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Wohlfahrtsstaatsregime und Sozialkapital

Seminararbeit 2008 24 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wohlfahrtsstaatsregime

3. Der Wohlfahrtsstaat als institutionelles Arrangement

4. Dimensionen von Sozialkapital: Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Kontext des Wohlfahrtsstaates

5. Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Zusammenhang mit Gleichheit
5.1 Normen der Reziprozität in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen
5.2 Soziales Vertrauen in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen

6. Empirische Befunde

7. Schluss

Literatur

Anhang I: Die abhängigen und unabhängigen Variablen für die Länder im Vergleich
Anhang II: Mittelwerte für soziales Vertrauen in den Wohlfahrtsstaatsregimen
Anhang III: Mittelwertvergleich (t-Test) für soziales Vertrauen zwischen dem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaatsregime und dem liberalen/korporatistischen Wohlfahrtsstaatsregime (eine Ausprägung)
Anhang IV: Korrelationen zwischen Einkommensungleichheit und ethnischer Heterogenität mit jeweils Sozialem Vertrauen und Normen der Reziprozität
Anhang V: H-Test nach Kruskal und Wallis: Zusammenhang zwischen Wohlfahrtsstaatsregimen (Gruppenvariable) und Einkommensungleichheit (a=0,05)
Anhang VI: Ergebnisse der multivariaten Regression: Effekte der Variablen ethnische Heterogenität, Wohlfahrtsstaatsregime (dichotomisiert) und Einkommensungleichheit auf Soziales Vertrauen
Anhang VII: Ergebnisse der Multivariaten Regression: Effekte der Variablen ethnische Heterogenität, Wohlfahrtsstaatsregime (dichotomisiert) und Einkommensgleichheit auf Normen der Reziprozität

Abstract

Anhand der Gruppierung von Staaten in Wohlfahrtsstaatstypen wird der Frage nachgegangen, ob Konfigurationen des Wohlfahrtsstaates die Ausstattung an sozialem Kapital in einem Land erklären können. Zwei Dimensionen sozialen Kapitals, „soziales Vertrauen“ und „Normen der Reziprozität“, werden dabei jeweils als abhängige Variable betrachtet. Zentrale Kategorie zur Erklärung der beiden Dimensionen bildet die wahrgenommene Nähe, Gleichheit der Menschen zu- bzw. untereinander. Es wird unterstellt, dass der Typ wohlfahrtsstaatlicher Institutionen die wahrgenommene Gleichheit der Menschen in einem Land beeinflusst. Darüber hinaus werden zwei weitere, konkurrierende Erklärungsfaktoren betrachtet, von denen angenommen wird, dass sie ebenfalls einen Einfluss auf die wahrgenommene Nähe der Menschen und somit auf die beiden betrachteten Dimensionen sozialen Kapitals haben: Die Einkommensungleichheit sowie die ethnische Heterogenität als ökonomische bzw. soziokulturelle Merkmale eines Landes. In der zugrunde gelegten Modellierung hat der Faktor Wohlfahrtsstaatstyp als einziger einen Effekt auf soziales Vertrauen. Hinsichtlich Normen der Reziprozität lässt sich für keinen der drei betrachteten Faktoren, Einkommensungleichheit, ethnische Heterogenität und Wohlfahrtsstaatstyp, ein Effekt feststellen.

