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Entmenschlichung als Folge des Verlusts persönlicher Identität am Beispiel der Figurenkonstellation und -entwicklung in "Luna de Lobos"

Seminararbeit 2009 14 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2) Was ist persönliche Identität und wie wird sie geformt?
2.1 Assmann: Persönliche Identität als gesellschaftliches Konstrukt
2.2 Luckmann: Persönliche Identität im Schnittpunkt von Leib, Bewusstsein und Gesellschaft
2.3 Soziale Rollen

3) Wie verändern sich die Identitäten der Protagonisten?
3.1 Personenkonstellation und -entwicklung
3.2 Bedeutung von Angehörigen und Gesellschaft
3.3 Verhältnis der Protagonisten zur Natur

4) Fazit

5) Bibliographie

1) Einleitung

Identität. Es Lässt sich vermuten, dass spontan jeder etwas mit diesem Begriff assoziiert. Definitionen wie „das Existieren, die Echtheit einer Person oder Sache“ (Langenscheidt Fremdwörterbuch: Identität) oder „das Bild, das man von sich selbst und seiner eigenen Persönlichkeit hat“ (Wissen.de Internetlexikon: Identität) sind leicht verständlich und durchaus einleuchtend. Beschäftigt man sich jedoch eingehender mit diesem häufig gebrauchten Begriff, so wird die eine oder andere Frage aufgeworfen. Was genau macht Identität aus? Womit malt der Mensch das Bild, das er von sich hat und welche Rolle spielt dabei die Gesellschaft? Vor allem aber - was passiert ohne dieses Bild, welche Folgen hat der Verlust von Identität?

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Beantwortung all dieser Fragen. Hierfür soll zunächst anhand der Theorien von Jan Assmann und Thomas Luckmann eine detaillierte Definition des Begriffs Identität entwickelt werden. Ein besonderes Augenmerkt liegt hierbei auf dem Einfluss, den Gesellschaft und Kultur auf die Formung von Identität ausüben. Darüber hinaus spielen sowohl Luckmanns Konzept der sozialen Rolle als auch Assmanns Ausführungen zu kultureller Erinnerung eine Rolle, da beide entscheidend zur Formung und dem Erleben persönlicher Identität beitragen.

Anschließend beschäftigt sich der zweite Teil mit der persönlichen Entwicklung der Protagonisten im Roman ‚Luna de Lobos‘ von Julio Llamazares. Dieser Roman erzählt die Geschichte vierer Männer, die als politisch Verfolgte gezwungen sind, ein Leben im Untergrund zu führen. Als Widerstandskämpfer fristen sie ihr Dasein fernab von menschlicher Zivilisation in den kantabrischen Bergen und durchleben drastische Veränderungen ihrer Persönlichkeit. Anhand der hier vorhandenen Personenkonstellation und -entwicklung soll also gezeigt werden, wie es zum Verlust persönlicher Identität kommt und welche Folgen dieser nach sich zieht.

2) Was ist persönliche Identität und wie wird sie geformt?

Persönliche Identität ist ein „gesellschaftliches Konstrukt“ (Assmann 1997: 132), das im „Schnittpunkt von Leib, Bewusstsein und Gesellschaft“ (Luckmann 1979: 297) steht.

Ausgehend von dieser kurzen Definition von persönlicher Identität, die sowohl zentrale Aussagen der beiden zu betrachtenden Abhandlungen verbindet, als auch unterschiedliche Schwerpunktsetzungen verdeutlicht, soll dieser erste Teil nun den komplexen Begriff der Identität näher beleuchten.

2.1 Assmann: Persönliche Identität als gesellschaftliches Konstrukt

In seiner Veröffentlichung ‚Kulturelle Identität und politische Imagination‘, die sich aus kulturwissenschaftlicher Sicht mit dem Begriff der Identität auseinandersetzt, unterscheidet Jan Assmann zunächst zwischen „Ich“- und „Wir“- Identität (vgl. Assmann 1997: 130ff)

Das Konzept der „Ich“-Identität, der persönlichen Identität, unterteilt Assmann weiterhin in ‚individuelle Identität‘, also die lebenskonstituierenden Fakten und Grundbedürfnisse eines jeden Individuums, und ‚personale Identität‘, die Rollen, Eigenschaften und Kompetenzen, die als Mitglied einer Gesellschaft innehat (vgl. Assmann 1997: 132).

