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Anwendung der Festhaltetherapie bei autistischen Kindern

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 33 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Autismus
2.1 Definition
2.2 Theorien
2.3 Erscheinungsbilder
2.4 Ursachen aus heutiger Sicht
2.5 Therapien und Fördermöglichkeiten

3 Die Festhaltetherapie
3.1 Grundlagen der Festhaltetherapie
3.1.1 Die Begründer
3.1.2 Beschreibung der Therapie
3.1.3 Ziele der Haltetherapie
3.1.4 Anwendungsgebiete
3.2 Die Bedeutung des Haltens
3.2.1 Welche Prozesse werden durch und während des Haltens ausgelöst?18
3.2.2 Die Bedeutung des Haltens für die Bindung

4 Festhalten als Therapie bei Autismus
4.1 Autismus aus festhaltetherapeutischer Sicht
4.1.1 Erscheinungsbilder
4.1.2 Ursachen
4.1.3 Festhalten als Therapiemethode

5 Bewertung der Festhaltetherapie aus pädagogischer Sicht

6 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Gesetzestexte

1 Einleitung

Die folgende Hausarbeit befasst sich mit der Festhaltetherapie als eine Behandlungsmethode bei Autismus. Die Festhaltetherapie ist unter (Sonder-) Pädagogen sehr umstritten, da sie nicht nur be­züglich ihrer Anwendung unzeitgemäß erscheint, sondern ihr auch Verstöße gegen wissenschaftli­che Erkenntnisse auf den Gebieten der Entwicklungspsychologie vorgehalten werden. Dennoch liefert eine Beschäftigung mit eben diesem Thema wichtige Einblicke in die theoretische Fundie­rung pädagogischer Praxis, deren (gesellschaftliche) Grenzen und zeigt die Notwendigkeit eines Dialoges in der Pädagogik - auch oder gerade bezüglich dieser Therapieform - auf.

Als Grundlage dieser Arbeit dienen in erster Linie das Buch von Martha G. Welch „Die haltende Umarmung“ und die beiden Bücher von Jirina Prekop „Hättest Du mich festgehalten...“ und „Der kleine Tyrann“. Zudem wird entsprechende Sekundärliteratur sowohl aus dem Bereich der (Sonder­) Pädagogik als auch der Psychologie hinzugezogen.

In einem ersten Abschnitt werden Definitionen, Theorien, Ursachen und auch Therapien bei Autis­mus aufgezeigt.

Im weiteren Verlauf wird die Festhaltetherapie in ihren Grundzügen ausführlich dargestellt. Auch die Bedeutung des Haltens und der nach Ansicht der Begründer dadurch entstehenden Bindung zwischen Mutter und Kind wird erläutert.

Anschließend wird die Festhaltetherapie als eine Behandlungsmöglichkeit bei Autismus aufgeführt und aus pädagogischer Sicht bewertet, denn aus der Bearbeitung der Texte ergibt sich die Fragestel­lung, ob die Festhaltetherapie als eine pädagogisch vertretbare Therapieform bei Autismus aner­kannt werden kann. Die Bearbeitung dieser Fragestellung bezieht sich auf die (Sonder-)Pädagogen uns Psychologen geäußerte Kritik an dieser Therapie.

Um die Fragestellung bearbeiten zu können, muss zunächst ein grundlegendes Hintergrundwissen über den Autismus bereitgestellt werden.

Die Arbeit ist rein hermeneutisch, wobei ihr die neue deutsche Rechtschreibung zugrunde liegt. Es sei darauf hingewiesen, dass Zitate aus älterer Literatur dahingehend nicht verändert werden. Zu­dem wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet.

2 Autismus

Aufbauend auf der nachfolgenden Definition von Autismus als eine umfassende Entwicklungsstö­rung, werden in den anschließenden Kapiteln Theorien über mögliche Ursachen von Autismus, des­sen Erscheinungsbilder, neuere Erkenntnisse sowie Therapien und Fördermöglichkeiten aufgezeigt. Die Festhaltetherapie, welche in Kapitel 3 näher erläutert wird, ist eine dieser Behandlungsmetho­den.