1. Einleitung

Sozialem Kapital wird nachgesagt, es mache uns „smarter, healthier, safer, richer, and better able to govern a just and stable democracy“ (Putnam 2000, 290). Es stelle eine wichtige Voraussetzung für leistungsfähige und stabile Demokratien dar. Ein angehäufter Bestand an sozialem Kapital gewährleiste nicht nur effektive Regierungstätigkeit, sondern auch erfolgreiche ökonomische Entwicklung. Wenn soziales Kapital nur halb so viel hält wie es verspricht, werden Fragen nach der Möglichkeit seiner Erzeugung unmittelbar bedeutsam. Wenn Soziales Kapital oder sein Mangel, wie Putnam (1993) unterstellt, in sich selbst verstärkenden Kreisläufen reproduziert wird, scheinen exogene Einflüsse zu seiner Steigerung kaum möglich. Ein wichtiger Aspekt des Konzeptes Sozialkapital ist der Fokus auf soziale Prozesse. Damit einhergehen kann jedoch in den Worten von Lowndes und Wilson eine „specific - and fundamental - weakness in Putnam's argument: his neglect of state agency“ (Lowndes/Wilson 2001, 631). Trifft die Behauptung zu „government plays an important role in 'framing' civil society“ (Lowndes/Wilson 2001, 631), welche Formen von institutional design mögen welchen Effekt auf das Soziale Kapital in einem Land haben? In dieser Arbeit wird Sozialkapital im Zusammenhang mit dem Wohlfahrtsstaat betrachtet. Wohlfahrtsstaatliche Konfigurationen greifen in die Produktion, Distribution und Allokation von Ressourcen in einer Gesellschaft ein, berühren prinzipiell (fast) die gesamte Gesellschaft und können recht unterschiedliche Formen von Umverteilung vorsehen. Es wurden bisher einige Versuche unternommen, Wohlfahrtsstaaten zu kategorisieren. Dabei w]urden systematische Differenzen in ihren Merkmalen identifiziert. Hier soll nun der Frage nachgegangen werden, ob sich durch systematische Unterschiede in den wohlfahrtsstaatlichen Arrangements Unterschiede in der Ausstattung an sozialem Kapital erklären lassen. Eine Antwort auf die Fragestellung, ob das soziale Kapital durch die Form des Wohlfahrtsstaats erklärt werden kann, trägt dazu bei, Determinanten sozialen Kapitals zu finden und gesellschaftliche und kulturelle Implikationen von wohlfahrtsstaatlichen Konfigurationen zu verstehen.

Die Frage, inwieweit der Wohlfahrtsstaat eine entscheidende Rolle für gesellschaftliche Bedingungen spielen mag, hat Esping-Andersen folgendermaßen gestellt: „Does it [der Wohlfahrtsstaat, P.K.] enhance or diminish existing status or class differences; does it create dualisms, individualism, or braod social solidarity“ (Esping-Andersen 1990, 4)? Die vorliegende Arbeit orientiert sich an der Typologie von Wohlfahrtsstaatsregimen dieses Autors. Unterschieden werden drei Typen von Wohlfahrtsstaaten, die v.a. durch ihren je spezifischen Bezug zur sozialen Schichtung und den Grad der Unabhängigkeit des Lebensstandards der Bürger von Marktbedingungen gekennzeichnet sind. Daran knüpft die zu untersuchende These an, dass diese unterschiedlichen Ausprägungen - und damit die Wohlfahrtsstaatstypen - Unterschiede in der Ausstattungen an sozialem Kapital bedingen. Genauere Vermutungen über den Einfluss des Wohlfahrtsstaatstyps sind auf der Basis der Merkmale dieser Typen abzuleiten. Im zweiten Abschnitt werden daher zunächst die Wohlfahrtsstaatsregime nach Esping-Andersen vorgestellt. Daran anschließend werden im dritten Abschnitt die sozialen Folgen des Wohlfahrtsstaates als institutionelles Gefüge betrachtet. Der vierte Abschnitt stellt den Begriff des sozialen Kapitals vor wie er hier verwendet wird. Hypothesen über die Ausprägungen des Sozialkapitals werden dann im fünften Teil aufgestellt. Es folgt mit dem sechsten Abschnitt die empirische Überprüfung der angenommenen Zusammenhänge. Die Fallauswahl richtet sich dabei nach der genannten Wohlfahrtsstaatstypologie. Da wegen des idealtypischen Charakters der Wohlfahrtsstaatsregime davon ausgegangen werden kann, dass die einzelnen Länder nicht exakt in dieses Schema passen, richtet sich der Blick in erster Linie auf die Wohlfahrtsstaatstypen und nicht auf die Länder im Einzelnen. Letztere werden im Kontext der Typen Erwähnung finden.

