksamkeit und Impulsivität gekennzeichnet; allerdings leiden diese Kinder unter einer Aktivitätsminderung. Diese Kinder neigen jedoch auch zu starken Stimmungsschwankungen und starken Wutanfällen.[20] Wichtig ist aber, dass diese Kinder auch viele positive Eigenschaften inne haben, wie u.a. ein starker Sinn nach Gerechtigkeit, Kreativität, Hilfsbereitschaft oder dass sie nicht nachtragend sind.[21]

Im Laufe der Entwicklung vom Kinder- und Jugendalter zum Erwachsenenalter wandeln sich die Symptome und Ausprägungen einer ADHS; besonders die motorische Hyperaktivität reduziert sich, bleibt aber als innere Anspannung vorhanden. Wesentliche, teilweise schon seit Kindheit bestehende Symptome einer Erwachsenen-ADHS sind: Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, Desorganisation, Störungen der motorischen Aktivität, Störungen der Impulskontrolle, Gestörtes Sozialverhalten, Emotionale Labilität, Reizoffenheit und Stressintoleranz.[22] Typische Problemfelder des Erwachsenen sind Selbstorganisation, Zeitmanagement, Finanzmanagement, Beziehungsgestaltung, Erziehung der Kinder, Teamfähigkeit, Sozialverhalten, Straßenverkehr.[23] Die hyperaktive ADHS im Erwachsenenalter bedeutet im Alltag Chaos, Hektik, hohe Emotionalität, kleine und große Katastrophen.[24] Die hypoaktive ADHS weist zwar die Kernsymptome der hyperaktiven ADHS auf, der Unterschied besteht darin, dass der hypoaktive Mensch motorisch nicht unruhig ist, sondern auffallend ruhig und oft unangemessen gelassen. Oft weisen diese Erwachsenen eine Verzögerung ihrer Reife auf und sind nur schwer in der Lage, soziale Kontakte zu knüpfen und zu halten. Ihr Auftreten wirkt unsicher und schüchtern.[25]

ADHS zeigt sich - wie vorstehend dargestellt - als Störungsbild mit vielschichtigen Erscheinungsformen im Kinder-, Jugend- und Erwachsenenalter. Die Ursachen sind trotz aller Forschungen noch nicht vollständig geklärt. Als wesentliche Ursache der Störung gilt nach dem gegenwärtigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis eine neurobiologische Störung mit ganz individueller Ausprägung, die als eine ernst zu nehmende, hirnorganische Funktionsstörung auf der Ebene der Neurotransmitter zu behandeln ist.[26] Kahl, Puls und Schmid fassen die bisherigen Forschungsergebnisse allgemeiner zusammen und stellen fest, dass - wie auch bei anderen psychischen Störungen nicht von einem Entstehungs- mechanismus auszugehen ist, sondern von einem multifaktoriellen Entstehungsmodell - genetisch, biochemisch, neuroanatomisch, neurophysiologisch, neuropsychologisch und durch die Umwelt beeinflusst.[27] Wie weit hierbei Umweltfaktoren Auswirkungen haben und den Schweregrad beeinflussen, ist noch wenig erforscht. Als gesichert gilt, dass die Störung nicht nur auf eine Ursache zurückzuführen ist; genetischen Faktoren kommt jedoch eine große Bedeutung zu.[28]

Für eine Diagnose sind wegen der Komplexität und Vielschichtigkeit spezielle Kenntnisse notwendig, denn komplizierte Hirnfunktionen sind durch einfache Verfahren nicht bewertbar. Leichte Störungen der Aufmerksamkeit, Stimmungsschwankungen u.a. sind auch bei gesunden Menschen vorzufinden und sind nicht spezifisch. Die Diagnosekriterien sind in den Klassifikationssystemen (u.a. ICD-10) beschrieben. Wichtige Kriterien für die Diagnose sind:

-mehrere Symptome bestehen gleichzeitig
-einige Symptome bestehen länger als sechs Monate und sind mit dem Entwicklungsstand des Kindes nicht zu vereinbaren (bzw. bestehen seit der Kindheit kontinuierlich)
-Symptome führen zu deutlicher Beeinträchtigung in mehreren Lebensbereichen
-Symptome sind nicht durch eine andere Krankheit besser zu beschreiben[29]

