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Medien im Kontext von Politik

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Bedeutung der Schrift bei der politischen Restabilisierung

2 Buchdruck

3 Verfassung

4 Fazit

5 Literatur

Einleitung

Seit sich die ersten Menschen zu Klein- und Kleinstgruppen zusammengeschlossen haben, nimmt Kommunikation in dieser Entwicklung eine tragende Rolle ein. Man denke nur an die Gemeinschaften der Jäger und Sammler. Wie nur hätte die Jagd von Erfolg gekrönt sein können, wenn man sich nicht einig über die zu jagende Beute gewesen wäre? Mit der Konstituierung dieser ersten kleinen sozialen Einheiten beginnt nun auch eine kommunikative Entwicklung, die an die Probleme der Zeit angepasst ist. Vermutlich reichten damals ein paar Laute in Verbindung mit Körpersprache aus, um die eigene Intention seinen Mitmenschen mitzuteilen. Mit zunehmenden Bevölkerungszahlen steigt aber dann auch die Komplexität der sozialen Interaktionen. Die ursprünglich illiteralen Gesellschaften benötigten neue Formen, um weiterhin jedes Mitglied kommunkiativ erreichen zu können. Das erfordert eine Veränderung von kommunikativen Handlungsmustern, die mehr und mehr die Ebene menschmedienfundierter Kommunikation verlassen um in funktionaler Anpassung weiter als Träger gesellschaftlicher Sozialisation ihren Beitrag zu leisten. Dabei bildeten Speicher- und Orientierungsfunktion anfänglich die wesentlichen Funktionsanpassungen.

Bereits in diesen einleitenden Gedanken wird eine Abhängigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung von ihrer Kommunikation erkennbar. Umgekehrt spiegelt sich aber auch der gesellschaftliche Entwicklungsstand und dessen politische Situation in den Medien w ider, z. B. geht mit beginnender allgemeiner Technisierung auch die der Medien einher, was ja bekanntlich zur Ausbildung der Massenmedien führte. Im Zuge dieser Weiterentwicklung entstehen dann die ersten Verwaltungen, Gesetze und Verlautbarungen werden verschriftlicht etc., womit sich die jeweils herrschende Elite den Machterhalt sicherte. Es erscheint demnach nur logisch, wenn Jürgen Wilke in diesem Zusammenhang von historischen Ereignissen als Kommunikationsereignissen spricht und ihnen eine wechselseitige Beziehung unterstellt: „Einmal gilt (Massen-)Kommunikation als notwendige Vorbedingung für das Entstehen bestimmter Ereignisse, zum anderen ist die Erscheinungsform solcher Ereignisse entscheidend durch intensive (Massen-)Kommunikation bestimmt“ (Wilke 1989, S. 59). Demnach übernehmen Kommunikationsereignisse jene Schlüsselrolle im politischen Entwicklungsprozess, deren Motor gleichsam rückwirkend auf kommunikativer Ebene wirksam wird und so einen beidseitigen Komplexitätsschub auslöst.

Wenn man nun von Medienentwicklung auf der einen und politischem Demokratisierungsprozess auf der anderen Seite als kohärentem Begriffspaar sprechen will, diesem Paar ferner eine wechselseitige Bedingtheit unterstellt, so erscheint es als sinnvoll, die Relevanz des vorläufigen Endproduktes der politischen Entwicklung[1] zum Ausgangspunkt der theoretischen Überlegungen zur Reziprozität in diesem Entwicklungsprozess zu machen. Denn Demokratie lässt sich ja aus vielen Perspektiven theoretisieren: Herrschaftskontrolle, Rechtsstaatlichkeit, Grundrechte, etc. Die demokratietheoretische Relevanz der verfassungsrechtlich garantierten politischen Partizipation soll jedoch hier den Ausgangspunkt des Erkenntnisinteresses bilden, um ausgehend von dieser theoretischen Basis die Möglichkeit einer reflexiv-dynamischen Medienentwicklung in ihrem reziproken Verhältnis zur politischen Entwicklung zu skizzieren. Denn historisch betrachtet „stehen Verfassungen am Beginn der Evolution des politischen Systems in Richtung Demokratie“ (Wimmer 1996, S. 426).

