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Die Entwicklung der deutschen Erinnerung um das Konzentrationslager Auschwitz

Tendenzen einer Gedächtniskultur in DDR und BRD

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 28 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Abschnitt: 1945-1949

II. Abschnitt: Betrachtungen zur DDR

III. Abschnitt: Erinnerungskultur der BRD bis 1990
1. Das deutsche Gedächtnis 1945 bis zum Ende der 1950er Jahre
2. Versuche der Aufarbeitung der Geschehnisse 1958-1968 in Justiz und Literatur
3. Studentischer Aufbruch
4. Holocaust (1979)
5. 1980er und 1990er Jahre
6. Historikerstreit

IV. Abschnitt: Einblicke in die Kultur der Erinnerung um Auschwitz heute

V. Abschnitt: Exkurs – Auschwitz im Blickfeld der Geschichtsforschung

Fazit und Ausblick

Bibliographie

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Problementfaltung

Eine mögliche Definition und Behandlung vonAuschwitz als Erinnerungsortstellt für die Forschung in mehrfacher Hinsicht ein Problem dar: widmet sich die Geschichtswissenschaft dem Vernichtungslager Auschwitz als konkretenOrt, so kann sie es nicht vermeiden, die gedankliche Verbindung zu Auschwitz alsTat (Verbrechen)der Nationalsozialisten, bzw. alsTatder Deutschen, herzustellen.

Die Behandlung von Auschwitz als Stätte der Erinnerung hingegen impliziert bereits bekannte Fakten wie die industrielle Vernichtung von über einer Million Menschen, wobei die Vernichtung der Juden in heutigen Nachschlagewerken insbesondere hervorgehoben wird.

Das Konzentrationslager Auschwitz wiederum alsTatder Nationalsozialisten hervorzuheben, lässt einen weiträumigen Horizont der Betrachtung zu: Auschwitz symbolisiert hierbei den gesamten Vernichtungsapparat desDritten Reichesunter demFührerAdolf Hitler. In diese gerade allegorische Sichtweise inbegriffen sind damit auch alle anderen Konzentrations- und Vernichtungslager der Deutschen sowie die seit Mitte der 1930er organisierte Hetze gegen Minderheiten wie Polen und Juden. Symbol der Politik der Verfolgung und industriellen Ausrottung stellt aufgrund der hohen Zahl der Opfer eben dieses Lager Auschwitz dar. Ähnliche Anstalten wie Belzec und Chelmno erlangten bis heute keine vergleichbare 'Berühmtheit': „Auschwitz dient […] als Synonym für das Grauen des Völkermords, als Metapher von Schuld und Verstrickung im Bewußtsein [sic] der Deutschen“[1].

Da sich beide Konzepte von Auseinandersetzungen mit Auschwitz – alsTatder Nationalsozialisten sowie alsOrt –thematisch einander an vielen Stellen überschneiden, ist eine Untersuchung der Entwicklung der Erinnerungskultur in Deutschland ohne den Umgang mit beiden Perspektiven nicht möglich.

Ein zweites Problem, welches sich vor einer Bearbeitung des Themas stellt, ist dieVielfalt der Erinnerungskulturenin Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges: nicht nur in kultureller Hinsicht begannen beide deutsche Staaten, die Bundesrepublik wie die Deutsche Demokratische Republik, eine Eigenart des Gedächtnisses gegenüber der Problematik Auschwitz zu entwickeln. Auch politisch, durch die verschiedentliche Ausrichtung der jeweiligen Staatsformen und -ziele bildeten sich schnell weitreichende Unterschiede in der Aufarbeitung der eigenen, der deutschen, Vergangenheit um Auschwitz.

Ein vergleichbares Bild ergibt sich, wenn die Geschichtswissenschaft die eigene Aufarbeitung innerhalb der Forschung reflektiert und daneben etwa die Aufarbeitungsformen der Geschehnisse durch die Öffentlichkeit gesetzt werden.

Die Spannweite der Erinnerungskultur in Deutschland ist demnach überaus facettenreich. Durch verschiedene Auslegungen der Geschehnisse, durch neuere und ältere Deutungen sowie durch Vergessen und Geschichtsverfälschung entsteht ein für Deutschland sehr mannigfaches Bild einer Erinnerungskultur um Auschwitz.