2.1 Definition

Autismus ist eine relativ komplexe Entwicklungs-, Verhaltens- und Kommunikationsstörung, die sich in gravierenden Problemen in der sozialen Interaktion und Kommunikation, beim Eingehen von Bindungen, sowie in zwanghaft wiederholten stereotypen Verhaltenweisen manifestiert (Speck 1998: 214; Atkinson/ Atkinson 2001: 687).

Bei dieser Störung wird das Denken und Handeln so „sehr durch die eigenen Überzeugungen [...] beeinflusst, dass der Sinn für die reale Außenwelt verloren geht“ (Böhm 2000: 44f.), wobei der „Rückzug auf die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt“ (Pschyrembel 1994: 142) zu einer ex­tremen Selbstisolation führt.

Laut Speck kann trotz ungeklärter Genese davon ausgegangen werden, dass es sich bei Autismus um eine Störung auf „Basis einer neuropathologischen Dysfunktion“ (Speck 1998: 214), also einer grundlegenden „Störung in der Verarbeitung von Sinneswahrnehmungen“ (Böhm 2000: 44f.) han­delt. Autistische Menschen haben in Fo]lge der Wahrnehmungsstörungen große Probleme die Um­weltreize zu verarbeiten und zu ordnen und versuchen ihr erlebtes Chaos, durch „krampfhaftes Be­harren auf der Nichtveränderung der Umwelt“ (Speck 1984: 96) zu bewältigen. Die beobachtbaren Verhaltensauffälligkeiten sind vielfältig. So meiden z.B. schwer autistische Kinder sowohl Augen- als auch Körperkontakt und neigen zum Teil zu selbstverletzendem Verhalten (ebd.). Diese Verhal­tensauffälligkeiten sind, wie auch der nicht-kommunikative Sprachgebrauch, ein Grund dafür, dass Autismus mit einer geistigen Behinderung verwechselt wird, obwohl meist eine sehr hohe Intelli­genz vorliegt (Rollet in Oerter/ Montada, 1998: 955). Doch nicht jeder Mensch, der autistische Ver­haltenweisen zeigt ist geistig behindert, da Autismus auch in Folge von Hospitalisierung, körperli­cher Erkrankung, Verwahrlosung oder Missbrauch auftreten kann (Steinhausen in Fornefeld 2002: 54; Rollet/ Kastner-Koller 2000: 4). Böhm schreibt dazu, dass der Frühkindliche Autismus „im Grunde aber von der Intelligenz unabhängig“ (Böhm 2000: 44f.), auch wenn dieser „in der Mehr­zahl der Fälle mit einer geistigen Retardierung verbunden“ (ebd.) ist.

2.2 Theorien

Bereits im Jahr 1911 definierte der schweizerische Psychiater Eugen Bleuler (1857-1939) den Beg­riff des Autismus und beschrieb diesen nicht etwa als eine eigenständige Krankheit, sondern als ein „Sekundärsyndrom der Schizophrenien“ (Bettelheim 1986: 506). Genauere Untersuchungen und detaillierte Beschreibungen dieser Art der Behinderung, wurden jedoch erst gegen Mitte des 20. Jh. von Kanner und Asperger gemacht (Dzikoswki 1993: 8).

Im Jahre 1943 entdeckte der Jugendpsychiater Leo Kanner (1895-1981) den frühkindlichen oder besser infantilen Autismus, den er als eine „Störung des emotionalen Kontaktes“ (Janetzke 1993: 8) beschrieb, und der heute auch als Kanner-Syndrom bekannt ist (Rollet/ Kastner-Koller 2000: 3). Diese Form des Autismus tritt meist bereits im späten Säuglingsalter, immer aber vor dem 3. Le­bensjahr auf und manifestiert sich unter anderem in einem Entwicklungsrückstand, in Stereotypen, einer Kontaktstörung und einer verzögerten Sprachentwicklung (Pschyrembel 1994: 142). Kanner beobachtete bei allen Betroffenen eine, seiner Meinung nach durch eine angeborene organische Hirnstörung hervorgerufene, extreme Zurückgezogenheit und Kontaktverweigerung (Rollet/ Kastner-Koller 2000: 3).

