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Platons Utopie: Orwells Kritik am Totalitarismus des Idealstaats

von Enrico Istas (Autor)

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1. Platons Idealstaat
1.1 Das Klassenmodell Platons
1.2 Die Ideenlehre als Begründung autoritativer Herrschaft

2. Orwells Dystopie
2.1 Parallelen des fiktiven Staates „Ozeanien“ mit Platons Konzept des Idealstaats
3.1.1 Klassengesellschaft
2.1.2 Staatsziele der Politeia und Ozeaniens
2.2 Begründung autoritativer Herrschaft in Orwells“Ozeanien“
2.3 Orwells Utopiekritik

3. Ergebnis
3.1 Der Grundlegenden Staatsaufbau ist nahezu identisch
3.2 Unterschiede im Menschenbild
3.3 Historischer Kontext
3.4 Zusammenfassung

4. Literaturliste

1. Einleitung

Platon schuf mit seinem Werk „Politeia“ das wohl „berühmteste Werk der gesamten antiken Staatslehre“[1]. In Politeia skizzierte er einen Staat, den er für den Idealen erachtete. Ursprung dieses idealen Staates ist der Glaube, die Staatsleitung müsse aus Philosophen bestehen, die in Ihrer Weisheit den Staat nach dem göttlichen Vorbild formen. Die Ideenlehre, die davon ausgeht das alles irdische ein göttliches Vorbild, eine Form oder Idee hat, die es zu erkennen gilt, berechtigt die Philosophenkönige dazu, dem Staat vor zu stehen und alle Bereiche des Lebens durch ihre Rechtsprechung und Leitung der göttlichen Idee anzunähern und zu entsprechen.

Ziel dieser Herrschaft der Philosophen ist es Gerechtigkeit in den Staat zu bringen und ihm Stabilität zu geben. So wird die Polis nicht auf Grund ständigen Verfalls und innerer Machtkämpfe nach außen geschwächt.

Der Aufbau des Staates und der Gesellschaft Platons ist daraufhin ausgerichtet, den Staat durch die Erziehung und Suche geeigneter Herrscher und Soldaten die ihn führen oder verteidigen zu dauerhaftem Bestand zu verhelfen. Dieser Aufbau des platonschen Idealstaates hat im letzten Jahrhundert dazu geführt, dass verschiedene Autoren und Kritiker Platon vorwarfen ein Vordenker des „modernen“ Totalitarismus zu sein. „Die hierarchische Gliederung in drei Klassen, die Abschaffung des Eigentums und der Familie in den beiden Oberklassen, Zensur, Eugenik, Staatslügen, ein straff organisiertes, staatliches Erziehungssystem und das generelle Primat der Gesellschaft gegenüber dem Individuum“[2] sind Punkte, die in modernen totalitären Staaten des 20. Jahrhunderts Teile der Staatsprämisse waren, so dass in genanntem Jahrhundert viele Autoren den platonschen Idealstaat als Vorbild und Urtyp totalitärer Staaten betrachteten.

Einer der führenden Autoren ist hier Karl Raimund Popper mit seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I“[3], der Platon für einen der ersten theoretischen Begründer und Beförderer des Totalitarismus und der geschlossenen Gesellschaft hält.

Auch George Orwells Dystopie, die er in seinem Roman „1984“[4] entwickelt, beschreibt einen Unterdrückungsstaat, dessen Aufbau stark an den von Platons Idealstaat erinnert. Seine Kritik an autoritativen Systemen, die einzig die Selbsterhaltung zum Ziel haben, soll in dieser Arbeit eingehend beleuchtet werden.

Zwar stellte Platon mit seinem „Staat“ keine Ernst gemeintes Alternative zu bis dahin bekannten griechischen Systemen der Antike dar, darauf lassen sein historischer und biographischer Kontext, sowie seine anderen Werke schließen. Es handelt sich nur um ein Gedankenkonstrukt. Allerdings stellt sich die Frage inwieweit das in der „Politeia“ ausführlich ausgearbeitete System dem gerecht wird.[5]

George Orwells totalitarismuskritisches Werk „1984“ eignet sich auf Grund der Ähnlichkeit des im Buch beschriebenen System mit dem platonschen Idealstaat hervorragend, um den Totalitarismusvorwurf, dem Platon seit dem 20. Jahrhundert ausgesetzt ist, näher zu betrachten. Beide Werke können als Gegenpole grundsätzlicher Möglichkeiten rationaler Herrschaftslegitimation angesehen werden. Die Politeia als erster klassischer Utopieentwurf und „1984“ als negatives Zerrbild desselben in der Moderne.[6]

Im folgenden werden die Gemeinsamkeiten der beiden Staaten aufgeführt und verglichen, das Menschenbild derAutoren, die Herrschaftslegitimation ihrer Staatsführungen, sowie derjeweilige historische Kontext aufgeschlüsselt, um so feststellen zu können, inwieweit George Orwells Totalitarismuskritik auch bei Platon angebracht werden kann.

