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Ein Jahrzehnt - 2 Perspektiven: Kultur- und Literaturwissenschaftlicher Vergleich zwischen Almodóvar und Haynes

"Laberinto de pasiones" / "Velvet Goldmine" - Theatralik, Imitation und Authentizität anhand von Bühnenszenen - Camp und Trauma

Wissenschaftlicher Aufsatz 2009 24 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Hauptteil – Kontextklärung
2.1 Theatralik, Imitation und Authentzität
2.2 Die 70er und die früher 80er
2.3 Camp, Kitsch und Movida madrileña
2.4 Zusammenhang: Laberinto de pasiones und Velvet Goldmine

3 Die Bühne und ihre Funktion als Metaebene und Umkehrungsprozess? – Rollen?
3.1 Bühnen als „Cameo“
3.2 Velvet Goldmine und Bühnen
3.3 Camp,Trauma und Ästhetizismus?
3.4 Die Bühne und ihre Funktion(en)
3.5 Verhalten, Rollen und die „Wahrheit als Maskierung“
3.6 Die Bühne als Plattform der Wahrheit ? - These

4 Schlussteil
4.1 Zusammenfassung
4.2 Literaturverzeichnis/Anmerkungen

1 Einleitung

„Ja ich mach dir nachher mit dem (Sig)Mund Freud.“

Einen Almodóvar-Film ohne Bühnen, mächtig Selbstironie und »muchas extravagancia«? Das kann man sich wohl kaum vorstellen! Oder? Aber nicht nur die Bühne scheint ein zentrales Motiv zu sein, vor allem das „Ein-»Mann«-Theater“, wie z.B. in La mala educatión und dem Gesetzt der Begierde, aber auch als authentisch erscheinendes „Spontan-Stück“ in Todo sobre mit Madre. So gesehen spielt die Bühne, in allen Variationsmöglichkeiten - also mal als Konzert, mal als Theater oder als „Offenbarungsakt“- eine wichtige Rolle in Almodóvars Filmen. Genau wie seine Schauspieler und Figuren, die nicht nur die gängigen Rollen spielen; sondern durch die Bühneninstanz, Rollen innerhalb Rollen spielen: Aber ist es nicht gerade dadurch möglich mit Umkehrungsprozessen zu arbeiten? Ist es dann nicht möglich durch die Rolle innerhalb der Rolle, die Wahrheit zu offenbaren – das authentische Ich – und sie als Rolle; bloße Maskierung, „erscheinen“ zu lassen. Und wie sieht es bei Haynes mit selbst inszenierten Ermordungen vor Publikum aus? Wie viel Authentizität ist auf Bühnen überhaupt möglich, wenn sie nicht bloß sogar „augenzeugenfreundlich“ für Illusionen ist? Wie hängt da Theatralik mit Authentizität zusammen und was hat dies alles mit dem Ästhetizismus zu tun? Geht es ausschließlich um sinnlichen Hedonismus? Oder wird Authentizität bloß imitiert?

Mit dieser Hauptthese möchte ich kultur- und literaturwissenschaftlich an zwei ganz verschiedene Filme – und irgendwie doch wieder ganz miteinander verwandte – herangehen.

Wird diese Möglichkeit in den Filmen bewusst wahrgenommen und damit gespielt? Oder ist es doch die Steigerung der Verfälschung, durch weiteres „in Rollen schlüpfen“?

Schließlich gelten beide Individualitäts-Bewegungen, die in den Filmen thematisiert werden, als Aufatmen aus dem vorherigen Korsett der Verstellung des „Schamverhaltens“. Und wie läuft dies auf der intersubjektiven Ebene ab?

Aus zwei verschiedenen Perspektiven und in zwei verschiedenen und wahrscheinlich von einander unabhängigen Handlungsorten: England und Spanien, werden parallel „Befreiungsakte“ der Jugendkultur durchleuchtet: „Camp“ trifft hier also auf „Glamrock“. Beides wohl vereint durch „Kitsch“. Mich interessiert die Rolle, als auch die Rolle der Bühne und dessen Funktion, innerhalb der beiden Kontexte, genau wie dessen Zusammenhänge und markanten Unterschiede. Desweiteren wird sich dadurch, zwar nebensächlich; aber dennoch Unumgänglich, ein Zusammenhang zwischen dem Trauma, auf der psychologischen Ebene und dem „Kitsch“ auf visueller Ebene zeigen. Doch im Mittelpunkt sollen die Bühnen und nicht nur ihre Vermittlung von Musik, in einer Zeit des Aufbruchs, stehen. Was fest steht ist, dass die Bühne ein Ort des kulturellen Austausches ist; doch sie können noch mehr: Also Vorhang auf!

