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Analyse des "Selbstbildnis als Clown" von Max Beckmann

Seminararbeit 2010 24 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse und Interpretation
2.1.Bildbeschreibung
2.2.Interpretation
2.2.1. Formale Analyse
2.2.2. Symbole
2.3.Übergeordneter Zusammenhang
2.3.1. Biographischer Aspekt
2.3.2. Stilrichtung
2.4.Narrentreiben als Teil des Welttheaters
2.4.1. Rolle des Clowns bei Picasso

3. Fazit

4. Abbildungsverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir bitten das geehrte Publikum näher zu treten. Es hat die angenehme Aussicht sich vielleicht 10 Minuten nicht zu langweilen. Wer nicht zufrieden ist bekommt sein Geld zurück.“ Max Beckmann hat zu Beginn der 1920er Jahre seinem Publikum fortwährend große Spektakel in seinen Bildern angekündigt, wie dieser Titelblatttext seines Graphikzyklus „die Hölle“ von 1919 zeigt. In dieser Phase entstand 1921 auch das „Selbstbildnis als Clown“, das in dieser Arbeit untersucht wird. Es ist zwar kein Teil dieser Zyklusbilder, kann aber dennoch mit diesem Zitat und dessen Anspielung auf das Welttheater verbunden werden.

Inwieweit bei dem Selbstporträt von einem Spektakel gesprochen werden kann, wird die Untersuchung dieser Arbeit zeigen. Dabei wird ausgehend von einer Bildbeschreibung eine formale Analyse durchgeführt, die dann in der Deutung der Symbole mündet. Das Selbstbildnis ist einer hohen Anzahl an Deutungsansätzen ausgesetzt, weshalb die Gängigsten zusammengestellt und auf ihre Aussagekraft untersucht werden. Nach dieser Analyse wird die Gattung Selbstporträt in den Mittelpunkt rücken, da ihr eine besondere Bedeutung im Oeuvre Beckmanns zukommt. Er hat es programmatisch zur Mitte seines Werkes gemacht, indem er eine lange Reihe von Selbstbildnissen, verschlüsselten Selbstdarstellungen und Selbstdarstellungen in Gruppenbildern vorzuweisen hat. Es dient der Prüfung der eigenen Person, der Erprobung neuer Bildmittel und verrät etwas über das Selbstverständnis seines Autors. Daher wird das Gemälde auf biographische Bezüge untersucht und versucht in eine Stilrichtung einzuordnen.

Da diese Arbeit zum Ziel hat der Bildaussage und damit auch dem eingangs zitierten Bildtitel etwas näher zu kommen, werden abschließend die gewonnenen Erkenntnisse der Analyse auf das Thema Welttheater bezogen, wobei auch Picasso berücksichtigt wird, der ähnliche Bilderwelten entwickelt hat.

2. Analyse und Interpretation

2.1.Bildbeschreibung

Das „Selbstbildnis als Clown“, das von Beckmann in der oberen rechten Bildecke signiert und auf 1921 datiert ist, befindet sich im Von der Heydt-Museum in Wuppertal. Das Ölgemälde misst in der Höhe 100cm und in der Breite 59cm und zeigt Beckmann sitzend im Kniestück (Abb. 1).

In der Bildmitte und dabei nahezu die gesamte Bildlänge einnehmend hat Beckmann auf einem Stuhl Platz genommen. Er trägt eine grau-braune Hose, die leicht bläulich getönt ist und eine hyazinthblaue Weste mit dunklen Knöpfen über einem weißen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln. Sein Hals wird durch einen roten zickzackförmigen Kragen umschlossen. Sein Gesicht, das in der Dreiviertelansicht nach rechts gezeigt ist, zeigt keine Regung. Das grüngraue Inkarnat wird durch kleine Schattenpartien an der Nase, am Kinn und Augenbereich betont.

