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Verschiedene Aspekte der italienischen Wirtschaft während der Weltwirtschaftskrise

Seminararbeit 2009 16 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2. DIE NACHKRIEGSZEIT UND DIE MACHTERGREIFUNG MUSSOLINIS

3. AUFBAU DES FASCHISTISCHEN STAATES

4. DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN POLITIK UND WIRTSCHAFT IN ZEITEN DER WELTWIRTSCHAFTSKRISE
4.1. INTERVENTIONISTISCHE MAßNAHMEN
4.1.1 DAS KORPORATIVE WIRTSCHAFTSSYSTEM
4.1.2. DER FALL VON UNIVERSALBANKEN
4.1.3. DIE QUOTA NOVANTA
4.2. PROTEKTIONISTISCHE UND AUTARKISCHE MAßNAHMEN

5. ITALIEN ALS TOTALITÄRES STAAT

6. FAZIT

7. LITERATURVERZEICHNIS.

1 Einleitung

“Se imprese di navigazione, bancarie, industriali, agricole hanno superato il punto morto, lo devono al Governo.”1

Auf diese Weise bezeichnete Mussolini das Verhältnis zwischen Staat und Unternehmen in der großen Depression. Die Weltwirtschaftskrise erreichte das Land Italien Ende des Jahres 1929 und wurde dort, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, mit anderen Mitteln bzw. ökonomischen Maßnahmen bekämpft. Im Vergleich zu Deutschland, in dem die wirtschaftliche Situation des Landes den Regierungsumsturz erzeugte, wurde in Italien die Bewältigung der gleichen Situation im Rahmen einer Stabilisierungspolitik von der Obrigkeit für die Festigung der eigenen Machtposition ausgenutzt. Die Tatsache, dass heute ähnliche Konstellationen der damaligen Krise in verschiedenen Branchen der Wirtschaft eingetreten sind, verleiht dieser Arbeit eine explizite Aktualität. Der Umgang mit der Weltwirtschaftskrise und die Analyse, der vom faschistischen Regime zur Abschwächung der wirtschaftlichen Folgen ergriffenen Maßnahmen, machen den Untersuchungsgegenstand dieser Studie aus. Ebenso, wird hier auf den Charakter des korporativen Wirtschaftssystems, als bedeutendes Merkmal des italienischen Faschismus2, eingegangen. Anschließend wird auf die Fragestellung eingegangen, ob sich der Totalitarismus als politisches System eine krisensichere Option zur wirtschaftlichen Problemlösung darstellt. Diese Analyse gewährt keine Antwort zu dem öffentlichen Diskurs über das Thema Interventionismus3 oder das Primat des Staates in der Wirtschaft. Bei der Auseinandersetzung mit der Thematik, stellt man fest, dass zwischen den Wirtschaftshistorikern Meinungsverschiedenheiten über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Italien, herrschen. Als detailliertes und zuverlässiges Material für die Thematik erwiesen sich das Buch von Traute Rafalski Italienischer Faschismus in der Weltwirtschaftskrise und von Jon Cohen und Giovanni Federico The Growth of the Italian Economy 1820-1960. Für die Behandlung des Themas wurde die chronologische Methode angewendet. Der Untersuchungszeitraum dieser Arbeit erstreckt sich von der Nachkriegszeit und der Machtergreifung Mussolinis 1922 bis zur Weltwirtschaftskrise.

2. Die Nachkriegszeit und die Machtergreifung Mussolinis

Italien ging aus dem ersten Weltkrieg als Sieger hervor. Dennoch musste das Land viele menschliche und sachliche Verluste erleiden. Aus diesem Grund hing der Eindruck des „verstümmelten Sieges“4 für lange Zeit nach. Der primäre Sektor, worauf sich die Wirtschaft stützte, war nahezu verwüstet und nicht mehr produktiv. Viele Händler hatten wegen der Wirtschaftsblockade Englands während des Ersten Weltkrieges ihre Absatzmärkte verloren.5 Die Staatsausgaben und die Erweiterung der öffentlichen Verschuldung waren zu einer großen Belastung für das Finanzsystem geworden. Die erhöhte Arbeitslosigkeit und die stetig steigende Anzahl von Unternehmen, die Konkurs anmeldeten, trugen dazu bei, dass sich zwischen 1921 und Anfang 1922, die wirtschaftliche Situation des Landes verschlechterte.

