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Konfliktlinien der französischen Gesandtschaft bei den Westfälischen Friedensverhandlungen

Der Streit zwischen Abel Servien und Comte d'Avaux

Studienarbeit 2008 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Vorwort
1.2 Aktueller Forschungstand
1.3 Machtverhältnisse in Frankreich um 1643
1.4 Das Botschafterwesen in der Mitte des 17. Jahrhunderts

2 Die französische Gesandtschaft beim Friedenskongress
2.1 Die Botschafter
2.1.1 Claude de Mesmes, comte d’Avaux (1595-1650)
2.1.2 Abel Servien, comte de la Roche des Aubiers (1593-1659)
2.1.3 Henri II. d’Orléans, Duc de Longueville (1595-1663)
2.2 Die polarisierenden Ideenkreise der französischen Kongresspolitik
2.3 Die Botschafter und Mazarin
2.3.1 Herzog und Kardinal, Longueville und Mazarin
2.3.2 Patron und Klient, Mazarin und Servien
2.3.3 Graf und Kardinal, d’Avaux und Mazarin

3 Der Konflikt zwischen Servien und d’Avaux
3.2 Streitverlauf vom Aufenthalt in Den Haag bis zur Ankunft Longuevilles
3.3 Die Residentenwechsel und die Abberufung d’Avaux’

4 Schlussbemerkung

5 Literatur und Quellen
5.1 Literatur
5.2 Gedruckte Quellen

1 Einleitung

1.1 Vorwort

Die vorliegende Studienarbeit beschäftigt sich mit den Konfliktlinien innerhalb der französischen Gesandtschaft während der Westfälischen Friedensverhandlungen 1643-1648. Dabei wird der Frage nachgegangen, was dazu geführt haben könnte, dass zwischen den französischen Botschaftern Claude de Mesmes, Comte d’Avaux, und Abel Servien ein Streit ausgebrochen ist, der aufgrund seiner Heftigkeit und seiner Konstanz als einzigartig unter den Gesandtschaften der am Kongress in Münster und Osnabrück teilnehmenden Staaten gesehen wird.

Die Ausführungen sollen die maßgebenden Faktoren und Rahmenbedingungen dieses Disputs erarbeiten, wobei das Hauptaugenmerk auf die unterschiedlichen politischen Konzeptionen, die persönlichen Grundvoraussetzungen der divergierenden Charaktere und die speziellen Personenkonstellationen gelegt wird. Anschließend werden einige exemplarische Streitpunkte, die im Verlauf des Konflikts von dessen Beginn in Den Haag bis zu seinem Ende mit der Abberufung d’Avaux’ aufgetreten sind, erörtert. Zudem soll geklärt werden, inwieweit sich die innerfranzösischen Verhältnisse am Vorabend der Fronde und die unterschiedlichen Beziehungen der Botschafter zum regierenden Minister Mazarin auf die Atmosphäre der Gesandtschaft auswirkten.

Als Einführung in die Thematik werden ein kurzer Überblick über den aktuellen Forschungsstand sowie ein Abriss über die machtstrukturellen Gegebenheiten Frankreichs und über das Botschafterwesen in der Mitte des 17. Jahrhunderts gegeben.

1.2 Aktueller Forschungsstand

Die französische Diplomatie während der Verhandlungen zum Westfälischen Frieden wurde bisher in den meisten Arbeiten mit der Person Jules Mazarins identifiziert,[1] sodass die Dissertation Anuschka Tischers zum Thema "Französische Diplomatie und Diplomaten auf dem Westfälischen Friedenskongress ‑ Außenpolitik unter Richelieu und Mazarin" im Jahre 1999 den aktuellen Forschungsstand zu den Persönlichkeiten der französischen Gesandtschaft deutlich angehoben hat. Bevor Paul Sonnino seine Abhandlung über die Person d’Avaux 2002 veröffentlichte,[2] stand bisher dessen Gesandtschaftskollege und Kontrahent Servien im Blickpunkt der Historiker. Das mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass der Friedensvertrag ohne d’Avaux und nur durch Servien unterzeichnet worden und die Quellenlage für letzteren aufgrund der regen Korrespondenz zwischen Servien und Mazarin umfangreicher ist.[3] Henri II. d’Orléans, Duc de Longueville, erfuhr meist nur am Rande seiner schillernden Ehefrau Anne-Geneviève und seines Schwagers des Grande Condé, die Aufmerksamkeit der Historiker, so z.B. in der Erörterung Paul Guillaumes.[4] Die aktuellste Arbeit über die französische Gesandtschaft und ihre Akteure bei den Westfälischen Friedensverhandlungen stellt die Veröffentlichung Lucien Bélys von 2007 dar.[5]

