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Wissenserwerb und Wissenstransfer in der Umwelttechnologie aus der Sicht der WissensarbeiterInnen

Die Bedeutung von kollaborativen Strukturen und Werkzeugen

Diplomarbeit 2009 86 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABSTRACT

EXECUTIVE SUMMAR

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG
1.1 AUSGANGSLAGE
1.2 FRAGESTELLUNG
1.3 ZIELE
1.4 AUFBAU DER ARBEIT

2 THE STATE OF THE ART
2.1 WISSENSERWERB ALS BESTANDTEIL VON WISSENSMANAGEMENT-KONZEPTEN
2.2 WISSENSERWERB UND WISSENSARBEITERINNEN
2.3 KOLLABORATIVER WISSENSERWERB
2.3.1 Kollaboration zwischen Organisationen
2.3.2 Kollaboration zwischen WissensarbeiterInnen
2.4 WISSENSERWERB IN KMU
2.5 KOOPERATION ALS WISSENSERWERBSTRATEGIE FÜR KMU
2.6 WEB 2.0 UND KOLLABORATIVER WISSENSERWERB – CHANCEN UND MÖGLICHKEITEN FÜR KMU
2.7 ZUSAMMENFASSUNG

3 EMPIRISCHER TEIL
3.1 WIFO-STUDIE ÜBER UMWELTTECHNOLOGIEBEREICH
3.2 METHODIK
3.2.1 Halbstandardisierte Leitfadeninterviews mit WissensarbeiterInnen
3.2.2 ExpertInneninterviews
3.2.3 Quantitative Umfrage mittels Online-Fragebogen
3.2.4 Statistische Auswertungsverfahren
3.3 ERGEBNISSE DER INTERVIEWS
3.3.1 ExpertInneninterview I
3.3.2 ExpertInneninterview II
3.3.3 Gruppeninterview mit WissensarbeiterInnen
3.3.4 Hypothesen
3.4 ERGEBNISSE DER ONLINE-BEFRAGUNG
3.4.1 Die TeilnehmerInnen
3.4.2 Die Unternehmen
3.4.3 Die Analyse
3.4.4 Zusammenfassung der Ergebnisse
3.4.5 Diskussion der Ergebnisse, Einschränkungen der Studie und offene Fragen

4 ANWENDUNG UND NUTZEN

LITERATUR

ANHANG

ANHANG 1: INTERVIEWLEITFÄDEN

ExpertInneninterview

Halbstandardisiertes Leitfadeninterview (WissensarbeiterInnen)

ANHANG 2: FRAGEBOGEN

ANHANG 3: TABELLEN MIT ERGEBNISSEN DER SIGNIFIKANZTESTS

Abstract

The aim of the present study is to investigate the pattern of knowledge acquisition in SMEs (Small and Medium Enterprises) of the environmental technology sector and to identify the role of collaboration and Web 2.0 technologies in this process.

A literature survey showed that knowledge acquisition in SMEs highly depends on external knowledge sources and cooperation. It is hypothesized that these co- operations should be favored by the use of collaborative internet tools.

On the basis of these literature data, two expert interviews and a group interview with knowledge workers, 6 hypotheses concerning the knowledge acquisition seen from the view of knowledge workers were formulated, transformed into an online questionnaire and sent to 150 SMEs.

The 29 data sets were analyzed using firm specific (size, turnover, percentage of knowledge workers) and knowledge worker specific variables (age, formation, work experience, time employed, IT-affinity) the 6 hypotheses were tested using non- parametric statistical methods.

The results can be summarized as follows:

- Knowledge workers use both individual and collaborative methods independent of age, time employed and work experience.
- Knowledge workers do not differentiate between explicit and implicit knowledge when applying knowledge acquisition strategies.
- In general, personal networks are not more heavily used than institutional cooperation structures. When considering only internal knowledge acquisi- tion, which is much more frequent than external sources, personal networks are preferred.
- Web 2.0 tools are poorly used in the knowledge acquisition processes. Especially low importance is given to participation in virtual social networks. This holds also true when asking for the future role of these tools.
- SME specific structures play an important role in favoring or hampering knowledge acquisition. Firm leadership and philosophy are perceived as positive, low budget and lack of IT infrastructure to cope with the increasing amount of information are seen as negative for an efficient knowledge acquisition.
- Knowledge workers believe that knowledge sharing and collaboration in networks will become even more important in the future, although they do not attribute any significant role to Web 2.0 applications in these processes. Instead, they are more worried about the increasing information overload and how to fight it.

The results of this study could motivate SMEs to become aware of the importance of knowledge acquisition at both the company and the personal level and to identify the processes and variables influencing them. Expanding external knowledge acquisition and enhancing the use of collaborative internet applications should help SMEs to cope with future innovation challenges.

Keywords: knowledge acquisition, SMEs, collaborative networks, Web 2.0 tools, innovation

Executive Summary

Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, wie WissensarbeiterInnen in KMU des Umwelttechnologiebereichs neues Wissen erwerben. Wesentliche Aspekte sind dabei die Zusammenarbeit in Netzwerken und die Unterstützung dieser Zusam- menarbeit durch kollaborative Internetanwendungen (Stichwort: Web 2.0). Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt darin zu erheben, inwieweit unternehmens- und personenbezogenen Faktoren wie Firmengröße, Umsatz, Anteil der Wissensarbeite- rInnen, Alter, Ausbildung, Zeit im Betrieb sowie Berufs- und IT-Erfahrung der Mitarbeiter die Art des Wissenserwerbs beeinflussen.

Ausgehend von einer umfassenden Analyse der Literatur, in der ein Überblick über die wesentlichen Faktoren erfolgreichen Wissenserwerbs und die Bedeutung von Netzwerken für Innovation speziell für KMU gegeben und die Möglichkeiten und Grenzen von Web 2.0 Anwendungen dargestellt werden, wurden unter Einbeziehung der Ergebnisse von zwei ExpertInneninterviews und einem Grup- peninterview mit WissensarbeiterInnen 6 Hypothesen formuliert und im Rahmen einer Online-Befragung von 150 KMU aus dem Umwelttechnologiebereich geschickt. Dieser Bereich wurde deshalb gewählt, weil er als besonders innovativ gilt und einen hohen Anteil an WissensarbeiterInnen aufweist. Zum Zweck der Hypo- thesenüberprüfung wurden die 29 vollständige Datensätze nicht-parametrischen Testverfahren (Mediane, Rangkorrelationen) unterzogen.

Diese Analysen ergaben folgende, statistisch abgesicherte Ergebnisse:

Hypothese 1:

Der Wissenserwerb in der Praxis erfolgt bei neuen, unerfahrenen MitarbeiterInnen häufig individuell, bei älteren, erfahreneren MitarbeiterInnen meist unter Ausnutzung entsprechender Netzwerke.

