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Sonne und Mond am moralischen Firmament

Eine Pathographie des Kraftgenies in Klingers "Die Zwillinge"

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Pathologische Indikatoren im Dramentext
2.2 Das Deutungspotential des pathologisierten Geniekonzepts
2.2.1 Die repressive Vernunft
2.2.1.1 Die Negierung der emotionalen Repression
2.2.1.2 Die Negierung des Bündnisses zwischen Vernunft und Tradition
2.3 Die motivationalen Ressourcen der Emotionen
2.3.1 Die Negation des empfindsamen Kompromisses
2.3.2 Das begrenzte Gefühlskonzept

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Vernunft und Gefühl sind die Sonne und der Mond am moralischen Firmament. Immer nur in der heißen Sonne würden wir verbrennen; immer nur im kühlen Mond würden wir erstarren."[1]

Die schlichte Schönheit dieses Gleichnisses von Friedrich Maximilian Klinger verschweigt nur allzu mildstimmend den stürmischen Zwist, aus dem das Harmoniebewusstsein des Dichters erst hervorgehen konnte. Der Zwist meint die Kontroverse um das angemessene Moralkonzept in einer Zeit des Umbruchs und deutet auf die literarische Strömung des Sturm und Drang.

Vor allem in Klingers frühem, 1776 veröffentlichten Drama Die Zwillinge wird in programmatischer Weise das Aufeinanderprallen von Gefühl und Vernunft, von Em- pirismus und Rationalismus in der Spätaufklärung, zum entscheidenden geistigen und gesellschaftlichen Ereignis erhoben. Die Ethiken beider philosophischer Schulen jedoch sind mit Mängeln behaftet; ihre Bestrebungen nach absoluter Geltung sind verfehlt.

In Die Zwillinge wird das Opfer dieser mangelbehafteten Moralkonzepte, das junge Kraftgenie Guelfo, zugleich deren Ankläger. Um die Opferfunktion Guelfos zu kon- kretisieren, werden in einem ersten Schritt, zunächst am Text, einige pathologische Indikatoren zusammengetragen, die dann die Grundlage für das Deutungspotential des entstellten Genies bilden. Unter systemtheoretischen Gesichtspunkten und unter der Prämisse der Reziprozität von Gesellschaft und philosophischen Ideen, soll be- schrieben werden, dass im Drama Die Zwillinge die entstandene moralische Desori- entierung über die Pathologisierung des Genies gekennzeichnet ist. Um die morali- sche Desorientierung zu belegen, schließt sich eine sprachphilosophisch und tugend- ethisch orientierte Untersuchung der konzeptionellen Mängel des Rationalismus an, die, wie gezeigt wird, über die Pathologisierung Guelfos angeklagt werden. Im An- schluss, unter gleich bleibender philosophischer Methodik und unter Berücksichti- gung sozialgeschichtlicher Prozesse, soll gezeigt werden, inwieweit die empiristisch beeinflusste Empfindsamkeit die konzeptionellen Mängel des Rationalismus aufhe- ben kann und worin ihre ethischen Grenzen liegen. Das Ziel der Arbeit soll sein, eine Deutung darin auszumachen, dass das Genieideal von Klinger in der Hauptfigur Guelfo gezielt entstellt wurde, um den Absolutheitsanspruch unvollständiger Moralkonzepte und die moralische Desorientierung der Spätaufklärung, polemisch zu thematisieren. Zunächst also soll sich dieses Ziel am Text orientieren: inwieweit lassen sich Hinweise für eine psychische Erkrankung Guelfos aus dem Dramentext selbst entnehmen?

