Lade Inhalt...

Die anthropologischen Voraussetzungen von Deweys Erziehungstheorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 23 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Allgemeiner Hintergrund
2.1.1 Das Verhältnis von Mensch und Welt
2.1.2 Kontingenz vs. Notwendigkeit und Idealismus vs. Realismus
2.2 „Habits“ als zentrale Determinanten des Menschseins
2.2.1 Der Begriff „habit“ bei Dewey
2.2.2 Entstehung und Veränderung von Gewohnheiten
2.3 Triebe, Instinkte und Motive
2.3.1 Die Plastizität der Triebe und die Änderung der menschlichen Natur
2.3.2 Das Wesen und die Funktion von Motiven
2.3.3 Einteilung bzw. Abgrenzung der verschiedenen Instinkte
2.4 Intelligenz, Vernunft und Bewusstsein
2.4.1 Der Ort des Denkens
2.4.2 Das Verhältnis der Intelligenz zu Trieb und Gewohnheit
2.4.3 Der Denkvorgang und das Wesen der Überlegung
2.4.4 Ziele und Grundsätze
2.5 Freiheit und Sittlichkeit
2.5.1 Handlungs- und Willensfreiheit
2.5.2 Sittlichkeit

3 Schluss

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

John Dewey hat im Laufe seines langen Lebens sehr viel geschrieben und publiziert. Immer verfolgte er dabei ein praktisches Interesse und glaubte an die Möglichkeit des Fortschritts und der Verbesserung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bzw. der betroffe-nen Menschen vor allem durch (institutionell organisierte) Erziehung als Wachstumsprozess. Erziehung hielt er sogar für lebensnotwendig:

„Die unerklärbaren Urfaktoren von Geburt und Tod jedes Mitgliedes einer sozialen Gruppe machen Erziehung notwendig. (…) Das Bestehen der Gesellschaft ist genau so wie die Fortdauer des Lebens im biologischen Sinne von einem Vorgang der Weitergabe abhängig“ (Dewey 2000, S. 17).

Die Erziehung bzw. die Theorie über sie nimmt also in seinem gesamten Theoriegebäude eine zentrale Rolle ein, zu ihrer Fundierung jedoch bedarf es gesonderter anthropologischer Studi-en, welche die Möglichkeiten und Grenzen von Erziehung ermitteln und aufzeigen. Denn, so sagt Dewey: „Lack of understanding of human nature is the primary cause of disregard for it. (…) What cannot be understood cannot be managed intelligently“(Dewey 1944, S. 3). Oder wie Bollnow es formuliert hat: „Die Anthropologie ist der Schlüssel jedes pädagogischen Sys-tems“ (Bollnow 1952, S. 25). Zwar wird Dewey seine Analyse der menschlichen Natur nicht nur für eine Begründung seiner Pädagogik geschrieben haben, sondern z.B. auch in Hinsicht auf eine Ethik und den Umgang mit Moral überhaupt, doch uns interessiert hier vor allem der Bezug zur Erziehung.

Eigentlich fordert Dewey für die Erforschung der menschlichen Natur (und ihre Modifizier-barkeit) ein empirisches Vorgehen ein. Interessanterweise verfasst er selbst dennoch ein anthropologisches Werk, welches das Wesen und das Verhalten des Menschen rein theore-tisch behandelt („Human Nature and Conduct“), wenngleich die Erfahrung stets eine wichtige Rolle in seinen Ausführungen spielt.

Seine anthropologischen Aussagen sollen nun in dieser Arbeit zum Zweck eines tieferen Ein-blicks in sein Denken und des besseren Verständnisses seiner philosophischen Pädagogik in zusammengefasster und systematisierter Form dargestellt und diskutiert werden. Nachdem der allgemeine theoretische Hintergrund ausgebreitet worden ist, werden nacheinander die wich-tigsten Aspekte seiner Anthropologie vorgestellt und besprochen. Zum Schluss sind wir in die Lage versetzt, ein vorsichtiges Fazit zu ziehen.

