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Theodizee. Eine allgemeine Einführung

Seminararbeit 2004 30 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problemstellung

2. Grundsätzliche Vorgehensweisen zur Problembehandlung

3. Lösungsmodelle
3.1. Absprechung der Existenz des Bösen
3.1.1. Das Böse als Illusion
3.1.2. Die,,Beste allerdenkbaren Welten Theorie“
3.2. Beschränkung der Providenz
3.2.1. Die Frage derAllgüte
3.2.2. Die Frage derAllmacht
3.2.3. Die Frage derAllwissenheit
3.3. Darlegung einer Legitimation des Bösen
3.3.1. Augustins Erbsündenlehre
3.3.2. Die Free Will Defense
3.4. Geständnis der Unkenntnis

4. Fazit

5. Literaturangaben

1. Einleitung und Problemstellung

Der Begriff „Theodizee“ ist das Ergebnis eines sich im Zeitalter der Aufklärung ereignenden Spannungsfeldes zwischen Prädestination und Rationalismus: Die bis dato weit verbreitete Lehre der Prädestination, also der unabänderlichen Vorhersehung des Menschen zum Heil oder zur Verdammnis (Reprobation), erschuf ein Bild von Gott als ein drohendes, menschenfernes Willkürwesen, eine Vorstellung, die sich im scharfen Kontrast zu dem gerade aufkommenden, rationalistischen Gottesbegriff befand.

In Abgrenzung von früheren Philosophen[1] und Theologen[2] sowie in Anlehnung an das Pauluswort„[...] wenn aber unsere Ungerechtigkeit die Gerechtigkeit Gottes bestätigt, was sagen wir dann? Ist Gott- ich frage sehr menschlich- nicht ungerecht, wenn er seinen Zorn walten lässt?“[3]

empfand der Naturwissenschaftler, Mathematiker und Philosoph Wilhelm G. Leibniz (1646-1716) die Gottesvorstellung der Prädestination als absolut unzutreffend: Ein Gott, der den Verlauf eines menschlichen Lebens prä-existentiell determiniert, kann dasselbige aufgrund der dadurch entstehenden Unfreiheit nicht bewerten, zumindest nicht, wenn er im Sinn der kanonischen Evangelien ein gerechter Gott bleiben soll. Indem Leibniz der Prädestination jedoch den Rücken kehrt, ist er in Folge dessen gezwungen, eine neue Verhältnisbestimmung zwischen Gott und Schöpfung zu geben, gerade im Hinblick aufdie Sinnhaftigkeit von Sünde, Elend und Bösem.

Die Frage nach der logischen Unvereinbarkeit des christlich- theistischen Bekenntnisses (Gott als Allmächtiger, Allgütiger, Ewiger und Transzendenter) und einer Welt mit existentem Bösen samt leidvollen, schmerzlichen Erfahrungen ist damit geradezu zwangsläufig, da die Allmacht Gottes das Leid verhindern kann, was die Güte Gottes auch anstreben muss. Modallogisch zu verstehen ist dieses Problem folgendermaßen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Berühmt geworden für dieses Widerspruchsproblem ist die pointierte Formulierung des hellenistischen Philosophen Epikur: „Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht[4] Auf diese Behauptung soll später noch eingegangen werden.

In seinem systematischen Werk „Untersuchung zur Theodizee, über die Güte Gottes und den Ursprung des Übels“ entwickelt Leibniz 1710 erstmalig den Begriff der „Theodizee“, ein Terminus Technicus, der sich etymologisch von dem griechischen “theou dike“ ableiten und mit der Formulierung „Gerechtigkeit Gottes“ oder „Rechtfertigung Gottes“ übersetzen lässt.

Was dabei gerechtfertigt wird, ist nicht genau festlegbar: Beispielsweise nach Kant kann nicht Gott, sondern lediglich der Glaube an ihn kritisiert und gerechtfertigt werden, da Gott auf Grund seiner Konzipierung als Vollkommenes perfekt und damit keines Verbrechen angreifbar ist. Dahingegen geht u.a. Josef Donat davon aus, dass „Theodica, si vis vocis consideretur, iustificatio Dei est“[5] - oder mit G. Theobald ausgedrückt:„[...] Theodizee zielt auf eine Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel der Welt ab“[6]. Auf theoretischer Ebene ist eine solche Differenzierung sicherlich von Relevanz, vermag für die Praxis jedoch kaum zu überzeugen, da es für einen von Vernunftdenken geprägten Menschen letzten Endes auf den selben Zustand hinausläuft, keinen plausiblen Glauben zu haben (= keine Beziehung mit Gott) oder

Gottes Existenz zu verwerfen (= keine Beziehung mit Gott). Aus diesem Grund sieht Tertullian auch in der Frage unde malum die Ketzerfrage schlechthin, weil sie unausweichlich auf die Frage unde deus führe[7]. Streng genommen würden deshalb wahrscheinlich Theobald und Donat recht behalten, zumindest nach Georg Büchner, der die Leidproblematik als den tatsächlichen „Fels des Atheismus“[8] ansieht.

