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Konzepte von Weiblichkeit in Kleists Die Marquise von O...

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 26 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politik und Gesellschaft im Deutschland des 19. Jahrhunderts

3. Das Weiblichkeitsbild des 19. Jahrhunderts
3.1 „Geschlechtereigenthümlichkeiten“[1]
3.2 Das Weiblichkeitsbild und seine Grenzen

4. Untersuchung der Figur Die Marquise von O
4.1 Untersuchung des durch die Marquise repräsentierten Konzeptes von Weiblichkeit
4.2 Untersuchung der Rollenerwartung seitens der männlichen Figuren der Novelle
4.2.1 Der Vater der Marquise
4.2.2 Der Graf F

5. Untersuchung des durch die Mutter repräsentieren Konzeptes von Weiblichkeit

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Frauenfiguren spielen in vielen Werken der Romantik eine große Rolle. Aus der Sicht des literaturwissenschaftlichen Hauptseminars Geschichte der deutschen Literatur: Romantik ist es infolgedessen unerlässlich, sich mit dem Thematik der Frau in der deutschen Romantik auseinander zu setzen. In meiner Hausarbeit befasse ich mich daher mit dem Aspekt „Konzepte von Weiblichkeit in Heinrich von Kleists Die Marquise von O...“.

Zunächst stelle ich einen kurzen Abriss der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen im 19. Jahrhundert vor. Von dem historischen Hintergrund ausgehend entwickele ich dann das zeitgenössische Weiblichkeitsbild. Ich gehe dabei auf die „Geschlechtereigenthümlichkeiten“ ein, die als Basis für das sozio-kulturelle Geschlechterschema dienten. In einem nächsten Schritt skizziere ich das von der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts propagierte Weiblichkeitsbild. Dabei sollen ebenfalls dessen Grenzen aufgezeigt werden.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der Untersuchung der Figur der Marquise von O... . In meiner Interpretation befasse ich mich vor dem Hintergrund der bisher erarbeiteten Daten zunächst mit dem von der Marquise repräsentierten Weiblichkeitsbild. Es scheint, als ob sich die Figur der Marquise von dem zeitgenössischen Frauenideal lösen kann und emanzipatorische Ansätze aufweist. Geklärt werden soll zudem inwieweit die Frauenfigur dem historischen Ideal entspricht oder ob sie mit dem Weiblichkeitsbild bricht. Dazu untersuche ich ebenfalls die Rollenerwartungen der männlichen Figuren, die an die Marquise herangetragen werden.

Einen weiteren Aspekt meiner Untersuchung bildet die Darstellung des Weiblichkeitsbildes durch die Mutter. Zu beantworten ist die Frage, ob die Mutter als Gegenpol zu dem von der Marquise dargestellten Frauenbild gelten kann.

2. Politik und Gesellschaft im Deutschland des 19. Jahrhunderts

Nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges wurde im Jahr 1870/71 das Zweite Deutsche Reich gegründet. Die süddeutschen Kleinstaaten traten dem Deutschen Bund bei. Eine bundesstaatliche Verfassung bildete unter der Führung Preußens die Grundlage des deutschen Staates. Der preußische König Wilhelm I wurde von den deutschen Fürsten als Staatsoberhaupt bzw. als Kaiser des Nationalstaates anerkannt. Seit 1881 regierte Kaiser Wilhelm II den preußisch geführten Nationalstaat. Otto von Bismarck prägte als erster Reichkanzler die deutsche Innen- und Außenpolitik.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fand in Deutschland als Folge der Industrialisierung ein wirtschaftlicher und sozialer Strukturwandel statt. Dieser führte jedoch in den 1880er Jahren zu einer wirtschaftlichen Krise. Seit den 1890ern vollzog sich durch die Industrieproduktion ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung. Deutschland wandelte sich unter preußischer Führung „vom Agrar- zum Industriestaat“[2]. Die Industrialisierung hatte für die Bevölkerung beträchtliche Konsequenzen: Zum einen explodierte die Rate des Bevölkerungswachstums, zum anderen zeichnete sich das Phänomen der Landflucht ab und viele Menschen der ländlichen Regionen wanderten in die Städte ab.

Seit etwa 1860/70 entwickelte sich in Deutschland die Klassengesellschaft. In der Arbeiterklasse entstand ein eigenes Klassenbewusstsein. Diese Tatsache wurde zum Brennpunkt sozialer Konflikte mit dem Bürgertum. Der politische Einfluss lag weitgehend beim Adel, doch das Besitz- und Bildungsbürgertum löste die Vormachtstellung des Adels zunehmend ab und prägte somit das Bild des Kaiserreichs.