- Nicht bestätigt
- Alter, Zeit im Betrieb und Berufserfahrung haben keinen Einfluss auf die Art des Wissenserwerbs

Hypothese 2:

Kollaborativer und individueller Wissenserwerb werden differenziert eingesetzt, je nachdem, ob es sich um implizites (kollaborativ) oder explizites (individuell) Wissen handelt

- Teilweise bestätigt
- Unabhängig von der Art des Wissens werden vor allem von jüngeren MitarbeiterInnen beide Strategien verwendet, was bei dieser Gruppe zu einer höheren Wissenserwerbsintensität führt. Es gibt allerdings leichte Hinweise, dass die individuelle Strategie zusätzlich vor allem beim Erwerb expliziten Wissens eingesetzt wird.
- Die Grundannahme des Vorliegens einer Dichotomie explizit/implizit versus individuell/kollaborativ war falsch

Hypothese 3:

Wissenserwerb und Wissensteilung erfolgen hauptsächlich auf der Basis von persönlichen Netzwerken

- Nicht bestätigt
- Persönliche Netzwerke sind für den Wissenserwerb nicht wichtiger als institutionelle. Entscheidend dafür ist die hohe Bewertung unternehmensin- terner Wissenserwerbsquellen gegenüber externen .
- Die für die Fragestellung dieser Arbeit wichtigere Hypothese, ob interne Wissensquellen gegenüber externen bevorzugt werden, wurde zwar nicht formuliert, konnte aber bestätigt werden.

Hypothese 4:

Der Einsatz von kollaborativen Internetanwendungen (Web 2.0 Tools) im Rahmen des Wissenserwerbs ist noch sehr gering und abhängig von IT-Erfahrung und Alter der MitarbeiterInnen.

- Teil 1 der Hypothese bestätigt, Teil 2 nicht bestätigt
- Kollaborative Internetanwendungen, vor allem soziale Netzwerke, werden nur wenig genutzt. Diese geringe Nutzung ist allerdings weder vom Alter noch von der IT-Erfahrung abhängig. Programme, die am firmeneigenen Server laufen (Foren, Wikis) werden häufiger genutzt als webbasierte Anwendungen.

Hypothese 5:

Unternehmensinterne Faktoren (Firmenphilosophie, Firmenleitung, Organisations- strukturen, finanzielle Mittel), IT-Infrastruktur und persönliche Faktoren wie Netz- werke, Teamarbeit oder Weiterbildung, wirken sich in Bezug auf die Förderung oder Hemmung des Wissenserwerbs unterschiedlich aus.

- Bestätigt
- Mangel an finanziellen Mitteln hemmen den Wissenserwerb, mitarbeiternahe Strukturen fördern ihn. Die Rolle von Firmenleitung und Firmenphilosophie wird als positiv für den Wissenserwerb angesehen, mangelhafte oder nicht vorhandene IT-Infrastruktur wird als hemmend empfunden.

Hypothese 6:

Die WissensarbeiterInnen in KMU sehen die Zukunft des Wissenserwerbs in kolla- borativen, interorganisationalen Netzwerken, unterstützt durch ein ständig wachsendes Angebot von webbasierten Anwendungen.

- Teilweise bestätigt
- Zustimmung fand, dass der Wissenserwerb immer stärker von Zusammenarbeit und Wissensteilung geprägt sein wird. Den Web 2.0 Anwendungen wird dabei aber keine entscheidende Rolle beigemessen.
- Wichtigstes Anliegen der Befragten war, IT-Lösungen zu entwickeln (Suchmaschinen; Dokumentenmanagement), die ihnen helfen die Informationsflut zu bewältigen.

Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, wie notwendig es ist, Wissenserwerb sowohl auf personaler als auch unternehmerischer Ebene als Prozess zu begreifen. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass zwischen diesen Ebenen zahlreiche Wechselwir- kungen existieren, deren Bedeutung für einen erfolgreichen Wissenserwerb noch kaum untersucht ist. Die in der Literatur oft genannte große Bedeutung von externem Wissenserwerb besonders für KMU wird in dieser Arbeit zumindest auf der Ebene der einzelnen WissensarbeiterInnen nicht sichtbar.

Es wäre ein großer Erfolg, wenn die Ergebnisse dieser Arbeit dazu beitragen, dass Unternehmen vermehrt ihre Wissenserwerbsstrategien auch, aber nicht nur, hinsichtlich der Bedürfnisse ihrer WissensarbeiterInnen hinterfragen, externe Kooperationen in größerem Ausmaß als bisher auch für den Wissenserwerb heranziehen und diese durch geeignete IT-Anwendungen effizient unterstützen.

Stichwörter: Wissenserwerb, KMU, kooperative Netzwerke, Web 2.0, implizites und explizites Wissen

Danksagung

Mein Dank gilt meinem Betreuer, meinen Kolleginnen und Kollegen sowie den WissensarbeiterInnen, die bei den Interviews und bei der Online-Umfrage mitgemacht haben. Ohne sie wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen.

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Faktoren, die den inter-organisationalen Wissenserwerb und -transfer beeinflussen

Abb. 2 Die große Vielfalt an Web 2.0 Anwendungen

Abb. 3 Alter und Ausbildung der TeilnehmerInnen

Abb. 4 Tätigkeitsbereich und Position im Unternehmen

Abb. 5 Beschäftigungsdauer im Betrieb und Berufserfahrung

Abb. 6 IT-Erfahrung der Befragten

Abb. 7 Branchenzugehörigkeit und Anzahl der MitarbeiterInnen

Abb. 8 Anteil an Angestellten und WissensarbeiterInnen

Abb. 9 Jahresumsatz der Betriebe

Abb. 10 Häufigkeit der Verwendung von kollaborativen und individuellen Wissenserwerbmethoden

Abb. 11 Bevorzugte Form des Erwerbs von explizitem und implizitem Wissen

Abb. 12 Die Bedeutung institutioneller und persönlicher Kontakte und von Netzwerken beim Wissenserwerb

Abb. 13 Häufigkeit der Nutzung von kollaborativen Internetanwendungen

Abb. 14 Fördernde und hemmende Faktoren beim Wissenserwerb

Abb. 15 Bewertung von personenbedingten und unternehmensbedingten Faktoren hinsichtlich ihres Einflusses auf eine Verbesserung der Wissenserwerbssituation

Abb. 16 Bewertung einiger Aussagen zur zukünftigen Entwicklung des Wissenserwerbs.