2. Hauptteil

2.1 Pathologische Indikatoren im Dramentext

Die Literatur des Sturm und Drang pflegt in ihrer Mitte das Ideal des genial- selbständigen Individuums[2] ; jenem Helden, der die lange Zeit domestizierten Leiden- schaften als Triebfeder und Rechtfertigung alles Handelns für sich vereinnahmt. Die- se Darstellung bedarf jedoch der Erweiterung: Das Wesen des Genie-Ideals definiert sich vordergründig über seine Negationsfunktion, über die Pathologisierung der In- nenwelt und des Autonomiestrebens seiner - im Grunde - Antihelden. Dabei ist Klin- ger mit seinem Frühwerk Die Zwillinge, wohl derjenige Autor des Sturm und Drang, der die Pathologisierung seines Helden am nachdrücklichsten betreibt.

Betrachtet man die ersten Verse der Exposition, wird bereits augenscheinlich, dass es sich kaum anders als pathologisch deuten lässt, wenn Guelfo von seinem Freund Grimaldi, mit einem treffenden Oxymoron[3] als „wieder sehr wild ernsthaft“ (S.1) charakterisiert wird. Hier ist bereits auf den Punkt gebracht, woran sich das Krank- hafte Guelfos abbildet: an seinem schizophrenen Wesen, an seinem bemitleidenswer- ten, ständig zu sich selbst im Widerspruch stehenden Seelentaumel. „Die Zwillinge sind im Grunde ein Seelendrama […]“[4] - die Handlung und Motive, die gesamten äußeren Konflikte, entfalten sich erst in der Innenwelt Guelfos, werden hier zum Geschwür, das sich mit den Geschehnissen tragisch fortpflanzt.

Guelfo leidet an dieser haltlosen Natur, will Betäubung, die er anscheinend im Wein findet. Er berichtet Grimaldi, dass nur der Wein das „ungestüme (seines) Herzens“ (S. 6), und treffender, den „Teufel“ (S. 6) in ihm ertragen ließe. Doch schon im nächsten Augenblick widerspricht er sich, wenn er sagt, dass der Wein ihn „Bluth heischen“ (S. 7) ließe. Die Droge also kann seine destruktiven Impulse nicht betäuben. Im Gegenteil: Sie entbindet Guelfo lediglich von der letzten, lästigen Selbstkontrolle und trübt sein Bewusstsein merklich ein. Was Traum, was wirklich ist, kann das Genie bald schon nicht mehr unterscheiden. Er redet oft wirr, will das Brautpaar, so wie es ihm im Traum erschien, niederschießen und ahmt die stampfen- den Pferde der Hochzeitskutsche nach (S.22) - ein irrwitziger Auftritt.

Die Verwechslung Grimaldis mit einem Widersacher, bei der Guelfo seinen Freund irrtümlich zu Boden reißt (S. 7) und besonders der beinahe schon vergessene Mord an einem unliebsamen Nebenbuhler lassen ihn schon früh als psychopathischen Kil- ler erscheinen, dessen bestimmender Trieb es ist, wie er selbst stolz sagt, sich Luft zu machen (S. 7). Die selbststilisierenden Erinnerungen an seine rachseligen Bluttaten offenbaren einen Helden, der sich immer wieder selbst anstacheln muss[5], um sich doch gleich darauf, angesichts seiner Benachteiligungen gegenüber dem Bruder Fer- dinando, in Minderwertigkeitstiraden zu ergehen: „Ich bin nichts!“ (S. 8).

Es drängt sich also geradezu auf, Guelfo als infantilen Charakter zu beschreiben. In den Momenten äußerster Verzweiflung, und in seinem ganz und gar planlos- animalischen Vorgehen, ist es doch immer das ungezogene, unbeherrschte Kind, das in ihm hervorscheint[6] ; es ist nicht das Genie, es ist dieses Kind, das egomanisch und eifersüchtig nach der Macht greift und nicht bemerkt, dass ihm dafür die intellektuel- len und gesellschaftlichen Ressourcen schlichtweg fehlen - zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen Welten.

