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Venedig – Weltmacht unter Ruder und Segel

Hausarbeit 2008 23 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Venedig als Weltmacht unter Ruder und Segel

II. Exkurs: Entstehungsgeschichte der Republik Venedig

III. Aufstieg: Institutionen als Voraussetzung für Wirtschaftskraft
A) Verfassung, Gesetzgebung, Regierung und Justiz
B) Verwaltung und Polizei
C) Wirtschafts- und Finanzverfassung, Transport- und Nachrichtenwesen
D) Militär

IV. Weltmacht: Vom „Trading Post Empire“ zur imperialen Seemacht

V. Abstieg: Neue Konkurrenten und Niedergang der Republik

VI. Fazit: Die „Serenissima Republica“ als Prototyp einer modernen Wirtschaftsmacht?

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Venedig als Weltmacht unter Ruder und Segel

„The problems that most believed would be contained to the mortgage markets have spread to our credit markets, our banking system, and every area of our financial sys­tem. As incredibly painful as this is for all those connected to or affected by Lehman Brothers - this financial tsunami is much bigger than any one firm or industry. [...] This is a crisis for the entire global economy. “

Mit diesem Statement begann Richard S. Fuld, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Bank Lehman Brothers, seine Aussage vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses Anfang Oktober 2008 (Fuld 2008). Fuld sollte dort neben anderen führenden Managern zur Pleite seines Bankhauses aus­sagen, die den Beginn einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise markierte. Diese Krise, vom Ökonomen Alan Greenspan als „Jahrhundertphänomen“ bezeichnet (Washington Post 2008), erfasste nahezu alle Volkswirtschaften unserer globalisierten Welt - und wird auch in den kommen­den Jahren zu erheblichen Auswirkungen nicht nur auf die Finanzwirtschaft, sondern vor allem auf die Realwirtschaft führen - und damit nachhaltige Einflüsse auf unser Wirtschafts- und Gesell­schaftsleben haben.

Die Frage ist jedoch, ob die gegenwärtige Krise ein singuläres Ereignis ist, das welthistorisch keinen Vergleich erlaubt. Öffentliche Kommentierungen zur Krise enthielten zumeist den Vergleich zur „Great Depression“ zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Doch ist der Vergleichs­maßstab tatsächlich auf das Zeitalter der industrialisierten Weltwirtschaft seit dem 19. Jahrhundert begrenzt - oder können auch viel weiter zurückliegende Wirtschaftskrisen ausgemacht werden, die ebenfalls globale Folgen für die damalige Welt hatten? Denn: Die dem Zusammenbruch von Banken folgenden erheblichen Auswirkungen auf die Realwirtschaft sind keine Folgen, die sich ausschließ­lich in der Neuzeit verorten lassen.

Zwischen 1300 und 1346 erfasste eine Welle von Bankenpleiten die oberitalienischen Städte, die selbst wirtschaftlich nahezu vollständig vom spekulativen Geldhandel abhängig waren. In der Folge verdoppelten sich allein in Venedig zwischen 1320 und 1344 die Preise, was zu enormen Einbrüchen in der Realwirtschaft führte. So brachte der Überseehandel zuletzt nur noch ein Drittel der Schiffs­mieten ein, was zu einer Verdreifachung der venezianischen Staatsschulden führte (Feldbauer / Morrissey 2004: 93). Besonders spektakulär ist der Crash des Bankhauses Peruzzi & Bardi, das 1342 in Konkurs ging. Die Ursache war ein Übermaß ein spekulativer Gier, die schon damals glo- bale Ausmaße angenommen hatte: Die florentinische Bank finanzierte mit ihrem aus dem toskani­schen Tuchhandel angesparten Kapital den englischen Königen Edward II. und III. deren Hofhal­tung und die Militär- und Flottenausgaben. Als das Königreich zahlungsunfähig wurde, brach nicht nur die Wirtschaft Englands ein - auch die oberitalienischen Städte blieben auf ihren ungedeckten Krediten sitzen. Infolgedessen bluteten die Landschaften Oberitaliens wirtschaftlich aus (Schümer 2008).