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Rollenmodell von Wissensarbeit

Tab. 2 Definition von KMU der Europäischen Union

Tab. 3 Vor- und Nachteile für KMU bezüglich Wissenserwerb und Innovation

Tab. 4 Web 2.0-Tools und Einsatzmöglichkeiten in kollaborativen Netzwerken

Tab. 5 Probleme bei Online-Umfragen und in dieser Studie vorgenommene Vorkehrungen

Tab. 6 Kriterienkatalog Online-Umfrage-Tool

Tab. 7 Signifikante Unterschiede zwischen der Bewertung der Wissenserwerbsmethoden

Tab. 8 Bewertung von institutionellen und persönlichen Netzwerken und Kontakten

Tab. 9 Mittelwerte und signifikante Unterschiede in der Häufigkeit der Verwendung von kollaborativen Internetanwendungen

Tab. 10 Mittelwerte der Bewertung der Ursachen für die geringe Nutzung kollaborativen Internetanwendungen

Tab. 11 Mittelwerte und signifikante Unterschiede zwischen den Wissenserwerb fördernden und hemmenden Faktoren

Tab. 12 Mittelwert und statistische Signifikanz der Bewertung von Verbesserungsmaßnahmen für den Wissenserwerb

Tab. 13 Mittelwerte der Bewertung der zukünftigen Entwicklung des Wissenserwerbs – (Schulnotenskala)

Tab. 14 Nutzung von individuellen und kollaborativen Wissenserwerbstrategien (Anhang)

Tab. 15 Die Wichtigkeit institutioneller und persönlicher Kontakte und Netzwerke für den Wissenserwerb (Anhang)

Tab. 16 Paarweise, signifikant unterschiedliche Mediane der Bewertung von fördernden und hemmenden Faktoren (Anhang)

Tab. 17 Faktoren, von denen erwartet wird, dass sie den persönlichen Wissenserwerb fördern (Anhang)

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage

Innovation, die treibende Kraft wirtschaftlichen Erfolgs in Unternehmen, erfordert eine ständige Weiterentwicklung des im Unternehmen vorhanden Wissens. In größeren Unternehmen erfolgt dies in eigenen Forschungs- und Entwicklungsabtei- lungen entweder durch firmeninternen Wissenstransfer, durch Einstellung von Mit- arbeiterInnen mit dem benötigten Know How, durch Zukauf externer Dienstleistungen in Form von Beratern oder im Rahmen von Personalentwicklungs- strategien durch Aus- und Weiterbildung von bereits im Betrieb Beschäftigten.

Im Gegensatz dazu ist es für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) aufgrund mangelnder finanzieller Möglichkeiten und oft fehlender organisatorischer Strukturen (Notenboom, 1994) oft ein Problem, effizient externes Wissen in das Unternehmen zu transferieren, obwohl gerade sie nach neueren Untersuchungen stärker von diesem externen Wissen abhängig sind als größere Unternehmen (Chen et al., 2006). Dabei fehlt es nicht an Kooperationsangeboten und –modellen von Seiten öffentlicher Stellen, die mit der Verwertung von Forschungsergebnissen betraut sind1 2, finanzieller Unterstützung und Innovationsinitiativen von Seiten der EU3 oder wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema, wie Wissen in und innerhalb von Organisationen transferiert werden kann und von welchen innerbe- trieblichen Faktoren dies abhängt (Cohen & Levinthal, 1990; Liao, Welsch & Stoica, 2003).

Dazu kommt noch, dass Personalentwicklungskonzepte weitgehend fehlen. Auch ist weitgehend unbekannt, wie die WissensarbeiterInnen neues Wissen erwerben, ob sie dabei gezielte Strategien verfolgen und, wenn ja, wann sie diese einsetzen. Genau so wenig ist bekannt, ob sie dabei auf sich allein gestellt sind oder die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen innerhalb und außerhalb des Unternehmens suchen und ob sie dabei mit Unterstützung durch kollaborative IT- und Internetanwen- dungen vorgehen.

1.2 Fragestellung

Aus der oben geschilderten Ausgangslage ergeben sich für die vorliegende Arbeit folgende Fragen:

1. Wie erwerben MitarbeiterInnen von KMU neues Wissen?

Dabei geht es darum, den Prozess des Wissenserwerbs aus der Sicht der MitarbeiterInnen exemplarisch an KMU aus dem Umwelttechnologiebereich, einer besonders durch hohe Innovationsfähigkeit charakterisierten Branche (Köppl 2005), anhand von theoretischen Überlegungen und empirischen Daten zu beschreiben. Besonders wichtig ist dabei, dass der Fokus auf den handelnden Personen und weniger auf der Ebene der Organisationen liegt. Der organisationale Aspekt wird nur insofern berücksichtigt, als er konkrete Auswirkungen auf den Wissenserwerb des Einzelnen hat.

2. Welche Bedeutung haben kollaborative Aspekte und Netzwerke beim Wissenserwerb?

Hier wird untersucht, ob Theorien, die Kollaboration und das Agieren in Netzwerken als unabdingbar für effizienten Wissenserwerb ansehen, von empirischen Daten unterstützt werden. Es werden sowohl die Inanspruchnahme von externer als auch von interner Zusammenarbeit berücksichtigt. Unter diesem Gesichtspunkt wird auch der Frage nach der Bedeutung von virtuellen Netzwerken beim Wissenserwerb nachgegangen.

3. Werden neue, die Kollaboration unterstützende Technologien (Stichwort Web 2.0) beim Wissenserwerb genutzt und wenn ja, in welchem Ausmaß?

Im Vordergrund steht bei der Untersuchung dieser Frage, ob die MitarbeiterInnen diese Technologien kennen und wie häufig sie sie einsetzen, wenn neues Wissen erworben werden soll.

Die sich aus diesen Forschungsfragen ergebenden Hypothesen wurden aus einer Analyse der relevanten Literatur sowie den Ergebnissen von zwei Experteninter- views und einem Gruppeninterview entwickelt und werden im Kapitel "Ergebnisse" ausführlich dargestellt.

1.3 Ziele

Durch die Beantwortung der oben aufgelisteten Forschungsfragen sollen folgende Ziele erreicht werden:

1. eine Beschreibung des Wissenserwerbsprozesses in KMU des Umwelttechnologiebereichs aus der Sicht der WissensarbeiterInnen
2. die Überprüfung von Hypothesen hinsichtlich der Wichtigkeit von Kollaboration und Netzwerken für den Wissenserwerb in diesen KMU
3. die Erhebung des Kenntnisstandes von WissensarbeiterInnen in KMU über kollaborative Internetanwendungen und deren Nutzung beim Wissenserwerb
4. eine Erhebung der wichtigsten fördernden und hemmenden Faktoren beim Wissenserwerb und ein Ausblick auf zukünftige Entwicklungen aus der Perspektive der WissensarbeiterInnen.

1.4 Aufbau der Arbeit

Nach einer Einleitung, in der Ausgangslage, Zielsetzung, Fragestellung und Methodik beschrieben werden, folgt im theoretischen Teil der Arbeit anhand ausgewählter Literatur ein Überblick über die Rolle von Wissenserwerb und Wissenstransfer in Unternehmen unter spezieller Berücksichtigung von KMU, sowie über die Wichtigkeit von Kollaboration und Netzwerken bei Wissenserwerbs- prozessen. In Anschluss daran wird die Bedeutung von neuen kommunikativen Internetanwendungungen (Stichwort Web 2.0) für den Wissenserwerb dargestellt.

