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Gesamtschulen: Pro und Contra

Hausarbeit 2003 20 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Organisationsform Gesamtschule

3. Das Schulsystem in der aktuellen politischen Diskussion

4. Erfolgreiche Gesamtschule? Ein-Blick in aktuelle Statistiken

5. Pro und Contra Gesamtschule im Blick unterschiedlicher Interessensverbände
5.1. Die Sicht der Wirtschaft
5.2. Die Sicht der Lehrer
5.3. Die Sicht der Eltern
5.4. Die Sicht der Schüler

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

Gesamtschulen: Pro und Contra

„ Die Wurzel der Barbarei (= des Faschismus) war die Selektion“.

(Alt-Bundespräsident Roman Herzog in seiner Rede am 9.11.98 in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Berlin)

1. Einleitung

Dank PISA streitet Deutschland wieder über Bildung. Ja, geradezu als ein Schlag ins Gesicht des deutschen Bildungssystems wurden vielerorts die Ergebnisse der im Mai 2000 begonnenen internationalen PISA-Studie gewertet. Deutschland, einer der größten Industriestaaten dieser Erde, geschätzt für seine Qualitätsarbeit, berüchtigt für seine Tugenden und geschichtlich mit einer Vielzahl an Nobelpreisträgern bestückt, soll es nun Anfang des 21. Jahrhunderts scheinbar nicht mehr verstehen, seine nächste Generation in einer Phase der immer mehr voranschreitenden Globalisierung im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig zu machen. Nicht einmal mehr Mittelmaß seien laut Studie die deutschen Schüler im weltweiten Vergleich. Da muss man was machen! So ist es dann auch kaum verwunderlich, dass gedüngt von dieser Erhebung in unserem Lande wieder eine alte Diskussion aufkeimt, denn gute und qualitativ hochwertige Bildung, dass ist für viele zunächst einmal eine direkte Folge des herrschenden Schulsystems.

In Deutschland stellt sich dabei die Situation so dar, dass es seit Ende der sechziger Jahre ein Nebeneinander zweier Schulformen gibt, nämlich des traditionellen dreigliedrigen Systems und der Gesamtschulen, welche sich je nach Region in unserem Land mittlerweile zu einer echten Alternative entwickelt haben. Doch schaffen sie es wirklich unseren Nachwuchs besser auf das Leben nach dem behüteten Hort der Schule vorzubereiten? Sind sie mehr als nur eine Alternative, und stellen vielleicht sogar das einzig wahre System dar, will man allen Kindern in möglichst hohem Maße eine breit gefächerte und hochwertige Bildung zuteil kommen lassen, die sich an den Problemen und geforderten Qualifikationen des späteren Alltags orientiert? Wo genau liegen die Vorteile eines solchen Einheitssystems, wo hat es Nachteile und Schwächen, und wie schlagen sich diese Gesichtspunkte im direkten Vergleich mit dem parallel vorherrschenden dreigliedrigen System. Mit diesen Fragen will ich mich im Folgenden auseinandersetzten und versuchen diese wieder einmal aktuell gewordene Diskussion einmal geordnet darzustellen, so dass sich am Schluss vielleicht nach Abwägung der Punkte ein pädagogisches Fazit ziehen lässt.

Hierbei werde ich zunächst nach einer knappen Einführung in die Organisationsform der Gesamtschule die Diskussion um das Schulsystem darstellen, wie sie in der aktuellen politischen Szene geführt wird. Im Folgenden wird ein Blick auf aktuelle Statistiken und Erhebungen geworfen werden, welche sich mit der Evaluation der Gesamtschule beschäftigt haben. Danach sollen die Vor- und Nachteile des Schulsystems Gesamtschule beleuchtet werden, wobei dies jeweils anhand der unterschiedlichen Interessengruppen geschieht. So soll zu guter letzt ein differenzierter Einblick in die Materie entstehen, der unter Umständen generelle Schlussfolgerungen zulässt.