2. Wohlfahrtsstaatsregime

Wohlfahrtsstaaten zeichnen sich durch die Verantwortlichkeit des Staates für die Garantie eines Minimums an Versorgung für seine Bürger aus. Dies impliziert nicht nur die Versorgung seiner Bürger mit einem Satz an Gütern und Diensten, sondern auch die Bekämpfung von Armut (Weale 2007, 475). Die jeweilige konkrete Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates nach Art der Umverteilung und Bereitstellung von Ressourcen kann dabei beachtlich variieren. Als wegweisend für die Erfassung der Zusammenhänge hat sich die Einteilung verschiedener Wohlfahrtsstaatsregime von Esping-Andersen erwiesen (Esping-Andersen 1990). Die Typologie ist in der Wissenschaft nicht unstrittig, insbesondere hinsichtlich der empirischen Validität der einzelnen Wohlfahrtsstaats-regime. Es kann dennoch mit Cousins von einer Affinität von den Typen zu den tatsächlichen Ausprägungen ausgegangen werden (Cousins 2005, 120). So kommen auch Arts und Gelissen zu dem Schluss, dass die Typologie immerhin von deskriptivem und heuristischem Wert sei (Arts/Gelissen 2002, 153). Esping-Andersen unterscheidet „three highly diverse regime-types, each organized around its own discrete logic of organization, stratification aund societal integration“ (Esping-Andersen 1990, 3): einen liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Typ. Der liberale Typ zeichnet sich durch eine Tendenz zur Prüfung der Empfänger von Leistungen und zu breit gestreuten aber bescheidenen Transferleistungen aus. Im Vordergrund steht das Funktionieren des Marktes, der für das Regeln der materiellen Bedingungen verantwortlich ist (Esping- Andersen 1990, 26). Über die selbst steuernden Mechanismen des freien Marktes seien die Menschen in der Lage, privat ihr eigenes Wohlergehen sicherzustellen. Entsprechend sollten Vorsorge, Fürsorge und Versicherung privater Art sein und auf Freiwilligkeit beruhen. Der Staat sollte sich aus dem gesellschaftlichen und ökonomischen Bereich so weit wie möglich heraus halten und das Feld den frei handelnden Individuen überlassen. So kann der Wettbewerb zwischen einzelnen Akteuren, auf dem das Funktionieren des Marktes basiert, garantiert werden. Das Ausmaß der Dekommodifizierung, d.h. Abkopplung der Versorgung der Bürger von den Mechanismen des Marktes, ist im liberalen Typ am Schwächsten ausgeprägt. Esping-Andersen sieht als Konsequenz des liberalen Typs das Entstehen eines Dualismus zwischen Arm und Reich (Esping-Andersen 1990, 62-63). Zum liberalen Typ gehören im europäischen Raum nach Esping-Andersen u.a. Großbritannien und Irland (Esping-Andersen 1990). Diese genannten Länder werden an späterer Stelle als zu untersuchende Fälle herangezogen.

In den Staaten des konservativen Typs spielen Korporatismus und ein starker Staat eine zentrale Rolle. Dieser Typ zielt auf den Erhalt der sozialen Schichtung, (Anspruchs-)Rechte sind mit dem sozialen Status eng verbunden (Esping-Andersen 1990, 27). In der Tradition dieses Typs ist das Aufrechterhalten von bestehender Autorität und nicht sozialer Integration von primärer Bedeutung (Esping-Andersen 1990, 40). Das Ergebnis einer solchen Schichtungspolitik ist der Erhalt bestehender Statusunterschiede: „[T]he force of status disctinction, hierarchy, and privilege has been unusually strong“ (Esping-Andersen 1990, 61). Zum korporatistischen Typ gehören u.a. die hier für die Untersuchung ausgewählten Staaten Deutschland, Frankreich, Belgien und Österreich.

Der sozialdemokratische Typ folgt dem Prinzip des Universalismus. Leistung werden tendenziell ohne Prüfung der Empfänger gewährt und beschränken sich nicht nur auf die am wenigsten Begünstigten, sondern beziehen sich auch auf die Mittelschichten. Die wohlfahrtsstaatlichen Leistungen befinden sich insgesamt auf einem hohem Niveau. Dieser Typ weist den höchsten Grad an Dekommodifizierung auf (Esping-Andersen 1990, 27-28). In den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten strebte die Arbeiterbewegung übergreifende und nicht allein Status-gebundene Solidarität an. Gerade in den skandinavischen Staaten waren die Bedingungen dafür günstig: Die weniger starke Geschlossenheit der sozialistischen Gruppen ermöglichte das Ausbilden von Bindungen über die Klassen hinaus. Die Idee des Universalismus konnte sich durchsetzen, andere Klassen konnten in das wohlfahrtsstaatliche Modell als dessen Leistungsempfänger eingebunden werden (Esping-Andersen, 65-67). Als Fälle für den sozialdemokratischen Typ werden hier die Niederlande, Dänemark, Schweden und Finnland herangezogen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich die Wohlfahrtsstaatsregime vom liberalen über den konservativen hin zum sozialdemokratischen Typ in ihrer Funktion als „agent of stratification“ (Esping-Andersen, 55) unterscheiden. Hinsichtlich der Schichtung hat der sozialdemokratische Typ eine integrierende, auf Solidarität zielende Ausrichtung. Der korporatistische Typ zielt auf den Erhalt des Status Quo in der sozialen Schichtung, während der liberale Typ, zwar nicht „gezielt“ aber tendenziell durch sein Festhalten an die Logik des Marktes, eine Trennung von sozialen Schichten herbeiführt. Diese Merkmale bilden Anhaltspunkte für die Formulierung der Hypothesen über das Sozialkapital in den Wohlfahrtsstaatsregimen. Zunächst wird zu klären sein, weshalb Wohlfahrtsstaatsregime überhaupt Einfluss auf soziales Kapital haben sollten. Dies ist Gegenstand der folgenden Abschnitte.