Die Diagnose wird mit Hilfe von Anamnesebögen (u.a. Fremd- und Selbsteinschätzung) unterstützt. Hier soll die Entwicklung ab der Kindheit ermittelt werden, um Verhaltensauffälligkeiten in der Entwicklung herauszuarbeiten.[30]

Als Therapie ist regelmäßig ein multimodales vernetztes Konzept erforderlich, um dem komplexen Krankheitsbild gerecht zu werden. Zu der multimodalen interdisziplinären Behandlung gehören entsprechend der verschiedenen Problembereiche: Medikamentöse Behandlung und psychotherapeutische Ansätze (Erziehungskonzept, Bewegungs- und Beschäftigungstherapie, Lenkung der Freizeit, Behandlung spezifischer Teilleistungs- störungen, Elterntraining).[31]

Über die Prävalenz von ADHS in der Bevölkerung liegen keine genauen Statistiken vor. Lediglich die Ergebnisse aus Modellversuchen und Studien lassen Rückschlüsse und Hochrechnungen zu. Krause und Krause führen das Ergebnis einer großen Untersuchung in Deutschland auf, untersucht wurden 14.836 Kinder und Jugendliche, bei 4,8% war eine ADHS diagnostiziert, bei weiteren 4,9% bestand der Verdacht dieser Störung (Schlack et al. 2007).[32] Im Allgemeinen wird von einer Häufigkeit einer ADHS bei Kindern und Jugendlichen zwischen 2 und 5% ausgegangen,[33] hiernach sind in Deutschland rund 500.000 der unter 18-Jährigen betroffen.[34] Bei Erwachsenen wird davon ausgegangen, dass ungefähr 2% ADHS-Symptome aufweisen (Krause et al. 1998, Wender 2000, Ebert 2001, Steinhausen 2003).[35] Eine Zunahme der Diagnose ADHS um 50%, in den Jahren 2004-2007 verzeichnete die Kaufmännische Krankenkasse (von 2,1% auf 3,3%).[36] Auch wenn die Zunahme teilweise auf bisher nicht diagnostizierte Fälle zurückzuführen ist, zeigt diese Entwicklung zugleich eine Steigerung des Potenzials belastender Situationen in familiären Lebenslagen auf.

2.2 Lebenslagen und familiäre Lebenslage

Der Begriff Lebenslage stellt ein Konzept der Ungleichheitsforschung dar. Lebenslagen bedeutet, dass Menschen unterschiedliche Lebensbedingungen haben und aus diesem Grund auf verschiedene Art an gesellschaftlichen Ressourcen teilhaben oder nicht teilhaben können.[37] Eine konkretisierende abschließende Definition des Begriffs Lebenslage ist nicht gegeben, er ist vielmehr im Laufe der Jahrzehnte fortentwickelt worden - neben den subjektiven Zuordnungen des Begriffes, der sich an der persönlichen Interessenslage ausrichtet. Nach dem Sozialwissenschaftler Otto Neurath, der das Konzept der Lebenslage im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ausgearbeitet hat, bedeutet Lebenslage den „Inbegriff all der Umstände, die verhältnismäßig unmittelbar die Verhaltensweise eines Menschen, seinen Schmerz, seine Freude bedingen.“[38] Lebenslage steht im engen Bezug zu Begriffen wie „Soziallage, Lebensstil, Lebensniveau, Lebensstandard, Lebensbedingungen, Lebens- verhältnisse usw.“[39] Er wird subjektiv mit Zufriedenheit, Wohlbefinden, Glück und Lebenszufriedenheit in Verbindung gebracht.