Nachdem Kanner trotz anfänglicher Vermutung keine erblichen Ursachen dafür finden konnte, hielt er es für möglich, dass Autismus auf ein distanziertes Verhalten vor allem der Mutter zurückzufüh­ren sei, welches er im Umgang mit deren Kindern beobachtete (Dzikoswki 1993: 8). Diese Hypo­these revidierte Kanner später; das beobachtete Verhalten der Eltern war nicht Ursache, sondern Reaktion auf das Verhalten ihrer Kinder (ebd.) (Siehe dazu Kapitel 2.4). Heute bezeichnet der „Kannersche Autismus“ die Gruppe der schwer beeinträchtigten Autisten (ebd.).

Etwa zur gleichen Zeit, im Jahre 1944, beobachtete der österreichische Professor für Kinderheil­kunde Hans Asperger (1905-1980) Kinder, die neben ihren Verhaltensauffälligkeiten ungewöhnlich hohe Fähigkeiten aufwiesen (Rollet/ Kastner-Koller 2000: 3). Asperger bezeichnete diese Gruppe von Kindern als „autistische Psychopathen“ (ebd.).

Da Asperger bei keinem Mädchen ein so auffälliges Erscheinungsbild der autistischen Psychopathie finden konnte, ging er von einer „Extremvariante des männlichen Charakters aus“ (Dzikoswki 1993 76). Denn seiner Meinung nach waren die ohnehin typischen männlichen Eigenschaften wie etwa die „Fähigkeit zum logischen Denken und Abstrahieren, sowie das präzise Formulieren und eigen­ständige Forschen“ (ebd.: 76) bei autistischen Jungen sehr viel stärker ausgeprägt. Asperger schlussfolgerte, „dass die Anlage für eine solche Störung von den (...) Vätern an ihre Söhne weiter­vererbt worden sein müsse“ (ebd.: 72), da er dieses Verhalten nur bei Jungen beobachten konnte. Diese Theorie der vererbten Charakterstörung führte Asperger darauf zurück, dass meist bei den Eltern oder Verwandten ebenfalls psychopathische Züge festzustellen waren (ebd.: 76). Neben der Beobachtung, dass der Vater seinen intellektuellen Beruf meist durch mehrere Generationen hin­durch vererbt hatte, sah Asperger, dass autistische Kinder überwiegend Einzelkinder und in städti­scher Umgebung zu finden waren (ebd.). Doch auch die These, dass die Extremvariante des Autis­mus ausschließlich von Vätern an ihre Söhne vererbt würde, wurde revidiert als zu erkennen war, dass Mädchen ebenfalls an Autismus erkrankten (ebd.: 72).

Heute bezeichnet das sog. Asperger-Syndrom eine Form des Autismus, die sich „meist im Schulal­ter mit schwerer Kontaktstörung manifestiert“ (Pschyrembel 1994: 126) und durch eine „weitge­hend normale Intelligenz und Sprachentwicklung gekennzeichnet“ (Rollet/ Kastner-Koller 2000: 15) ist. Die Bezeichnung Asperger-Störung benennt daher die intellektuell besser begabten Autisten (ebd.: 3).

Die beiden Bezeichnungen „Kanner-Autist“ und „Asperger-Autist“ dienten laut Dzikoswski lange Zeit dazu, die unterschiedlichen Intelligenzniveaus und die anderen familiären Umgebungen theore­tisch voneinander abgrenzen zu können (Dzikoswki 1993: 77f.). Auch wenn sie in der Praxis heute nur noch selten stattfindet, so wird diese Unterscheidung noch immer zur Klassifizierung bestimm­ter Kinder genutzt, um den Entwicklungsstand und den Intelligenzgrad eines Kindes zu bezeichnen (ebd.: 78). So auch in der Häufigkeitsverteilung: der frühkindliche Autismus tritt 3-4-mal häufiger bei Jungen als bei Mädchen auf, der Asperger sogar 8- mal (Rollet/ Kastner-Koller 2000: 4).