2. Hauptteil – Kontextklärung

2.1 Theatralik, Imitation und Authentizität

Unter Theatralik versteht sich laut Duden, dass übersteigerte Selbstdarstellen, in der Form des Übertreibens: Man verhält sich bewusst, als auch unbewusst - so wie „immer“, als Reaktion auf etwas bestimmtes; nur eben in verdoppelt bzw. in gesteigerter Hinsicht und Auslegung. So kann es auch als bewusste Überbetonung, im Kontrast zum Subtilen, zur besseren Verdeutlichung bzw. Vermittlung, angesehen werden. Hingegen fällt die Authentizität eher konträr, als Verhalten in Übereinstimmung mit konventionellen Auffassungen von bestimmten Reaktionen, aus. Was auch mit Originalität einher geht. Dagegen ist das imitieren oder die Imitation, ebenfalls bewusst oder unbewusst; nachahmen – die Mimesis – einer Verhaltens- oder Ausdrucksart, als (eigenes) Verhalten. Es ist eine Übernahme semantischer Ereignisse als Reaktionen und Expression.

Alles drei sind Verhaltens und Kommunikationsmodelle, welche mehr oder weniger in Zusammenhang stehen, und m. E. in einem reziproken Verhältnis als System, in den beiden Filmen, stehen. Auch intersubjektiv sind sie fassbar bzw. begreifbar.

Interessant erscheint mir das Forschungsobjekt, welchem alle drei Begriffe unterliegen: Das Verhalten. Die Begriffe stehen also immer in Relation zu einem Subjekt; dessen eigentliche Identität im verborgenen bleiben kann: der Kern – das wahre Ich. Vor allem durch die Autonomie verstärkt, wie sie von H. G. Frankfurt betont wird und sie sogar die Möglichkeit sein soll, zu Entscheiden wer man wann und wie oft sein will.

Dennoch sollen im folgenden Figuren analysiert werden, welche bewusst in „Szene“ gesetzt worden sind und nicht zufällig so sind, wie sie sind. Imitationen ist nicht immer gleich Imitation. Aber auch Authentizität kann bewusst imitiert sein. Ein verwirrendes „Spiel“, dessen nun Verklärung folgen soll.

2.2 Die 70er und die frühen 80er

Beide Filme, auf welcher Ebene auch immer, versuchen auch den Zeitgeist der Siebziger und frühen Achtziger wieder zu geben. Dies geschieht mit unterschiedlichen Fokussierungen. In Velvet Goldmine sind es vor allem die Siebziger, die aus den späteren 80ern reflektiert werden und zwar durch die Tätigkeit des Journalisten „Arthur Stuart“ (Verkörpert durch Christian Bale). Dabei stammt der Film von 1998. Der Film behandelt also die 70er, spielt aber in den 80ern. Hingegen thematisiert Laberinto des pasiones direkt das Zeitgeschehen der Siebziger. Der Film liegt allerdings durch die Entstehungszeit der frühen 80er näher am visualisierten Zeitgeschehen. Dennoch ähneln sich auch die Perspektiven und das präsentierte: Die Jugend(lichen).

Während in Velvet Goldmine die Glam-Rock-Ära rekapituliert wird, gibt Almodóvar einen direkten Einblick in die Movida madrileña (Bewegung Madrids oder die Madrider Bewegung):

„The next section examines Almodóvar´s artistic origins within the youth culture movement, the so called Movida, which emerged in Madrid, after the death of dictator Fracisco Franco.“

Wir haben es hier mit zwei Phasen der frühen Geschichte zu tun, die auf markante Weise mit „Camp“ und „Kitsch“ einhergehen, sowie von Protest und Provokation „zehren“. Zwei Umbrüche in Gesellschaft und Kultur – schonungslos und bunt.

Ein Jahrzehnt, welches oft als wild, rasant und schräg beschrieben wird und auch mit Freiheit, Identität und der Setzung eigener Werte zu tun hat, was wohl auch durch die Sexuelle Revolution beeinflusst wurde. Im Mittelpunkt stehen also die 70er; das Aufblühen des radikalen Individualismus, letztlich auch basierenden oder gründent auf dem Perspektivismus Nietzsches.