Den Abschluss des theoretischen Teils bildet eine Zusammenfassung der in der Literatur genannten Probleme beim Wissenserwerb, die speziell in KMU auftreten.

Den Kernbereich der Arbeit bildet die empirische Untersuchung. Sie besteht aus einem der Hypothesenbildung dienenden qualitativen Teil und den Ergebnissen eines quantitativen online-Fragebogens.

Im Anschluss daran werden die empirischen Ergebnissen anhand von Literaturdaten diskutiert und offengebliebene Fragen sowie der Nutzen der Arbeit und deren mögliche Verwertung erörtert.

2 The State of the Art

2.1 Wissenserwerb als Bestandteil von Wissensmanagement- konzepten

Externer und interner Wissenserwerb sind ein wesentlicher Bestandteil von allen gängigen Wissensmanagementkonzepten. Im Bausteinmodell von Probst, Raub & Romhardt (1999) erfüllt der Baustein Wissenserwerb den Zweck, nach erfolgter Wissensidentifikation intern oder extern das nötige Wissen zu beschaffen, um festgestellte Wissens- und Kompetenzlücken zu schließen.

Die Beschaffung dieses zur Erreichung der Wissensziele benötigten Wissens erfolgt auf mehreren Ebenen: Durch die Einstellung von ExpertInnen, durch Erwerb des nötigen Know Hows von externen Beratern oder Coaches oder durch Ankauf von Informationen oder Patenten sowie durch Aneignung von Wissen, vermittelt durch das Feedback von Kunden und Lieferanten (Eschenbach & Geyer, 2004).

Dazu gehört auch die regelmäßige Beobachtung des unternehmerischen Umfelds, im konkreten Fall der Besuch von Tagungen, Kongressen, Fachmessen und die Pflege von Kontakten zu Mitbewerbern.

Eine weitere Möglichkeit des Wissenserwerbs besteht durch Kooperation mit oder Übernahme von Unternehmen, die das komplementäre Wissen besitzen (Van Gils & Zwart, 2004).

Hauptproblem beim externen Wissenserwerb aus der Sicht des Wissensmanage- ments ist, neben der mangelnden Akzeptanz von externem Know How oder der Ablehnung von externen ExpertInnen, sowie des weit verbreiteten "not invented here"-Syndroms, die oft mangelnde Absorptionskapazität der Unternehmen (Liao, Welsch & Stoica, 2003). Darunter versteht man nach Cohen & Levinthal (1990, S.131- 132)

…not only the acquisition or assimilation of information by an organization but also the organization's ability to exploit it. Therefore, an organization's absorptive capacity does not simply depend on the organization's direct interface with the external environment. It also depends on the transfers of knowledge across and within subunits that may be quite removed from the original point of entry. Thus, to understand the sources of a firm's absorptive capacity, we focus on the structure of communication between the external environment and the organization, as well as among the subunits of the organizations, and also on the character and distribution of expertise within the organization Dieses Konzept, das uns später noch im Rahmen der spezifischen Probleme von KMU beim Wissenserwerb beschäftigen wird, beschreibt die Voraussetzungen, die in einem Unternehmen vorhanden sein müssen, um erfolgreich externes Wissen zu erwerben. Dazu gehört die Fähigkeit, neues Wissen als notwendig zu begreifen. Die Absorptionskapazität hat neben der Größe des Unternehmens und Netzwerk- variablen, wie Position im Netzwerk, Bindungsstärke und Vertrauen, einen positiven Effekt auf den Wissenserwerb und Wissenstransfer und damit auf die Innovationsfähigkeit von Unternehmen (van Wijk, Jansen & Lyles, 2008).

Im Zusammenhang mit KMU wird die Absorptionskapazität eines Unternehmens von Gray (2006, S. 347) definiert als …a firm’s overall capacity for learning, implementing new knowledge, disseminating new knowledge internally and making use of new resources, including new technologies. Absorptive capacity is a function of the organisation’s existing resources, existing tacit and explicit knowledge, internal routines, management competences and culture.

Das bedeutet, um erfolgreich externes Wissen erwerben zu können, sei es durch welchen Kanal auch immer, müssen bereits wesentliche Vorbedingungen im Unternehmen erfüllt sein. Diese Voraussetzungen entsprechen, ohne explizit von Gray genannt zu sein, weitestgehend den Anforderungen, die allgemein an Wissensmanagement gestellt werden.

Wissenserwerb, Absorptionskapazität und Innovationsfähigkeit bzw. Flexibilität stehen auch in KMU in einem direkten positiven Zusammenhang. Abweichend von den Untersuchungen an größeren Unternehmen zeigt Thérin (2007) jedoch für KMU, dass Wissenserwerb und die Assimilation dieses Wissens in unternehmenseigene Prozesse nicht korreliert sind und dass externer Wissenserwerb zwar die Flexibilität des Unternehmens auf sich ändernde Bedingungen fördert, die Assimilation hingegen die Innovationsfähigkeit.

Ein weiterer Unterschied zu der oben genannten Metaanalyse von van Wijk et al. (2008) ist der in der Studie von Thérin (2007) festgestellte Einfluss des Alters des Unternehmens auf seine Innovationsfähigkeit. Da das Altern eines Unternehmens bzw. die damit verbundenen negativen Einflüsse auf die Innovationsfähigkeit als unausweichlich angesehen werden, sieht der Autor in einem Investment in die Absorptionskapazität eine Möglichkeit, diesen Prozess in KMU auszugleichen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass jedes Unternehmen und vor allem diejenigen, die auf ein hohes Maß an Innovation angewiesen sind, Wissen von außen erwerben und in ihre internen Wissensprozesse integrieren müssen. Voraussetzung dafür sind organisationale Strukturen, die dies fördern und ermöglichen. Die Absorptionskapazität kann dabei verstanden werden als das Ergebnis desjenigen Teils von Wissensmanagement, der auf nach außen gerichteten Wissenserwerb fokussiert ist und für dessen Erfolg, ausgedrückt in Innovationen und Leistung, die dementsprechenden internen Wissensmanagementprozesse Voraussetzung sind.

Ohne diese Strukturen und Prozesse unterbleibt auch die interne Umsetzung des erworbenen Wissens und der Wissenserwerb bleibt daher wirkungslos.

Ein weiteres Problem beim Wissenserwerb besteht darin, dass man sich hier in Grenzzonen (boundaries) zwischen unterschiedlichen Systemen bewegt. Zwar gibt es solche auch firmenintern zwischen Abteilungen oder Hierarchien, jedoch sind sie bei weitem nicht so ausgeprägt. Dabei setzt man sich zwangsläufig der Gefahr aus, eigenes Wissen Anderen, möglicherweise Konkurrenten, zugänglich machen zu müssen.