2.3 Erscheinungsbilder

Das Wahrnehmungs-, Denk- und Sprachvermögen scheint bei autistischen Menschen in der Regel unzureichend entwickelt zu sein. Es entsteht der Eindruck als würden sie ihre Außenwelt kaum wahrnehmen, da sie sich ihrer Umwelt ganz individuell mitteilen. Neben Kontaktverweigerung und Verhaltensstörungen gehören verschiedene Erscheinungsbilder zum Symptombild Autismus, die im Folgenden aufgezeigt werden.

Während manche Kinder bereits von Geburt an ein auffälliges Verhalten zeigen sind und als Mu­schel- oder Schreikinder bezeichnet werden (Rollet/ Kastner-Koller 2002: 24), „entgleisen“ (Tin- bergen/ Tinbergen 1984: 108) andere hingegen erst später, doch „je später ein Kind autistisch wird, desto auffallender sind natürlich die Symptome“ (ebd.).

Dennoch sei bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die im Folgenden dargestellten autis­mustypischen Merkmale nicht bei allen Betroffenen und nicht in gleichem Maße auftreten müssen (Janetzke, 1993: 10).

Wahrnehmung

Die Wahrnehmung und vor allem die selektive Wahrnehmung entwickeln sich erst im Laufe des ersten Lebensjahres (Janetzke 1993: 13f.). Die selektive Wahrnehmung hilft dabei, die (un­belebten Objekte der Umwelt voneinander unterscheiden und die Eindrücke verarbeiten zu können (ebd.). Ein autistischer Mensch hingegen verfügt nicht über den so genannten „Cafeteria-Effekt“, mit dem nicht-relevante Informationen herausgefiltert werden können (Rollet/ Kastner-Koller 2000: 8). Diese Wahrnehmungsdefizite und die resultierende grundlegende Störung in der Verarbeitung der Sinneswahrnehmungen gehen insbesondere auf Entwicklungsausfälle in den ersten Lebensmo­naten zurück (siehe dazu Kapitel 2.5). Denn dadurch, dass ein autistisches Kind die beziehungsför­derlichen und entwicklungsfördernden Kommunikations- und Beschäftigungsangebote aufgrund der Reizüberflutung erst gar nicht aufgreift, kann es die einzelnen Reizangebote aus der Umwelt nicht bewerten und nicht als Erfahrungen speichern (Janetzke 1993: 15f.). Autistische Menschen können folglich keine Wahrnehmungsschemata entwickeln, um die Informationen einzuordnen und wieder zu erkennen (Rollet/ Kastner-Koller 2000: 8). Die vielen, ungeordnet auf sie einwirkenden Informa­tionen stellen eine Überforderung des autistischen Kindes dar. Besonders betroffen sind die Fern­sinne, also die visuelle und auditive Wahrnehmung während die Nahsinne, taktile und olfaktorische Wahrnehmung, nicht beeinträchtigt sind - allerdings vermitteln diese Sinne nur einen kleinen Aus­schnitt der Wirklichkeit (ebd.: 41). Ihre Überforderung mit den auf sie einströmenden Umweltrei­zen, zeigt sich vor allem in der Unfähigkeit der Autisten angemessenen auf diese Reize zu reagie­ren. Deutlich wird dies, wenn autistische Menschen z.B. bei lauten Geräuschen nicht reagieren, häu­fig aber bei speziellen, oft leisen Tönen (Dzikowski 1993: 9). Dieses Nichtreagieren ist auch bei besonders auffälligen optischen Reizen zu beobachten, da autistische Personen eher bestimmte Rei­ze, wie Lichtreflexe, sich drehende Gegenstände, oder Spiegelungen vorziehen (vgl. ebd.). Beim Kennen lernen neuer Personen oder Gegenstände ist laut Dzikowski ein „häufiges Belecken, Betas­ten, Befühlen, Beklopfen, und Beschnüffeln“ (ebd.) zu beobachten, um diese zu erkunden. Doch zeigen autistische Menschen ganz unterschiedliche, teils ungewöhnliche Reaktionen auf Berührun­gen. Für einige ist jede Berührung aufgrund der Überempfindlichkeit ihres Tastsinns unangenehm, andere hingegen lehnen sanfte, zärtliche Berührungen ab und bevorzugen eher heftige bis schmerz­hafte Reize und neigen sogar zu selbstverletzenden Handlungen (Mühl/ Meukäter/ Schulz 1996: 43.). Des Weiteren gibt es autistische Kinder, die ein vermindertes Schmerzempfinden haben, gleichzeitig aber Freude, Trauer oder Wut sehr intensiv spüren (Janetzke 1993: 21). Dzikowski be­schreibt, dass bei bestimmten Sinneseindrücken unverständliche Reaktionen zu beobachten sind, so halten sie sich bei hellem Licht die Ohren zu (Dzikowski 1993: 10).