2 Hauptteil

2.1 Allgemeiner Hintergrund

2.1.1 Das Verhältnis von Mensch und Welt

Dewey ist ein Denker, der unabhängig von seiner pragmatischen und empiristischen Ausrich-tung, die hegelsche Dialektik, d.h. das Finden bzw. Bilden von Synthesen geradezu perfek-tioniert und völlig internalisiert hat. Er wendet sich gegen jeglichen absoluten Dualismus und beinahe jede Dichotomie, überführt sie meist erfolgreich als falsch bzw. als nur oberflächlich betrachtet wahr und überwindet nahezu jeden Gegensatz.

So ist nach Dewey auch eine strikte Trennung zwischen Mensch und Welt nicht möglich. Er vertritt eher eine holistische Sichtweise, in der Subjekt und Objekt nicht voneinander geschie-den sind. Genau wie Dilthey betrachtet er den Menschen nicht in Opposition zur Natur bzw. seiner Umwelt, sondern als integrativen Bestandteil derselben, d.h. in einer dynamischen Wechselwirkung mit ihr stehend. „Subjekt und Objekt sind somit nicht voneinander getrennt, sondern als wechselseitig aufeinander bezogene Seiten in dem Prozess des Lebens oder der Erfahrung verflochten“ (Correll 1968, S. 69-70).[1]

Correll bemerkt weiter treffend:

„Für ihn [Dewey] gibt es das menschliche Wesen nicht als ein feststehendes, unwandel-bares Sein, und deshalb ist es für ihn auch nicht – weder in einem rationalistischen noch in einem empiristischen Erkenntnisverfahren – systematisierbar; sondern da nach seiner Auffassung das In-der-Welt-sein vom Menschen fortwährend die handelnde Bewältigung von Situationen und Schwierigkeiten fordert, besteht die Aufgabe der Philosophie in der beständigen Überprüfung und Neuordnung dieses Handlungsvollzuges“ (a.a.O., S. 69).

Nach Dewey ist deshalb auch die Frage nach der Aufteilung von vererbten bzw. angeborenen oder erworbenen (erlernten) Eigenschaften nicht so einfach zugunsten der einen oder anderen Seite zu entscheiden oder überhaupt in dieser Weise aufteilbar, stattdessen betont er, dass die Veränderbarkeit oder Lernfähigkeit selbst eine angeborene Eigenschaft des Menschen ist: „The capacity for modification is part of the natural make up of every human tendency; it belongs to an unlearned equipment (as that is defined at a particular time) for learning, in which process it is itself changed” (Dewey 1985, S. 32). Die entscheidenden Fragen sind in diesem Zusammenhang für ihn: Wo liegen die Grenzen für eine Modifikation durch Lernen? Wie geht diese Modifikation vor sich? Wie ist sie kontrollierbar? Genau wie die Frage nach der Beständigkeit von Sitte und Tradition lässt sich die Frage der Modifizierbarkeit nur durch empirische Untersuchungen klären.

2.1.2 Kontingenz vs. Notwendigkeit und Idealismus vs. Realismus

Grundsätzlich befindet sich der Mensch „in einer vom Zufall bestimmten Welt; mit einem Wort, seine Existenz ist ein Glücksspiel. Die Welt ist ein Gefahrenschauplatz; sie ist unge-wiss, unstabil, (…) unbeständig, unvorhersehbar“ und „Furcht, sei sie nun instinktiv oder er-worben, ist eine Funktion der Umgebung. Der Mensch fürchtet sich, weil er in einer furcht-baren, in einer schrecklichen Welt lebt. Die Welt ist prekär und gefährlich.“ (Dewey 1995, S. 56-57) Dewey vertritt also tendenziell eine „Metaphysik“, die eher die Kontingenz hervor-hebt, im Gegensatz zur üblichen philosophischen Neigung zu der Vorstellung bzw. Inter-pretation einer stabilen, geregelten und berechenbaren Welt. Er behauptet sogar, dass quasi alle Philosophien den gemeinsamen Versuch aufweisen, „dem Universum den Charakter der Kontingenz“ zu entziehen.