2.2 Wissenserwerb und WissensarbeiterInnen

Neben den oben angeführten organisationalen Voraussetzung für effizienten Wissenserwerb sind es die WissensarbeiterInnen, die den Wissenserwerbprozess tragen und mitgestalten. Wissensarbeit wird dabei nach North & Güldenberg (2008, S.22) definiert als

...eine auf kognitiven Fähigkeiten basierende Tätigkeit mit immateriellem Arbeitsergebnis, deren Wertschöpfung in der Verarbeitung von Informationen, der Kreativität und daraus folgend der Generierung und Kommunikation von Wissen begründet ist

Sie unterscheiden dabei 6 verschiedene Rollen (Tab. 1), von denen WissenarbeiterInnen im Laufe ihrer Tätigkeit oft mehrere ausfüllen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1 Rollenmodell von Wissensarbeit (gekürzt nach North & Güldenberg, 2008, S.33)

Dabei ist besonders betonenswert, dass alle Rollen auch die Rolle des/der Lernenden einnehmen. Dies betrifft vor allem die Gruppe der WissensproduzentIn- nen und WissensvermittlerInnen, die im Rahmen des organisationalen Wissenser- werbs Schlüsselrollen einnehmen. Sie sind es, die, unterstützt von Wissensmanage- mentprozessen, sowohl den Wissensakquisitionsprozess als auch den Wissenstransfer und die Integration des neu erworbenen Wissens in unternehmens- eigene Prozesse gestalten und durchführen. Sie stellen daher ein wesentliches Element der oben erwähnten Absorptionsfähigkeit eines Unternehmens dar.

Um die Erfüllung dieser Aufgaben zu gewährleisten und die Produktivität von WissensarbeiterInnen allgemein zu steigern, formulierte Drucker (1999) 6 Anforderungen an WissensarbeiterInnen, von denen hier nur die 3 für den Wissenserwerb wesentlichen angeführt werden sollen:

1. Die WissensarbeiterInnen müssen selbst die Verantwortung für die Produktivität ihrer Arbeit übernehmen und ihre Tätigkeit (und sich) selbst managen.

Selbstmanagement heißt dabei nicht die Übertragung von Unternehmensregeln auf die eigene Person, sondern das Erkennen von Stärken und Schwächen mit dem Ziel, seine eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu definieren und sich derer bewusster zu werden (North & Güldenberg, 2008). Eine Möglichkeit dazu ist die Anwendung von Elementen des persönlichen Wissensmanagements.

2. Innovationsleistungen müssen zentraler Bestandteil der Arbeit von WissensarbeiterInnen sein.

Zur Erbringung dieser Leistungen müssen Strukturen (Raum, Zeit, Gelegenheit) geschaffen werden, die diese systematisch fördern. Darunter könnte man auch die Förderung von Mitgliedschaften oder die Mitarbeit in Wissensnetzwerken sehen.

3. WissensarbeiterInnen müssen bereit sein, kontinuierlich zu lernen. Das Unternehmen muss sich im Gegensatz dazu verpflichten, diese Bereitschaft zu unterstützen und in die Aus- und Weiterbildung der MitarbeiterInnen zu investieren.

Auf der persönlichen Ebene wird Wissenserwerb meist im Bereich Personal- oder Kompetenzmanagement angesiedelt. Dabei geht es darum, Kompetenz- und Skillprofile zu erstellen, die die WissensarbeiterInnen besitzen oder erreichen sollen, um die auf strategischer Ebene festgelegten Unternehmensziele zu erreichen.

Kompetenzen sind dabei keine statischen Werte, sondern "konkretisieren sich im Moment der Wissensanwendung" (North & Güldenberg, 2008, S.25) oder, wie Krogh & Ross (1996, S.45) es formulieren: "They (the competencies) exist only when the knowledge and skill meet the task".

Zusätzlich dazu soll vom Unternehmen gefördertes "life-long Learning" auch den MitarbeiterInnen dabei helfen, durch Erwerb von mehr Kompetenz ihre Wettbewerbsfähigkeit in einer Welt, in der sich die Halbwertszeit von Wissen drastisch verringert hat, zu stärken.

Dabei steht vor allem die Weiterbildung der MitarbeiterInnen sowohl durch traditionelle als auch durch computerunterstützte Schulungsmaßnahmen (Web based learning, Computer based learning, E-learning, Blended learning) im Vordergrund.

Neben Formen des formalen Lernens wird auch immer mehr die Wichtigkeit informalen Lernens erkannt. Es findet kontextbezogen statt und bedient sich persönlicher Erfahrung der Lernenden und Lehrenden und weniger theoretischer Inhalte (Wenger, 1998).

2.3 Kollaborativer Wissenserwerb

Die Bedeutung von Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg vor allem im Bereich Forschung und Entwicklung nimmt immer mehr zu. Durch kollaborative Netzwerke können Unternehmen die Möglichkeit, neues Wissen zu erwerben, deutlich erhöhen. Diese Netzwerke sind " key vehicles through which firms obtain access to external knowledge" (Powell, Koput & Smith-Doerr, 1996 zitiert in Ahuja, 2000).

Shan, Walker & Kogut (1994) konnten beispielsweise zeigen, dass die Anzahl von kollaborativen Beziehungen ein guter Prediktor für den innovativen Erfolg eines Unternehmens ist. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die Rolle von kollaborativen Netzwerken für den Wissenserwerb sowohl auf organisationaler als auch auf persönlicher Ebene und die Faktoren, die ihn beeinflussen, gegeben

2.3.1 Kollaboration zwischen Organisationen

Auf der Ebene von Organisationen entstehen kollaborativer Wissenserwerb und – transfer meist im Rahmen von interorganisationalen Strukturen, wie strategischen Allianzen, Unternehmensfusionen, Joint Ventures, Unternehmensnetzwerken oder Cluster. Zusätzlich dazu werden persönliche Netzwerke, Beziehungen zu Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen genutzt (Cohen, Nelson & Walsh, 2002; McAdam & McClelland, 2002).

Es liegt in der Natur von Kooperation, dass sie durch die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den beteiligten Partnern die Unternehmen der Gefahr von opportunistischem Verhalten aussetzt. Daher ist Vertrauen ein wesentlicher Faktor, wenn diese Zusammenarbeit funktionieren soll. Dabei nimmt die Bereitschaft, über Unternehmensgrenzen hinweg Wissen zu teilen, und damit die Effizienz des Wissenserwerbs mit dem Grad der Annäherung zwischen den Unternehmen zu (Galvin, 2006).

In diesen Kollaborationsnetzwerken spielen die Stärke und Anzahl der Verbindungen untereinander (Ahuja, 2000) sowie, wie schon erwähnt, Vertrauen und gemeinsame Normen (Galvin, 2006) eine große Rolle für den Erfolg. Starke Verbindungen haben allerdings auch ihre Kosten und schränken die Möglichkeiten und Vielfältigkeit des Wissenserwerbs ein (Fliaster & Spiess, 2007). In diesem Zusammenhang konnte Ahuja (2000) zeigen, dass vor allem schwache Verbindungen mit vielen Partnern für den Wissenserwerb und der darauf basierenden Innovationsfähigkeit verantwortlich sind.