Deshalb ist von Relevanz erstens festzuhalten, dass man unter einer „Theodizee“ einen Lösungsansatz für die Unverträglichkeit von (christlichem) Theismus und menschlicherWahrnehmung von einem katastrophalen Schöpfungszustand versteht. Einen zweiten Wesensaspekt erhält die Theodizee-Problematik in ihrer daraus folgenden Bedeutung als Existenzfrage'. Mit T. W. Adorno[9] gesprochen, erweist sich die Unbeantwortbarkeit von Theodizee für den Vernunft- und Verstandesmenschen als sicherer Gegenbeweis für die Existenz eines gütigen und allmächtigen Gott, womit sich folgenschwere Fragen hinsichtlich von Sinn und Zweck, von den letzten, alles entscheidenden Gründen der menschlichen Existenz aufwerfen.

„The existentialist finds it depressing that God does not exist, for there disappears with him all possibility of finding values in an intelligible heaven [...] Everything is indeed permitted if God does not exist, and man is in consequence forlorn, for he cannot find anything to depend on within or without himself,“[10] resümierte Dostojewski sehr treffend.

In Folge dessen ist es von äußerster Dringlichkeit, eine plausible Erklärung zu finden, ein Ziel, dem sich viele Menschen seid langer Zeit widmen oder gewidmet haben. Die Aufgabe der vorliegenden Hausarbeit besteht darin, einige der Erklärungsansätze im Rahmen einer allgemeinen Einführung vorzustellen.

2. Grundsätzliche Vorgehensweisen zur Problembehandlung

Die (scheinbare) Unvereinbarkeit von Prämissen

(A) Gott ist allmächtig, gütig und allwissend, und

(B) das Böse existiert

bietet der Theologie und Philosophie vier Vorgehensweisen zur Gegenrede:

(1) Absprechung der Existenz des Bösen (Relativierung von Prämisse (B)): z. B. in Spinozas Darstellung vom Bösen als Illusion oder Leibnizens Theorie der besten aller möglichen Welten
(2) Beschränkung der Providenz (Relativierung von Prämisse (A)): z. B. bei Jonas Vorstellung vom Leidenden Gott
(3) Darlegung einer Legitimation des Bösen:
z. B. Augustins Erbsündenlehre oder Plantingas Free Will Defense
(4) Geständnis der Unkenntnis: Reductio in Mysterium.

Die Aufgabe der vorliegenden Hausarbeit besteht nun darin, zu versuchen, einige wenige Theodizeen aus einem Gewirr von zahllosen herauszuarbeiten, die am ehesten nachvollziehbare Antworten zu versprechen erscheinen. Selektionen bringen zwar in der Regel schmerzvolle Verkürzungen, doch ist es m. E. nicht notwendig, abstruse Auffassungen wie die eines Origines, für den die Welt ein übergroßes Straflager darstellt, in welches die präexistenten Seelen wegen eines vorweltlichen Sündenfalls verbannt worden sein sollen[11], mit aufzunehmen, wo doch die übrigen, wirklich ernstzunehmenden Erklärungsmodelle unser aller Aufmerksamkeit erfordern. Dass die Erklärungen nicht standhalten, wird im folgenden in utramque partem angedacht werden, zumindest in ihren wichtigsten Aspekten. Da Theodizee einerseits eine religiöse Frage ist, weil Güte und Macht Gottes miteingeschlossen werden, anderseits aber auch eine philosophische, da das Verhältnis von Gott und Mensch von Seiten der Vernunft und nicht der Offenbarung durchleuchtet wird, soll der vorliegende Versuch einer allgemeinen Einführung sowohl biblische Bezüge wie logische Gedankengänge beinhalten.