2. Platons Idealstaat

2.1 Das Klassen- und Staatsmodell Platons

Die Frage nach der Gerechtigkeit ist das Kernstück des Staates bei Platon. Er geht davon aus, dass Gerechtigkeit im Staate bedeutet, dass „jeder sich nur auf eines befleißigen müsse, von dem was zum Staate gehört, wozu nämlich seine Natur sich am geschicktesten eignet“[7]. Einmischung in einen Gegenstand von Staats wegen, dessen Thematik nicht den eigenen Fähigkeiten und Wissen entspricht ist nicht erwünscht. Dies muss Sache derjenigen bleiben, die sich ausgiebig mit genannter Thematik befasst haben und deren angeborene Fähigkeiten dieser am besten entsprechen.

Hergeleitet wird diese Einsicht am Beispiel des Handwerks, in dem er anführt das nur Spezialisierung zu besonders guten Ergebnissen führt und beispielhaft ein „Bauer, [...] sich offenbar nicht den Pflug allein machen [wird], wenn er schön sein soll, oder die Hacke oder die anderen Werkzeuge zur Landarbeit“.[8]

Das begründet für Platon die Aufteilung der Bevölkerung der Polis in drei Verschiedene Klassen, den Nährstand, den Wehrstand und den herrschenden Stand. Schon im frühen Kindesalter sollen die Kinder der Polis auf ihre Fähigkeiten hin geprüft und nach Beurteilung derselben entweder dem Nährstand oder dem Wehrstand (aus dem wiederum sich dann der herrschenden Stand rekrutiert) zugewiesen werden.

Der Nährstand dient, wie der Name schon sagt, einzig dazu das Wirtschaftsleben aufrecht zu erhalten und überdies den Überfluss zu erwirtschaften der nötig ist Wehrstand, auch Wächterklasse genannt, sowie den herrschenden Stand zu versorgen, also z.B. Nahrung, Kleidung, Waffen, Wohnungen etc.

Der Wehrstand hat die Aufgabe, die innere und äußere Sicherheit des Idealstaates zu garantieren. Das ist notwendig, da Platon die Prämisse aufstellt, dass die Begierden der Menschen sie dazu verleiten können gegen die Gesellschaft zu handeln bzw. die Begierde anderer Staaten die Polis aus territorialen Begehrlichkeiten im Ganzen zu bedrohen.[9] Bei der Auswahl der Wächter ist auf ihre Fähigkeiten zu achten, ob sie ,,scharf[...]im Wahrnehmen[,][...]schnell[,][...]stark[und][...]tapfer“[10] sind, aber nicht jähzornig, sondern fähig sind, ihr handeln an Freund und Feind anzupassen. Die Wächter selbst werden von Kindesbeinen an von staatlichen Stellen erzogen und bekommen gymnastischen, musischen und philosophischen Unterricht.

Die Fähigsten unter ihnen werden, sobald sie älter und erfahrener sind, zu militärischen Vorgesetzten bestimmt und die fähigsten Philosophen werden, wenn sie die Voraussetzungen dazu erfüllen, in die Riege der Herrschenden aufgenommen.

Auf die Rolle der Philosophenherrscher wird im nächsten Unterkapitel gesondert eingegangen.