Die für einen erfolgreichen Wissenserwerb durch Kooperation verantwortlichen Faktoren sind in Abb. 1 dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Faktoren, die den inter-organisationalen Wissenserwerb und -transfer beeinflussen (aus: Easterby-Smith, M., A. Lyles, M. & W. K. Tsang, E., 2008, S.679)

Von Seiten des gebenden Teils sind die Absorptionskapazität des Unternehmens, die organisationsüberschreitende Transferkapazität sowie der Wille und die Motivation zu "Lehren" Voraussetzung, während der empfangende Partner neben der Absorptions- und der Transferkapazität auch die nötige Bereitschaft zu lernen besitzen muss. Weitere Faktoren sind Eigenschaften des transferierten Wissens (explizit/implizit, Ambiguität, Komplexität) sowie Faktoren, die in der sozio- kulturellen Dynamik dieser Art von Beziehungen liegen (Macht, Vertrauen, Risiko, soziale Bindungen, Andersartigkeit der Strukturen und Mechanismen).

2.3.2 Kollaboration zwischen WissensarbeiterInnen

Während in den oben beschriebenen "institutionalisierten" Formen der Zusammen- arbeit die WissensarbeiterInnen als handelnde Akteure in gegenseitigen Schulungs- und Ausbildungsprozessen, organisierten sozialen Aktivitäten oder im Zuge von Personalaustausch den Wissenserwerb vorantreiben, sind sie in persönlichen sozialen Netzwerke vor allem beim Erwerb von implizitem Wissen (Cavusgil, Calantone & Zhao, 2003) und in solchen Unternehmen, die ihr Wissensmanagement auf Personalisierung im Sinne von Hansen, Nohria & Thierney (1999) aufgebaut haben, von zentraler Bedeutung.

Sowohl intern als auch extern erfolgt Wissenserwerb auf der Ebene der einzelnen WissensarbeiterInnen hauptsächlich über solche persönlichen Netzwerke (Fehéregyházy, 2004). Und dies auch dann, wenn das zu erwerbende Wissen leicht lehrbar ist oder wenn auf kodifiziertes Datenmaterial, z.B. in Form eines Knowledge Management Systems, zurückgegriffen hätte werden können (Brown, Dennis & Gant, 2006).

Dies gilt insbesondere für WissensarbeiterInnen im F & E-Bereich, wo ein hoher Anteil an implizitem Wissen extern erworben wird (Liu & Liu, 2008). Die Autoren erklären ihre Ergebnisse damit, dass im F & E-Bereich vor allem neues, kontrover- sielles Wissen von außen gefordert ist und dass dieses vor allem in impliziter Form vorliegt.

Ein wichtiger Aspekt ist, nicht nur neues Wissen zu erwerben, sondern auch ins Unternehmen zu transferieren. Auch dabei spielen persönliche Netzwerke zwischen den WissensarbeiterInnen eine entscheidende Rolle. Ähnlich wie beim Wissenstransfer und –erwerb zwischen Unternehmen gibt es auch hier eine Reihe von Faktoren, die diesen Prozess beeinflussen. Disterer (2001) führt eine Reihe von individuellen und im sozialen Kontext begründete Ursachen an, warum Wissen nicht oder nur zögerlich transferiert wird. Zu den Ersteren zählen Ängste vor Machtverlust, die Ablehnung von externem Wissen (Not-invented-here-Syndrom), Unsicherheit vor allem jüngerer MitarbeiterInnen und mangelnde Motivation durch den zusätzlichen Aufwand und die mangelnde Reziprozität. Zu den sozial begründeten Faktoren zählt er das Fehlen einer gemeinsamen Sprache (auch im übertragenen Sinn), die Tendenz zur Konfliktvermeidung sowie Konflikte, die aus Unterschieden zwischen individueller Anschauung und unternehmenseigenen Paradigmen entstehen (Disterer, 2001). Als förderlich sieht er die Schaffung einer Atmosphäre von Vertrauen und echtem Interesse, Anreizsysteme, ein mit den Zielen der Wissensteilung kongruentes Management sowie die Einrichtung von Communities of Practice, Knowledge Fairs, Kompetenzzentren u.ä., mit der Absicht, durch gemeinsame Interessen und Probleme kollaborativ an Lösungsmöglichkeiten zu arbeiten und dadurch den Wissenstransfer ins Unternehmen zu erleichtern.

2.4 Wissenserwerb in KMU

Im Gegensatz zu größeren Unternehmen existieren nur wenige Untersuchungen, die sich mit Wissenserwerb und Wissenstransfer in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) beschäftigen. Als KMU werden dabei nach der aktuellen Definition der Europäischen Union solche Unternehmen bezeichnet, die entweder weniger als 250 MitarbeiterInnen haben, einen Jahresumsatz von 50 Millionen Euros nicht überschreiten oder deren Jahresbilanzsumme sich auf höchstens 43 Mio. EUR beläuft (Auszug aus Artikel 2 des Anhangs zur Empfehlung 2003/361/EG)4. Des weiteren wird eine Unterscheidung von mittleren, kleinen und Kleinstunternehmen getroffen (Tab.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2 Definition von KMU der Europäischen Union (Aus: Europäische Komission: Die neue KMU Definition – Benutzerhandbuch und Mustererklärung)

In relativen Zahlen stellen KMU in der EU über 90% aller Unternehmen – in den deutschsprachigen Ländern sogar über 99% - und über 60% aller Arbeitsplätze.

Trotzdem sehen, mit Ausnahme von einzelnen Sektoren, wie z.B. der Hochtechnologie, nur etwa ein Drittel der Unternehmen Wachstum, F&E und Inno- vation als wesentliche Firmenziele (Gray, 2006). Neben dem Mangel an finanziellen und zeitlichen Ressourcen ist es vor allem die Schwierigkeit, qualifizierte Mitarbeite- rInnen zu rekrutieren, da die KMU hier in direkter Konkurrenz zu größeren Unter- nehmen stehen (Flash Eurobarometer, 2008). KMU sind daher deutlich stärker auf den Erwerb von externem Wissen angewiesen als Betriebe mit eigenen Forschungs- abteilungen, nützen diese Möglichkeiten dazu jedoch nur unzureichend aus und haben bezüglich des Einsatzes von wissensfördernden Instrumenten und Methoden einen hohen Nachholbedarf (Völker, Sauer & Simon, 2007).