3. Lösungsmodelle

3.1. Absprechunq der Existenz des Bösen

3.1.1. Das Böse als Illusion

Im Zuqe seiner monistischen und pantheistischen Wirklichkeitsauffassunq wendete sich der Philosoph Baruch de Spinoza (1632-1677) qeqen das für seine Zeit qänqiqe dualistische Denken eines Descartes, indem er für eine Abschaffunq von Geqensatzpaaren wie „qut“ und „böse“ plädierte. Als Monist, für den sich die qesamte Wirklichkeit (Materielles/„Ausdehnunq“ wie Psychisches/„Denken“) aus einer Substanz (bzw. Gott) bildet, und - daraus resultierend - auch als Pantheist („Gott stellt sich nicht neben seine Schöpfunq, sondern ist in ihr!“) betonte Spinoza, dass weder Gott noch Schöpfunq kateqorische Beurteilunqen erhalten könnten: Eine solche Überlequnq ist zu anthropomorph qedacht.[12] Da die Wirklichkeit aus einer einziqen (quten) Substanz (d.h. Gott) besteht, erweist sich das Böse demzufolqe als reine Illusion, wodurch Prämisse (B) widerleqt und die Theodizee Schwieriqkeiten qelöst werden.[13]

Geqen dieses spinozianische Wirklichkeitsverständnis ist jedoch zu saqen, dass Bewertunqsschemata durchaus beqründet und von Gott leqitimiert sind: Dafür sprechen sowohl das offenbarunqstheoloqische Arqument (in seiner Offenbarunq durch Jesus und die Bibel beurteilt selbst Gott menschliches Tun und Denken kateqorisch) wie auch der schöpfunqstheoloqische Gedanke (da ein Künstler seine eiqene Persönlichkeit in sein Werk mit einfließen lässt, hat der wohl allzumenschlichste aller Charakterzüqe, das Bewerten von Dinqen, einen qöttlichen Ursprunq- kurzum: das Arqument vom Menschen als Ebenbild Gottes).

Tatsächlich ist Spinozas ontoloqische Seinsbestimmunq des Bösen als reine Illusion keine Lösunq zur Theodizee, da der Versuch, dem Bösen in stoischer Ruhe neutral qeqenüber zu stehen - quasi wie ein Tier wertunqslos zu existieren -, nichts daran ändert, dass der Mensch aufqefühlsmäßiqer Ebene Schmerzen und Trauer nach wie vor empfinden und darunter zerbrechen wird, d.h. dass (unqerechtes) Leid sich auch weiterhin de facto ereiqnen wird. Schließlich leiden selbst Tiere ohne ein Bewusstsein von Gut und Böse. Für Armin Kreiner ist deshalb eine solche De- Klassifizierung von Übel „metaphysische Schönfärberei“[14], ein blanker Euphemismus, der den vom Leid Betroffenen nicht wirklich ernst nimmt und ebenso wenig Gott verständlicher erscheinen lässt.

3.1.2. Die „Beste allerdenkbaren Welten Theorie“

Eine ähnliche Umgestaltung des ontologischen Seinsmodus des Bösen unternimmt Augustinus durch seine sogen. Privationsthese: Für ihn ist das Böse „privato bonľ1, also eine Beraubung, ein schlichter Mangel des Guten, wodurch sich die Wirklichkeit in einem permanenten guten Zustand befindet, so dass wiederum Prämisse (B) nicht erfüllt wird. Auch wenn diese Theodizee mit ähnlichen Argumenten wie zuvor bei Spinoza widerlegbar ist („metaphysische Schönfärberei“!), bleibt die Privationsthese im Zusammenhang mit einer anderen Theodizee von Belang, nämlich als Basis für Leibnizens „Beste aller denkbaren Welten Theorie“.

Wie in seinem Werk „Mondalogie“ (§§ 53-55) zusammengefasst, baut Leibniz ausgehend von Prämisse (A) ein Gedankenkonstrukt, in deren Kern sich die Idee von einer einzigen existierenden Welt befindet: Gott kann aufgrund seiner Allmacht sicherlich jede Art von Welt erschaffen, er entscheidet sich als gütiger Gott aber für die beste. Jene Welt ist auf Grund Gottes Vollkommenheit als etwas durch und durch Gutes anzusehen, scheinbares Böses ist dabei nur als „privatio bonľ zu verstehen.

Die Frage, warum Gott überhaupt eine Welt mit mangelndem Guten erschaffen hat, weist Leibniz von sich, indem er sich einer (bis heute akkreditierten) Differenzierung des Bösen in ein malum morale, ein malum physicum und ein malum metaphysicum bedient: Die Logik erlaubte es nicht, dass Gott Wesen erschuf, die ihm in seiner Allmacht gleichkommen, denn schließlich wären solche Wesen als neu erschaffene nicht ewig und autark, d.h. sie könnten nicht allmächtig sein. In Konsequenz daraus mussten sie begrenzt und endlich sein, ein Umstand, den Leibniz als malum metaphysicum bezeichnet. Wenn Gott also überhaupt eine Welt erschafft, dann muss er auch jenes „metaphysische Übel“ in Kauf nehmen, aus dem als notwendige Folge das „moralische Übel“ (Schaden aus dem freien Willen des Menschen - Leibniz verwirft ebenfalls die Prädestination) und das „physische Übel“ (Probleme aus den ablaufenden Prozessen der Natur) resultieren.