3. Das Weiblichkeitsbild des 19. Jahrhunderts

3.1 „Geschlechtereigenthümlichkeiten“

Bereits im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts war Gender eine differenzierende Kategorie. Einzelne Merkmale der beiden Geschlechter wurden herausgestellt und dienten zur Abgrenzung von einander. Dies galt nicht nur für den biologischen sondern in erster Linie für den sozialen Bereich. Für die Menschen des 19. Jahrhunderts war diese Trennung von Mann und Frau selbstverständlich. Einen ersten Einblick in das zeitgenössische Weiblichkeitsbild geben zum Beispiel Artikel über die Frau, das Geschlecht oder den Geschlechtscharakter aus verschiedenen Lexika des 19. Jahrhunderts:

„Daher offenbahrt sich in der Form des Mannes mehr die Idee der Kraft, in der Form des Weibes mehr die Idee der Schönheit. [-] Der Mann muß erwerben, das Weib sucht zu erhalten [-]. Der Mann stemmt dem Schicksal selbst entgegen [-], willig beugt das Weib sein Haupt und findet Trost und Hilfe noch in seinen Thränen.“[3]

lautet es im Brockhaus von 1815 unter dem Stichwort „Geschlechtscharakter“. Und in dem Allgemeinlexikon Meyer aus dem Jahr 1848 konstatiert der Verfasser des Artikels Geschlechtereigenthümlichkeiten:

„Entsprechend dem mehr universellen Charakter im Weibe ist die Empfindung in ihm vorherrschend, - das Weib ist ein mehr fühlendes Wesen; beim Manne herrscht hingegen wegen seiner größeren Individualität, die Reaktion vor, - er ist mehr denkendes Wesen [-]. Während das Weib also hauptsächlich das innere Familienverhältnis begründet, [-] [begründet] er hauptsächlich den Staat

[-].“[4].

Hier verkörpert der Mann das Individuelle; die Frau hingegen wird als das Universelle charakterisiert. Dem männlichen Charakter werden Attribute wie Selbständigkeit, Kraft und Energie attestiert. Die Universalität der Frau wird durch Abhängigkeit, Unbestimmtheit, Verschmelzung und Hingebung bestimmt.

Mit der Abgrenzung der Geschlechtercharaktere vollzog sich synchron die Aufgabentrennung der Geschlechter. Die Öffentlichkeit war nun die Sphäre des Mannes wohingegen die Frau der privaten, familiären Sphäre zugeordnet wurde. Die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entworfenen Zuordnungsprinzipien bewahrten ihre Gültigkeit im Verlauf des folgenden Jahrhunderts und prägten sogar die gesellschaftlichen Normen des 20. Jahrhunderts. Doch welche Funktion erfüllte dieses differenzierende Geschlechterschema?

Durch die Abgrenzung der Geschlechtercharaktere von einander wurde die patriachalische Herrschaftsstruktur und somit die rechtliche Privilegierung der Männer gesichert. Karin Hausen konstatiert diesbezüglich:

„...die Hauptkriterien der normativen Positionszuschreibung für die Geschlechter [sind] nicht länger die Befähigung zur Herrschaft auf der einen und die Unterordnung auf der anderen Seite [-]. Vielmehr wird bei häufig ausdrücklicher Zurückweisung der Herrschaftsqualität mit den um die Merkmalsgruppen Aktivität – Rationalität für den Mann und Passivität – Emotionalität für die Frau kopierten Eigenschaften der Mann eindeutig und explizit für die Welt und die Frau das häusliche Leben qualifiziert.“[5].

3.2 Das Weiblichkeitsbild und seine Grenzen

Während des gesamten 19. Jahrhunderts wurde in Deutschland die Trennung von Adel, Bürgertum und Arbeiterstand aufrecht erhalten. Analog zu dieser Trennung lassen sich Differenzen in Bezug auf die Rollenzuweisungen für die Geschlechter ausmachen. Rollenzuweisungen sind also stets standesspezifisch.

Die Idee von der Rollenzuweisung der Geschlechter entstand im 18. Jahrhundert. Das Bürgertum entwarf dieses tugendhafte Ideal der Familienverhältnisse, um sich vom intriganten und dekadenten Adel abzusetzen. Doch bewahrte es seine Gültigkeit bin ins 19. Jahrhundert und fand hier unter Berücksichtigung der Standesspezifik seine Anwendung. So unterscheidet sich die geschlechterspezifische Rollenteilung in den unteren Bevölkerungsschichten erheblich von der des Bürgertums. Selbiges gilt infolgedessen für das Weiblichkeitsbild jener.

