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Henry James: Daisy Miller

Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 25 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Vevey
2.1 Die erste Begegnung
2.2 Die Gesellschaft in Vevey
2.3 Daisy Miller

3 Rom
3.1 Die Gesellschaft Roms
3.1.1 Mrs. Walker als Repräsentantin der Gesellschaft in Rom
3.2 Winterbourne
3.3 Exkurs: „Roman fever“
3.4 Die Nacht im Colosseum
3.5 Das Ende von „Daisy Miller“
3 .5.1 Daisys Tod
3.5.2 Das Ende der Erzählung

4 Fazit

5 Quellennachweis

1 Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit befaßt sich mit der Interpretation Henry James‘ des Konfliktes zwischen Einzelexistenz und Gesellschaft. Die 1878 erschienene Erzählung[1] „Daiys Miller: A Study“ von Henry James läßt sich in zwei Teile gliedern. Der erste Teil umfaßt die Ereignisse in Vevey, der zweite Teil beinhaltet die Begebenheiten in Rom. Ist die problemhaltige Situation im ersten Teil noch relativ einfach und in sich geschlossen, so wird die Problematik im zweiten Teil extrem.[2] Da mir diese Einteilung von Hildegard Domiecki schlüssig und nachvollziehbar erscheint, wird die vorliegende Seminararbeit dieser Gliederung folgen. Die Gliederung in einzelne Kapitel ist eher als Leitfaden zu betrachten; da die einzelnen Analyseergebnisse meist direkt miteinander zusammenhängen, sind sie nur schwer voneinander abzugrenzen; d.h. weitere Ergebnisse zu Daisys Charakter etwa finden sich auch in den Kapiteln, die die Gesellschaft behandeln oder das Wesen Winterbournes.

Ziel der Seminararbeit ist zu analysieren, wie die Gesellschaft dargestellt wird, wer die Gesellschaft überhaupt ausmacht, sowie darzustellen, inwieweit Daisy Miller den Vorstellungen entspricht bzw. nicht entspricht. Dazu werde ich mir wichtig erscheinende Textstellen besonders ausführlich behandeln, wie etwa die erste Begegnung zwischen Daisy und Winterbourne.

2 Vevey

Gleich zu Beginn der Erzählung in dem malerischen Ort Vevey, genaugenommen in dem Hotel „Trois Couronnes“, wird der Leser mit einem Mikrokosmos verschiedener Gesellschaftsformen konfrontiert: Da sind auf der einen Seite die fröhlichen amerikanischen Urlauber, die dafür sorgen, daß Vevey im Juni an einen amerikanischen Urlaubsort erinnert („a flitting hither and thither of ‚stylish‘ young girls“, „a rustling of muslin flounces“, „ a rattle of dance-music in the morning hours“, „a sound of high-pitched voices all the times“; S. 3). Auf der anderen Seite steht im Kontrast zu den Amerikanern die ruhige, zurückhaltende europäische Gesellschaft:

But at the “Trois Couronnes“, it must be added, there are other features that are much at variance with these suggestions: neat German waiters, who look like secretaries of legation; Russian princesses sitting in the garden; little Polish boys walking about, held by the hand, with their governors[...]. (S. 3)

Interessanterweise werden die Europäer hier als ein Volk mit ein und denselben Wesenszügen dargestellt, unabhängig von Nationalität, Alter oder gesellschaftlichem Rang. Zurückhaltung und eine gewisse „Wohlerzogenheit“ werden somit zu einem gesamteuropäischen Wesenszug.

2.1 Die erste Begegnung

Schon bei der ersten Begegnung zwischen Daisy Miller und Winterbourne, durch dessen Augen das Geschehen weitestgehend betrachtet wird, wird angedeutet, inwieweit sich diese beiden Charaktere unterscheiden: Winterbournes Vorstellung von Freiheit ist überaus bescheiden („But his aunt had a headache [...], so that he was at liberty to wander about.“; S. 4), auch wird deutlich, daß er sich an gewisse gesellschaftliche Grundregeln hält, mag eine Begegnung auch noch so ungezwungen ablaufen: Nach Randolphs Ausruf „He‘s an American man“ traut Winterbourne sich, dessen hübsche Schwester anzusprechen, denn: „It seemed to Winterbourne that he had been in a manner presented.“; (S.6). Somit ist er sich in der für ihn ungezwungen erscheinenden Atmosphäre keines gesellschaftlichen Fehlverhaltens bewußt:

In Geneva, as he had been perfectly aware, a young man was not at liberty to speak to a young unmarried lady except under certain rarely-ocurring conditions; but here at Vevey, what conditions could be better than these? – A pretty American girl coming and standing in front of you in a garden. (S. 6)