Für Dewey verweisen Kontingenz und Notwendigkeit sowie Veränderung und Stetigkeit jeweils aufeinander und bedingen sich sogar gegenseitig. Der Grund dafür ist simpel und logisch, denn ohne sein Gegenteil wäre ein Begriff nicht denkbar bzw. sinnvoll.

„Eine Welt, die ganz und gar notwendig wäre, wäre keine Welt der Notwendigkeit, sie würde einfach sein. Denn in ihrem Sein wäre nichts für irgendetwas anderes notwendig; (…) Nur eine Welt von ‚Wenns’ ist eine Welt des ‚Muss’ – die ‚Wenns’ drücken wirk-liche Unterschiede aus; die ‚Muss’ wirkliche Verbindungen. (…) Das Notwendige ist immer notwendig für, nicht notwendig an und für sich; es ist vom Kontingenten bedingt, obgleich selbst eine Bedingung der vollen Bestimmung des letzteren“ (Dewey 1995, S. 76-77).

Was Dewey hier beschreibt, kann man vielleicht an der logischen Wenn-Dann-Relation eines hypothetischen Urteils veranschaulichen. Während der Antecedens den kontingenten Teil des Urteils darstellt, ist der Succedens der notwendige. Ohne die kontingente Bedingung wäre die notwendige Folge nicht möglich und ohne eine notwendige Folge wäre die kontingente Be-dingung nicht als solche möglich.

Was das Verhältnis von Idealität und Realität anbelangt, liegt bei Dewey der Primat notorisch eher auf der Realität, ein Idealismus ohne Einfluss auf die praktische Realität ist für Dewey eitel, hohl und in gewisser Weise träge und feige, denn eine „überspannte Einbildung (…) kann eine ätzende Säure von Unmenschlichkeit hervorbringen“ oder „eine krankhafte Unzu-friedenheit mit der Umgebung“ erzeugen (vgl. Dewey 2004, S. 11). Gleichwohl zeigt er auch hier einen inneren Zusammenhang auf:

„Ein bestimmtes Ideal mag eine Illusion sein, aber Ideale zu haben ist keine Illusion. Es verkörpert Eigenschaften des Daseins. Obgleich die Imagination oft phantastisch ist, ist sie auch ein Organ der Natur; denn sie ist der angemessene Aspekt unbestimmter Ereig-nisse, die sich auf Resultate zu bewegen, die jetzt nur erst Möglichkeiten sind. Eine rein stabile Welt erlaubt keine Illusionen, aber sie ist auch nicht mit Idealen ausgestattet. Sie besteht nur einfach“ (Dewey 1995, S. 74).

Ideale erfüllen also für Dewey einen ganz bestimmten Zweck, sie fungieren quasi als Weg-weiser zu möglichen Veränderungen.

2.2 „Habits“ als zentrale Determinanten des Menschseins

2.2.1 Der Begriff „habit“ bei Dewey

Was dem Menschen im Allgemeinen für Eigenschaften zukommen, ist nach Dewey kaum zu definieren, da angeborene und erworbene Eigenschaften ineinander greifen, jedes Individuum ist von Anfang an äußeren Einflüssen ausgesetzt (bereits im Mutterleib). Deshalb entwirft er das Konzept der habits, welche das einzelne Subjekt in seinem Verhalten bzw. Handeln bestimmen. Doch was genau bezeichnet dieser Ausdruck?