2.2 Die Ideenlehre als Begründung autoritativer Herrschaft

Die von Platon begründete Ideenlehre, auch Ontologie oder Lehre vom Seienden genannt, geht davon aus das neben der sinnlich wahrnehmbaren Welt ein zweite Ebene, die Welt der Ideen existiert. In dieser Welt sind zu allen irdischen Dingen, die sich in einem ständigen, fließenden Veränderungsprozess befinden, eine unvergängliche Idealform oder Idee vorhanden. Über die wahrnehmbare Form können durch den ständigen Veränderungsprozess keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden, das abstrakte, geistige Musterbild der Idee aber ist unvergänglich, nur wenn man diese erkennt gelangt man zu wahrem Wissen. Das Reich der Ideen kann man nicht mit seinen Sinnen wahrnehmen, sondern nur durch Vernunft und philosophische Betrachtungen. Folgerichtig können die einfachen Bürger, die sich nur auf ihre Wahrnehmungen der Sinne verlassen, den wahren Kern der Sache niemals durchdringen. Auch für den Staat existiert eine übergeordnete Idee, die „Idee des guten Staates“. „Wer die Idee des Guten geschaut hat, ist verpflichtet, ihr Geltung zu verschaffen“[11], was zwangsläufig dazu führt, dass der gute Staat nur dann zur Durchsetzung kommen kann, wenn Philosophen regieren. Nur Philosophen sind in der Lage durch Vernunft hinter die sinnliche Wahrnehmung zu dringen und die Ideenwelt zu erkennen. Durch die von Platon als zwingend betrachtete musisch/philosophische Ausbildung der Wächter ist bei ihnen ein Pool philosophisch Gebildeter geschaffen worden, dessen fähigste Vertreter nach Prüfung ihrer Würdigkeit in die Reihe der Philosophenkönige aufgenommen werden. Auch die Philosophenherrscher haben damit also eine lange Reihe staatlicher Erziehung und Prüfungen durchlaufen, um den Qualitätsstandard der Herrschenden zu halten.

Erkennbar ist hier bei Platon eine „vehemente Kritik [...] an die prinzipielle Befähigung aller Bürger zur Kunst der Politik als Wahrung staatsbürgerlicher Aufgaben“[12] Platons Staatsaufbau nach dem Klassenprinzip, mit Entscheidungsmonopol allein bei den Herrschenden Philosophen, Gewaltmonopol des Wehrstands und dem Nährstand als reinen Befehlsempfänger ohne Mitwirkungsrechte, kann man mit Fug und Recht autoritativ nennen. Die „Idee“ als Norm allen Seins, deren Interpretation und Bestimmung einzig den Philosophen vorbehalten ist, schließt eine Beteiligung anderer Klassen kategorisch aus und macht sie zu reinen Beherrschten.

Der Wehrstand dient allein dem Erhalt des Staates durch Sicherung nach Innen und Außen sowie der Erziehung potentiell neuer Herrscher. Ihre Aufgabe ist es, unter anderem, die Staatsordnung unter allen Umständen zu bewahren, da sie perfekt ist und einer Veränderung eine Abweichung von der Idee des guten Staates zwangsläufig eine Verschlechterung darstellen würde. Diesem Zweck dient auch die sorgfältige Auswahl der Philosophenherrscher, die Stabilität und Beständigkeit des Staates durch ihre Leitung garantieren sollen.

Durch kategorische Trennung vom Nährstand und die streng kontrollierte Erziehung der Wehrmänner sind diese einzig ihrem eigenen Stand und den aus diesem stammenden Philosphenherrschern verpflichtet[13].

[...]


[1] Bichler , Reinhold, Von der Insel der Seligen zu Platons Staat, Geschichte der antiken Utopie, Weimar 1995, S. 151

[2] Otto, Dirk, Das utopische Staatsmodell von Platons Politeia aus der Sicht von Orwells Ninteen Eighty-Four, Ein Beitrag zur Bewertung des Totalitarismusvorwurfs gegenüber Platon, Berlin 1994, S.13

[3] Popper , Karl Raimund, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde Band I, Tübingen 1980

[4] Orwell, George, 1984, FrankfurtM-Berlin-Wien 1976

[5] Vgl. Otto, 1994, S. 13

[6] Vgl. Ebd. S. 35

[7] Platon, Der Staat [433a], Stuttgart 2000, S.223

[8] Platon, Der Staat [370c], 2000, S. 141

[9] Vgl. Bichler, 1995, S. 153

[10] Platon, Der Staat 374d-376b, zitiert nach Oberndörfer/Rosenzweig, 2000, S. 25

[11] Oberndörfer/Rosenzweig, 2000,S. 19

[12] Bichler, 1995, S. 153

[13] Ebd. S. 154

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640658725
ISBN (Buch)
9783640658763
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153653
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
George Orwell Platon Dystopie Utopie Philosophenherrschaft Totalitarismus Klassen Klassengesellschaft Eric Arthur Blair

Autor

  • Enrico Istas (Autor)

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