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Thomas Hobbes in den Internationalen Beziehungen

Seminararbeit 2010 23 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Weltweite Anarchie, ein internationaler Naturzustand
2.1 Der internationale Naturzustand
2.2 Das Naturrecht im Naturzustand des Menschen
2.3 Die Notwendigkeit einer Staatsgründung als Folge des Naturzustandes

3. Der Weltstaat als Überwindung des internationalen Naturzustandes
3.1 Globales Sicherheitsdilemma im 20. und 21. Jahrhundert
3.2 Hobbes Staatstheorien im Zusammenstoß mit der Idee eines Weltstaates
3.3 Beweisführung weder internationaler Naturzustand noch Weltstaat

4. Zusammenarbeit der Staaten im internationalen Naturzustand
4.1 Kein internationaler Naturzustand in der Staatengemeinschaft
4.2 Gründe für eine Zusammenarbeit der Staaten nach Hobbes

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der kriegerische Naturzustand nach Thomas Hobbes' Staatsphilosophie wird in den Internationalen Beziehungen regelmäßig angeführt, um feindliche Angriffe zu rechtfertigen oder Terror zu beschreiben. Aktuell im Fokus der Politikwissenschaft steht die National- Security- Strategy der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika, die den Einsatz von militärischer Gewalt sowohl im Verteidigungsfall als auch das präventive militärische Vorgehen legitimiert. Die faktische Erfüllung der National- Security- Strategy darf möglicherweise mit dem Irak-Krieg im Jahre 2003 beobachtet werden und gilt als Bruch in der internationalen Politik. Laut Art.51 UN- Charta werden Angriffskriege seit dem Zweiten Weltkrieg als nicht legitim bewertet.[1] Publizisten, Forscher und Politiker der USA machen bei der Rechtfertigung des Strategiepapiers auf den „hobbesschen Naturzustand der Staaten“ aufmerksam.[2] Das bekannte Zitat bellum omnia contra omnes von Thomas Hobbes gibt der Begrifflichkeit des „Naturzustandes“ seinen Charakter. Für eine Bekräftigung eines wirksamen Staatswesens beschrieb der englische Philosoph die dunkle Darstellung eines ewigen Kriegszustandes und wird daher häufig in der kritischen Auseinandersetzung mit den internationalen Beziehungen herangezogen. Der internationale Naturzustand in der hobbesschen Ordnung der internationalen Beziehungen wird als geschätztes Muster zur Analyse der derzeitigen „Staatenwelt“[3] gesehen. Hobbes schrieb allerdings keine Abhandlung zur internationalen Konstellation, sondern konzentrierte sich im Einzelnen auf die Begründung der Nationalstaaten. Der Schutz der Bürger ist lediglich durch einen staatlichen Souverän garantiert und liegt nach Hobbes Auffassung im eigenen Interesse jedes Individuums. Diese Vorstellung verkörpert eine neuzeitliche politische Philosophie und die Abkehr von der religiösen Denkweise des Mittelalters.

Wie der Einzelne im hobbesschen zwischenmenschlichen Naturzustand, so handeln auch die Nationalstaaten im internationalen Naturzustand kriegerisch. In diesem Zustand herrschen keine Vertragsbindungen und Moralvorstellungen, da der „Nutzen der Maßstab des Rechts ist“[4]. Berichte über den aktuellen Irak-Krieg und die außenpolitischen Handlungen der US-Regierung Bush Junior zeigen, dass diese Ansicht nichts an Relevanz eingebüßt hat.[5] Die Realistische Schule[6] in der politikwissenschaftlichen Teildisziplin der Theorie der Internationalen Beziehungen verwendet häufig die politische Theorie von Thomas Hobbes als ideengeschichtliche Basis für ihre Interpretation. Entsprechend dem hobbesschen zwischenmenschlichen Naturzustand handeln die Staaten in den internationalen Beziehungen.[7] Daher verstehen die Realisten Hobbes als den Vorfahren der Realisten und ihrer Annahme des „Naturzustandes der Nationalstaaten“[8]. Die Realisten werten den internationalen Naturzustand als rechtsfreien Raum, in dem sich die Staaten bekriegen, da es keine obligatorischen Kriegsverbote gibt. Im Naturzustand der Staaten nach Hobbes wütet ein Krieg eines jeden gegen jeden und so wäre die National-Security-Strategy keine Seltenheit. Für die Staaten gibt es keinen Ausweg aus dem internationalen Naturzustand, da viele Autoren der Hobbesforschung einen internationalen Gesellschaftsvertrag[9] nach dem Modell auf nationaler Ebene, der in einem Weltstaat mündet, ablehnen.[10]

