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Der staatliche Charakter der Reichsritterschaft in Fran­ken im 16. Jahrhundert

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Staatlichkeit wider Willen? Die Opposition der Reichsritterschaft

2 Zu den Begrifflichkeiten

3 Staatlichkeit in Franken im 16. Jahrhundert

4 Der Staatliche Charakter der Reichsritterschaften in ihren Territorien anhand der herrschaftlichen Rechte
4.1 Aktiver Gerichtsstand
4.2 Passiver Gerichtsstand
4.3 Rechte und Privilegien

5 Die staatlichen Kompetenzen der Korporation

6 Die besonderen Bedingungen der Staatlichkeit in Franken

7 Literaturverzeichnis

1 Staatlichkeit wider Willen? Die Opposition der Reichsritterschaft

„Denn stärker, ausgeprägter als sonstwo in der Weite des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation war der fränkische Raum eine Adelslandschaft. […] Unter dem mäch­tigen und keineswegs nur formell erstarrten Überbau des Reiches geboten die Landes­herren in ihren Territorien. Sobald in diesen Territorien aber ein stärkerer adeliger Grundbesitz lag, war trotz aller absolutistischer Tendenz der Zeit der Landesherr letzlich doch noch immer an `Rat und Willen' dieses grundherrlichen Adels gebunden.“[1]

Diese Feststellung gilt in besonderem Maße für die Betrachtung der Reichsritterschaft im fränki­schen Reichskreis des 16. Jahrhunderts. Die Reichsritter gehörten zu eben jenen „Edelleuten [die] von ih­ren Burgen, Schlössern und Sitzen aus über die umliegen­den Dörfer [gebieten]“[2] und die für Hof­mann zu einem „durchaus `fragmentarischen Charak­ter'“ des Staatsaufbaus erheblich beitrugen. Mit der Einnahme einer „Zwitterstellung zwischen niederem und hohen Adel“[3] stand der Ritterstand in adeliger Opposition[4] zur Landeshoheit, die die Reichs­stände in ihren Territorien langsam durch­zusetzen versuch­ten. Reichsritter verfügten in den Gebie­ten von Fürsten, Grafen, Bischöfen und nicht zuletzt der Reichsstädte über Grundherrschaften und Gerichtsbarkeiten, Lehensrechte und Steuerhoheit und entzogen sich so den entstehenden Territorialstaaten. Trotzdem die Reichsritter insbesondere im 16. Jahrhundert über die Reichsun­mittelbarkeit und eine Vielzahl von Privilegien einen besonderen Status erreichten, waren sie eben kein Reichsstand; folglich fehlte eine Vertretung über den Reichstag und der Zugriff auf die Hoch­gerichtsbarkeit war zumindest erschwert.. Und selbst der errungene und durch verschiedene Kaiser geförderte wie gefestigte Status war Anfechtun­gen der Reichsstände aus­gesetzt.[5] Ist es also ein im Niedergang befindlicher, nicht einheitlich ge­gliederter Stand, der hier mit seiner unvollständigen Konstitution die Territorialstaaten behindert? Rüdiger Teuner verweist dar­auf, dass die Reichsritterschaft keineswegs ein lückenhaftes und des­halb zum Untergang bestimm­tes Konstrukt war. So waren die Organe der korporativ gefassten Reichsritterschaft mit einigen Kompe­tenzen ausge­stattet.[6] Die gesamtritterliche Organisation über­nahm im Laufe der Zeit immer mehr herr­schaftliche Funktionen. Ist der Ritterstand also trotz seiner Wehrhaftigkeit gegen die Me­diatisierung durch die Reichsstände angrenzender Territorien zu einer Art Staatlichkeit gelangt? Die Frage nach dem staatlichen Charakter der Reichsritterschaft führt durch die nachfolgende Arbeit. Es soll untersucht werden, inwiefern die Reichsritterschaft in Fran­ken im 16. Jahrhundert Kriterien erfüllt, anhand derer Staatlichkeit im späten Mittelalter und zu Be­ginn der Frühen Neuzeit attestiert werden kann. Hierzu werden zunächst die Begrifflichkeiten erläu­tert, die im Rahmen der Arbeit verwendet werden und bei denen es Klärungsbedarf gibt. Anschlie­ßend werden die Bedingungen vorgestellt, denen Staatlichkeit im Mittelalter folgt. Schließlich wer­den eben diese Bedinungen an der Reichsritterschaft als Korporation überprüft, sodass am Ende die­ser Arbeit Aussagen über den staatlichen Charakter getroffen werden können.