2. Der Wohlfahrtsstaat als institutionelles Arrangement

Putnam hat in seiner Studie über Sozialkapital in Italien die Leistungsfähigkeit von Institutionen als durch Soziales Kapital bedingt herausgestellt - starke Gesellschaft bedingt starke Institutionen (Putnam 1993). Die Tatsache, dass auch Institutionen als etwas Eigenständiges umgekehrt auf gesellschaftliche Bedingungen (zurück-)wirken können, wird dabei in den Hintergrund gerückt. Institutionen können breiter aufgefasst werden als bloße Einrichtungen. Sie stellen einen Satz an Regeln und Praktiken dar, verkörpern bestimmte Bedeutungsstrukturen, „structures of meanning“ (March/Olsen 2004, 5) und formen Identitäten, Rollen und normative Überzeugungen (March/Olsen 2004). Institutionen beeinflussen Überzeugungen, Präferenzen und Verhaltensweisen (Lowndes/Wilson 2001, 632; Soss 1999, 376), sie prägen Vertrauen, Ziele, Bedeutungen von Konzepten wie Demokratie oder Gerechtigkeit (March/Olsen 1989, 164). Die Betonung soll hier auf einem bestimmten Punkt liegen: Institutionen können untergründig wirken und so Haltungen, Erwartungen, Identitäten etc. von Menschen strukturieren. Dies kommt in dem Konzept der „logic of appropriateness“ zum Ausdruck, und zwar als verinnerlichte Standards über die Angemessenheit von (Denken und) Handeln für bestimmte - aber typische, insofern allgemeine - Situationen. Für March und Olsen, die diesen Begriff geprägt haben, gilt, dass das Folgen von in Institutionen verankerten Regeln nicht primär an die Antizipation von Konsequenzen geknüpft sei. Vielmehr würden die Individuen verinnerlichten Maßstäben für angemessenes Verhalten folgen (March/Olsen 2004, 4). Die Übereinstimmung von Identitäten und Verhalten mit diesen Standards könne sogar eine „connotation of essence“ für die Bürger vermitteln (March/Olsen 2004, 4). Ähnliche Gedanken finden sich bei Luckmann und Berger (2007). Insbesondere bezogen auf den letztgenannten Aspekt zeichnen sie eine Parallele: Sie sprechen von erfolgreicher Sozialisation, wenn eine Symmetrie von objektiver und subjektiver Wirklichkeit gegeben ist (Berger/Luckmann 2007, 175). In diesem Sinne müsse eine Passung zwischen „Kultur“ und den vergegenständlichten Institutionen, also der Struktur für jede Gesellschaft gegeben sein, damit die Menschen sich als zugehörig fühlen.