[...]


[1] So stellt z.B. der römische Schriftsteller Cicero in seinem (nachkonstruierten) De fato heraus: „Das Schicksalsproblem bestand, weil Weissagung praktiziert und beachtet wurde: Wenn es möglich ist, ein Ereignis vorherzusehen, was noch nicht eingetreten ist, dann muss dieses Ereignis bereits in Ordnung und Plan eingeschrieben sein, es muss also in seiner Potentialität existieren“ (vgl. GRIMAL, Pierre: Cicero; Paris 1986.

S. 481).

[2] Wie bereits aus dem Titel seines Werk De servo arbritio deutlich hervorgeht, ist für Martin Luther die Prädestination eine wesentlicher Bestandteil der christlichen Lehre, letztlich aufgrund ihres Verständnisses von Heilserwerb als Gnadengeschenk anstelle eines Verdienstes durch Werkgerechtigkeit (vgl. WAGNER, H., HÄRLE, W.: Theologenlexikon; München 1994. S. 178- 181).

[3] Vgl. Röm 3,5; Einheitsübersetzung der Bibel

[4] Vgl. GIGON, O.: Epikur, von der Überwindung der Furcht; Zürich 1949, S. 80, in: KIM, Yong Sung: Theodizee als Problem der Philosophie und Theologie; Münster 2002. S. 1.

[5] Vgl. DONAT, J.: Summaphilosophiae christianae; Insbruck 1936, S. 1, in: KOSLOWSKI, P.: Gnosis und Theodizee; Wien 1993, S. 16.

[6] Vgl. THEOBALD, G.: Hiobs Botschaft, S. 321 in: KREINER, A.: Gott im Leid; Breisgau 1997. S. 24.

[7] TERTULLIAN: De praescriptione haereticum, VII, 2-5, in: KOSLOWSKI, P.: Gnosis und Theodizee; Wien 1993, S. 16.

[8] Vgl. KREINER, A.: Gott und das Leid; Paderborn 1995, S. 50-56.

[9] Vgl. ARDORNO, T.W.: Negative Dialektik; Frankfurt 1973, S. 354, in: KIM, Yong Sung: Theodizee als Problem der Philosophie und Theologie; Münster 2002. S. 3.

[10] Vgl. KAUFMAN, Walter, ed.: Existentialism from Dostoyevsky to Sartre; New York 1956, S. 294-295, in: LUCADO, Max: No wonder they call him the Savior; San Francisco 1986, S. 34.

[11] Vgl. KNOCHE, Hansjürgen: Die schlechteste mögliche Welt?; Münster 2002. S. 12. Jene These mag sich auf den ersten Blick bibelnah anhören (s. Sündenfall in Genesis), erweist sich allerdings als geradezu gnostisch, da (a) man das irdische Sein aufs schärfste degradiert (Depotenzierung) und, in Ermangelung eines Lerneffekts für die Gefangenen aufgrund der Unkenntnis ihrer Verbrechen, (b) Fragen ob des Sinns eines solchen Straflagers und (c) damit der Güte Gottes hervorwirft. Abgesehen davon ist nach Genesis der Garten Eden auf der Erde zu finden gewesen (d).

[12] Eine ähnliche Betrachtung hatte bereits der hellenistische Philosoph Xenophanes geäußert:“ [...] wenn Kühe, Pferde oder Löwen Hände hätten, dann würden die Pferde pferde- und die Kühe kuhähnliche Götterbilder malen und solche Gestalten schaffen, die ihnen ähnlich wären“ (vgl. GAARDER, Jostein: Sofies Welt; Oslo 1991, S. 36).

[13] Vgl. RÖD, Wolfgang: Der Weg der Philosophie (Band II); München 2000, S. 52- 54.

[14] Vgl. KREINER, A.: Handeln Gottes (bisher unveröffentlicht).

Details

Seiten
30
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640657834
ISBN (Buch)
9783640658602
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153648
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Katholische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Theodizee Erbsünde Free Will Defense Armin Kreiner Gottfried Leibniz

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