Diese Textstelle macht deutlich, daß Vevey hinsichtlich gesellschaftlicher Bräuche eine Ausnahmestellung einnimmt. Während der Unterhaltung zwischen den beiden jungen Leuten deuten sich bereits erste Probleme, die im Laufe der Erzählung immer gravierender werden, an. Daisy verhält sich ihrer Art entsprechend ungekünstelt und natürlich, Winterbourne ist bereits hier verunsichert, was er von dieser Person halten, wie er sie einordnen soll. Er sucht nach einer „ formula“, der Daisy entspricht, ein Vorhaben, das ihn in der gesamten Erzählung nicht loslassen wird. Obwohl Daisy, außer nicht peinlich berührt zu sein, sich noch nichts hat zuschulden kommen lassen, hält er sie für eine „ coquette“, obwohl - oder gerade weil? – sie ihm als „ perfectly direct “, „ unshrinking “, „ honest “ und „ fresh “ erscheint (S. 7). Hier deutet sich bereits ein Problem an: Daisy läßt sich in kein Schema pressen, und das in einer Gesellschaft, die von Formen und Kategorien lebt und in solchen denkt.[3] Er wiederum erscheint ihr nicht wie ein „echter“ Amerikaner, sondern eher wie ein Deutscher. Nach der eingangs beschriebenen Darstellung der Europäer in Vevey ist dies durchaus nachvollziehbar.[4] Ihr freimütiges Geständnis, in New York eine große Anzahl männlicher Gesellschaft genossen zu haben, bringt Winterbourne aus der Fassung und läßt ihn sich erneut fragen, wie er diese junge Dame einzuschätzen habe, oder ob der Fehler möglicherweise bei ihm läge („ He felt that he had lived at Geneva so long that he had lost a good deal; he has become dishabituated to the American tone.“; S. 10).[5] In dieser ersten Begegnung werden die Grundsteine für die nachfolgenden Probleme gelegt: die unterschiedlichen Charaktere der beiden Protagonisten, ihre unterschiedlichen Auffassungen von Freiheit, Winterbournes „Europäisierung“, seine Vorstellungen von gesellschaftlichem Wohlverhalten sowie seine Zerrissenheit, Daisy entweder zu bewundern und als ganz „normal“ zu betrachten, oder sie als „coquette“ zu verdammen. Er kommt schließlich zu dem Schluß, Daisy sei ein „ pretty American flirt “, ein Schluß, mit dem er sich zufrieden gibt („ Winterbourne was grateful for having found the formula that applied to Daisy Miller “; S. 10).

2.2 Die Gesellschaft in Vevey

Das, was im allgemeinen als „Gesellschaft“ bezeichnet wird, ist in Vevey noch sehr vage. Von den eingangs beschriebenen Unterschieden zwischen Europäern und Amerikanern einmal abgesehen, werden keinen nennenswerten gesellschaftlichen Aktivitäten näher beschrieben, auch hat Daisy die Gesellschaft bisher nicht auffinden können („ The only thing I don’t like [...] is the society. There isn’t any society; or if there is, I don’t know where it keeps itself. [...] I suppose there is some society somewhere, but I haven’t seen anything of it. I’m very fond of society[...] “; S. 9). Ein Grund für Daisys bisher erfolglose Such ist, daß in Vevey die gehobene Gesellschaft durch Winterbournes Tante, Mrs. Costello, repräsentiert wird. Daisy hat in ihren Augen bereits als gesellschaftliches Mitglied versagt, noch ehe sie sie persönlich kennenlernen konnte. In ihren Augen ist Daisys Platz auf der gesellschaftlichen Skala sehr weit unten, ein Grund für ihre resolute Ablehnung ist der vertrauliche Umgang der Familie Miller mit ihrem courier.

Auch wenn Mrs. Costello die Gesellschaft repräsentiert, so bleibt doch unklar, wodurch diese sich definiert. Nach der Einteilung in europäische und amerikanische Gesellschaft verkörpern Mrs. Costello und ihr Neffe eindeutig das gesellschaftliche Europa, gleichzeitig erhebt diese Dame indirekt aber den Anspruch, die amerikanische Gesellschaft New Yorks darzustellen; so meint sie etwa, Winterbourne hätte zu lange außerhalb Amerikas gelebt, um die dortigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten nachvollziehen zu können – wobei sie außer acht läßt, daß sie sich ebenfalls seit längerer Zeit im Ausland aufhält („ You have lived too long out of the country.“; S. 14). Winterbourne hingegen hört den Ausführungen seiner Tante nur zu gerne zu, bieten sie ihm doch die Möglichkeit, Daisy „richtig“ einzuschätzen („ Winterbourne listened with interest to these disclosures; they helped him to make up his mind about Miss Daisy“; S. 14). Mrs. Costello hingegen ist der Inbegriff gesellschaftlicher Tugenden: „ She was very quiet and comme il faut ; she wore white puffs; she spoke to no one, and she never dined at the table d’hôte . Every two days she had a headache.“; S. 16. –Eine Beschreibung, die Daisy Miller bezeichnenderweise von ihrem Stubenmädchen erfahren hat.