Sozialisation wird als Einführung in die objektive Welt einer Gesellschaft verstanden (Berger/Luckmann 2007, 140). Ein entscheidender Schritt hierzu vollziehe sich dann, wenn die Individuen von den Rollen und Einstellungen konkreter Personen abstrahieren und ein Konzept vom „generalisierten Anderen“ entwickeln können. Mit der Aneignung dieses Konzeptes würde die Gesellschaft mit ihrer objektiven (vergegenständlichten) Wirklichkeit durch das Individuum internalisiert (Berger/Luckmann 2007, 143-144). Dies erinnert stark an die „logic of appropriateness“, eine Vorstellung davon, was angemessenes Denken und Verhalten ausmacht. Den beiden erwähnten Ansätzen ist gemeinsam, dass Institutionen eine Wirkung auf die Vorstellung vom Selbst und Anderen sowie allgemeine Erwartungen an allgemeine Rollen als inhärent zugedacht wird. Dazu ist jedoch zu sagen, dass Luckmann und Berger eine etwas weitere Auffassung von Institutionen voraussetzen: Sie sprechen bereits von Institutionen, wenn Typen von Handlungen reziprok typisiert werden, d.h. allgemeine Typisierungen von habitualisierten Handlungen allgemein akzeptiert sind (Berger/Luckmann 2007, 58). Die weiter oben angeführte „engere Definition“ kann durchaus als engere Form unter die genannte weite Definition subsumiert werden. Immerhin spielen bei Luckmann und Berger Institutionen eine vergleichbare Rolle: Sie hielten durch ihre bloße Existenz Verhalten unter Kontrolle, stünden als objektive Faktizität den Menschen gegenüber und ihr Einfluss entfalte sich bereits vor jeder Erwägung über Konsequenzen (in der Sprache Luckmanns und Bergers: Menschliche Tätigkeit wird unter sozialer Kontrolle gehalten, Berger/Luckmann 2007, 58-64). Es geht also im Folgenden also nicht primär um outcomes, die durch den Wohlfahrtsstaat erzielt werden. Outcomes sollen mehr als Nebenprodukt der Behandlung von Bürgern durch und Verfahren der wohlfahrtsstaatliche(n) Institutionen erachtet werden. Im Vordergrund steht der prägende Einfluss von institutionellen Arrangements durch ihre gesellschaftliches Leben als gegebener Rahmen unmittelbar strukturierende Funktion. “The institutional character helps to standardize and stabilize social relationships, and to resolve the problems of accountability and trust which are an inherent feature of mass societies. When social transfers take an institutionalized form, of which the welfare state is a prime example, the social relations involve intermediaries, but they also become more coordinated and stabilized. However, institutions not only coordinate interactions, they have a norm-setting and norm-stabilizing function as well” (Mau 2004, 60). In diesem Sinn bilden die wohlfahrtsstaatlichen Institutionen und Verfahren eine prägende Kraft, von der angenommen werden kann, dass sie auf das soziale Kapital einer Gesellschaft ausstrahlt. Wie dies auszusehen hat, wird im nächsten Abschnitt betrachtet.

4. Dimensionen von Sozialkapital: Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Kontext des Wohlfahrtsstaates

Eine gebräuchliche Art den Begriff Sozialkapital in der Politikwissenschaft zu fassen, geht auf Putnam zurück, der darin Vertrauen, Normen und Netzwerke sieht, die helfen, Probleme kollektiven Handelns zu überwinden, damit also Ziele erreicht werden können, die Einzelne nicht zu erreichen in der Lage sind (Putnam 1993, 167). Sozialem Kapital wird in der Literatur eine Reihe von Merkmale zugewiesen und weiter ausdifferenziert. Von Bedeutung für die hier interessierende Fragestellung ist die Unterscheidung zwischen dem strukturellen und kulturellen/psychologischen Aspekt (Putnam 2000). Während dem ersten soziales Vertrauen und gemeinschaftliche Normen und Werte zugerechnet werden, umfasst der strukturelle Aspekt die Organisation gesellschaftlichen Lebens in Netzwerken. Die Unterscheidung ist deshalb von Bedeutung, weil der Wohlfahrtsstaat selbst zunächst als strukturelles Gefüge aufzufassen ist, er zudem bestimmte Formen der Organisation der Gesellschaft vorsieht, bestimmte Formen fördert, andere eher unterbindet (z.B. die Einbindung der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege auf rechtlicher Grundlage in Deutschland). D.h. soziale Netzwerke stellen unter Umständen selbst einen Teil eines wohlfahrts-staatlichen Arrangements dar. Es kann folglich schwierig sein, den Wohlfahrtsstaat vom strukturellen Aspekt sozialen Kapitals klar abzugrenzen. Problematisch ist dies, weil eine Untersuchung der Effekte von Wohlfahrtsstaaten auf Sozialkapital dann Tautologien hervorbringen kann. Unterstellte Folgen wären womöglich nichts anderes als reine Merkmale der wohlfahrtsstaatlichen Konfiguration. Die Folgen von Wohlfahrtsstaaten auf soziale Netzwerke zu untersuchen, bedarf offensichtlich einer fundierten und weit reichenden Ausarbeitung theoretischer Zusammenhänge zwischen den beiden Faktoren - eine Arbeit, die in diesem Rahmen nicht geleistet werden kann. Daher sollen hier nur der kulturelle Aspekt in Form von Vertrauen und Normen beleuchtet und zuvor noch im Zusammenhang mit dem Wohlfahrtsstaat vorgestellt werden.