1.3 Machtverhältnisse in Frankreich um 1643

Der Beginn der Westfälischen Friedensverhandlungen fiel für Frankreich in eine Zeit politischer Turbulenzen. Kardinal Richelieu, der seit 1624 das politische Geschehen an der Seite Ludwig XIII. dominierte, verstarb am 4. Dezember 1642. Der Dauphin war noch keine fünf Jahre alt, als sein Vater schon ein halbes Jahr später verschied. Ob der Minderjährigkeit seines Sohnes, regelte er mit seinem letzten Willen die Nachfolge. Demnach sollten seine Gattin Anna von Österreich, Schwester des spanischen Königs, und ein Regentschaftsrat bestehend aus dem Bruder des Königs, Gaston d’Orléans, Kardinal Mazarin, dem Prince de Condé sowie einigen Staatssekretären, die Regierung leiten. Allerdings ließ die Königin das Testament Ludwigs XIII. vom Parlement in Paris, dem obersten Gerichtshof, annullieren.

Es folgte rasch ein Machtwechsel in der Führungsriege: Bouthillier wurde als surintendant des finances von d’Avaux und Bailleul abgelöst, sein Sohn Léon de Chavigny musste den Posten des Außenministers an Brienne abtreten. Indem Mazarin sich die Gunst der Königin versichern konnte, blieb er entgegen vielerlei Erwartungen zwar Premierminister,[6] sah sich aber mit einer starken Opposition konfrontiert. Im September 1643 konspirierten mehrere aus dem von Richelieu erzwungenem Exil zurückgekehrte Angehörige des Hochadels gegen ihn in der cabale des importants, die jedoch scheiterte.[7] Daneben stand die Versammlung des Hohen Rates, dem conseil d’en Haut, welcher die Gewalt Mazarins über die politische Administration einschränkte.[8] Einige Mitglieder, wie d’Orléans und Condé, machten aus ihrer Ablehnung gegen den Kardinal keinen Hehl. Sie sahen in ihm eine ihre Privilegien beschneidende Gefahr, besonders im Hinblick auf das von Mazarin und Richelieu geschaffene Intendantensystem. Dieses ermöglichte dem König und seinem Minister die adligen Gouverneure in den Provinzen zu umgehen, indem wichtige Intendantenpositionen mit Kreaturen des Kardinals besetzt wurden. Einer von ihnen war der spätere Gesandte Abel Servien.[9]

1.4 Das Botschafterwesen in der Mitte des 17. Jahrhunderts

Das Botschafterwesen war in Frankreich, wie in den meisten europäischen Staaten, nur rudimentär entwickelt. So galt es zu Beginn der Westfälischen Friedensverhandlungen noch als unüblich einen ständigen Vertreter des Staates im Ausland zu unterhalten. Auch gab es keine vorgeschriebene Laufbahn, um den Titel des ambassadeurs zu erlangen. Vielmehr galt seit dem Mittelalter eine Position im conseil du roi oder im Parlement als ausreichende Qualifikation für diese Aufgabe. Eine langjährige Diplomatenkarriere, auf die z. B. d’Avaux zurückblicken konnte, war eher eine Seltenheit. Grundvoraussetzung eines potentiellen Gesandten des Königreiches war jedoch die Zugehörigkeit zum Klerus oder dem Adel. Letztere konnten sowohl aus der noblesse de robe als auch der noblesse d’epée stammen. Dieses Faktum stellte beim Friedenkongress in Münster und Osnabrück eine Besonderheit dar, bestanden die Gesandtschaften der übrigen Teilnehmer doch zu einem großen Teil aus meist juristisch gebildeten Mitgliedern des Bürgertums.