Die vorliegende Arbeit hat die kritische Darlegung der seit 1945 herausgebildetenBildern der Erinnerungzum Ziel. Jeweilige Eigenheiten und Kontroversen der vielgestaltigen Erinnerungslandschaft sollen darin hervorgehoben und hinterfragt werden. Gleichzeitig sollen auch die Schnittpunkte zeitlicher oder örtlicher Kontinuitäten der Erinnerungskultur in den Blick genommen werden.

Forschungsstand

Die Beschäftigung mit dem „deutschen Gedächtnis“ um die Problematik Auschwitz lässt mittlerweile ein geradezu unüberschaubares Spektrum von Ansätzen und Konzeptionen innerhalb der Geschichtsforschung finden. Jedoch entstanden die relevanten Werke zu diesem Thema fast ausschließlich erst ab den 1980er Jahren.

Christian Meiers UntersuchungVierzig Jahre nach Auschwitz, welche er kurz nach dem berühmtenHistorikerstreitvon 1986 veröffentlichte, darf als eines der Hauptwerke dieser Forschungsrichtung angesehen werden.[2] Vor allem ist jedoch der Historiker Martin Broszat zu nennen, welcher sich bereits vor den 1980er Jahren mit Auschwitz und dem deutschen Gedächtnis beschäftigte.[3]

In anderen Arbeiten wird die Problematik häufig am Rande großer Untersuchungen zum Nationalsozialismus erwähnt;[4]genannt sei hier beispielsweise der AufsatzDie Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage der DDRvon Jürgen Danyel.[5]Dieses Werk lässt einen vielschichtigen Einblick in die Erinnerungsarbeit der Deutschen Demokratischen Republik zum Thema zu. Generell jedoch bleibt festzustellen, dass die Aufarbeitung des Gedächtnisses in der BRD weiter gediehen war als jene der DDR.

Aufbau der Arbeit

Gegliedert ist die vorliegende Untersuchung in sechs Themenabschnitte. Der erste Teil behandelt die kurze Zeitspanne derStunde Null, die Jahre 1945 bis 1949 – von der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten bis zur Gründung der beiden Staaten Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik.

Zum Zweiten wird die Erinnerungskultur der DDR um Auschwitz im Vordergrund stehen. Das Gedächtnis der BRD wird darauf folgend im dritten Abschnitt untersucht werden. Dieser Bereich teilt sich nochmals in sechs Themenschwerpunkte: die Jahre bis zum Ende der 1950er, dann die Betrachtung der Jahre bis 1968; die Verjährungsdebatten sowie der studentische Aufbruch 1968 werden darauf folgend einen zentralen Punkt einnehmen. Im weiteren Verlauf wird der FilmHolocaustund seine Wirkungen auf die Bevölkerung untersucht werden. Die 1980er und 1990er werden danach Objekt einer genaueren Betrachtung. Zuletzt wird innerhalb des dritten Abschnittes derHistorikerstreitvon 1986 einer genaueren Reflexion unterzogen werden.

Viertens wird, nach dem Anschluss der DDR an die BRD, die Kultur des Gedächtnisses um das Vernichtungslager heute im Vordergrund stehen. Der fünfte Teil der Arbeit gewährt einen Einblick in die Erinnerungskultur der Geschichtsforschung zu Auschwitz und den Holocaust.

I. Abschnitt: 1945-1949

Nach dem Untergang des so genanntenDritten Reichesund der Einteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen, wurde dem deutschen Volk auf östlicher wie auf westlicher Seite die eigene Schmach des selbst verursachten und schließlich verlorenen Krieges recht schnell deutlich, vor allem durch die Besatzungspolitik der Siegermächte England, Frankreich, USA und Sowjetunion. Hervorgerufen durch verlorenen Krieg und Besatzung, formte sich eine der Politik gegenüber passive Haltung in der deutschen Bevölkerung heraus. Eine unmittelbare Folge davon war unter anderem die Rückkehr des Individuums in die eigene private Sphäre sowie die relative Gleichgültigkeit der Bevölkerung gegenüber Entscheidungen der Besatzungsmächte. Hier ist zu fragen, in wie fern sich diese angesprochene Passivität auch in der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit äußerte. Wie verhielten sich die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Bezug auf die ProblematikAuschwitz? Ist bereits von einer Erinnerungskultur zu sprechen?