Sprache und Kommunikation

Viele autistische Menschen verfügen über keine aktive Sprache und/oder kein Sprachverständnis. So gebrauchen sie Sprache oder Lautäußerungen in nicht kommunikativer Weise (Dzikowski 1993: 10). Speck zufolge ist Autismus eine besonders auffallende Kommunikationsstörung, aufgrund de­rer autistische Kinder „keinen oder keinen adäquaten Zugang zur Realität finden und an der Kom­munikation mit anderen [...] nicht interessiert [sind], bzw. blockiert scheinen“ (Speck 1998: 84). Autistische Menschen können oder wollen Sprache nicht als Kommunikationsmittel verwenden, oft auch dann nicht, wenn sie sprechen können, so dass das Sprechen durch das Aneinanderreihen von Wörtern oder Sätzen eher ziellos erscheint (ebd.). Die Kommunikationsstörung weitet sich auch auf das Verständnis von verbaler und non verbaler Sprache aus, wie etwa Gesten und Mimik, so dass Speck davon ausgeht, dass dem Autismus „eine elementare endogene komplexe Wahrnehmungsstö­rung zu Grunde liegt“ (ebd.: 85), durch die der autistische Mensch den Kommunikationspartner nicht als solchen wahrnimmt.

Die Entwicklung der Lautsprache ist bei autistischen Kindern ohnehin ein langwieriger Prozess und erfolgt zunächst über eine lange Phase der Echolalie, dem echohaften Wiederholen von meist Ein­Wort-Äußerungen, wobei manche der betroffenen Personen über diese Phase nicht hinaus kommen (Janetzke 1993: 19). Ebenso werden im Kindesalter die Pronomina oft vertauscht (pronominale Umkehr), so dass autistische Kinder von Anderen als ich und von sich selbst als du oder in der drit­ten Person sprechen (ebd.: 19f.). Probleme treten auch bei der Semantik der Sprache, in Form von Wortneuschöpfungen oder Wortverdrehung auf, wobei die ausgeprägteste Beeinträchtigung in der Pragmatik liegt (Speck 1998: 84). So haben autistische Menschen Schwierigkeiten, innerhalb einer Kommunikation über das Gesagte hinaus die genaue Wortbedeutung zu verstehen, wie z.B. Witz und Ironie (Dzikowski 1993: 10). Bei einem aktiven Sprachgebrauch ihrerseits sind vor allem eine fehlerhafte Grammatik, das Fehlen von Sprechen unterstützender oder begleitender Mimik und Ges­tik vorzufinden, wobei auch ihre Stimme stets eintönig ist (fehlende Prosodie) (vgl. ebd.). Letztend­lich scheint es, als haben autistische Menschen kaum ein Mitteilungsbedürfnis, doch wenn ein wahrnehmungsgestörtes Kind keine Möglichkeit hat, seinen Gedanken, Bedürfnissen und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, dann wird es die Sprache durch Gefühlsausbrüche oder destruktive Hand­lungen ersetzen, wie im anschließenden Textabschnitt deutlich wird (Janetzke 1993: 21).