Dieses Beispiel soll illustrieren, wie individuelle Gier schon weit vor unserer Zeit zu gesamtwirt­schaftlichen Krisen mit globalen Folgen geführt hat. Der Blick auf die Finanz- und Wirtschaftskrise im 14. Jahrhundert in Oberitalien weist „überraschende Übereinstimmungen“ mit der heutigen Krise auf (Schümer 2008). Wer sie aber sinnvollerweise vergleichen will, muss zuerst die konserva­tive Einteilung der Weltgeschichte in Phasen beiseite stellen und eine neue Verwendung des Begriffs „Kapitalismus“ herbeiführen - dazu kann zuvorderst Wallersteins Weltsystemtheorie herangezogen werden, inklusive der Redefinition des Kapitalismusbegriffs (Wallerstein 1995: 256). Dies bedeutet auch, den Begriff der „Globalisierung“ neu zu verwenden - eben nicht begrenzt auf die Entwicklung seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Vertreter dieses systemischen Ansatzes der Weltgeschichte finden die Anfangslinien der Globalisie­rung im späten fünfzehnten und frühen sechszehnten Jahrhundert. Tatsächlich fand globaler Han­del schon weitaus früher statt - beginnend mit der Geschichte der Seerepublik Venedig. Die Serenis- sima kann als Prototyp einer modernen Welthandelsmacht verortet werden: Die Republik fungierte als Drehscheibe im Ost-West-Handel mit einem globalen Informations- und Kapitalnetz, basierend auf einem staatlichen Fundament, das Handel enorm begünstigte (Exenberger 2004: 2-8). Diese Grundlagen ermöglichten nicht zuletzt den Höhepunkt der venezianischen Geschichte - den Welt­machtstatus zwischen 1150 und 1500 (Feldbauer / Morrissey 2004: 10).

Die vorliegende Arbeit hat eben diese Entwicklung zum Gegenstand: Wie konnte Venedig zur wirt­schaftlichen Weltmacht aufsteigen, wie bewährte es sich und warum folgte im 16. Jahrhundert der unvermeidliche Abstieg? Die Untersuchung dieser Entwicklung soll am Ende die These bestätigen, dass Venedig gerade aufgrund seines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Institutionensystems zu Weltrang gelangen konnte. Deswegen folgt nach einem Exkurs in die Entstehungsgeschichte Venedigs (II) eine Analyse des Institutionensystems der Seerepublik (III), um die Grundlagen für die wirtschaftliche Expansion Venedigs zu belegen. Danach wird die Position Venedigs als Weltmacht unter Berücksichtigung wirtschaftlicher und politischer Strategien betrachtet (IV), worauf schließ­lich eine Übersicht über die Gründe für Venedigs Abstieg folgt (V). Die Arbeit schließt mit einem Fazit über den prototypischen Charakter Venedigs als Beispiel für eine moderne Wirtschaftsmacht (VI).

Schon an dieser Stelle kann festgestellt werden: Wirtschafts- und Finanzkrisen mit globalen Ausma­ßen sind keine Ereignisse unserer Zeit - sie wirken seit vielen Jahrhunderten auf die Lebensrealität der Menschen. Grundlage dafür ist immer die „Gier [Einzelner], die über Leichen geht“ (Schümer 2008) - die Gier nach mehr Profit, auch unter größtem Risiko. Am Beispiel Venedigs lässt sich zei­gen, welche gesellschaftlichen Voraussetzungen eben dieses unbegrenzte Streben nach Profit begünstigen - und dass die Regulierung privaten Gewinnstrebens unabdingbar für die relative Sta­bilität unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ist. Insofern hofft der Autor, mit dieser Arbeit auch einen kleinen Beitrag zur Beurteilung heutiger Fragestellungen zu leisten.