Aufgrund der kollektiven Schweigsamkeit[6]nach 1945 können sich Historiker wie Christian Meier, eigentlich emeritierter Professor für Alte Geschichte, diesbezüglich nur auf Vermutungen stützen: Reaktionen wie Schuldgefühle, Scham, Betretenheit und Befürchtungen gegenüber der eigenen deutschen Vergangenheit, die man gerade in den ersten Jahren der Besatzung nicht so recht bewahrheitet sehen wollte, werden aufgelistet. Allerdings gibt es für diese Haltungen keine empirischen Befunde: „wieweit sich das aber verbal äußerte, ist unklar“.[7]

Fest steht jedoch, dass die Siegermächte des Ersten Weltkrieges ein eigenes Konzept erdachter Befehle, Situationen und politische Haltungen der ehemaligen Regierung unter Kaiser Wilhelm II. der deutschen Bevölkerung angetragen haben. Daher glaubten sicherlich nicht Wenige, dass Berichte um Vernichtungslager wie Auschwitz nur Verleumdungen gegenüber dem eigenen Volk und der eigenen ehemaligen Regierung Adolf Hitlers darstellen sollten – zur Strafe, diesem Regime bedingungslos gefolgt zu sein. Andererseits wiederum stellen Forscher wie Norbert Frei und Sybille Steinbacher dar, dass „Auschwitz keineswegs im geographisch nebulösen 'Osten' [lag], vielmehr gehörten Stadt und Lager seit der administrativen Zuordnung zu Ostoberschlesien Ende Oktober 1939 zum Deutschen Reich, mit anderen Worten: Das Auschwitz der 'Endlösung' lag […] auf damals deutschem Boden“[8]. Außer Acht gelassen wird allerdings hierbei, dass bis zum Ende desDritten Reichesdieses Gebiet zwar formal zum deutschen Territorium gehörte, jedoch bis zuletzt hohe Auflagen für Ein- und Durchreisen bestanden. Ostoberschlesien, der Regierungsbezirk Kattowitz, war sicherheitspolizeilich abgeschottet. Daher ist nicht unbedingt von einem verbreiteten Wissen über Auschwitz auszugehen.

Nichtsdestotrotz wiegt in der Geschichtswissenschaft ein weiterer Aspekt für eine mögliche Erinnerungskultur um die deutschen Taten in Auschwitz schwer: „außerdem waren die meisten eher niedergeschlagen und betäubt und zu elementar mit der Sicherung des eigenen Lebens beschäftigt, als daß [sic] sie schon Distanz zu dem Geschehen hätten gewinnen können“[9].

Auch der Kalte Krieg hatte seine Auswirkungen auf die Erinnerungskultur um Auschwitz - „dieser globale Dualismus der Warte [drängte] nach und nach den Zweiten Weltkrieg und seine Vorgeschichten in den Hintergrund“[10].

II. Abschnitt: Betrachtungen zur DDR

Gerade für den Bereich der sowjetischen Besatzungszone, der späteren Deutschen Demokratischen Republik, nahm die Anforderung der Existenzsicherung in hohem Maße einen Einfluss auf den Prozess der Gedächtnisentwicklung: durch die Demontage der verbliebenen Industrie und deren Abtransport in Richtung Sowjetunion stand die Bevölkerung vor einem Neuanfang, sowohl in der Wirtschaft, als auch in der Politik. Die Wirtschaft wurde unter dem Vorwand verstaatlicht, ehemalige Nationalsozialisten damit zu bestrafen – dies waren für die Sowjets Industriechefs und Großgrundbesitzer. Daneben wurden in der inneren Verwaltung und Justiz 90% des Personals entlassen, soviel wie nirgends sonst in Deutschland.[11]