Italiens Wirtschaftsleistung hatte bald die Talsohle erreicht. Das gab Anlass für öffentliche Empörung und innere Unruhen. Eine destabilisierende Rolle spielte im politischen Aspekt die Einführung des absoluten Wahlrechts für die Männer. Eine solche Änderung der Konstitutionsordnung fand ohne den Einfluss und Einwilligung des Establishments statt. Im Verlauf dieser Zäsur entstanden neue politische Richtungen und Bewegungen. Generell genossen sie die Unterstützung der breiten Masse, der Volksgruppe, die nach der Demobilisierung einen großen Einfluss in der Gesellschaft erlangt hatten.6 Aus dieser Kategorie entstand in der Nachkriegszeit, dirigiert von Benito Mussolini, die faschistische Bewegung. Die Faschisten waren der Ansicht, dass Faschismus ein mittlerer Weg zwischen Kommunismus und Liberalismus sei. Ein Weg für die industrielle Entwicklung jedoch gegen die „Knechtschaft“ gegenüber den Großunternehmen. Die politischen und ökonomischen Unsicherheiten spiegelten sich offenbar in der Kluft zwischen dem Norden und dem Süden. Um der Lage ein Ende zu bereiten, entschieden die militanten Faschisten, als Zeichen der Demonstration, 1922 auf Rom zu marschieren.7 Der König Italiens, Emanuele III beauftragte Mussolini mit der Gründung einer neuen Regierung aus Angst vor einem Zivilkrieg.8

3. Aufbau des faschistischen Staates

„The really problem that the Fascist regime inherited from its predecessors concerned the government’s budget deficit, which was still equivalent to about one-third of public spending in 1922, or 11,2 per cent of GDP“9

Nach der Machtübernahme war Mussolini entschlossen, mit der Umsetzung verschiedener Maßnahmen, die Stabilisierung der Wirtschaft zu bewirken. Zwischen 1922-1925 strebte er, durch die Verfolgung einer eigenständigen Politik, den institutionell-organisierten Staat aufzubauen. Zu den wichtigen Angelegenheiten mit der sich die Regierung am Anfang ihrer Amtszeit befasste, zählten die Konsolidierung der inländischen Währung und des staatlichen Budgets und die Begleichung der Kriegsschulden, was später den Zugang der italienischen Großunternehmen in die internationalen Märkten erleichterte. Die Inflation des Landes hatte direkt zur Schuldenrückführung beigetragen. Das verhalf den exportfähigen Zweigen der Wirtschaft international wettbewerbsfähig zu sein. Durch die Reduzierung des Geldumlaufs und gleichzeitige Erhöhung des Diskontsatzes forderte Mussolini die Wiedereinführung des Goldstandards, dadurch würde das Land international an Ansehen gewinnen.10 Um an dieses Ziel zu gelangen sollte man das Zahlungsbilanzdefizit niedrig halten, die Staatsausgaben für nicht unrentable Projekte kürzen und allgemein eine rigorose Finanzpolitik unterstützen. Dafür wurden die direkten Steuern wirkungsvoll erhöht und die Erbschaftsteuer annulliert. Dabei war die direkte Intervention des Staates bis Ende 1925 nicht öffentlich zu spüren. Viele Unternehmen bekamen Steuersenkungen und die meisten Entscheidungen hatten einen Subventionscharakter. Die Produktion erreichte bis Anfang 1929 in den primären und sekundären Sektor ihre Höchstleistung. Der Import von Rohstoffen stieg an. Durch diese fast unsichtbare Reform erlangte das Land eine Wirtschaftliche Erholung, die jedoch nicht lange dauerte.11 Ab Ende des Jahres 1929 spürte man die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise. Bis dato nahm das Land aktiv am Welthandel teil. Aufgrund der schrumpfenden Weltnachfrage sanken die Exporte innerhalb von drei Jahren um ca. 50% und die industrielle Produktion ging um ca. 33% zurück. Die Betriebe stellten ihre Produktion ein oder setzten die Kapazitäten herunter, was zu einer Reduzierung der Belegschaft führte. Die Mobilität vom Land in die Stadt war untersagt. Der Lebensunterhalt verteuerte sich und das Pro-Kopf- Einkommen sank. Die Anzahl der insolventen Unternehmen war innerhalb von zehn Monaten um 20% gestiegen.12 Das Zahlungsbilanzdefizit wuchs enorm. Um einheimische Erzeugnisse zu sichern, ergriffen alle von der Wirtschaftskrise betroffenen Länder protektionistische Maßnahmen. Aus diesem Grund war es schwer die inländischen Produkte abzusetzen. Neue Absatzmärkte müssten entdeckt werden. In dieser Zeit kam die Überlegung einer möglichen Expansion in Afrika oder im Balkan.