Guelfos unangepasstes und deswegen unangemessenes Auftreten bleibt folglich nicht vor seiner Umwelt verborgen. Sie hat den rachsüchtigen, unbändigen (S. 31.) Guelfo schon lange als krankhaft ausgemacht und reagiert mit Therapieversuchen. Grimaldi will den Wüstling mit Musik besänftigen; die Gefühle in ihm sollen in Einklang ge- bracht werden. Vor allem aber Mutter Amalia, Kamilla und Ferdinando fahren eine engagierte Liebesstrategie, wollen Guelfo „mit Liebe verfolgen“ (S. 53), ihn zähmen. (S. 32). Doch alle Maßnahmen werden zurückgewiesen: „Soll ich den Guelfo verges- sen?“ (S. 9) oder taugen allenfalls als retardierendes Moment: Noch breche ich dir das Herz nicht. (S. 51) Seiner Umwelt bleibt somit wenig anderes, als geschockt auf Guelfos brutal vertretenen Anspruch auf Handlungsgewalt zu reagieren - ein Anspruch, der bis zum tragischen Ende freilich ohne formuliertes Ziel auskommen muss. Jeder Anflug von Reflexion, jedes kaum Sekunden andauernde Einlenken zerschlägt die pervertierte Machtlust eines potentiellen Tyrannen.

Guelfos krankhaftes Wesen wird unmittelbar sinnlich erfahrbar. Seine Worte, die auch sonst eher ungeschliffen daherkommen, formen besonders während seiner Wut- ausbrüche und im Anschluss an den Brudermord ein syntaktisch-zerborstenes Durch- einander; einen Sinn sucht man dann vergebens: „Komm, ich will dich drücken und herzen! - Weg von mir!“ (S. 58) Mehr Aufmerksamkeit aber verdient der „starre in sich nagende Blick“ Guelfos, (S. 5.), der in mannigfaltigen pathologischen Variatio- nen, als Blitzblick (S. 22), „Würgeblick (S. 59) oder in den Beschreibungen von „verkehrtstehenden“ (S. 7) fürchterlich rollenden Augen (S. 49) während des Dramas Erwähnung findet. Luserke bemerkt dazu, dass sich hier der geniale Blitzblick in den Würgeblick des Kraftkerls verkehre und es sich somit hier um eine Parodie des lava- terschen Geniebegriffs handle. Lavater sei davon ausgegangen, dass das gottgleiche Genie physiognomisch erkennbar sei[7].

Es lässt sich eines nunmehr aus dem Text entnehmen: Guelfo ist das böse, das pathologisierte Spiegelbild jenes Genieideals, das heute noch in jedem Literaturlexikon nachgeschlagen werden kann. Ansätze möglicher Gründe für diese klingersche Negation sollen im Folgenden konstruiert werden.

2.2 Das Deutungspotential des pathologisierten Geniekonzeptes

Es kann nun, nachdem einige textlich fundierte Indikatoren für die Pathologisierung Guelfos zusammengetragen sind, untersucht werden, worin das Deutungspotential des bösen Genies liegen könnte. Im Rekurs auf Luserkes diskursanalytisch inspirierter Hypothese vom parodierenden Geniekonzept, ist der plausibelste Deutungszugang der, dass in Die Zwillinge ein bewusster Gegenentwurf zum archetypischen Geniebild des Sturm und Drang vollzogen wird.

[...]


[1] Friedrich Maximilian Klinger: Betrachtungen und Gedanken über verschiedene Gegenstände der Welt und der Literatur, Bd. 5, Köln 1803, S. 157.

[2] Vgl. Frank Schulze: Die Aufklärung, in: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 3. München 1980, S. 49.

[3] Vgl. Karl S. Guthke im Nachwort zur Reclamausgabe Die Zwillinge, Stuttgart 1972, S. 72.

[4] Guthke, Nachwort, S. 71.

[5] Vgl. Guthke, Nachwort, S. 71.

[6] Vgl. Guthke, Nachwort, S. 77.

[7] Matthias Luserke: Sturm und Drang, Autoren - Texte - Themen, Stuttgart 1997, S. 197. u. S. 72.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640673056
ISBN (Buch)
9783640673162
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154636
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Philologisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Sonne Mond Firmament Eine Pathographie Kraftgenies Klingers Zwillinge

Autor

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