2. Zu den Begrifflichkeiten

Noch vor den weiteren Ausführungen erscheint es sinnvoll, auf die den hier verwendeten Begriff­lichkeiten zugrundeliegenden Definitionen und Darstellungen zu verweisen. Der bereits im Titel verwendete Begriff der Staatlichkeit stützt sich auf die differenziert zu betrachtende Situation in der frühen Neuzeit. Neben der schier unüberschaubaren Anzahl verschiedenster kleinräumiger Gebilde[7] wird hier zum Problem, dass sich die vormaligen personalen, an einen Landesherrn gebundenen Länder seit dem 13. Jahrhundert zu territorial geprägten Staaten transformieren[8]. Hier ist es von Be­deutung, wie diese neu entstehende Staatlichkeit bezeichnet werden soll. Die beiden Begriffe der Landesherrschaft[9] und der Landeshoheit[10], die die jeweilige höchste Gewalt im Land nach der des Kaisers beinhalten, wurden in Deutschland durchaus synonym verwendet. Aller­dings wird verschie­dentlich bewusst zwischen ihnen unterschieden[11] und darauf verwiesen, dass ein Lan­desherr mit sei­ner Herrschaftsgewalt belehnt ist[12], während die Landeshoheit, ein im 17. und 18. Jahrhundert ein­gebürgerter Begriff, die nun nicht mehr direkt vom Reich abgeleiteten Regalien und Privilegien ein­schließt, die jetzt zur Quelle für dieses Herrschaftsrecht werden.[13] In der vorliegen­denden Arbeit wird Staatlichkeit deshalb mit dem Begriff der Landeshoheit beschrieben; genauer: die Teilrechte der Landeshoheit, über die die Ritterschaft als Korporation oder als Einzelstaat ver­fügt, sollen zur Klärung der Frage nach der Staatlichkeit herangezogen werden.

Noch ein weiterer Begriff bedarf der Erläuterung: Ritterschaft und Reichsritter werden hier ergän­zend verwendet und beschränken sich dabei auf den Stand der Reichsritter, wie er seit Mitte des 15. Jahr­hunderts in Einungen besteht. Auf andere Angehörige des Niederadels[14], wie freie Vasallen und Grenzfälle, die teilweise auch der Reichsritterschaft zugeordnet werden können, soll im Rahmen dieser Arbeit nur an dieser Stelle verwiesen werden. Das Verständnis der Ritterschaft stützt sich auf Volker Press, der die Entstehung der Reichsritterschaft als legale Einung an das Privileg Kaisers Sigmund von 1422 knüpft.[15] Auch die weiteren Rahmenereignisse wie der Widerstand gegen den ewigen Land­frieden oder den gemeinen Pfenning und schließlich die Ritterordnungen im 16. Jahr­hundert dienen in dieser Arbeit als Basis für die Reichsritterschaft wie sie hier verstanden und be­handelt wird.

[...]


[1] Hofmann, Hanns Hubert, Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte, Band 2: Adelige Herrschaft und souveräner Staat: Studien über Staat und Gesellschaft in Franken und Bayern im 18. und 19. Jahrhundert, München 1962, S. 47.

[2] Hofmann, Adelige Herrschaft, S. 47.

[3] Stetten, Wolfgang von, Forschungen aus Württembergisch Franken, Band 8: Die Rechtsstellung der unmittelbaren freien Reichsritterschaft, ihre Mediatisierung und ihre Stellung in den neuen Landen dargestellt am fränkischen Kanton Odenwald, o. O. 1973, S. 3.

[4] Vgl. Bauer, Christoph, Reichsritterschaft in Franken, in: Walter Ziegler u.a., Mittleres Deutschland. (Die Territorien des Reichs im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung), S.186.

[5] Vgl. Teuner, Rüdiger, Rechtshistorische Reihe, Band 18: Die fuldische Ritterschaft 1510-1656, Frankfurt am Main 1982, S. 17.

[6] Vgl. Teuner, Fuldische Ritterschaft, S. 23.

[7] Vgl. Bosl, Karl, Bayerische Geschichte, München 1979, S.164.

[8] Vgl. ebd., S. 163.

[9] Vgl. Merzbacher, F., Landesherr, Landesherrschaft, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Band 2, hg. v. Erler, Adalbert u.a, Berlin 1987, Sp. 1383-1388.

[10] Vgl. Sellert, W., Landeshoheit, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Band 2, hg. v. Erler,
Adalbert u.a, Berlin 1987, Sp. 1388-1394.

[11] Hofmann beschreibt Landeshoheit als das Ergebnis der Umbildung der personalen mittelalterlichen Landesherrschaft zu einem mehr zentralistisch verstandenen Hoheitsanspruch über ein Gebiet.

Vgl. Hofmann, Adelige Herrschaft, S. 62.

Teuner sieht die Anwendung des Begriffs der Landeshoheit hingegen als problematisch an, da insbesondere der Kaiser auch in den Hoheitsgebieten von Landesherren ja noch Rechte besaß. Zudem spricht für ihn die starke Unter­schiedlichkeit der einzelnen Reichsritter hinsichtlich der Ausprägung der Landeshoheit gegen die Be­ griffs.
Vgl. Teuner, Fuldische Ritterschaft, S. 26.

Bosl verwendet ohne weitere Erklärungen den Begriff der Landeshoheit.

Vgl. Bosl, Bayerische Geschichte, S. 161ff.

[12] Vgl. Merzbacher, Landhesherr, Landesherrschaft, Sp. 1385.

[13] Vgl. Sellert, Landeshoheit, Sp. 1389.

[14] Vgl. Ulrichs, Cord, Vierteljahresschift für Wirtschafts- und Sozialgeschichte / Beihefte, Nr 134: Vom Lehnhof zur Reichsritterschaft. Strukturen des fränkischen Niederadels am Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit, Stuttgart 1997, S. 12.

[15] Vgl. Press, Volker, Reichsritterschaft, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Band 4, hg. v. Erler, Adalbert u.a, Berlin 1990, Sp. 743-748.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640664795
ISBN (Buch)
9783640664405
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v154024
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Professur für Landesgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Reichsritter Ritter Landesgeschichte Franken Bayern 16. Jahrhundert Territorium Landesherrschaft Staat Landeshoheit

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