Beckmann schaut den Betrachter an und wendet ihm seinen Oberkörper zu, während der Stuhl seitlich gestellt ist. Über die rechte Armlehne des Stuhls streckt er dem Betrachter die Innenseite seines entblößten rechten Arms mit geöffneter Hand entgegen. Mit der linken Hand hält er vor der rechten Brust eine Pritsche, Maske und Zigarre. Auf seinem Schoß befindet sich eine gelbe Tute. Mit unterschlagenem Bein sitzt Beckmann auf dem hölzernen Stuhl, dessen Sitzfläche und Rückenlehne mit rotem Stoff bezogen ist. Beide Beine, sowohl das rechte unterschlagene als auch das linke ausgestreckte sind auf der rechten Bildhälfte bis zum Knie sichtbar. Es scheint als würde Beckmann zum Teil auf der linken Armlehne sitzen. Unter seinem rechten Arm und neben seinem Schoß liegt eine schwarze Katze mit weißen Vordertatzen, die mit ihren roten Augen aus dem Bild herausguckt. Hinter ihr und dem Stuhl schauen grüne Fahnen einer Pflanze hervor.

Der Stuhl steht vor einer Wand mit Brettverschalung, die ungefähr Dreiviertel der Bildhöhe einnimmt. Sie ist vom unteren Bildrand begrenzt und schließt an ihrem oberen Ende mit einem Spiegel, der zum Teil von Beckmanns Schulter und Kopf verdeckt wird ab. Das Ende der Holzleiste verläuft leicht schräg vom linken zum rechten Bildrand und wird nach oben hin durch eine helle grau-blaue Wand weitergeführt. Die rechte Bildhälfte wird von einem roten Vorhang dominiert, der vom oberen rechten Bildrand bis zur Mitte der Brettverschalung reicht und dann aus dem rechten Bildrand herausläuft.

2.2.Interpretation

Durch die Bildbeschreibung bildet sich die Vermutung aus, dass das „Selbstbildnis als Clown“ aufgrund der zahlreichen Utensilien, mit Symbolen beladen ist. Bevor diese jedoch einer Deutung unterworfen werden, wird das Gemälde in Bezug auf Farbe, Raumwirkung und Darstellungsart näher betrachtet.

2.2.1. Formale Analyse

Im Gemälde sind die Senkrechten betont, was besonders an der Brettverschalung und den Falten im Vorhang zu erkennen ist. Auf diese Weise wird das Bild neben seinem Hochformat zusätzlich optisch in die Länge gezogen. Das Gemälde weist eine hohe Anzahl an Schrägen, die sich am Vorhang, an der Brettverschalung mit Spiegel und am Stuhl befinden. Sie dominieren das Bild, sodass sich ein labiles Gleichgewicht ausbildet. Auf diese Weise wird ein merkwürdiges Missverhältnis kreiert, das außerdem durch die Gegenstände wie Maske, Tute und Pritsche unterstützt wird. In diesem Zug sollte gleich auf das besondere Raumverhältnis hingewiesen werden, das Beckmann in diesem Selbstporträt geschaffen hat. Die Raumaufteilung wirkt wirr, da sich dem Betrachter nicht erschließt woran sich die Schrägen orientieren. Dies im Zusammenspiel mit dem schmalen hohen Format, welches den Eindruck von räumlicher enge erzielt, den splittrigen Formen, der verdrehten Haltung und den zahlreichen Gegenständen, trägt zum chaotischen Raumverhältnis bei. Die primitive Raumvorstellung und die disproportionalen Körperteile festigen den Eindruck einer kindlichen naiven Malweise. Den infantilen Zug erzielt Beckmann durch die Reduzierung aller Bestandteile auf eine gleichmäßige Darstellungsweise, wobei auch die genaue Wiedergabe der Perspektive unbedeutend wird.1

Die Gegenstände sind einfach und flächig gestaltet und gering modelliert. Es gibt Schatten, die eine gewisse Modellierung vornehmen, jedoch eher auf Bildtypen aufmerksamen machen, worauf im Kapitel 2.2.2. näher eingegangen wird. Die Flächigkeit, die mitunter durch die Formen entsteht, verhindert eine tiefere Bildebene. Friedhelm Fischer spricht sogar von einer „Tiefenwirkung die verdeckt oder ausgeglichen wird, um die Suggestion der Frontalität zu wahren.“2 Unter anderem durch den Zeigegestus des rechten Armes und das Herausblicken der Augen aus dem Bild, wird die Distanz optisch überwunden.3

