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Kreditvergabe während der Subprime-Krise in den USA

Empirische Evidenz

Diplomarbeit 2009 41 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Symbolverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Subprime-Markt in den USA
2.1 Politökonomische Faktoren
2.1.1 Government-sponsored-Enterprises
2.1.2 Fair-Lending und Steuerrecht

3 Ursachenanalyse
3.1 Geldpolitische Transmission - Der Kreditkanal
3.1.1 Balance Sheet Channel
3.1.2 Bank Lending Channel

4 Innovationen in der Finanzwirtschaft
4.1 Der Prozess der Verbriefung
4.2 Implikationen für die geldpolitische Transmission
4.3 Empirische Evidenz

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Case-Shiller-Hauspreisindex

Abbildung 2: Ausgabe von MBS in den USA

Abbildung 3: Vergleich des Boom-Bust-Zyklus mit einer neutralen Geldpolitik

Abbildung 4: Leitzinsen im Vergleich 1999-2008 Quelle: Markt-Daten.de

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den empirischen Verlauf der Kreditvergabe auf dem amerikanischen Immobilienmarkt zu erläutern und die Evidenz der Entwicklung des Boom- and-Bust-Zyklus aufzuzeigen. Für den Verfasser dieser Zeilen steht es außer Frage, dass der Konjunkturzyklus zu einem unvermeidbaren Bestandteil der kapitalistischen Wirtschaft gehört und Krisen auch in der Zukunft nicht zu vermeiden sein werden. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie aus „normalen“ Konjunkturzyklen in wachsendem Maße Boom-and- Bust-Zyklen entstehen.

Die amerikanische Immobilienkrise, die sich zu einer weltweiten Wirtschaftskrise entwickelt hat, beherrscht seit mehreren Monaten die Schlagzeilen. Indes hat sich die Diskussion von den Ursachen der Immobilienkrise in verstärktem Maße zu dem Thema verlagert, wie der globalen Rezession in effektiver Weise zu begegnen sei. Die meisten G8-Staaten und die Volksrepublik China versuchen, die durch Überinvestition und Überkonsumption verursachte Krise durch eine erneute Ausweitung der Geld- und Kreditvergabe zu bekämpfen; die strukturellen Ursachen der Finanz- und Immobilienkrise treten in Anbetracht kurzfristiger, politischer Wahlzyklen in den Hintergrund. Die Perspektive dieser Arbeit liegt im speziellen auf den Vorgängen in den Vereinigten Staaten selbst. Die globale Dimension der Vorgänge wird v.a. im Hinblick auf die Geldpolitik und die Securitization nicht verschwiegen, sie kann jedoch nur skizziert werden, um das zentrale Thema ausführlich behandeln zu können.

Die aktuelle konjunkturelle Entwicklung hat nicht nur die Banken und den Unternehmenssektor der USA aufgrund seiner kurzfristigen, in der jetzigen Marktlage schwer zu refinanzierenden Schulden an den Rand der Insolvenz gebracht. Auch die Lage des amerikanischen Verbrauchers, der die amerikanische Wirtschaft durch eine Ausweitung des privaten Konsums aus der Krise führen soll, verleitet angesichts einer über Jahre gegen Null tendierenden Sparquote und der Verschuldungssituation der privaten Haushalte in den USA nicht zu der Hoffnung auf eine ökonomische Wende.

Die vorliegende Arbeit beginnt mit einem Überblick bezüglich des amerikanischen Immobilienmarktes, wobei der Schwerpunkt auf dem Subprime-Segment liegt, da sich die gegenwärtige Krise primär in diesem Marktsegment entwickelt hat. Hierbei ist es notwendig, in der gebotenen Kürze auf politökonomische Faktoren des US-Immobilienmarktes im Ganzen, v.a. aber der Ausweitung der Kreditvergabe an Schuldner geringer Bonität im Besonderen zu analysieren. Diese Ausweitung war keine evolutionäre Entwicklung des Marktes, sondern eine dem politischen Ziel einer Maximierung des Wohneigentums geschuldete Innovation.