Repetitive und stereotype Verhaltensmuster als Bewältigungsstrategien

Laut Jantzen versucht jeder Mensch „in seinen jeweiligen Lebensbedingungen eine Kontrolle der Realität zu erreichen und einen subjektiven Sinn zu erhalten“ (Jantzen zit. in Mühl/ Neukä- ter/Schulz 1996: 42). So sind seiner Meinung nach die Signale eines Säuglings als Spiegelbild sei­nes Bedürfnisses nach „Herstellung von Sicherheit und Angstfreiheit“ (ebd.) zu betrachten. Doch da ein autistisches Kind die Sicherheit und die Geborgenheit der Mutter aufgrund seiner Wahrneh­mungsstörung nicht spüren kann oder wegen dem von ihm gezeigten Abwehrverhalten nicht erhält, fühlt es sich nicht geschützt. Daher verschafft sich das Kind selbst ein Gefühl von Sicherheit, indem es sich an kontrollierbare Gegenstände bindet, zwanghaft bestimmte Lautstereotypen, Bewegungen oder Handlungen wiederholt, wie z.B. das An- und Ausschalten des Lichtes oder die Hände und Finger unmittelbar vor den Augen bewegen (Janetzke 1993: 22). Auch sind autistische Menschen zwanghaft darum bemüht eine bestimmte Ordnung, wie z.B. einen ritualisierten Tagesablauf auf­recht zu erhalten. Tinbergen/ Tinbergen schreiben dazu, wie bedeutsam ein gleichbleibender Tages­ablauf für einen autistischen Menschen ist und welche Aufregung und Unsicherheit eine Verände­rung ihrer Umwelt, wie z.B. umgestellte Möbel oder ein anderer Schul- oder Arbeitsweg verursa­chen kann (Tinbergen/ Tinbergen 1984: 25). Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass viele au­tistische Menschen über eine sehr intensive Wahrnehmung verfügen (s.o.) und daher auch Details, also auch die kleinsten Veränderungen bemerken.

Ihre stereotypen Körperbewegungen oder das Bewegen von Gegenständen, sind besonders bei Un­ruhe, Erregung, Verunsicherung oder Schwierigkeiten zu beobachten (ebd.). Diese Gleichförmig­keit ist nicht nur in (Körper-) Bewegungen, sondern auch im Spiel zu erkennen: monotone und wie­derholende Spielformen, wie das unablässige Drehen der Räder an einem Spielzeugauto oder das Sortieren von Spielzeug nach Größe und Farbe (Dzikowski 1993: 10f.).

Beeinträchtigung in der sozialen Interaktion

Speck und Mühl/ Neukäter/ Schulz gehen davon aus, dass autistische Kinder aufgrund von „onto- genetisch früh auftretenden Wahrnehmungsstörungen [..] komplexe soziale Beziehungen nicht an­gemessen wahrnehmen“ (Mühl/ Neukäter/ Schulz 1996: 43) und somit auch nicht eingehen können (Speck 1996: 214). Daraus ergibt sich eine qualitative Beeinträchtigung in der sozialen Interaktion, die sich manchmal bereits in den ersten Lebensmonaten zeigt. Zum einen wird die Interaktion zwi­schen Mutter und Kind dadurch erschwert, dass das autistische Kind kurz nach der Geburt extrem passiv ist oder langsam reagiert (Muschelkinder) oder das Kind sehr schwer zufrieden zu stellen ist (Schreikinder) (Rollet in Oerter/ Montada 1998: 956). Auf der anderen Seite ist auch eine fehlende Kontaktaufnahme von dem Kind zur Mutter zu beobachten, so dass viele Kinder mit frühkindli­chem Autismus der Mutter die Arme nicht entgegen strecken, um hochgehoben zu werden oder das Lächeln der Mutter nicht erwidern (Soziales Lächeln) oder keinen angemessenen Blickkontakt auf­nehmen (Rollet/ Kastner-Koller 2002: 27).