Die Geschichte der Demokratisierung ist zugleich eine Geschichte der Partizipationsbestrebungen. Verkürzt dargestellt lässt sich festhalten, dass eine allgemeine Tendenz zur politischen Mitbestimmung und zu gesicherten Grundrechten diesen emanzipatorischen Kampf unterdrückter Bevölkerungsteile kennzeichnet. Im Laufe dieses Prozesses kommt es zu bedeutenden historischen Ereignissen, die gleichsam Meilensteine in Richtung des Aufbaus einer Zivilgesellschaft und öffentlicher Willensbildung darstellen und an dessen Ende die Verfassung mit den auf Wahlen basierenden modernen Demokratien steht. Auch für Luhmann ist diese partizipatorische Errungenschaft für die Demokratie ausschlaggebend und „demnach nichts anderes als die Vollendung der Ausdifferenzierung eines politischen Systems. Das System gründet sich auf Entscheidungen, die es selber eingerichtet hat“ (Luhmann 2000, S.104 f.).

Abgesehen vom politischen Mitbestimmungsrecht stellt die Ausdifferenzierung des politischen Systems als Teilsystem im Kontext der Systemtheorie eine Evolutionsstufe dar. Mit Hilfe dieser theoretischen Annahme lässt sich nun Demokratisierung als ein evolutiver Prozess verstehen. Als ein Prozess, der über frühere Formen der Differenzierung zu einer nunmehr funktional differenzierten Gesellschaft geführt hat, in der dem politischen System die Aufgabe der Erstellung allgemein gültiger Entscheidungen zukommt (Luhmann). Dabei übernimmt Kommunikation die wesentliche evolutive Funktion im politischen Teilsystem: durch den Mechanismus der Annahme/Ablehnung resp. der Negation, kommt es zum Variations- und Selektionsschema. Dadurch wird garantiert, dass in der bislang letzten Form der Differenzierung der politische Entwicklungsprozess im Rahmen evolutiver Mechanismen weitergeht, wobei das Erreichen dieser letzten Form selbst einen evolutiven Prozess darstellt. (vgl. Luhmann 1997).

Wenn nun Kommunikation eine derart wichtige Rolle im politischen System funktional differenzierter Gesellschaften spielt und wenn der Prozess bis zu dieser Ausdifferenzierung selbst eine Evolution darstellt, dann ist nun die Frage berechtigt, ob Kommunikation nicht auch in früheren Formen der Differenzierung eine evolutive Funktion übernommen hat. Ob also Kommunikation nicht auch als der Katalysator gesellschaftlichen Wandels auftritt oder ob sie nur eine bessere Begleiterscheinung des stetigen gesellschaftlichen Politisierungsprozesses ist. Oder aus evolutionstheoretischer Perspektive ließe sich fragen, ob Kommunikation zum letztlich maßgeblichen Träger evolutionärer Entwicklungen in der Demokratie in einem ko-evolutiven Prozess nicht auch zur Demokratie evoluiert ist?

Da die für die politische Regulierung relevante Kommunikation immer an ein Medium gebunden ist, ist folgerichtig von Bedeutung, inwieweit mediale Entwicklung einen Beitrag zur Demokratisierung getragen hat bzw. ob der politische Modernisierungsprozess überhaupt durch Medien mitgetragen wurde und wenn ja, in welchem Ausmaß. Wenn eine Ko-Evolution zwischen Medienentwicklung und Politik besteht, dann sind dafür nur die Medien relevant, die in dieser Entwicklung eine tragende Funktion übernehmen. Auch der Minnesänger oder die Skulptur agierten früher als Medien und hatten demnach natürlich sozialisierende Bedeutung. Jedoch waren sie in ihrem Bedeutungsgehalt im Kontext einer politischen Evolution vernachlässigbar. Diese für die politische Evolution bedeutungslosen Medien waren aber wiederum für die mediale Evolution von Bedeutung (Variation). Diese mediale Evolution schreitet so lange voran, bis sie einen Entwicklungsgrad erreicht hat, der bei günstigen politischen Rahmenbedingungen zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen führt (Selektion).

Ich möchte anhand von Verwaltung und Verfassung zeigen, wie die wechselseitige Abhängigkeit von Medien und politischer Regulierung für den Partizipationsprozess verläuft. Dabei komme ich auch auf den Buchdruck als eines der bedeutendsten Kommunikationsereignisse in diesem Prozess zurück.

1 Bedeutung der Schrift bei der politischen Restabilisierung

Schrift ist stehts an ein Medium gebunden, denn Schrift allein stellt lediglich ein Instrument dar. Als solches ermöglicht es als übergreifendes Zeichensystem die Speicherung von Inhalten. Die Vermittlung selbst erfolgt dann durch ein Medium. Es gibt Medien ohne Schrift, aber keine Schrift ohne Medium. „Ein Medium ist ein institutionalisiertes System um einen organisierten Kommunikationskanal von spezifischem Leistungsvermögen mit gesellschaftlicher Dominanz“ (Faulstich 2006, S. 8). Nach dieser Definition wäre ein Medium als problemlösendes System zu interpretieren.