Einem ambassadeur wurden Kompetenzen zugesprochen, die ähnlich lautenden Tätigkeiten, wie die eines "Bevollmächtigten", nicht zustanden. Er galt im Ausland als Vertreter des Staatsoberhauptes, sodass ihm der gebührende Rang und das Zeremoniell einer solchen Stellung zustanden. Der Aufgabenbereich eines offiziellen Gesandten war in der vom Souverän ausgefertigten Instruktion festgelegt, die im Allgemeinen die außenpolitischen Vorgaben widerspiegelte. Er reichte von bloßer Repräsentation bis zur umfassenden Friedensverhandlung.[10] Die Instruktionen für die französische Legation waren relativ allgemein gehalten, sodass die Botschafter mehr Handlungsspielraum hatten und alle Möglichkeiten des strategischen Rahmens ausschöpfen konnten.[11]

2 Die Französische Gesandtschaft beim Friedenskongress

2.1 Die Botschafter

2.1.1 Claude de Mesmes, comte d’Avaux (1595-1650)

Einer der ersten, die den Auftrag erhielten Frankreich beim Westfälischen Friedenskongress zu vertreten, war der aus einer wohlhabenden Familie stammende Graf d’Avaux, über den Ludwig XIII. einmal gesagt haben soll, dass er "le plus grand ambassdeur que j’aie"[12] sei. Er begann seine diplomatische Karriere 1627 und galt als Vertrauter des Beichtvaters Richelieus, Père Joseph.[13] Bei seiner Wahl zum Botschafter 1643 verfügte d’Avaux hinsichtlich der politischen Verhältnisse des Deutschen Reichs, wo er seit 1637 weilte, bereits über einen reichen Erfahrungsschatz. Zusätzlich war er schon in den Kongress betreffende Verhandlungen involviert gewesen; so hatte er sich 1639 mit dem damaligen französischen Außenminister le Bouthillier über das Für und Wider einer Neutralität der Reichsstände auseinandergesetzt und für Frankreich die Konzeption des Präliminarvertrags in Hamburg mitbestimmt.[14] Dass sich sogar sein Kontrahent Servien zu Beginn ihrer Zusammenarbeit bemühte von d’Avaux’ Kompetenzen zu profitieren und sich durch ihn Kenntnisse "cette science mystérieuse"[15] anzueignen ‑ nach eigener Darstellung vergeblich ‑ unterstreicht die öffentliche Anerkennung von d’Avaux’ Kompetenzen.

Die Wahl d’Avaux wurde sowohl vom Parlement, in dem sein Bruder Vorsitzender gewesen war, als auch durch Mazarin unterstützt.[16] Es ist jedoch umstritten, ob letzterer allein wegen seiner umfangreichen Reichskenntnisse und seiner Erfahrung als Botschafter für d’Avaux plädierte oder ob daneben noch andere Gründe ins Gewicht fielen. So kann man nämlich durchaus annehmen, dass Mazarin ihn aus der Nähe des Hofes und somit der Macht entfernen wollte,[17] da d’Avaux im conseil d’en haut saß und den Posten des surintendant des finances inne hatte. Dieser galt als einflussreichste Position in Frankreichs Administration nach der des Premierministers,[18] sodass d’Avaux eine direkte Gefahr für Mazarins eigenen Machtanspruch darstellen konnte. Nichtsdestotrotz hatte Mazarin zu Beginn der Friedensverhandlungen eine hohe Meinung von dem Grafen.[19] Diese Einstellung d’Avaux gegenüber sollte sich aber nicht zuletzt aufgrund der konstant anhaltenden Streitigkeiten mit Servien rasch verschlechtern.

2.1.2 Abel Servien, comte de la Roche des Aubiers (1593-1659)

Anders als d’Avaux war Abel Servien nur zweite Wahl für den Posten als Unterhändler der französischen Gesandtschaft in Münster. Ursprünglich sollte der ehemalige Außenminister Chavigny an der Seite d’Avaux’ die Vertretung Frankreichs übernehmen, doch verzögerte er aus nicht ganz bekannten Gründen die Abfahrt nach Den Haag mehrmals und man beschloss, Servien an seiner statt zu entsenden.[20]

Der Aufstieg Serviens begann als Intendant und Günstling Richelieus. Unter ihm wurde der aus einer zwar angesehenen, aber eher mit bescheidenen Mitteln ausgestatteten Familie stammende Servien zum secrétreraire d’Etat à la guerre.[21] Allerdings wurde er wahrscheinlich aufgrund von Unstimmigkeiten zwischen ihm und Bullion 1636 geschasst und von Richelieu fallen gelassen.[22] Sein Neffe Lionne, der Servien als Ziehvater betrachtete und für den er bereits als Sekretär gearbeitet hatte, half ihm unter Mazarin aus der politischen Bedeutungslosigkeit zurückzukehren.[23] Beide bezeichneten sich als Kreaturen Mazarins und unterstützten seinen politischen Kurs als dessen administrative Klienten im vollen Maße.[24] Sie unterhielten während der Friedensverhandlungen eine rege Geheimkorrespondenz, in welcher Lionne seinem Onkel die Pläne Mazarins sowie dessen Einstellung zu konkreten Fragen und Sachverhalten darlegen und ihm dazu Ratschläge und Verhaltensweisungen bezüglich seines Disputs mit d’Avaux geben konnte.[25]