Im weiteren Verlauf wird auch Daisys Charakter deutlicher.

2.3 Daisy Miller

Zu Daisys auffallender Schönheit sowie ihrer offensichtlichen Ambiguität , die beiden Merkmale, die Winterbourne als erstes auffallen, gesellt sich eine überaus miserable Menschenkenntnis. In ihrer Unschuld sieht sie nur das vermeintlich Gute im Menschen, in ihrer immensen Unwissenheit und Ignoranz erkennt sie nicht, wenn sie sich in diesen Menschen täuscht. Ihrer Meinung nach ist Europa „ perfectly sweet “ (S. 9), und sie ist überzeugt, sie würde Winterbournes Tante sehr gern haben („I know just what your aunt would be; I know I should like her “; S. 16). Ihre Unwissenheit erstreckt sich nicht nur auf Menschen, sondern auf die gesamte bessere Gesellschaft : „She [Mrs. Costello] would be very exclusive; I’m dying to be exclusive myself. Well, we are exclusive, mother and I. We don’t speak to anyone –or they don’t speak to us. I suppose it’s about the same thing.“ (S. 16).[6] Gesellschaftliche Rückschläge erkennt sie nicht als solche; als sie erfährt, daß Mrs. Costello sie nicht empfangen wird, beispielsweise, nimmt sie es überaus gelassen: „Gracious! She is exclusive!“ (S. 16). Schon in diesem ersten Teil ist Daisy eine widersprüchliche Person. Ihr Verhalten Winterbourne gegenüber ist ein dauernder Wechsel zwischen dem Versuch, ihn durch Sticheleien und durch Reizen aus der Reserve zu locken einerseits, und einer unglaublichen Unschuld andererseits („ it was a wonder to Winterbourne that, with her commonness, she had a singularly delicate grace";S. 17; „ She seemed to him, in all this, an extraordinary mixture of innocence and crudity “; S. 24; ) . Daisy benimmt sich so, wie sie es für richtig hält. Wie Carol Ohmann ganz richtig bemerkt, tut Daisy, was sie will, -auch, weil sie kaum weiß, was sie sonst tun sollte.[7] Bereits in Vevey zeichnet sich ab, worin ihre Verstöße liegen: Sie ist nachts alleine außer Haus, sie pflegt, wie Mrs. Costello bereits bemerkte, einen vertraulichen, wenn nicht gar freundlichen Umgang mit ihrem Angestellten Eugenio, sie unternimmt Ausflüge mit einem jungen Mann, ohne von einer Anstandsperson begleitet zu werden. Doch da in Vevey, wie sie bemerkt, eine „Gesellschaft“ praktisch nicht vorhanden ist, bleibt ihr Verhalten verhältnismäßig unkommentiert. Dies ändert sich in Rom.

[...]


[1] James, Henry; Daisy Miller: A Study; in Tales of Henry James; S. 3

[2] Vgl. Domaniecki, Hildegard; Zum Problem literarischer Ökonomie. Henry James‘ Erzählungen zwischen Markt und Kunst, S. 175 ff. Domaniecki sieht in dieser repetierenden Spiegelung den Hintergrund, daß der Autor menschliche Probleme von mindestens zwei Seiten betrachtet

[3] Wagenknecht, Edward; The Tales of Henry James; „Admittedly such a person must remain difficult to fit into categories, especially for people who live by forms.“; S. 15

[4] Vgl. Auch Ohmann, Carol; Daisy Miller: A Study of Changing Intentions; S. 27

[5] Vgl. ebd.; S. 28

[6] Siehe auch Ohmann, Carol; Daisy Miller...; S. 29: „But Daisy’s social awareness is so primitive as scarcely to exist.“

[7] ebd., S. 26 f.: „[Daisy] does what she likes because she hardly knows what else to do.“

Details

Seiten
25
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783640669349
ISBN (Buch)
9783640669202
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154092
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Schlagworte
Henry James Daisy Miller Individuum und Gesellschaft Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft

Autor

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