Das dritte Kapitel befasst sich mit den makro- und mikroökonomischen Ursachen der extensiven Kreditvergabe. Im Zentrum dieses Kapitels steht der geldpolitische Transmissionsmechanismus, wobei anhand des Kreditkanals („Credit Channel“) in theoretischer Form die Rolle der Geldpolitik behandelt wird. Offensichtlich scheinen die Verschuldungssituation v.a. der amerikanischen Marktakteure und die Politik des billigen Geldes in einem kausalen Zusammenhang zu stehen. Auch der Zusammenhang zwischen Inflation und Geldmengenwachstum ist weiterhin gegeben, auch wenn die offiziell ausgewiesen Inflationsraten zu anderen Ansichten verleiten mögen.

Kapitel vier befasst sich eingehend mit dem Prozess der Securitization, ohne den die Globalität der Krise nicht denkbar wäre, wobei insbesondere die Auswirkungen der Kreditverbriefung auf den Geldschöpfungsspielraum der privaten Banken und die Risikoallokation des Gesamtmarktes analysiert werden. Die heute in der Kritik stehenden Finanzmarktinnovationen wurden allgemein begrüßt, da sie die Möglichkeit, Vermögenswerte zu besitzen, auf Menschen mit geringem Einkommen ausdehnte.

Kapital fünf schließt diese Arbeit mit einer zusammenfassenden Würdigung.

2 Der Subprime-Markt in den USA

Der Besitz von Immobilien hat für amerikanische Bürger, unabhängig von ihrer Herkunft, aus wirtschaftlichen und kulturellen Gründen eine größere Bedeutung, als dies für Europäer der Fall wäre. Insbesondere dient Wohneigentum als Teil der Altersversorge, da im Vergleich zu Kontinentaleuropa kein umfassendes System der staatlichen Altersversorge existiert.

Ein Subprime-Kreditnehmer besitzt aufgrund seiner Einkommens- und Vermögenssituation keine erstklassige Qualität, sondern hat in der Vergangenheit bereits Zahlungsausfälle oder Zwangsversteigerungen erlitten. Die hohe Ausfallwahrscheinlichkeit eines Subprime­Schuldners ist durch einen FICO-Score von 660 oder weniger gekennzeichnet.[1] Weitere bedeutende Messgrößen sind die debt-to-income-ratio als Verhältnis von Bruttoeinkommen zu Schuldendienst sowie die loan-to-value-ratio als Verhältnis zwischen Kreditsumme und dem Marktwert der eingebrachten Sicherheit. Kreditnehmer mit einer DTI über 55% und/oder einer LTV über 85% werden ebenfalls dem Subprime-Segment zugerechnet (Kiff und Mills, 2007, S. 3).

Zwischen erstklassigen und Subprime-Krediten existiert außerdem die Kategorie der Alt-A- Schuldner, die zwar relativ sicherer als Subprime-Kredite, aber aufgrund unvollständiger oder fehlender Angaben hinsichtlich des Einkommens und der Vermögenswerte nicht als erstklassig erfasst werden. Insgesamt wurden 2005 32% aller Hypothekenkredite innerhalb dieses Nonprime-Marktes vergeben, was eine Verdreifachung gegenüber den Werten von 2003 bedeutet (Mayer, Pence und Sherlund, 2008, S.3).

Ein signifikanter Unterschied gegenüber dem Prime-Markt besteht in der hohen Relevanz der Kredithistorie eines Subprime-Schuldners auf die Höhe der Zinszahlungen, während im Prime-Segment primär die loan-to-value-ratio ausschlaggebend ist.

Vor dem Hintergrund des konjunkturellen Abschwungs nach den Terroranschlägen des 11.9.2001 und der New Economy Bubble versuchte die FED mittels einer massiven Senkung der Federal Funds Rate das Wirtschaftswachstum zu beflügeln. So wurde die Federal Funds Rate von 6,5% im Januar 2001 in mehreren Tripelschritten auf 1% im Juni 2003 gesenkt und ein Jahr auf diesem historisch niedrigen Level belassen, ehe eine stetige Erhöhung der Funds Rate auf 5,25% im Juni 2006 vollzogen wurde.

In Übereinstimmung mit der keynesianischen Lehre, wonach Konsumausgaben zu höherem Wohlstand führen würden, wurde der Anstieg der Immobilienpreise positiv bewertet, da die steigenden Vermögenspreise Hauseigentümer in die Lage versetzen, neue Kredite aufzunehmen und die US-Wirtschaft somit durch zusätzliche Konsumausgaben auf einem hohen Wachstumsniveau operieren konnte.