Dem Durcheinander der Schrägen und dem daraus entstehenden Ungleichgewicht wird mittels der flächigen und leuchtenden Farben etwas entgegen gewirkt. Beckmann verwendet überwiegend die Grundfarben Rot, Gelb und Blau. Die Zuletzt genannte ist überwiegend in der senkrechten Bildmitte auszumachen. Besonders die Weste strahlt in einem kräftigen Hyazinthblau. Die Hose, sowie die Wand oberhalb von Beckmanns Kopf scheinen ebenfalls eine leichte Blautönung zu haben. Die Farbe geht jedoch in einen Grauton über und sticht daher nicht so heraus wie die Weste. Die Brettverschalung, die direkt an der grau-blauen Wand anschließt und die Tute auf Beckmanns Schoß sind gelb und damit komplementär zu blau. Diese Farbkombination stellt den flächengrößten aber nicht einzigen Farbkontrast dar. Ein weiterer befindet sich in dem roten Vorhang, dessen Farbe sich im Harlekinkragen und Stuhl wiederholt und der grünen Pflanze und dem grüngrauen Inkarnat. Die verwendeten Farben haben kaum Abstufungen in andere Töne, sodass sie die Fläche betonen und zur Aufhebung der Bildtiefe beitragen.4

Nachdem nun erste Feststellungen im Hinblick auf die Raumwirkung, Darstellungsart und Farben gemacht wurden, wird deutlich, dass das Selbstbildnis mit Gegenständen und Farben beladen ist. Im Katalog zur Ausstellung „Max Beckmann Selbstbildnisse“ von 1993 wird sogar geschrieben, dass Beckmann „[…] selbst wie ein Ding unter Dingen erscheint.“5 Die Requisiten, die sich vor allem in der Bildmitte und gleichzeitig auch in der Mitte der Figur befinden, sind mit der Umgebung und mit der Hockstellung Beckmanns nicht in Einklang zu bringen. Diese Rätselhaftigkeit wird im folgenden Abschnitt, versucht durch die Deutung der Symbole und das Aufzeigen von kunsthistorischen Bildbezügen aufzuschlüsseln.6

2.2.2. Symbole

Auf der linken Bildseite hinter Beckmann befindet sich ein Spiegel, der eine lange Tradition in der Kunstgeschichte hat. Ihm wird in der Beckmann Literatur weniger Aufmerksamkeit zuteil, weshalb im Folgenden das „Lexikon der Symbole“ von Hildegard Kretschmer zur Deutung hinzugezogen wird. Bereits der erste Satz veranschaulicht seine umfangreichen Auslegungsarten. „Er gilt als Symbol der Erkenntnis, der Klarheit und der Wahrheit, aber auch der Eitelkeit und der Vergänglichkeit alles Irdischen.“7 Er gehört demnach zu den Vanitassymbolen, denn indem er nur die äußerliche Form des Gespiegelten zeigt, erinnert er an die Vergänglichkeit. Wenn dem Spiegel dieser Deutungsansatz zugrunde gelegt wird, kann er als Andeutung auf das Welttheater verstanden werden, da sich dieses unter anderem mit dem eitlen Treiben der Menschheit und dem Schlüpfen in andere Rollen beschäftigt. Auf diese Weise hat Beckmann auf die Wahrheit – also den Menschen an sich ohne gespielte Rolle - hinweisen wollen. Dieses Thema begleitet ihn in zahlreichen Werken und wird aufgrund seiner Wichtigkeit im Kapitel 2.4. nochmal aufgegriffen.