4. Das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft in Zeiten der Weltwirtschaftskrise

Ab 1926, mit dem Inkrafttreten des Gesetzes über die Syndikate und Gewerkschaften, hörte die Zurückhaltung des faschistischen Staates in privatwirtschaftlichen Angelegenheiten der Unternehmen auf. Die Aktivität der gewerkschaftlichen Verbände wurde weiterhin geduldet. 1929 verlor sie ihre Funktion und ihre Tätigkeit wurde eingestellt. Im Laufe der Zeit, insbesondere am Vorabend und während der Weltwirtschaftskrise wurden Maßnahmen interventionistischer, protektionistischer,13 und autarkischer14 Natur ergriffen. Sie spiegelten das klare Verhältnis zwischen dem Staat und der Wirtschaft wider, indem das Primat des Politischen über dem des Ökonomischen herrschte.

[...]


1 „Wenn Bankkonzerne, Seefahrt-, Industrie- und landwirtschaftliche Unternehmen ihren toten Punkt überwunden haben, sollten sie der Regierung dankbar sein.“ Zitierte Rede Mussolinis vom 30. Januar 1930 in: Catalano, Franco: L’Italia dalla dittatura alla democrazia 1919-1948, Bd. 1, Milano4 1975, S. 160.

2 Vgl. „Der faschistische Staat ist korporativ, sonst wäre er nicht faschistisch.“ Zitierte Rede Mussolinis vom 01. Oktober 1936 in: Wagenführ, Horst: Korporative Wirtschaft in Italien (Volk und Wirtschaft. Neue Lesestücke zur Politischen Ökonomie, H. 2.) Berlin 1934, S. 4.

3 „Bezeichnung für eine Wirtschaftspolitik, bei der vom Staat in den Wirtschaftsprozess eingegriffen wird, um bestimmte Ziele [..] zu erreichen.“ in: Pollert, Achim (Hg.): Das Lexikon der Wirtschaft. Grundlegendes Wissen von A bis Z (BpB Schriftenreihe Bd, 414), Bonn 2004, S. 140.

4 Schieder, Wolfgang: Das Deutschland Hitlers und das Italien Mussolinis. Zum Problem faschistischer Regimebildung, in: Schulz, Gerhard (Hg.), Die Große Krise der dreißiger Jahre. Vom Weltniedergang zum Zweiten Weltkrieg, Göttingen 1985, S. 44-71, hier S. 47.

5 Vgl. Nahmer, Robert Nöll v.d.: L’Economia mondiale e la crisi, o. A, o. A., S. 351-388, hier S. 375.

6 Vgl. Frascani, Paolo: Politica economica e finanza pubblica in Italia nel primo dopoguerra (1918-1922), Napoli 1975, S. 167ff. und Vgl. Schieder, Wolfgang: Ebd. S. 47ff.

7 De Grand, Alexander J: L’Italia fascista e la Germania nazista, Bologna 1999, S. 21.

8 Vgl. Morgan, Philip: Fascism in Europe 1919-1945, New York 2003, S. 50

9 Zamagni, Vera: The economic history of Italy 1860-1990, Oxford 1993, S 244.

10 Vgl. Rafalski, Traute: Italienischer Faschismus in der Weltwirtschaftskrise (1925-1936). Wirtschaft, Gesellschaft und Politik auf der Welle zur Moderne (Schriften des ZI der FUB, Bd. 45) Opladen 1984, S. 31. und Vgl. Federico, Giovanni/Cohen John: The Growth of the Italian Economy 1820-1960 (New Studies in Economic and Social History, Bd. 3), Cambridge 2001, S. 20-23.

11 Cohen, S. John: Fascism and Agriculture in Italy: Policies and Consequences, in: The Economic History Review (New Series), Bd. 32, Nr. 1, (1979), S. 70-87, hier S. 71. und Vgl. Rafalski, Traute: Ebd, S. 33.

12 Vgl. Mattesini, Fabrizio/Quintieri Beniamino: Italy and the Great Depression. An Analysis of the Italian Economy 1929–1936, in: Explorations in Economic History, Nr. 24, Jg. 1997, S. 265-294, hier. S. 267ff. und Vgl. Catalano, Franco: L’Italia dalla dittatura, S. 158f.

13 „staatliche Eingriffe zum Schutz inländischer Erzeuger bzw. Erzeugnisse vor ausländischer Konkurrenz“ in: Pollert, Achim (Hg.): Das Lexikon der Wirtschaft. Grundlegendes Wissen von A bis Z (BpB Schriftenreihe Bd, 414), Bonn 2004, S. 234.

14 „die vollständige oder teilweise Selbstversorgung eines Haushalts, einer Region oder eines Staates mit Gütern und Dienstleistungen.“14 in: Ebd., S. 204.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640668694
ISBN (Buch)
9783640668632
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154143
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Note
2.3
Schlagworte
Weltwirtschaftskrise Italien Faschismus Nationalsozialismus Korporatismus Goldstandard Wirtschaft

Autor

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