Neben diesen Faktoren sind die Tatsache, dass das Wissen oft in impliziter Form vorliegt und es ihm an Breite und Tiefe fehlt, sowie die Konzentration des Wissens auf den Firmeneigentümer dafür verantwortlich, dass die Wissensbasis von KMU oft deutlich geringer ist als die größerer Unternehmen (Notenboom, 1994). Diese fehlende Wissensbasis erschwert nicht nur die Erneuerung von Prozessen, sondern verstellt, bedingt durch die damit einhergehende geringe Absorptionskapazität, auch die Sicht auf neue Entwicklungen und Chancen (Gray, 2006). Dazu kommt noch, dass KMU weniger häufig an F&E Programmen teilnehmen. Wenn sie es jedoch tun, ist ihre Teilnahme intensiver und produktiver verglichen mit größeren Unternehmen (Notenboom, 1994). Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Völker et al. (2007) in ihrer umfangreichen Studie zur Rolle von Wissensmanagement in forschungsintensiven und nicht-forschungsintensiven Unternehmen, in der sie KMU mit größeren Unternehmen vergleichen. Der Prozentsatz an erfolgreichen Innovati- onsprojekten ist, obwohl die absolute Anzahl an Projekten deutlich niedriger ist, bei Klein- und Kleinstunternehmen sehr viel höher als bei großen Unternehmen. Kurz gesagt, wenn sich kleinere KMU in Forschungsprojekte und –kooperationen wagen, sind sie äußerst erfolgreich.

Neben Nachteilen bringt die Struktur von KMU nach Notenboom (1994) aber auch Vorteile für die Entwicklung neuen Wissens mit sich (Tab. 3):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 3 Vor- und Nachteile für KMU bezüglich Wissenserwerb und Innovation (aus: Notenboom, 1994, S.334)

Die Rolle des Eigentümers und Managers, in dessen Person sich meist die Absorpti- onsfähigkeit des gesamten Unternehmens widerspiegelt, vereinfacht die Umsetzung von Wissenserwerbsstrategien. Flache Hierarchien ermöglichen eine rasche Umsetzung der dafür notwendigen Maßnahmen. Das verschafft, zusammen mit der Produkt- und Kundenorientiertheit, die notwendige Flexibilität für die Durchführung von kurzfristigen Anpassungen. Eigenständigkeit unternehmerischer Anschauungen führt oft zu unverwechselbaren Initiativen. Auch der hohe Anteil von implizitem Wissen bietet einen Vorteil: Er gibt einen wirksamen Schutz vor Nachahmung und verhilft dem Unternehmen über längere Zeit zu einem Wettbe- werbsvorsprung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Stärken von KMU, bedingt durch ihre Strukturen und Eigenheiten, weniger in der Entwicklung von Grundlagentechnolo- gien als in deren Modifizierung und Weiterentwicklung liegt. Dies liegt vor allem daran, dass sie aufgrund geringer Kapitalausstattung meist keine eigenen F&E- Abteilungen haben und es für sie schwierig ist, gut ausgebildete MitarbeiterInnen zu finden. Wenn sie dennoch auf eine auf Innovation basierte Unternehmensstrategie setzen, sind sie in großem Maß auf externen Wissenserwerb und –transfer angewiesen.

2.5 Kooperation als Wissenserwerbstrategie für KMU

Eine Möglichkeit für KMU, die eigene schmale Wissensbasis zu verbessern, ist die Beteiligung an kollaborativen Netzwerken. Dabei wird hier für kollaborative Netzwerke die Definition von Camarinha-Matos & Fsarmanesh (2005, S. 439) verwendet:

"A collaborative network is constituted by a variety of entities (e.g. organizations and people) that are largely autonomous, geographically distributed, and heterogeneous in terms of their operating environment, culture, social capital, and goals. Nevertheless these entities collaborate to better achieve common or compatible goals. Unlike other networks, collaboration in these networks is an intentional property that derives from the shared belief that together the network members can achieve goals that would not be possible or would have a higher cost if attempted by them individually".

Durch die Mitarbeit in diesen Netzwerken, sei es mit Unternehmen aus der eigenen Branche (horizontale Kooperationen), mit Kunden und Lieferanten (vertikale Kooperationen) oder nicht gewinnorientierten Forschungseinrichtungen wie Universitäten (laterale Kooperationen) können die Nachteile der geringen Größe und der geringeren Kapitalausstattung überwunden werden.

Empirische Daten von Gellner, Maass & Werner (2005) für Deutschland belegen, dass dem auch tatsächlich so ist, jedoch nur für solche Unternehmen, die selbst schon einen hohen Aufwand and F&E betreiben und Netzwerkerfahrung besitzen. Kooperation wird also vorwiegend mit jenen gesucht, die selbst etwas anzubieten haben. Zusätzliche Faktoren für die Bereitschaft, Kooperationen einzugehen, sind Unternehmensgröße und finanzielle Ressourcen. Dies gilt nicht nur für Kooperationen zwischen Unternehmen sondern auch für solche zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Auch hier werden größere Unternehmen bevorzugt.

Im Gegensatz zu mittleren und größeren Unternehmen zeigt sich für die Gesamtheit der KMU in Deutschland, über denselben Zeitraum hinweg, eine tendenzielle Abnahme der Kooperationsbereitschaft auf dem F&E-Sektor. Dies liegt vor allem an einer drastischen Verminderung der F&E-Ausgaben und des Personalstandes von Klein- und Kleinstunternehmen (Maaß, Suprinovic & Arndt, 2006).

Obwohl die AutorInnen keine näheren Gründe dafür angeben, ist anzunehmen, dass alle diejenigen Ursachen, die den Wissenserwerb und transfer behindern, bei kleinen Unternehmen, von Ausnahmen vor allem im Hochtechnologiebereich abgesehen, besonders stark ausgeprägt sind.

Dazu kommen nicht zuletzt noch Ursachen, die mit dem Überschreiten von Systemgrenzen in Zusammenhang stehen (Miller, 2005). Sehr viel stärker noch als beim Wissenserwerb und –transfer zwischen Abteilungen eines Unternehmens spielen Faktoren, wie unterschiedliche Kulturen, Unternehmensphilosophien, Wert- vorstellungen, Sprachen und Gewohnheiten, eine Rolle. Dies gilt insbesondere auch für die am Wissenserwerbsprozess beteiligten WissensarbeiterInnen. Es wäre denkbar, dass auch hier Unternehmensgröße und Erfahrung mit kooperativen Netzwerken eine positive Rolle spielen.

Aus den Ergebnissen der oben genannten Studien zum Thema "kollaborativer Wissenserwerb" in KMU geht hervor, dass es auch dabei gilt, eine kritische Größe zu überschreiten, um die Vorteile von Kooperationsnetzwerken nutzen zu können.

Dem Wunsch, neues Wissen in Netzwerken zu erwerben, muss ein Angebot an Wissen, das man bereit ist zu teilen, gegenüber stehen. Zusätzlich muss die Notwendigkeit und Fähigkeit, neues Wissen zu erwerben und die Bereitschaft, Systemgrenzen zu überschreiten, im Unternehmen vorhanden sein. Alle diese notwendigen Voraussetzungen für den Wissenserwerb in Netzwerken und Kooperationen sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, indirekt oder direkt von der Größe und den finanziellen Ressourcen abhängig.