Durch die Etablierung des Sozialismus galt es, denBlick nach vornzu richten. Mit dieser Maxime einher ging letztlich die völlige Loslösung von der eigenen Vergangenheit im nationalsozialistischen Regime – man wollte sich, als marxistisch-leninistischen Staat, nicht für die Gewalt imDritten Reichverantwortlich fühlen. Die SED-Regierung verstand sich von Anfang an als Gegner und erfolgreicher Bekämpfer des Nationalsozialismus; daher folgte nie eine Übernahme einer kollektiven Schuld seitens dieser regierenden Partei.[12]Folglich gab es finanzielle Entschädigungen für Opfer des NS-Regimes auf östlicher Seite Deutschlands nicht: „though his government had spent nothing in restitution payments to Jewish survivors, Ulbricht argued that it was his government, not Adenauer's, that had truly learned the lessons of the Nazi past“[13].

Überdies wehte nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 bereits ein weltpolitisch neuer Wind: zwei Großmächte, Sowjetunion und USA, standen sich in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik gegenüber, nachdem der gemeinsame Feind Adolf Hitler erfolgreich bekämpft worden war und damit der kleinste gemeinsame Nenner für eine dauerhafte Zusammenarbeit fehlte. Es begann auf allen Ebenen ein Wettrüsten, welches bis in die Wendejahre um 1990 andauern sollte und in der DDR nur wenig Raum für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit bot.

[...]


[1] Benz, Wolfgang:Auschwitz und die Deutschen. Die Erinnerung an den Völkermord, in: Herzig, Arno/Lorenz, Ina [Hrsg.]: Verdrängung und Vernichtung der Juden unter dem Nationalsozialismus, Hamburg 1992, S. 333.

[2] Vgl. Meier, Christian:Vierzig Jahre nach Auschwitz. Deutsche Geschichtserinnerung heute, 2. Auflage, München 1990.

[3] Dazu wurde innerhalb dieser Arbeit Broszats Aufsatz„Holocaust“ und die Geschichtswissenschaft, in: Graml, Hermann/ Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. Beiträge von Martin Broszat, 2. Auflage, München 1987, herangezogen.

[4] Bsp: Herbert, Ulrich:Der Holocaust und die deutsche Gesellschaft, in: Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 19-36; Diner, Dan:Der Holocaust in den politischen Kulturen Europas: Erinnerung und Eigentum, in: Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 65-74.

[5] Danyel, Jürgen:Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens? Zum Umgang mit der Widerstandstradition und der Schuldfrage der DDR, in: Danyel, Jürgen [Hrsg.]: Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 31-46.

[6] Wolfgang Benz nennt die kollektive Schweigsamkeit eine „Abwehrreaktion“, da sich die NS-Generation schlecht und ungerecht behandelt fühlte. Vgl. Benz, Wolfgang:Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in der Bundesrepublik, in: Danyel, Jürgen [Hrsg.]: Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 48. Eine Übernahme einer Kollektivschuld wurde nie auf Seiten der Alliierten gefordert, sondern entspringt lediglich dem Gefühl der Deutschen. Vgl. ebd., S. 52.

[7] Meier,Vierzig Jahre nach Auschwitz, S. 52.

[8] Frei, Norbert/ Steinbacher, Sybille:Auschwitz. Die Stadt, das Lager und die Wahrnehmung der Deutschen, in: Henke, Klaus-Dietmar [Hrsg.]: Auschwitz. Sechs Essays zu Geschehen und Vergegenwärtigung, Dresden 2001, S. 48.

[9] Meier,Vierzig Jahre nach Auschwitz, S. 52.

[10] Diner,Der Holocaust in den politischen Kulturen Europas, S. 66.

[11] Vgl. Benz,Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, S. 49.

[12] Vgl. Danyel,Die Opfer- und Verfolgtenperspektive als Gründungskonsens?, S. 34.

[13] Herf, Jeffrey:Politics and Memory in West and East Germany since 1961 and in Unified Germany since 1990, in: Cesarani, David [Hrsg.]: After Eichmann. Collective Memory and the Holocaust since 1961, London/ New York 2005, S. 49.

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640673889
ISBN (Buch)
9783640674213
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154511
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Institut für Europäische Geschichte
Note
1,3
Schlagworte
Entwicklung Erinnerung Konzentrationslager Auschwitz Tendenzen Gedächtniskultur deutsch Kultur Geschichte BRD DDR Erinnerungskultur

Autor

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