2. Die Organisationsform Gesamtschule

In Deutschland existiert seit langem ein sogenanntes dreigliedriges System bestehend aus Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien. Diesen drei Sekundarschulen ist in einigen Bundesländern noch die Orientierungsstufe in den Klassenstufen 5-6 vorgeschaltet. Daneben haben sich zumeist als Wahlangebot die Gesamtschulen entwickelt, die im Geiste der Reformpädagogik der 70er Jahre eine möglichst lang andauernde gemeinsame Schulausbildung aller Schüler anstreben (vgl. www.lehrerzimmer.org). Dabei wurde und wird im Besonderen versucht einer doppelten Zielsetzung Rechnung zu tragen, indem man auf der einen Seite die Leistungsentwicklung eines jeden einzelnen Schülers möglichst optimal zu fördern versucht und auf der anderen Seite angesichts sozial ungleich verteilter Erfolgschancen durch besondere Maßnahmen auch benachteiligungsausgleichend wirken möchte. Die Gesamtschulen lassen sich hierbei noch einmal in additive, kooperative und integrative Gesamtschulen unterteilen (vgl. NÖTH 1979, S.8 ff), wobei die additive Gesamtschule eigentlich keine Gesamtschule als solche darstellt, da hier lediglich die Schulformen des dreigliedrigen Systems ohne horizontale Zusammenarbeit unter einem Dach zusammengefasst sind.

Die kooperative Gesamtschule geht nun in solchem Maß über die additive hinaus, als dass es hier nur noch eine Schule gibt, mit gemeinsamer Schulleitung und Kollegium. Ab der siebten Klasse allerdings trennen sich dann wiederum die Wege der Schüler innerhalb der Schule auf, wobei traditionell nach den drei Schulformen gegliedert wird. Allerdings bleiben die Schüler in derselben Einrichtung und auch die Durchlässigkeit zwischen den drei Schulformen ist stärker gegeben.

Eine Gesamtschule im eigentlichen Sinne stellt allerdings im Prinzip nur die integrative Gesamtschule dar, da sie die Unterscheidung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium aufhebt. Auch hier gibt es nur eine Schulleitung und ein Kollegium, wobei die Abteilungsleiter jeweils für Schulstufen und nicht für Schularten zuständig sind. Viele dieser Gesamtschulen besitzen eine eigene zum Abitur führende Oberstufe, was allerdings nicht vorgeschrieben ist. Um die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der Schüler in den heterogenen Lerngruppen zu berücksichtigen gibt es verschiedene Konzepte. Wird zwar der Großteil des Unterrichts in Klassenverband gemeinsam unterrichtet, so findet hierbei schon manchmal eine sogenannte Binnendifferenzierung statt, wobei innerhalb der Klasse je nach Leistung Lerngruppen mit unterschiedlichen Anforderungen gebildet werden, um eine individuell optimal abgestimmte Förderung zu erreichen. Darüber hinaus werden bestimmte Fächer wie z.B. Englisch oder Mathematik aus dem Klassenverband ausgegliedert und im Fachleistungsunterricht in homogenen Leistungsgruppen separat unterrichtet. Heute gibt es bundesweit etwas mehr als 800 dieser integrierten Gesamtschulen.

3. Das Schulsystem in der aktuellen politischen Diskussion

Betrachtet man die nunmehr 30-jährige Geschichte der Gesamtschule im politischen Kontext, so lässt sich ganz verallgemeinernd mit Blick auf die beiden großen Volksparteien feststellen, dass sich die Befürworter einer solchen Schulform fast ausschließlich in den Lagern von SPD und Grünen wieder finden, wobei die CDU dem ganzen schon immer sehr kritisch gegenüberstand, ja solche Schulen als echte Alternativen zum traditionellen System oftmals schlichtweg ablehnt. Dementsprechend findet sich auch eine bundesweite Verteilung dieser Schulform, wobei die SPD-Hochburg NRW den Löwenanteil an Gesamtschulen besitzt, und sich diese im CSU-Land Bayern nur spärlich und in kleiner Form finden. Im Folgenden soll anhand der Wahlprogramme der Parteien von CDU, SPD, Die Grünen und FDP zur Landtagswahl in Niedersachsen 2003 ein aktueller Überblick zu den politischen Standpunkten in punkto Schulsystem gegeben werden.