Eine weitere Bedeutung fällt dem Spiegel zu, wenn er im Zusammenhang mit einem Selbstbildnis betrachtet wird, da der sich porträtierende Künstler ihn benötigt, um seine Physiognomie wiederzugeben. Demnach wollte Beckmann möglicherweise darauf hinweisen, dass es sich bei dem Gemälde um ein Selbstbildnis handelt. Der Spiegel wird außerdem häufig als Erweiterungsmöglichkeit für den Illusionsraum genutzt, sodass zum Beispiel eine Person gleichzeitig in der Rücken- und Vorderansicht gezeigt werden kann. In diesem Fall ist kein Spiegelbild zu erkennen, sodass diese Funktion nicht erfüllt wird. Das Spiegelbild ist in zwei Farbteile untergliedert. Der kleinere linke Teil, der ungefähr ein Drittel des Spiegels einnimmt, ist in einem hellen Weiß - Grau und die rechten zwei Drittel in einem dunklen Braun- Grau. Vielleicht handelt es sich um die Spiegelung einer Wand oder Kommode. Perspektivisch gesehen müsste jedoch der Rücken von Beckmann zum Teil gespiegelt werden.8

Welche Bedeutung dem Spiegel letztendlich zukommt, kann durch das Hinzuziehen eines weiteren Symbols, nämlich der Maske, die von Beckmanns linker Hand und der Narrenpritsche eingeklemmt und an den Bauch gepresst scheint, näher gekommen werden. Sie symbolisiert nach Kretschmer Falschheit, deutet das Verbergen des wahren Ichs an und kann als Hinweis auf das Theater des Lebens verstanden werden9. Aufgrund dieser Definition scheint Beckmann erneut auf das Welttheater hinzuweisen. Hinzu bilden der Spiegel und die Maske ein besonderes Symbolpaar, da erstgenanntes die Wahrheit und zweitgenanntes die Falschheit darstellt. Die symbolische Bedeutung der Gegenstände steht also in Relation zueinander.10 Des Weiteren ist die Maske ein Attribut des Clowns und bezieht sich somit auf die Rolle die Beckmann in diesem Selbstbildnis einnimmt.

In der Bildmitte befindet sich die Narrenpritsche, die teilweise die Maske bedeckt und von Beckmann relativ locker in der linken Hand gehalten wird. In der Literatur wird sie häufig mit einem Zepter verglichen. Klaus Gallwitz schreibt beispielsweise:

„Beckmann hält die Narrenpritsche wie ein Szepter in der linken Hand.“11 Wird die Narrenpritsche nun also als Zepter verstanden, können ihr zwei Deutungen zugeschrieben werden. Einerseits ist ein Zepter „[…] ein Herrschaftszeichen für Könige und Kaiser […]“ und andererseits wurde „Ein Zepter aus Schilfrohr […] Jesus Christus zu seiner Verspottung in die Hand gegeben […]“12 Beide Deutungsansätze werden im Folgenden näher untersucht.

[...]


1 Vgl. FISCHER, Friedhelm: Der Maler Max Beckmann, Köln 1972, S.23-31

2 GALLWITZ, Klaus/ SCHNEEDE, Uwe M. (Hrsg.): Max Beckmann. Gemälde 1905- 1950, Stuttgart 1990, S.84.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. GALLWITZ: S. 84.

5 HANSEN, Dorothee/ SCHNEEDE, Uwe M (Hrsg.).: Max Beckmann Selbstbildnisse. Katalog zur Ausstellung : Max Beckmann , Selbstbildnisse , vom 19 März bis zum 23. Mai 1993 in der Hamburger Kunsthalle, Stuttgart 1993, S.80.

6 Vgl. ZENSER, Hildegard: Zu den Selbstbildnissen 1915 - 1939 in: SCHULZ- HOFFMANN, Carla (Hrsg.): Max Beckmann Retrospektive, München 1984, S.53- 69

7 KRETSCHMER, Hildegard: Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst, Stuttgart 2008, S. 396.

8 Vgl. KRETSCHMER: S. 396 ff.

9 ebd. S. 278f.

10 Vgl. ebd.: S. 278 f.

11 GALLWITZ: S.84.

12 KRETSCHMER: S.467.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640671847
ISBN (Buch)
9783640672028
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154520
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Kunsthistorisches Seminar und Kustodie
Note
1,7
Schlagworte
Analyse Selbstbildnis Clown Beckmann

Autor

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