Die persönlichen Voraussetzungen Serviens und d’Avaux’ unterschieden sich also maßgeblich voneinander: Servien hatte als einziger der drei Gesandten keinen Sitz im conseil d’en haut inne und verfügte auch über kein Klientelsystem in der diplomatischen Administration, wie seine beiden Kollegen.[26] Zudem war er nicht besonders wohlhabend und fühlte sich des Öfteren durch d’Avaux kompromittiert, der nicht nur einen Großteil der anfallenden Kosten selbst bezahlte, sondern auch in der großzügigen Lage war, Geld an andere Botschafter zu verleihen.[27] Laut der Aufstellung Franz Bosbachs legte Servien am Ende der Friedensverhandlungen eine höhere Spesenabrechnung vor als sein Kollege d’Avaux,[28] ein Umstand der nicht nur auf die längere Gesandtschaftszeit Serviens zurückzuführen ist, sondern auch auf die bessere finanzielle Situation d’Avaux’. Als zusätzliche Unterstützung versicherte Mazarin Servien sogar, ihm über Lionne als Ersatz für das Gehalt, welches d’Avaux als surintendant erhielt, Bezüge zukommen zu lassen, von denen nur die drei sowie die Königin wissen sollten.[29] Dieses Faktum unterstreicht dazu die enge Beziehung zwischen Mazarin und Servien, die zwischen dem Kardinal und d’Avaux so nicht gegeben war.

Nun waren die Herkünfte und Lebensumstände von d’Avaux und Servien zwar sehr unterschiedlich, doch erklären sie nicht allein wieso zwischen ihnen ein Streit ausbrach, der sehr schnell den Charakter einer Fehde annehmen sollte. Um dieser Frage weiter auf den Grund zu gehen, ist es nötig sich die Person Longuevilles und das Verhältnis zwischen ihm und den anderen beiden Botschaftern näher anzuschauen, bevor ein Blick auf die politischen Einstellungen der Kontrahenten geworfen werden soll.

[...]


[1] Tischer, A. (1999) S. 7.

[2] Sonnino, P. (2002) S. 192-203.

[3] Tischer, A. (1999) S. 6-8.

[4] Guillaume, P. (1961) S. 1-22.

[5] Bély, L. (2007)

[6] Sonnino, P. (1998) S. 218.

[7] APW II, B, 1 S. XXV und Bonney, R. (1978) S. 293.

[8] Sonnino, P. (1998) S. 219.

[9] Tischer, A. (2005) S. 180-181.

[10] Tischer, A. (1999) S. 56; 62-66; 76; 91 und Autrand, F. (1989) Sp. 1374.

[11] Croxton, D. (1996) S. 261; 269.

[12] Bély, L. (2007) S. 229, Z. 34-35.

[13] Tischer, A. (2005) S. 183 (Fußnote).

[14] Hauer, K. (1999) S. 95-97 und Tischer, A. (1999) S. 105-110.

[15] Charvériat, E. (1888) S. 255, Z. 3.

[16] Sonnino, P. (1998) S. 219.

[17] APW II, B, 1. S. LXVII.

[18] Croxton, D. (1996) S. 19.

[19] Bély, L. (2007) S. 230.

[20] APW II, B, 1 S. LXIX.

[21] Tischer, A. (1999) S. 118-122.

[22] Bonney, R. (1978) S. 15.

[23] APW II, B, 1 S. LXVIII.

[24] Tischer, A. (2005) S. 181.

[25] APW II, B, 1 S. LXXVII.

[26] APW II, B, 5,1 S. LXXX.

[27] Tischer, A. (1999) S. 141.

[28] Bosbach, F. (1984) S. 227.

[29] APW II, B, 1 Nr. 332.

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640666041
ISBN (Buch)
9783640666164
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154097
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
d'Avaux Servien Mazarin Longueville Westfälischer Frieden Dreißigjähriger Krieg Richelieu Lionne Münster Osnabrück Fronde Frankreich

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