Nach dem 2. Weltkrieg war Lebenslage in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorerst vom Wohlfahrtsgedanken dominiert. Sozialpolitik war im Wesentlichen eine Politik der Einkommensverteilung. Mit der „Wohlstandsexplosion“[40] wurde als Alternative die Lebenslagen-Perspektive entwickelt und als Lebenslagenansatz eingeführt.[41] Dieses Modell stellt eine erheblich umfangreichere Beschreibung als die Thematik der reinen Einkommensverteilung dar, greift das Modell von Neurath auf und entwickelt es weiter: Schon in Neuraths Konzept sind laut K.-A. Chassé drei Perspektiven berücksichtigt:

-Die objektiven Lebensbedingungen
-Die subjektiven Orientierungen
-verbindende Instanzen von Milieu, Kultur usw.[42]

Objektive Lebensbedingungen bedeuten Bedingungen, auf die Personen reagieren. Subjektive Orientierung bedeutet persönliche Reaktion bzw. Handlung auf die objektiven Bedingungen. Unter Milieu wird eine Gruppierung von Menschen mit ähnlicher Mentalität verstanden, die ihre Umwelt in gleicher oder ähnlicher Weise gestalten.[43]

Das weiterentwickelte Lagenmodell berücksichtigt die Gesamtheit der Lebensverhältnisse und die vielschichtigen Ressourcen, die den Personen zur Verfügung stehen.[44] Die bisher dominierenden Begriffe Vermögen und Einkommen werden mit dem Lebenslagenaspekt in einen Gesamtzusammenhang eingebunden, der die Tatsache berücksichtigt, dass die konkreten Lebensbedingungen nicht nur aus diesen monetären Dimensionen bestehen, sondern mehrdimensional sind und die vielfältigen Lebensbereiche einbeziehen. Nicht nur die (dominierenden) Ressourcen Vermögen/Einkommen, sondern auch weitere Ressourcen wie Bildung, Arbeit, Wohnung, Familie, Gesundheit und Netzwerke werden einbezogen.[45] Damit wird der Blick auf ein Spektrum von Ressourcen erweitert, die erschlossen werden können. Es ist mehrdimensional und berücksichtigt nicht nur vertikale Ungleichheit (u.a. Herkunft, Bildung, Einkommen) sondern auch horizontale Lebenslagen (wie z.B. Behinderung, Krankheit).[46] War die Thematik der Einkommensverteilung eindimensional, so ermöglicht es dieses Lagenmodell gegenüber der Sozialpolitik, die Mehrdimensionalität und die Ungleichheitsstrukturen besser zu erfassen.[47]

An der Entwicklung des Lagenmodells von Neurath haben u.a. G. Weisser, W. Hanech und I. Nahnsen mitgewirkt. W. Hanech ordnet 1994 der Lebenslage als Dimensionen fünf Bereiche zu (Einkommen, Arbeit, Bildung, Wohnen, Gesundheit).[48] Nach Ingeborg Nahnsen gelten als Aspekte der Lebenslage Einkommens- und Versorgungsspielraum Kontakt- und Kooperationsspielraum Lern- und Erfahrungsspielraum Muße- und Regenerationsspielraum Dispositions- und Partizipationsspielraum[49]

Die von Nahnsen entwickelte Theorie der Lebenslage wird auch als Grundlage für die vorliegende Arbeit herangezogen. Der Einkommens- und Versorgungsspielraum beinhaltet die Möglichkeit, sich mit Gütern und Diensten versorgen zu können sowie Zugang zu Ressourcen zu haben. Dieser Aspekt dominiert, weil er Möglichkeiten der Nutzung anderer Spielräume eröffnet. Der Kontakt- und Kooperationsspielraum stellt die Möglichkeit dar, soziale Kontakte und das Zusammenwirken mit anderen pflegen zu können, also zu kommunizieren, sich an Interaktionen und an sozialen Netzen zu beteiligen. Der Lern- und Erfahrungsspielraum zeichnet sich durch Sozialisationsbedingungen, schulische Bildung, Aus- und Weiterbildung, Form und Inhalt der Verinnerlichung sozialer Normen, Beruf, Arbeitserfahrungen und räumliche Mobilität aus.

[...]


[1] Hoffmann, H. (1997): o.S.

[2] Vgl. Czerwenka, K. (1994): S. 35.

[3] Vgl. Neuy-Bartmann, A. (2006): S. 245-246.

[4] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 95.

[5] dtv Lexikon (1990): S. 335.

[6] Vgl. Neuhaus, C. (2007): S. 42-43.

[7] Vgl. Steinhausen, H.-C., von Aster, M. (1999): S. 132.