Die Dimension Normen beschränkt sich hier auf das, was Putnam als „norms of reciprocity“ bezeichnet und als eine Komponente sozialen Kapitals anführt (Putnam 1993, 172). Er unterscheidet ferner zwischen „balancierten“ und „generalisierten“ Normen der Reziprozität. Während solche privater Art unmittelbare, synchrone Transaktionen bezeichnen, beziehen sich letztere auf Austauschbeziehungen, bei denen Gegenleistungen zeitlich verzögert eintreten und daher mit entsprechenden Erwartungshaltungen einhergehen (Putnam 1993, 172). Die Idee des Wohlfahrtsstaates lässt sich prinzipiell mit dem Prinzip der generalisierten Reziprozität in Verbindung bringen: Bürger leisten in irgendeiner Form einen Beitrag, ohne unmittelbar eine Gegenleistung zu erhalten. Tatsächlich bekommen sie jedoch dadurch die Garantie, Leistungen aus diesem unter festgelegten Bedingungen Fonds zu erhalten. Der Wohlfahrtsstaat verkörpert somit das Prinzip der Gegenseitigkeit: „Reciprocity represents the key concept for understanding why, and under which conditions, people endorse collective welfare arrangements. Since the welfare state can be conceived of as an arrangement of institutionalized reciprocity, people tend to invoke norms of reciprocal fairness when evaluating welfare transfers“ (Mau 2004, 68).

Die Dimension Vertrauen sei hier in Anlehnung an eine Definition von Gambetta gefasst als die Wahrscheinlichkeit, die eine Person mit der Erwartung verbindet, dass eine andere Person eine bestimmte Aktion ausführt, ohne dies zu kontrollieren (Gambetta 1988, 217). Für soziales Kapital konstitutiv sei allerdings soziales Vertrauen, welches über die konkrete Interaktionen und konkrete Personen hinaus geht (Putnam 1993). Inwiefern haben nun wohlfahrtsstaatliche Institutionen einen Einfluss darauf, wie Menschen auf diese Frage antworten? An die obige Argumentation anschließend sollten unterschiedliche institutionelle Konfigurationen unterschiedliche - internalisierte - Vorstellungen davon vermitteln, was die Menschen in ihren Rollen, auch in ihrer abstrakten Rolle als Bürger und Mitmensch, verkörpern. Auch sind die wohlfahrtsstaatlichen Institutionen getragen von unterschiedlichen Prinzipien der Umverteilung und Absicherung, die zum einen in eine bestimmte Richtung zielen, zum zweiten aber auch die Beziehungen zwischen den Bürgern strukturieren, welche von ihnen wiederum internalisiert werden. Das gilt für die aus der bloßen Existenz folgende soziale Beziehungen regulierende, strukturierende Wirkung von Institutionen an sich aber auch für den Umgang mit diesen Institutionen. Der Umgang mit den Institutionen setzt den Zugang zu ihnen voraus. Giddens verweist auf die Bedeutung von Zugangspunkten für Vertrauen allgemein in modernen Gesellschaften (Giddens 1996). Für ihn sind „Zugangspunkte [...] Stellen, an denen eine Verbindung zustande kommt zwischen Einzelpersonen oder Kollektiven ohne Fachkenntnisse und den Vertretern abstrakter Systeme“ (Giddens 1996, 113). Eine Untersuchung für Schweden von Kumlin und Rothstein legt den Fokus gerade auf diese Schnittstelle, an der Bürger mit den Institutionen des Wohlfahrtsstaates in Kontakt treten. Die Autoren stellen auf Basis eines experimentellen Designs fest: „[N]eeds-tested welfare-state institutions seem to reduce interpersonal trust. [...] [E]xperience with universal institutions, on the other hand, tends to build trust“ (Kumlin/Rothstein 2005, 360). Auch und gerade im Kontakt mit Institutionen des Wohlfahrtsstaats dürften die Bürger die den Institutionen innewohnenden Prinzipien erfahren. Da wohlfahrtsstaatliche Institutionen in die Beziehungen der Menschen zueinander eingreifen (selbst ein nicht-Vorhandensein wirkt strukturierend), wird hier davon ausgegangen, dass sie auf oben genannte Weise die latenten Vorstellungen von verallgemeinerten Identitäten (als Bürger), Rollen etc. derart prägen, dass sich dadurch unterschiedliche Folgen für soziales Vertrauen sowie das Vorherrschen der Norm der Reziprozität ergeben. Die beiden betrachteten Dimensionen sozialen Kapitals sollen als Ausprägungen eines Landes, d.h. auf der Makro­Ebene, betrachtet werden. Der postulierte Einfluss der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen sollte sich entsprechend der Argumentation in den Einstellungen/Wahrnehmungen der Bürger niederschlagen. Der institutionelle Einfluss wird, wie in den folgenden Abschnitten gezeigt wird, mittels Befragung von Personen, d.h. auf der Mikro-Ebene gemessen. Als Datengrundlage dienen schließlich die aggregierten Daten aus den Befragungen, welche die Ausprägungen des Vertrauens und der Normen der Reziprozität eines Landes repräsentieren sollen. Die Argumentation, wie sich aus den Wohlfahrtsstaatstypen bestimmte Ausprägungen ergeben, behandelt der nachfolgende Abschnitt.

5. Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Zusammenhang mit Gleichheit

Aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausgestaltung ist anzunehmen, dass Wohlfahrtsstaatsregime sich darin unterscheiden, inwieweit sie die Norm der Reziprozität strukturell verkörpern und damit auf die Gesellschaft ausstrahlen. Die Funktionsweise des Wohlfahrtsstaates vermittelt in unterschiedlichem Maße eine Vorstellung davon, inwieweit Bürger als gleichwertig angesehen werden (Larsen 2007, 153). In der Linie der hier vollzogenen Argumentation sollten also z.B. universalistische und auf Gleichheit auf hohem Niveau abzielende Institutionen eher ein Bild vom „Anderen“ als Gleichen und gleichwertig vermitteln. In der Argumentation von Larsen fördere die Ähnlichkeit der „Identitäten“ die „Verdientheit“ („deservingness“) von Leistungen. Mit anderen Worten, je ähnlicher sich die Menschen erfahren, desto mehr seien sie bereit, Leistungen gegenüber anderen durch den Wohlfahrtsstaat als gerechtfertigt zu sehen (Larsen 2007). Analog wird hier angenommen, dass die internalisierte Ähnlichkeit des „Anderen“ das Ausmaß des Vorherrschens der Norm der Reziprozität beeinflusst - kurz: Je ähnlicher, desto eher gilt die Norm der Reziprozität.

Der Aspekt „Gleichheit“ erscheint im Zusammenhang mit Vertrauen allgemein ebenfalls als bedeutender Faktor. Goto erhält in ihrer Untersuchung als wichtigen Faktor zur Erklärung von Vertrauen die soziale Distanz zwischen Personen, gemessen als „intimate“, „acquaintance“ und „stranger“ (Goto 1996). Das lässt sich mit Vorsicht so interpretieren, dass die soziale Gleichheit zwischen Personen deren Vertrauen zueinander beeinflusst. Wenn, wie behauptet, unterschiedliche Institutionen unterschiedliche, zunächst nicht einmal reflektierte, Vorstellungen davon entwickeln, was einen „generalisierten Anderen“ als Mitbürger auszeichnet, sollte generalisiertes Vertrauen in Abhängigkeit davon variieren, als wie „nahe“ dieser abstrakte Andere internalisiert ist. Gleichheit und Gleichwertigkeit, wie sie durch die Institutionen des Wohlfahrtsstaates verkörpert und durch ihre Internalisierung durch die Bürger in deren Dispositionen suggeriert wird, soll hier als eine zentrale Kategorie für die Erklärung sozialen Vertrauens und der Ausprägung der Normen der Reziprozität in einer Gesellschaft unterstellt werden.

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Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640665525
ISBN (Buch)
9783640665822
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153777
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
Wohlfahrtsstaat Institutionalismus Sozialkapital Konstruktivismus Reziprozität Normen Rollen Typisierungen

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Titel: Wohlfahrtsstaatsregime und Sozialkapital