Unter der Prämisse „ Talente erkennen, Begabungen fördern, Individuen Stärken“ präsentiert die CDU ihre Vorstellungen von einem begabungsgerechten Schulwesen, welches jedem einzelnen die Chancen der besten individuellen Förderung ermöglichen soll (vgl. www.cdu-niedersachsen.de). Sie macht dabei unmissverständlich klar, dass die Einheitsschule hierbei kein zukunftsfähiges Modell sei, sondern vielmehr ein gegliedertes und differenziertes Schulsystem von Nöten sei. Fast mit Bedauern werden dabei die Bundesländer beäugt, die dieses schon zu Kosten der Gesamtschule „leichtfertig geopfert“ hätten. Mit Abschaffung der Orientierungsstufe setzt die CDU ab Klasse 5 auf ein dreigliedriges System. Hierbei sollen die einzelnen Schulformen die bestmögliche Förderung im Sinne der späteren beruflichen Tätigkeit ermöglichen. Dies werde durch eine Hauptschule erreicht, welche konsequent auf die spätere Berufsbildung ausgerichtet sei, eine Realschule, welche die Schwerpunkte Wirtschaft, Technik und Fremdsprachen beinhalte, und ein Gymnasium, welches bereits nach zwölf Jahren ein hochwertiges Abitur vermittle. Gleichzeitig sollen die Schulformen durchlässig sein; man fordert „Einfädelspuren - keine Bildungssackgassen“. Da fördern und fordern dabei einander bedingen würden, spiele der Leistungsgedanke als Ansporn und als Garant für Erfolgserlebnisse eine große Rolle.

Die SPD spricht in punkto Bildungspolitik vom „PISA-SCHOCK“, und kündigt in diesem Zusammenhang ein allumfassendes Reformpaket an, welches von Ganztagsschulen über Lerninhalte, Lehrerbildung, Schulorganisation, Mitbestimmung der Eltern, interkulturelle Bildung und noch vieles mehr jeden Bereich der niedersächsischen Schullandschaft scheinbar in Angriff zu nehmen versucht (vgl. www.spdnds.de). Einigkeit scheint hierbei darüber zu bestehen, dass Deutschland vor allem deswegen international nicht konkurrieren kann, weil seine Schullaufbahnen nicht nur vom Leistungsvermögen des Kindes, sondern viel zu stark von der sozialen Herkunft bestimmt würden. Deswegen aber das dreigliedrige System als solches in Frage zu stellen, so weit geht die SPD nicht. Doch müsse die Durchlässigkeit im traditionellen Schulsystem verbessert werden, damit leistungsstarke Haupt- und Realschüler vermehrt die Chance erhalten würden, Abschlüsse im Sekundarbereich II zu erwerben. Das Prinzip der Chancengleichheit ist laut SPD allerdings vor allem im ländlichen Raum nicht ausreichend gegeben, kooperative Angebote und auch die vermehrte Gründung von Gesamtschulen könnten hier Abhilfe schaffen. Gleichzeitig wird allerdings auch die Festigung von Haupt- und Realschulen mit verstärkt berufspraktischem Bezug eingefordert.

Nicht die SPD sondern die Grünen stellen mit ihrem aktuellen Bildungsprogramm den wahren Contrapunkt zur traditionellen Schiene der CDU dar. Auch hier scheit die Bestürzung über den „schiefen Kurs nach PISA“ groß zu sein und man ist sich einig, dass die Grundidee unseres Schulsystems, nämlich möglichst homogene Lerngruppen zu schaffen und die Kinder zu diesem Zweck möglichst früh in verschieden Schulformen einzuteilen im internationalen Vergleich gescheitert sei (vgl. www.gruene-niedersachsen.de). Ein individuelles Fördern der Kinder in einer möglichst langen gemeinsamen Schulzeit sei der erwiesenermaßen erfolgreichste Weg, von dem sowohl die benachteiligten als auch die leistungsstärkeren Kinder profitierten. „Lange gemeinsam anders lernen“, so lautet dabei der Spruch auf den Fahnen der Grünen, wobei neben der Wissensvermittlung auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen und Problemlösestrategien nötig seien. Dies wiederum sei am besten im Rahmen von Gesamtschulen möglich. Mit der Zielsetzung von mehr Chancengleichheit und sozialer Durchlässigkeit treten die Grünen dabei für den Ausbau verschiedener Gesamtschulen in Niedersachsen ein, allerdings auch nur dort, wo es von den Eltern, Kindern und LehrerInnen unterstützt werde.

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Details

Seiten
20
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640672493
ISBN (Buch)
9783640672585
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154635
Note
Schlagworte
Gesamtschulen Contra

Autor

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Titel: Gesamtschulen: Pro und Contra