[8] Ackermann-Stoletzky, K., Stoletzky, C. (2004): zitiert nach Winkler, M. (o.J.): o.S.

[9] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 12.

[10] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 12-13.

[11] Vgl. Krause, J., Krause, K.-H. (2009): S. 3.

[12] Vgl. Hoppe, J.-D., Scriba, P.C. (2005): S. 3.

[13] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 104-105.

[14] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 104-105.

[15] Vgl. Alfred, A., Eiden, S., Heuschen, K. W., Neuy-Bartmann, A., Rothfelder, U. (o.J.): S.14.

[16] Vgl. Leitfaden ads I adhs (2004): S. 12.

[17] Vgl. Warnke, A., Satzger-Harsch, U. (2004): S. 16.

[18] Vgl. Warnke, A., Satzger-Harsch, U. (2004): S. 16-17.

[19] Vgl. Alfred, A., Eiden, S., Heuschen, K. W., Neuy-Bartmann, A., Rothfelder, U. (o.J.): S.14.

[20] Vgl. Leitfaden ads I adhs (2004): S. 11.

[21] Vgl. Spallek, R. (2001): S. 35.

[22] Vgl. Krause, J., Krause, K.-H. (2005): S. 38.

[23] Vgl. Neuhaus, C. (2005): S. 70.

[24] Vgl. Neuy-Bartmann, A. (2006): S. 55.

[25] Vgl. Neuy-Bartmann, A. (2006): S. 55.

[26] Vgl. Alfred, A., Eiden, S., Heuschen, K. W., Neuy-Bartmann, A., Rothfelder, U. (o.J.): S. 20-21.

[27] Vgl. Kahl, K. G., Puls, J. H., Schmid, G. (2007): S. 7.

[28] Vgl. Hoppe, J.-D., Scriba, P.C. (2005): S. 5.

[29] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 104-105.

[30] Vgl. Alfred, A., Eiden, S., Heuschen, K. W., Neuy-Bartmann, A., Rothfelder, U. (o.J.): S. 24.

[31] Vgl. Skrodzki, K. (2002): S. 21.

[32] Vgl. Krause, J., Krause K.-H. (2009): S. 7.

[33] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 95.

[34] Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2009): S. 112.

[35] Vgl. Hesslinger, B., Philipsen, A., Richter, H. (2004): S. 13.

[36] Vgl. KKH (2008): S.1. Online im Internet.

[37] Vgl. Gender Kompetenz Zentrum (2010): zitiert nach Amartya, S. (2000): o.S. Online im Internet.

[38] Fachlexikon der sozialen Arbeit (2002): S. 606.

[39] Vgl. Fachlexikon der sozialen Arbeit (2002): S. 606.

[40] Vgl. Geißler, R. (2006): S. 69.

[41] Vgl. Chassé K.-A. (1999): S. 148. In: Treptow, R., Hörster, R. [Hrsg:].

[42] Vgl. Chassé K.-A. (1999): S. 147-148. In: Treptow, R., Hörster, R. [Hrsg:].

[43] Vgl. Hradil, S. (2006): S. 278.

[44] Vgl. Von Kardorff, E. (o.J.): S. 2. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung [Hrsg.].

[45] Vgl. Palentien, C. (2004): S.72.

[46] Vgl. Von Kardorff, E. (o.J.): S. 2. In: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung [Hrsg.].

[47] Vgl. Geißler, R. (2006): S. 104.

[48] Vgl. Engels, D. (2006): zitiert nach Hanesch, H. (1994): S. 128.

[49] Vgl. Fachlexikon der sozialen Arbeit (2002): S. 606.

Details

Seiten
56
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640675333
ISBN (Buch)
9783640675203
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154655
Institution / Hochschule
Hochschule Osnabrück
Note
1,7
Schlagworte
Leben ADHS Symptome Belastungen Erwachsenen ADHS-betroffenen Kindern Berücksichtigung Lebenslage Thema ADHS

Autor

  • L. L. (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Leben mit ADHS - Symptome und Belastungen bei Erwachsenen mit ADHS-betroffenen Kindern unter besonderer Berücksichtigung der familiären Lebenslage