Die Frauen des Adels, des Bürgertums und des Arbeiterstandes hatten sich nach bestimmten, den Traditionen unterworfenen Verhaltensnormen zu richten. Die standesspezifischen Rollenzwänge sind mit diesen Verhaltensnormen gleichzusetzen. Die soziale Rolle soll hier als „Verknüpfung normativer Verhaltenserwartungen, die an eine soziale Position geknüpft sind“[6] verstanden werden. Wie die Differenzierung der Geschlechtercharaktere diente auch die gesellschaftliche Konstruktion von sozialen Rollen der Absicherung der herrschenden Gesellschaftsordnung. Die soziale Rolle der Frau bestand in ihrem Dasein und Wirken als Ehefrau, Hausfrau und Mutter. In den unteren Gesellschaftsschichten musste die Frau zudem eine Lohnarbeit verrichten, um ihre Existenz und die ihrer Familie zu sichern. Ihre Arbeit ermöglichte den Frauen des Proletariats jedoch den Zutritt zu außerhäuslichen Sphären im Gegensatz zu Frauen des Bürgertums und des Adels, denen lediglich die häusliche Sphäre zugewiesen wurde. Die Entlohnung blieb im Normalfall jedoch weit hinter der Bezahlung der Männer zurück, da ihre Arbeit den Status von Hilfsarbeiten einnahm.

In den höheren Gesellschaftsschichten übernahmen die verheirateten Frauen in erster Linie repräsentative Aufgaben. Ingeborg Weber-Kellermann erklärt, dass die Frau als ein „Hauptrepräsentationsgegenstand fungierte, [-], [dem] die Herren verehrungsvoll die Hand küssten.“[7]. Die Annahme, dass die bürgerlichen Frauen durch ihr Dasein als Ehefrau und Mutter ihr Leben erfüllt sahen, dominierte die Vorstellungswelt der Gesellschaft über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg. Doch übten viele bürgerliche Frauen aus weniger wohlhabenden Familien gesellschaftlich tolerierte und den Normen entsprechende Berufe wie zum Beispiel den Beruf der Gouvernante oder der Lehrerin aus. Diesen Weg beschritten vornehmlich unverheiratete Frauen. Anerkennung fanden sie keine. Sie wurden eher bemitleidet.

Durch die Abgrenzung der Geschlechtercharaktere war ebenfalls die Position der Frau innerhalb der Ehe genau festgelegt. Sie hatte sich ihrem Mann zu unterwerfen. Mit der Heirat ging sie von der Vormundschaft ihres Vaters in die ihres Ehemannes über.

Auch in den unteren Bevölkerungsschichten existierte zwischen den Ehepartnern keine Gleichstellung des Mannes und der Frau; vielmehr war die Familienstruktur patriarchalisch geprägt. Der Mann wurde als Oberhaupt der Familie angesehen. Das Familienmodell der Arbeiterklasse entlehnte seine patriarchalischen Züge aus den bürgerlichen, traditionellen Verhaltensnormen. Jedoch variiert die Grundlage dieses Familienmodells:

„Sie [, die Ehe der unteren Bevölkerungsschichten,] ist nicht auf die esoterischen Ideale von Partnerschaft [-], nicht auf Trennung der Geschlechterrollen nach Heim und Welt, [-] gegründet wie [bei] den relativ entlasteten Mittelschichten, den Bürgern, [-], sondern sie ist zweckbezogene Erwerbs- , Not- und Konsumgemeinschaft.“[8]. ,

[...]


[1] Zitiert nach: Hausen, Karin: Die Polarisierung der Geschlechtercharaktere. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Conze, Werner (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit. Stuttgart. 1976. S. 366.

[2] Schulze, Hagen: Kleine deutsche Geschichte. Mit Bildern aus dem Deutschen Historischen Museum. München. 1996. S. 130.

[3] Zitiert nach: Hausen, Karin: Die Polarisierung der Geschlechtercharaktere. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Conze, Werner (Hrsg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit. Stuttgart. 1976. S. 366. Im Folgenden: Hausen: Geschlechtercharaktere. S. .

[4] Zitiert nach: Ebd. . S. 377.

[5] Hausen: Geschlechtercharaktere. S. 367.

[6] Dreitzel, Hans Peter: Die gesellschaftlichen Leiden und das Leiden an der Gesellschaft. Eine Pathologie des Alltagslebens. Stuttgart. 1980. S. 44.

[7] Weber-Kellermann, Ingeborg: Frauenleben im 19. Jahrhundert. Empire und Romantik, Biedermeier, Gründerzeit. München. 1983. S. 96. Im Folgenden: Weber-Kellermann: S. .

[8] Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd. 1: Arbeitswelt und Bürgergeist. München. 1990. S. 66.

Details

Seiten
26
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638205641
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15460
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Deutsche Philologie II
Note
3,0
Schlagworte
Konzepte Weiblichkeit Kleists Marquise Literaturwissenschaftliches Hauptseminar

Autor

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