Der Terminus „habit“ wird gewöhnlich schlicht als „Gewohnheit“ übersetzt. In der Diktion Deweys wird diese Übersetzung seinem Gebrauch und seiner Intention allerdings nicht gerecht. Zwar beinhaltet der Begriff auch den Aspekt der Gewohnheit, doch darüber hinaus bedeutet er auch „Fähigkeit“ oder wie Correll vorschlägt „Verhaltensform“ (vgl. Correll 1968, S. 75). Dewey verwehrt sich jedenfalls dezidiert gegen eine Gleichsetzung von „habit“ mit Gewohnheit im Sinne einer simplen Wiederholung oder Routine, denn diese ist völlig unflexibel, starr und automatisiert. Habits dagegen sind „Dispositionen“ oder „Neigungen“, die durch Erfahrungen erworben sind und zugleich nicht statisch wirken, d. h. sich den situa-tiven Anforderungen bis zu einem gewissen Grad anpassen können. Dewey glaubt weder an die Lock`sche Konzeption vom menschlichen Geist als „tabula rasa“ noch an eine Erklärungsweise des Menschen, die von angeborenen psychischen Fähigkeiten oder Dispositionen ausgeht. Für ihn steht der Mensch immer schon in einer wechselseitigen Beziehung mit seiner (sozialen) Umgebung bzw. Umwelt. Mit anderen Worten: Er begreift die Gewohnheiten (habits)[2] als „soziale Funktionen“, die den physiologischen oder mathe-matischen Funktionen gleichen, d.h. Erfahrungen, Einflüsse der Umgebung werden mittels der Gewohnheiten des Subjekts „verwertet“. Gleichzeitig passen sich die Gewohnheiten den Anforderungen der Umwelt an (vgl. Dewey 2004, S. 18-19). Außerdem fungieren die Ge-wohnheiten als Triebfedern oder Impulse für Handlungen, deshalb lässt sich sagen: „Wenn das Wort Wille einen verständlichen Sinn hat, so sind sie der Wille“ (Dewey 2004, S. 26). und „Gewohnheit bedeutet eine besondere Empfänglichkeit oder Zugänglichkeit für gewisse Klassen von Reizen, ständigen Neigungen oder Abneigungen, jedenfalls viel mehr als die bloße Wiederkehr besonderer Akte. Sie bedeutet Wille“ (a.a.O., S. 37), d.h. Gewohnheiten sind verantwortlich für das, was man will. Jede Gewohnheit, die ein Mensch besitzt, wirkt ständig, wenn auch teilweise auf latente Weise, sie kommt erst dann voll zum Ausdruck, wenn sie gefragt ist. „Wären nicht alle Gewohnheiten in jedem Akt dauernd in Wirksamkeit, so würde es etwas wie einen Charakter nicht geben. (…) Charakter ist die gegenseitige Durchdringung von Gewohnheiten“ (a.a.O., S. 34). Dabei gilt die folgende Proportionalität: Je konsistenter, homogener und harmonischer sich die Gewohnheiten miteinander verbinden, desto stärker und fester ist ein Charakter. Für eine beständige Identität innerhalb der Interdependenz zwischen Subjekt und Umwelt sorgt das Selbst. „Es ist vielmehr der Kern dieses Prozesses.“ Denn Dewey setzt die Gewohnheiten mehr oder weniger mit dem Selbst gleich – der Mensch ist das, was seinen Gewohnheiten entspricht, die auf der einen Seite durch Erfahrung angeeignet sind und andererseits auf die Umwelt Einfluss nehmen und für neue Erfahrungen sorgen, die wiederum Rückwirkungen auf die Gewohnheiten des Subjekts haben. Die Identität des Menschen ergibt sich also für Dewey nicht aus einer unveränderlichen Substanz des Ichs, sondern anhand der „Stetigkeit im Wandel“ der Gewohnheiten (vgl. Correll 1968, S. 76).

„Verhaltensform [habit] ist also, kurz gesagt, das, was als durchgehaltene Handlungs-intention und -gestalt die Handlungen des Menschen in einem Zusammenhang miteinan-der stehen lässt und dadurch das Sosein des Menschen bestimmt“ (a.a.O., S. 75).

[...]


[1] Die Rechtschreibung in den Zitaten wurde dem derzeitigen Stand angeglichen. Einfügungen des Autors sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.

[2] Trotz der genannten Einwände bleibe ich aus Gründen der Vereinfachung und Vereinheitlichung bei dem Terminus „Gewohnheiten“, allerdings angereichert mit der entsprechenden Bedeutungsvielfalt, die mit dem Begriff nach Dewey einhergeht.

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640659401
ISBN (Buch)
9783640659258
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153627
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Pädagogik
Schlagworte
Dewey Anthropologie Erziehungstheorie Menschenbild Gewohnheiten Pragmatismus habits

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die anthropologischen Voraussetzungen von Deweys Erziehungstheorie