Aufgrund von globalen Gefahren wie Naturkatastrophen, die gegenwärtige Gefährdung durch Nuklearwaffen für die Menschen und vor allem die Zeit des Kalten Krieges haben für die Vertreter der Annahme, dass ein Weltstaat entstehen müsste, die Idee hervorgebracht, dass es einen Naturzustand gäbe, der die Menschen zu einem globalen Gesellschaftsvertrag führt.[11] Andere Verfasser der Hobbesforschung sind der Meinung, dass die internationalen Beziehungen nach Hobbes' Auffassungen als ein kooperatives Staatsverhalten gesehen werden müssen, ohne dass ein Weltstaat entstehen muss.[12]

Für diese Arbeit ergibt sich die Frage, ob es eine unterstellte Gleichheit zwischen dem Naturzustand der Menschen und dem der Nationalstaaten wirklich gibt. Weiterhin ist eine zentrale Frage, ob der Begriff des Naturzustandes nach Hobbes tatsächlich zur Analyse zwischenstaatlichen Handelns gebraucht werden darf. Aus dieser Leitfrage folgt die Zuspitzung der Problemstellung. Ist es möglich, dass das Individuum im Naturzustand verbleiben kann oder ist es zwingend, dass es zu einem Gesellschaftsvertrag kommen muss? Welche Charakteristika und Aufgabenstellungen hat der souveräne Herrscher im Unterschied zum Menschen? Welche zentralen Bestandteile des Naturzustandes des Menschen sind für Hobbes relevant und auf welches Problem wollte der Philosoph mit dem Naturzustand aufmerksam machen? Ist das Handeln von Staaten im internationalen Staatensystem mit dem Verhalten des Menschen im Naturzustand zu vergleichen oder ist die Begrifflichkeit eventuell unzutreffend und sogar missverständlich? Ziel der vorliegenden Arbeit soll ein Überblick über die Hobbesforschung in den Internationalen Beziehungen darstellen und Besonderheiten hervorbringen, die bei der Verwendung von Hobbes' politischer Philosophie für das Handeln der Staaten untereinander beachtet werden müssen.

2. Weltweite Anarchie, ein internationaler Naturzustand

Die Denkschule Realismus ist eine politikwissenschaftliche Teildisziplin der Internationalen Beziehungen, die es nicht für möglich hält, einen Weltstaat aufgrund der unterschiedlichen staatlichen Interessen zu konstruieren. Erstmals machte der Realismus in den 1940ern als Antwort auf den Liberalismus in den internationalen Beziehungen auf sich aufmerksam. Sie nutzten den Anspruch, dass ihre „realistischere“ Sichtweise nach den zwei Weltkriegen und den Auswirkungen des Nationalsozialismus eine Verständlichere wäre als die anderer IB-Theorien. Sie handeln mit einem negativen Menschenbild und heben dieses auf eine staatliche Ebene. Für sie zeichnen sich die Menschen durch das Streben nach Macht aus und befinden sich im ständigen Krieg miteinander zum Ausbau dieser Macht. Frieden kann für sie nur durch das militärische Gleichgewicht erzielt werden. Die Idee, dass Staaten sich in einer globalen Anarchie befänden, die wie der Naturzustand nach Hobbes beschrieben wird, ergibt sich aus der Annahme, dass sich die Realisten in einer ideengeschichtlichen Tradition von Thomas Hobbes sehen: „His notion of the international state of nature as a state of war is shared by virtually everyone calling himself a realist.“[13] Die Anhänger der These der globalen Anarchie interessieren sich für die Verhältnisse zwischen den Staaten und sehen sich weiterhin auch als Ideengeschichtler. Die Realisten selbst nutzen als Grundidee ihrer Theorie die politische Philosophie von Hobbes, wohingegen die Ideengeschichtler die internationalen Beziehungen in den Annahmen von Hobbes eher als ein Problem am Rande betrachten. Die Anhänger der These der globalen Anarchie gelten als die herrschende Meinung und sind präsenter als andere Gruppen. Das hobbessche Modell des Naturzustandes wird in jeder Publikation in den Internationalen Beziehungen aufgenommen und auf die staatliche Ebene übertragen.