Zu den Besonderheiten des amerikanischen Hypothekenmarktes gehört das Recht der Schuldner, festverzinsliche Kredite ohne Entschädigung kündigen und durch günstigere Darlehen ersetzen zu können. Diese Möglichkeit wird in Zeiten fallender Zinsen genutzt, um die Zinsersparnis zur Erhöhung der Hypothek und die Differenz zum Kauf langlebiger Konsumgüter zu verwenden. Sie erklären den Anstieg vergebener Subprime-Kredite zu Zeiten der Niedrigzinspolitik der FED.

Der Beginn eines verstärkten Wachstums der Hausbesitzerquoten in den USA lässt sich zum Ende der 90er Jahre konstatieren und war die Folge einer politischen Agenda der Clinton­Administration zur Förderung des Hausbesitzes einerseits sowie technologischen Neuerungen andererseits. Insbesondere die Einführung der automatischen Unterschrift hat zu erheblichen Einsparungen bei den Transaktionskosten geführt und eine Ausweitung der Kreditvergabe zu einem geringeren Zinssatz ermöglicht. Ob das System des „Automatic Underwriting“ im Zusammenhang mit der Verschärfung der Fair-Lending-Gesetzgebung steht oder lediglich eine technische Innovation darstellt, die parallel aufgetreten ist, lässt sich empirisch nicht belegen.[2]

Nach den Daten des U.S.-Census-Bureau stieg der Anteil der Hausbesitzer von 65,1% in 1995 auf 69% im vierten Quartal des Jahres 2005, wobei insbesondere afroamerikanische und hispanische Haushalte überproportional von dem Anstieg profitierten. Zu den Regionen mit den höchsten Wachstumsraten im Hinblick auf Subprime-Kredite gehörten v.a. Florida, Kalifornien, Nevada und Washington DC. Allerdings gibt es im Einzelfall auch Regionen, in denen sich ein erhöhter Anstieg der Immobilienpreise ohne das gleichzeitige Wachstum an Subprime-Krediten vollzogen hat, insbesondere im Nordosten der USA (Mayer und Pence, 2008).

Bei der Quantifizierung der Subprime-Kreditvergabe ergeben sich Schwierigkeiten, da alle in Frage kommenden Quellen letztlich deutlich verschiedene Zahlen ausweisen. Nach den Daten der privaten „Loan Performance“ (LP) stieg die Zahl der vergebenen Subprime-Kredite von 300.0 im Jahr 1998 auf 700.000 in 2002. Der Höhepunkt war 2005 mit 2.000.000 Krediten erreicht, ehe ab 2006 mit 1.500.000 Krediten ein erheblicher Rückgang zu verzeichnen war. Im Gegensatz zu den LP-Daten kommt das HUD zu dem Ergebnis von 750.000 Suprime- Krediten in 1998, einem Anstieg auf 1.000.000 in 2002 und einer Emission von 2.200.000 Krediten in 2005. Der Unterschied wird an der relativen Dimension der ausgeweiteten Kreditvergabe deutlich, nämlich einem siebenfachen Anstieg gemäß den LP-Daten im Vergleich zu einer relativ moderaten Verdreifachung des Subprime-Segmentes gemäß dem HUD. Die Diskrepanz beider Werte ergibt sich offenbar aus der unterschiedlichen Definition dessen, welche Kredite unter den Begriff „Subprime“ zusammengefasst werden. Alle in Frage kommenden Quellen zeigen jedoch deutlich, dass Subprime-Kredite häufiger zur Refinanzierung bestehender Immobilienkredite als für einen direkten Immobilienerwerb verwendet wurden. Wer 1997 eine Hypothek mit einem Zinssatz von 7,7% abgeschlossen hatte, war aufgrund der niedrigen Zinsen 2003 in der Lage, diese zu 5,8% zu refinanzieren, wobei die Differenz in der Regel als Cash ausgezahlt und für konsumtive Zwecke Verwendung fand (Feldstein 2007, S. 6).

Durch die weiterhin steigende Nachfrage nach Immobilien und der dadurch ausgelösten Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt war jedoch eine höhere Kreditsumme für den Kauf erforderlich, weshalb viele vergebene Kredite aus dem Segment des „conforming loan“ herausgefallen sind (Kiff und Mills, 2007, S.6). Zugleich führte der steigende Immobilienwert bei gleichbleibender Kreditsumme zu einem relativen Rückgang der LTV-Ratio, weshalb es aus Sicht der Marktakteure rational erschien, Immobilien zu einem überproportionalen Anteil fremd zu finanzieren.