Daraus ergeben sich große Schwierigkeiten in den späteren Beziehungen zur sozialen und materia­len Umwelt. Zum einen weisen autistische Kinder häufig eine extreme Verschlossenheit, einen ü­bersteigerten Egoismus und ein Insichgekehrtsein auf, richten selten ihre Aufmerksamkeit auf ande- re, indem sie diese beobachten oder anschauen. Bei einigen autistischen Kindern lässt der Blick ins Leere darauf schließen, dass das Bedürfnis, emotionale und soziale Kontakte zu anderen Menschen aufzunehmen, völlig oder weitgehend fehlt. Doch das Bedürfnis nach Körperkontakt und Interakti­onen ist individuell ganz unterschiedlich ausgeprägt. So nehmen manche autistische Menschen mit völlig fremden Menschen direkten und teils unangemessenen Kontakt auf, andere sind unfähig selbstständig Kontakt zu anderen Personen aufzunehmen oder weichen Personen aus, um den Blick- und/oder Körperkontakt zu vermeiden (Dzikowski 1993: 10). Tinbergen/ Tinbergen sprechen an dieser Stelle von einem „Annäherungs- und Vermeidungsverhalten“ (Tinbergen/ Tinbergen 1984: 35ff.) (siehe Kapitel 4).

Auch bei der dinglich materiellen Umwelt ist ein ähnliches Verhalten zu beobachten, da sie ihre Aufmerksamkeit häufig auf eine bestimmte Art von Gegenständen, wie Wasserhähne, Türklinken, Fugen zwischen Steinplatten oder kariertes Papier richten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das autistische Krankheitsbild in unterschiedlichen Formen und Erscheinungsweisen manifestiert und zu unterschiedlichen Beeinträchtigungen führt, wobei diese wiederum auf verschiedene Ursachen zurückgeführt werden können, wie im nächsten Abschnitt verdeutlicht wird.

2.4 Ursachen aus heutiger Sicht

Heute wird davon ausgegangen, dass an der Entstehung einer autistischen Störung verschiedene Ursachen beteiligt sind, so dass Janetzke von einer sog. „Multikausalität“ (Janetzke 1993: 37) spricht. Doch lange Zeit wurden die Theorien über den frühkindlichen Autismus durch die Annah­me bestimmt, dass die Mutter verantwortlich für die „Unfähigkeit ihres Kindes [sei], tragfähige Beziehungen aufzubauen“ (Dzikowski 1993: 5) und sich aktiv am Familienleben und an Gescheh­nissen der sozialen Umwelt zu beteiligen (ebd.). Eine gefühls- und zuwendungsarme Mutter-Kind­Beziehung sowie traumatische Erlebnisse des Kindes sind als Ursachen diskutiert worden, wie z.B. dass die Mutter durch Zurückstoßen des Säuglings oder durch Vernachlässigung, dem Kind die Ent­faltung einer normalen Persönlichkeit und Ich-Entwicklung verwehrt (ebd.). Doch die bis in 1960 er Jahre vertretene These, dass Autismus aufgrund der emotionalen Kälte der Mutter, durch lieblose Erziehung, mangelnde Zuwendung oder psychische Traumata entstehe, gilt heute als widerlegt (sie­he dazu Kapitel 2.2). Denn es stellte sich heraus, dass es vernachlässigte Kinder gab, die keine au­tistischen Züge aufwiesen und gleichzeitig wurden zunehmend organische Beeinträchtigungen bei Autisten entdeckt (ebd.). Daher wird heute davon ausgegangen, dass Autismus auch auf genetische Ursachen zurückgeführt werden kann.

Doch auch hier gibt es eine Vielzahl verschiedener Erkenntnisse und Annahmen, die sich laut Dzi- kowski zu folgenden Gruppen zusammenfassen lassen (ebd.: 6).

- chemische und biochemische Faktoren
- genetische Faktoren
- (Hirn-) organische Schädigungen
- psychologische und psychoanalytische Ursachen
- Informations- und Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen

Im Folgenden werden diese Gruppen zusammengefasst in einer Tabelle dargestellt, um einen gro­ben Überblick über die verschiedenen Theorien zur Ursachenerklärung zu bieten.

Theorien zur Ursachenklärung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: eigene Darstellung nach Dzikowski 1993; Janetzke 1993; Rollet/ Kastner-Koller 2002; Rollet in Oerter/ Montada 1998

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Details

Seiten
33
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640660438
ISBN (Buch)
9783640660827
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153783
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Autismus Festhalten Therapie Jirina Prekop Marta Welch

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Titel: Anwendung der Festhaltetherapie bei autistischen Kindern