Persönliche Identität mit beiden oben genannten Faktoren ist nach Assmann „kulturell determiniert“ (Assmann 1997: 132); sie entsteht nicht aus sich selbst heraus, sondern in Wechselwirkung mit und unter dem Einfluss von der jeweiligen Gesellschaft, in der ein Individuum lebt. Der Mensch entwickelt seine Identität durch ein Bewusstsein, welches durch Sprache und Wertesystem einer bestimmten Kultur geformt wird. Als Voraussetzung für die so auszubildende Identität sieht Assmann also das Leben in einer gemeinsamen „symbolischen Sinnwelt“ (Assmann 1997: 135) mit anderen Menschen. Nur im Umgang mit anderen Menschen kann ein Ich wachsen, da es durch gestellte Erwartungen, übernommene Verantwortung und damit verbundene kulturbedingte Haftung beeinflusst und erst zu einem Ich geformt wird. Aus dieser Feststellung folgert Assmann die „natürliche Kulturangewiesenheit des Menschen“ (Assmann 1997: 136). Menschen sind auf Kultur angelegt und können nur in einer solchen überleben, denn nur Institutionen der Kultur ermöglichen eine Entfernung von Triebhaftigkeit, bewusstes Handeln und damit Identität (vgl. Assmann 1997: 133ff).

Unter „Wir“-Identität, auch als ‚kollektive Identität‘ bezeichnet, versteht Assmann hingegen das Selbstbild einer Gruppe, mit dem sich deren Mitglieder identifizieren und welches Zusammenhalt schafft. Diese kollektive Identität beruht auf gemeinsamem Wissen, gemeinsamen Erfahrungen und einem gemeinsamen Gedächtnis, welches durch die Verwendung einer gemeinsamen Sprache und gemeinsamer Symbole weitergegeben wird und durch kollektive Erinnerung entsteht (vgol. Assmann 1997: 135ff). Mit Rückgriff auf Theorien von Maurice Halbwachs stellt Assmann fest, dass sich ein kollektives Gedächtnis aus den entsprechend geprägten individuellen Gedächtnissen der Gruppenmitglieder konstituiert (vgl. Assmann 1997: 36). Individuelles Gedächtnis ist also nicht ohne sozialen Bezugsrahmen möglich und jedes Individuum erlangt sein Gedächtnis in den wichtigen Prozessen der Sozialisation (vgl. Assmann 1997: 35). Nur durch Kommunikation lebt und erhält sich das Gedächtnis, denn der Mensch erinnert nur das, was er kommuniziert und ins kollektive Gedächtnis eingeordnet hat. Der Wegfall von diesem so wichtigen sozialen Bezugsrahmen führt unweigerlich zu Vergessen (vgl. Assmann 1997: 36f). Weiterhin unterscheidet Assmann zwei Formen kollektiver Erinnerung: Das ‚kommunikative Gedächtnis‘ einerseits und das ‚kulturelle Gedächtnis‘ andererseits. (vgl. Assmann 1997: 49).

Das kommunikative Gedächtnis umfasst dabei Erinnerungen aus der jüngsten Vergangenheit, die Betroffene mit ihren Mitmenschen teilen. Somit stützt es sich primär auf alltägliche Kommunikation sehr persönlicher Erfahrungen und ist daher geprägt von starker zeitlicher Begrenzung und Unmittelbarkeit. In der Regel überdauern Erinnerungen des kommunikativen Gedächtnisses etwa drei bis vier Generationen. (vgl. Assmann 1997: 50f)

Im Gegensatz dazu ist das kulturelle Gedächtnis losgelöst und unpersönlich. Es stützt sich sowohl auf Oralität, also Riten, Mythen, Feierlichkeiten etcetera, als auch auf Literarität, also Texte und Bilder, bei. Diese Komponenten des kulturellen Gedächtnisses werden von Generation zu Generation weitergetragen und sind so im Gegensatz zu den persönlichen Erinnerungen, die das kommunikative Gedächtnis weitergibt, dauerhaft (vgl. Assmann/Assmann1997:114ff). Durch den Rückbezug auf gemeinsame Vergangenheit fundiert das kulturelle Gedächtnis die kollektive Identität einer Gruppe. Dies geschieht zum Beispiel durch das Zelebrieren einer gemeinsamen Entstehungsgeschichte oder die Erinnerung an Leidensgeschichten der Vorfahren (vgl. Assmann 1997: 52f).

Nicht nur persönliche, sondern auch kollektive Identität wird also durch soziale Interaktion geformt und aufgebaut. Es entsteht eine gemeinsame Sinnwelt, die durch Sprechen, Riten und Mythen geschaffen und weitergegeben wird. Denn die Ordnung muss „rituell in Gang gehalten und reproduziert werden gegenüber der allgegenwärtigen Unordnung, der Tendenz zum Zerfall“ (Assmann 1997: 43).

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Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640659494
ISBN (Buch)
9783640659319
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153714
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Philosophische Fakultät - Romanisches Seminar
Note
1,2
Schlagworte
Entmenschlichung Folge Verlusts Identität Beispiel Figurenkonstellation Luna Lobos

Autor

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Titel: Entmenschlichung als Folge des Verlusts persönlicher Identität am Beispiel der Figurenkonstellation und -entwicklung in "Luna de Lobos"