Betrachtet man nun die gesellschaftliche Entwicklung am Beginn der Entstehung von vormodernen (Stadt)staaten, dann geht mit wachsender Bevölkerungszahl die Bedeutung des „communication stress“ einher: die Informationsmengen und deren Verarbeitung wird komplexer und stellt neue funktionale Anforderungen an die politische Regulierung. Diese wird erreicht durch die Eingliederung der gesamten Lebensführung der Bewohner in die Bürokratie. Dort wird für Nahrung, Kleidung, Unterkunft oder Werkzeuge gesorgt. Die Bürokratien entwickeln mehrere hierarchische Ebenen des Entscheidens und der Informationsverarbeitung, dort wird registriert, kontrolliert und bilanziert. Die Macht der herrschenden Elite wird über Bürokratien restabilisiert, nachdem vorher ein Prozess der Variation und Selektion auf gesellschaftlicher Ebene erfolgte (vgl. Wimmer 2006, S. 204). Die Bürokratien fungieren also als problemlösendes System mit gesellschaftlicher Dominanz.

Wimmer identifiziert im Kontext politischer Evolution vier Institutionen als strukturelles Charakteristikum für die Entwicklung zur Staatlichkeit: 1) bürokratische Verwaltung, 2) Gerichtsbarkeit, 3) Steuerwesen, 4) Heereswesen.[2] Für Wimmer steht dabei die bürokratische Verwaltung eines jeden Staates im Sinne eines kontinuierlichen Amtsbetriebes auf der Basis von Schriftlichkeit als Kernstruktur fest (vgl. Wimmer 1996, S. 226 ff.). Die Möglichkeit der schriftlichen Fixierung erlaubt es Archive einzurichten, in denen das Wissen der jeweiligen Zeit Kontinuität erfährt. Durch steigende Literalität wird politisches wie auch rechtliches Entscheiden als normatives Element generalisiert und von Beschränkungen individueller Gedächtnisleistungen grossteils unabhängig. Die zentrale Bedeutung der Schrift liegt dabei in der Objektivierung des Kommunikationsflusses über raum-zeitliche und sozial-sachliche Grenzen hinweg. So wird es einerseits möglich, dass auf persönlichen Erfahrungen befindliche assoziative Denken durch standardisierte Routinen zu ersetzen. Wimmer verweist hier auf die Kalenderreform als Standardisierung der Zeitmessung und die Standardisierung der Tausch- und Preisrelationen im Zuge ökonomischer Interaktionen. Und andererseits gelingt es, Inhalte in verschriftlicher Form (z. B. Vertäge oder Testamente) von der Gedächtnisleistung der Überbringer unabhängig zu machen und so Objektivität und Kontinuität zu garantieren, über Raum und Zeit hinaus.

[...]


[1] Tatsächlich weiss das zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Erst wenn die jetztige Gegenwart zur Geschichte geworden sein wird, lässt sich das rückblickend behaupten, ob die Demokratie der modernen Territorialstaaten das Endprodukt einer politischen Evolution war. Derartige Entwicklungen sind wesensmäßig immer a posteriori zu bewerten. So fragt Luhmann, „ob diese Differenzierungsform nicht in einem schwer erträglichen Ausmaß von ihren Funktionssystemen abhängig macht und zugleich deren Eigendynamik ausliefert. Erträgt, konkreter gefragt, die Gesellschaft es, in ihrer Wirtschaft von den Fluktuationen und Ungleichgewochten der internationalen Finanzmärkte abhängig zu sein? Oder erträgt sie es, daß über den Einsatz von Atomwaffen ohne Befragung der „Gesellschaft“ politisch entschieden werden kann? Erträgt sie, um es nochmals zu fragen, die Abhängigkeit von der Eigendynamik ihrer Funktionssysteme, auf die sie als umfassendes System, als Gesellschaft, offenbar jeden Einfluß verloren hat? Solche Fragen lassen sich gegenwärtig formulieren und auch mit Beobachtungsmaterial unterstützen, aber beantworten wird sie nicht die Analyse, sondern nur die Evolution“ (Luhmann 2000, S. 78 f.).

[2] Wimmer gibt hier zu bedenken, dass es sich um einen Diskussionsvorschlag angesichts der enormen Divergenzen in den theoretischen Perspektiven handelt. Aber im Kontext seiner theoretischen Überlegungen zu funktionalen Anforderungen an die Politik der Gesellschaft, dürften sich diese Kriterien als fruchtbar erweisen.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640671328
ISBN (Buch)
9783640671526
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154285
Institution / Hochschule
Universität Wien – Politikwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Medien Politik Demokratie Massenmedien Kommunikation

Autor

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