„Glam-Rock war das Produkt des letzten wirklich progressiven Jahrzehnts, welches wir im Westen gesehen haben - ein Klima großer Möglichkeiten und Offenheit -, das in wichtigen sozialen Bewegungen resultierte, in erstaunlichen Filmen und phantastischer Musik (...)“

2.3 Camp, Kitsch und Movida madrileña

„Die Camp-Erfahrungen basieren auf der großen Entdeckung, daß die Erlebnisweise der hohen Kultur keinen Alleinanspruch auf Kultur hat. Camp erklärt, das guter Geschmack nicht einfach guter Geschmack ist, ja, daß es einen guten Geschmack des schlechten Geschmacks gibt (...).“

Pepi, Luci, Bom and Dark Habits und Laberinto de pasiones von Pedro Almodóvar sind bemerkenswerte Werke, wenn es vor allem um die Visualisierung des „Camp“ geht, egal ob kulturwissenschaftlich oder kunstgeschichtlich. Camp, Kitsch und die Movida gehören fraglos zusammen. Aber was ist eigentlich Camp?

„Like pop art the camp sensibility of the time may have been morally and politically neutral, but it was not social inexpressive. While assertions of a lesbian or gay identity are dependent on an illusory unifined sense of self, the films of the underground offered, in contrast, fragments and surfaces authenticity [mixed with] theatricality – in short, a fiction of identity that questioned wether selhood was even compatible with cinema.“

Nicht selten wird wenn über Glamrock geredet wird, im selben Satz auch Kitsch-Ästhetik oder Camp erwähnt. Besonders geltend für die Campbewegung ist die übersteigerte Normalität im Verhalten; als Selbstinszenierung. Dabei wird vor allem von Jugendlichen mit Aufbruchs-Sehnsucht geredet, die auf Oberflächlichkeit und Selbstironie Wert legen. Das eigene Ich wird an Selbstironie gekoppelt und als theatralisch- ästhetisch gespieltes und geformtes nach außen hin „ausgestellt“. Selbstinszenierung wird zur Selbstausstellung. Eine subkulturelle Jugendbewegen, geboren in den 60ern, auf der Freiheit der Möglichkeit gegründet, sich selbst zu – im Kontrast der bürgerlichen Norm – inszenieren. Inszenierung die nach Außen hin, von vielen als bloßer „Kitsch“ wahrgenommen und abgestempelt wurde. Viel eher war „der schlechte Geschmack“ eine bewusste Attitüde und „Who-cares“-Einstellung. Eine wohl mit Dada verwandte Attitüde: Unmöglich Definierbar; aber durch aus „Aufführbar“.

Wie eng Camp mit Glamrock oder Movida zusammenhängt ist nicht ganz klar zu definieren. Da nicht nur die Übergänge des „schlechten Geschmacks“ wohl fließend in einander übergehen und vollkommen subjektiv sind – wie es ja auch sein soll. Feststeht, dass sich beide dem Kitsch vollkommen hingeben und als Subkultur eigene Möglichkeiten der Selbstdarstellung betonen – authentisch oder theatralisch; oder beides? Manch einer fühlte sich wohl erst theatralisch authentisch und ein anderes individuelles Subjekt eben nicht und wieder einem anderen wird dies gar nicht erst bewusst; da dies einer grundlegend anderen Frage unterliegt, nämlich der der Sozialisation und der Heteronomie durch „Vergesellschaftlichungsprozesse“; welche auch aus Autonomie selbst beschlossen werden können und auf welche hier nicht weiter eingegangen werden kann.

Aber die Künstlichkeit und auch die Kunst in jeglicher Form, spielen für Camp eine Rolle - nicht nur wegen dem Begriff bzw. der Wortverwandtschaft - in der Aufwertung von Alltäglichen, sowie der Konzentration aufs Leidenschaftliche. Aber auch die „Schwulen-Szene“ soll vom Camp beeinflusst sein. Und sogar dem Ästhetizismus um Oscar Wilde werden erste Anfänge in Richtung dieser Bewegung angedichtet, was direkt zu Velvet Goldmine überleiten könnte.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640664535
ISBN (Buch)
9783640664252
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153824
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,0
Schlagworte
Almodóvar Haynes Identität Theatralität Orginalität Authentizität Bühnen Literatur und Kultur Homosexualität Bisexualität Umkehrungsprozesse Kitsch Trauma Camp

Autor

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Titel: Ein Jahrzehnt - 2 Perspektiven: Kultur- und Literaturwissenschaftlicher Vergleich zwischen Almodóvar und Haynes