2.6 Web 2.0 und kollaborativer Wissenserwerb – Chancen und Möglichkeiten für KMU

Die Notwendigkeit von KMU, für die Zwecke des Wissenserwerbs und schlussendlich der Innovationsfähigkeit die eigenen Firmengrenzen zu überschreiten und die Mitarbeit in kollaborativen Netzwerken zu suchen, stellt sie auch vor die Herausforderung, nach Wegen zu suchen, wie moderne IT- Anwendungen diesen Prozess unterstützen können. Herkömmliche kollaborative Software (CSCW, Groupware) wurde ursprünglich für den internen Kommunikati- onsbedarf entwickelt und weist für den firmenüberschreitenden Gebrauch erhebliche Nachteile auf. Neben beträchtlichen Anschaffungskosten ist diese Art von Software meist nicht in der Lage, schnell flexible Lösungen, wie sie in firmenüber- greifenden Kooperationsprojekten häufig erforderlich sind, bereitzustellen. Dazu kommt, dass vernetztes Arbeiten meist in spezialisierten Teams stattfindet, deren Bedürfnisse und Ansprüche an kollaborative Software durchaus unterschiedlich sein können. Hinzu kommt, dass Groupware-Lösungen sehr stark vom Top-Down- Prinzip beherrscht sind (Koch & Richter, 2008), was zwar innerhalb eines Unternehmens im Sinne von Vereinheitlichung und Normierung erwünscht sein mag, beim kollaborativen Wissenserwerb, wo Kreativität und Individualität über Unternehmensgrenzen hinweg eine entscheidende Rolle spielen, aber eher hinderlich ist.

In den letzten Jahren wurden unter dem Schlagwort "Web 2.0" eine Reihe von browserbasierten Anwendungen entwickelt, die nicht nur die Kommunikation und Zusammenarbeit von Personen und Teams über Unternehmensgrenzen hinaus erleichtern, sondern für Unternehmen ganz neue Möglichkeiten schaffen, ihren Informations- und Wissensbedarf zu decken. Dies gilt insbesondere für KMU, die dabei besonders auf externe Netzwerke angewiesen sind und die durch den gezielten Einsatz dieser Anwendungen "größeren Unternehmen ebenbürtig werden können"5.

Dabei versteht man unter Web 2.0 nach der Definition der amerikanischen Wikipedia

"... a living term describing changing trends in the use of the World Wide Web technology and web design that aims to enhance creativity, information sharing, collaboration and functionality of the web."

Diese Definition wurde deshalb unter vielen ähnlichen gewählt, weil sie die für das hier behandelte Thema des kollaborativen Wissenserwerbs zentralen Begriffe Kreativität, Wissen teilen und Zusammenarbeit beinhaltet.

Web 2.0-Anwendungen scheinen also besonders dafür geeignet zu sein, kooperative Netzwerke in ihrer Arbeit zu unterstützen und Formen des Wissenserwerbs zu ermöglichen, die insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen erlauben, an diesen ohne großen Kostenaufwand teilzunehmen. Neben dem Einsatz in Unter- nehmensbereichen wie Marketing, Produktion oder IT-Bereich sieht Buzinkay (2007, S. 11) vor allem, dass

"...das Web 2.0 es KMU ermöglicht, sich viel besser zu vernetzen und einzelne Projekte oder Vorhaben virtuell abzuarbeiten. Langfristige oder komplizierte Firmenkonstrukte bleiben den KMU erspart. Stattdessen kann ein Projekt sehr schnell über den vernetzten Ansatz in Angriff genommen werden."

Web 2.0-Anwendungen eigen sich daher sehr gut sowohl für den Wissenserwerb der einzelnen WissensarbeiterInnen als auch für die flexible Zusammenarbeit in projekt- bezogenen Netzwerken. Sie haben alle einen starken Bottom-Up-Charakter, werden also von der Aktivität und der Dynamik der Beteiligten bestimmt. Neben den Vorteilen gibt es auch einige Nachteile, die diese Anwendungen auszeichnen. Der bei vielen Anwendungen wohl gravierendste Nachteil ist, dass firmeninterne Daten auf fremde Server gestellt werden müssen und dort oft nur unzureichend geschützt sind. Dies kann man dadurch umgehen, dass man sich für solche Anwendungen entscheidet, die am eigenen Server installiert werden, oder, dass man klare Richtlinien bezüglich des Online-Stellens von Dokumenten erlässt.

Ein weiterer Nachteil ist die Abhängigkeit von den Betreibern, sowohl, was die Zuverlässigkeit der Server, als auch, was die Weiterentwicklung des Tools anbelangt. Ein Ausweg wäre, Dienste mit einer großen Entwickler-Community zu wählen und dies dann selbst zu hosten (Buzinkay, 2007). Außerdem müssen häufig Anpassungen vorgenommen werden, um die Kompatibilität zwischen Web 2.0- Anwendungen herzustellen. Schließlich sei auch erwähnt, dass die enorme Anzahl der vorhandenen Anwendungen bei den UserInnen den Eindruck einer unüber- schaubaren Vielfalt mit chaosartigen Tendenzen hervorruft (Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Die große Vielfalt an Web 2.0 Anwendungen

Um diesen Eindruck nicht noch zusätzlich zu bestätigen, soll im Folgenden auf eine vollständige Aufzählung und Beschreibung der Anwendungen verzichtet werden und statt dessen anhand von konkreten Beispielen ein Überblick über mögliche Einsatzbereiche von Web 2.0-Tools im Rahmen von kollaborativen Wissenserwerb- projekten gegeben werden.

Tabelle 4 gibt eine Übersicht über die Hauptkategorien von Web 2.0-Tools, mit ausgewählten Beispielen und deren Verwendung:

[...]


1 http://www.unigraz.at/ffowww/ffowww_transfer/ffowww_wissenstransfer/ ffowww_wissenstransfer_wirtschaft/ffowww_wissenstransfer_awt.htm abgerufen am 27.6.2009

2 www.umwelttechnik.at/download/oegut_themen.pdf, abgerufen am 28.6.2009

3 http://www.ffg.at/content.php?cid=855 abgerufen am 3.7.2009

4 http://www.euresearch.ch/fileadmin/documents/PdfDocuments/KMU_Definition_de.pdf, abgerufen am 25.7.2009.

5 Buzinkay, 2007: Web 2.0 für KMUs. Gefunden auf: http://www.buzinkay.net/web20- kmu.html besucht am 28.7.2009

Details

Seiten
86
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640669875
ISBN (Buch)
9783640669622
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154176
Institution / Hochschule
Hochschule Harz Hochschule für angewandte Wissenschaften – Informationstechnologie und Informationsmanagement
Note
sehr gut
Schlagworte
Wissenserwerb KMU kooperative Netzwerke Web 2.0 implizites und explizites Wissen

Autor

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Titel: Wissenserwerb und Wissenstransfer in der Umwelttechnologie aus der Sicht der WissensarbeiterInnen