Bei etwa zwei Dritteln aller Subprime-Kredite handelt es sich um „2/28er“, d.h. eine Hypothek hat bei einer Gesamtlaufzeit von 30 Jahren eine zweijährige Phase mit fester Verzinsung und wird nach dem Ende des zweiten Jahres an einen Marktzinssatz angepasst. Häufig handelt es sich bei der Anfangsverzinsung um einen sog. „teaser “, d.h. eine Festverzinsung, die unter dem aktuellen Marktzins liegt.[3]

Während die verbliebenen Kredite überwiegend aus festverzinslichen Darlehen bestehen, existieren dennoch weitere Finanzierungsformen auf dem Subprime-Markt. Dazu zählen „Balloon Mortgages“, bei denen die Hypothek nicht über regelmäßige Zahlungen, sondern erst am Ende der Laufzeit getilgt wird. Ebenso existieren interest-only-Kredite, für die überhaupt keine Tilgungszahlungen anfallen und Kredite mit negativer Amortization, in denen die monatlichen Ratenzahlungen nicht einmal die Zinsen abdecken, wodurch sich die Kreditsumme stetig erhöht.

Mayer und Pence (2008, S. 14) weißen zudem nach, dass Subprime-Kredite signifikant häufiger in Gebieten mit schlechteren ökonomischen Daten vergeben wurden; ebenso ist diese Form des Immobilienfinanzierung unter Afroamerikanern und Hispanics in relativ größerem Ausmaß verbreitet. Anhand des Case-Shiller-Index last sich der Boom auf den amerikanischen Immobilienmarkt in seiner Quanität darstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Case-Shiller-Hauspreisindex. Eigene Darstellung mit Daten von Standard&Poor

Der rapide Einbruch der erst 2006 vergebenen Kredite hängt mit dem verlangsamten Anstieg der Immobilienpreise zusammen. Der kontinuierliche Preisanstieg ermöglichte zahlungsunfähigen Kreditnehmern den Verkauf ihrer Eigenheime, womit die Zurückzahlung der Hypotheken sichergestellt war. Das Zusammenwirken von steigenden Zinssätzen infolge schrittweiser Erhöhungen der Federal Funds Rate und dem in vielen Regionen einsetzenden Rückgang der Häuserpreise hatten zur Folge, dass sich zahlungsunfähige Kreditnehmer ihrer Verbindlichkeiten nicht mehr auf diesem Wege entledigen konnten. Ebenso last sich ein rasanter Anstieg der Zwangsversteigerungen im Zuge der Krise erkennen, die von 650.000 in der ersten Hälfte des Jahres 2007 auf 1.200.000 in der ersten Hälfte 2008 angestiegen waren - ein prozentualer Anstieg von 79%. (Mayer, Pence und Sherlund, 2008)

Nach Angaben des Dienstleisters First American Corelogic übersteigt bei ca. 8,3 Millionen Kreditnehmern die Hypothekenschuld bereits den Wert der erworbenen Immobilie. Der Case/Shiller-Index ist seit zwei Jahren rückläufig.

[...]


[1] Bei dem FICO-Score handelt es sich um eine von der Fair Issac Corporation eingeführte Punktebewertung, mit der das Kreditrisiko von Privatpersonen geschätzt wird. Die Konditionen eines Kreditvertrages sind maßgeblich von dieser Bewertung abhängig.

[2] Die führenden Systeme sind Freddie Mac's Loan Prospector® und Fannie Mae's Desktop Underwriter®.

[3] Diese Form des Hypothekenkredits ist keineswegs auf das Subprime-Segment beschränkt, sondern hat auch im Prime-Segment zu einer Steigerung der Zahlungsausfälle geführt, da viele Kreditnehmer die Zahlungen nach Ablauf der teaser-rate unterschätzt haben.

Details

Seiten
41
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640660322
ISBN (Buch)
9783640660841
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153611
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2,0
Schlagworte
Subprime Geldpolitik (FED) Community Reinvestment Act Verbriefung Vermögenspreisinflation Austrian School Bank Lending Channel Credit Channel Immobilienkrise USA Finanzkrise Fair Lending

Autor

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