2.1 Der internationale Naturzustand

Der Realismus sieht die Ursache für internationale Konfliktherde in den negativen menschlichen Charakterzügen in Anlehnung an Thomas Hobbes' Annahmen über die Eigenschaften des Menschen. Nach seiner Vorstellung handeln die Menschen ausschließlich im eigenen Interesse, nach purem Egoismus, sind durch Konkurrenz, die sich im Gewinnstreben bemerkbar macht, Misstrauen gegenüber anderen Menschen und Ruhmsucht gekennzeichnet.[14] David Gauthier unterstützt diese These in seinem Werk „The Logic of Leviathan. The Moral and Political Theorie of Thomas Hobbes“ und führt die selben Charakteristika bei Nationalstaaten an: „The interests and values of nations, like those of Hobbessian men, are essentially subjective and selfish.“[15] Für die Denkschule des Realismus agieren staatliche Akteure wie Individuen, insofern es sich um die Durchsetzung der eigenen Belange handelt. Der australische Politologe Hedley Bull unterstreicht, dass „die identischen Eigenschaften von Menschen und Staaten zu den gleichen Verhaltensweisen führen“[16]. Das Wohl der Nationalstaaten ist permanent so gefährdet wie das der Menschen im Naturzustand, da die Absichten des Einen im Gegensatz zu denen des Anderen stehen. Jene Behauptung für solche Sicherheitsdilemmata zwischen den Staaten basiert für die Realisten auf der Vorstellung einer internationalen Anarchie. Da die Nationalstaaten, bei denen das Gewaltmonopol liegt, keine übergeordnete Instanz achten müssen und somit Macht und Ruhm anstreben können - ähnlich den Menschen im Hobbesschen Naturzustand - , wird dieser anarchische Zustand in den Theorien der Internationalen Beziehungen häufig als Erklärungsversuch genutzt. Die Staaten fühlen sich gezwungen, andere Nationalstaaten unter ihre Herrschaft zu bringen und deren Handlungen zu beschränken, da ihre Absichten denen der anderen widersprechen. Das Ziel aller Nationalstaaten ist der Erhalt ihrer selbst und daher müssen sie ihre militärische Macht ausbauen, was ein langes Bestehen ermöglichen soll. Der Kampf um Selbsterhaltung der Menschen im Naturzustand wird so gesehen auf ein internationales Niveau projiziert. Mit einer Anpassung an die Gegebenheiten des Naturzustandes „übernehmen sie die Logik der Prävention und der Verdächtigung“[17], die lediglich durch eine übergeordnete Instanz gebrochen werden könnte. Kenneth Waltz charakterisiert diesen Zustand der Staatenwelt wie folgt: „ Among states, the state of nature is a state of war.“[18] und spricht somit von dem pessimistischen Weltbild des Krieges eines jeden gegen jeden. Auf diese Weise ist jeder Staat wie im zwischenmenschlichen Naturzustand berechtigt, ein Anrecht auf alles geltend zu machen und dies auch auf Hoheitsgebiete anderer souveräner Staaten auszuweiten. Nationalstaaten handeln ohne eine übergeordnete Macht in einem rechtsfreien Raum und können die Unterdrückung anderer, das Streben nach Ruhm ohne Konsequenzen umsetzen. Der Realismus bedient sich also der Theorie des hobbesschen Naturzustandes im Verständnis eines internationalen Kriegszustandes, um eine ständige Ansammlung von Machtmitteln erklären und präventive Maßnahmen einleiten zu können, die eine Unterjochung seitens anderer Staaten unterbinden sollen.

[...]


[1] Vgl. Art. 51 UN Charta.

[2] Der Zusammenhang zwischen der durch Macht geprägten internationalen Rangfolge und Hobbes wird im aktuellen Diskurs um den Irak immer wieder betont. Vgl. Joffe; 2005: S.10; Assheuer; 2005: S.46.

[3] Vgl. Kagan; 2003: S.85, S.120.

[4] DC; 1 (10): S.83.

[5] Vgl. Bühler; 2007.

[6] Zu der Verwendung der Begrifflichkeit „Schule“ in der Politikwissenschaft siehe Buchstein; 1999.

[7] Vgl. z.B. Waltz; 1979.

[8] Diese Annahme wird bei den Realisten bei der Beschreibung des Realismus und bei dem Erklärungsmodell von weltpolitischen Ereignissen häufig angeführt. Vgl. ausführlich Bull; 1981. Kagan beschreibt die „Hobbessche Ordnung“. Kagan; 2003: S.85, S.120.

[9] Der Gesellschaftsvertrag ist die Übertragung des Naturrechts auf einen Souverän, der ein Individuum oder ein

Gremium sein kann. Der Gesellschaftsvertrag ergibt sich aus einer wechselseitige Verpflichtung eines Kollektivs,

wodurch der Staat als künstliche Person entsteht.

[10] Vgl. z.B. Waltz; 1991; Smith; 1986; Malnes; 1993; Fukuyama; 1992; Kagan; 2003.

[11] Vgl. hierzu vor allem die Arbeit von Mohrs; 1995.

[12] Vgl. Hanson; 1984; Kleemeier; 2002; Williams; 1996.

[13] Vgl. Smith; 1986: S.13.

[14] Vgl. Bull; 1981: S.721.

[15] Gauthier; 1969: S.208.

[16] Bühler; 2007: S.10.

[17] Vgl. Kersting; 1998: S.530 ff.

[18] Waltz; 1979: S.102. Malnes unterstreicht, dass „international relations are pervaded by war.“ Malnes; 1993: S.63.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640666058
ISBN (Buch)
9783640666201
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154098
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Thomas Hobbes Internationalen Beziehungen

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