II. Exkurs: Entstehungsgeschichte der Republik Venedig

Zur Entstehungsgeschichte Venedigs existieren allerhand Mythen - in ihnen spiegelt sich das Bedürfnis, über die Geschichtsschreibung zur Lagunenstadt eine besondere weltgeschichtliche Bedeutung zu konstruieren. So sei die Republik als legitime Nachfolgerin des römischen Weltreichs einzuordnen, welches wiederum nach dem Fall Trojas aus dessen Trümmern entstanden sei. Dem­nach besiedelten die „Gefärten des Aeneas [...] den östlichen Zipfel der Poebene“, auf welche die Veneter wiederum ihre Abstammung beziehen. Schließlich seien die ursprünglich an der Küsten sie­delnden Bewohner vor dem Hunnenkönig Attila auf die Inseln der Lagunen geflüchtet (Rösch 2000: 22).

Tatsächlich sind die Laguneninseln bereits seit der Antike besiedelt, vornehmlich von Fischern und Salzproduzenten. Befestigte Bauten existierten nicht auf den Inseln, einzig eine Festungsanlage sei auf einer Insel der Stadt nachweisbar. Den Beginn Venedigs als Stadt markieren dann erst wohlha­bende Bürger, die auf den Inseln seit dem 6. Jahrhundert ihre Landsitze errichten, um den Sommer auf den Sandbänken am Meer zu verbringen. Im Rahmen der Auseinandersetzung zwischen Byzanz und den Ostgoten unterstützten diese ersten Bewohner mit ihren Schiffen die Byzantiner, eine anschließende Flüchtlingswelle vom Festland aus ließ die Bevölkerungszahl auf den Inseln der Lagune rapide ansteigen (Feldbauer / Morrissey 2004: 16).

Nach der Auflösung des Römischen Reichs fiel das Gebiet Venedigs nicht wie andere oberitalieni­sche Städte unter die Herrschaft germanischer Stämme, sondern wurde von römischen Beamten verwaltet, die weiterhin von Byzanz aus ernannt wurden. Das gesamte Gebiet am oberen westlichen Ende der Adria wurde als unerobertes Gebiet betrachtet, zuerst ohne die Anerkennung Venedigs als wirkliches Zentrum. Stattdessen wurde die religiöse Obermacht vom Patriarchen von Grado ausge­übt, währenddessen die byzantinische Militärverwaltung von Ravenna aus operierte und in Venedig nur sogenannte Tribunen bestellt hatte (Lane 1980: 18-22).

Erst 697 wurde mit Paoluccio (Paulutius) ein eigener Doge für Venedig eingesetzt. Byzanz ver­suchte nach dessen Tod im Jahre 717 die Herzogtümer Venedig und Istrien wieder zu vereinigen, was am Widerstand der venezianischen Aristokratie scheiterte. Schließlich wurde ab 726 mit Orso der erste Doge von den Venezianern selbst gewählt; Byzanz musste die Wahl der Veneter nun im Nachgang bestätigen. Damit erlangte Venedig besondere Eigenständigkeit, war aber nach wie vor an Byzanz gebunden. Erst mit dem Fall des Exarchats von Ravenna gewann Venedig als eigenes flä­chiges Gebiet an Bedeutung, da die vorigen Nachbarn, die die Herrschaft über Venedig mit ausge­führt hatten, nun selbst von den Franken beherrscht wurden - Venedig aber widerstand der Einglie­derung in das Frankenreich und blieb weiterhin Teil des byzantinischen Einflussgebiets (Heller 1999).

Als Gründungsdatum der Stadt wird von venezianischen Geschichtsschreibern jedoch ein viel frühe­res Datum angegeben - der 25. März 421. Dieser Tag wurde mit Bedacht gewählt - man setzte bewusst auf die Parallele zu Rom, das ebenfalls an diesem Tag gegründet worden sein soll. In diesen Zusammenhang gehört auch die Sage vom heiligen Markus, der fortan als Schutzheiliger der Stadt gelten sollte. Mit einer geschickten Legendenbildung wurde die Verbringung der Gebeine des Mar­kus nach Venedig als weltgeschichtlicher Akt dargestellt, der der Stadt nachhaltig den Rang sichern sollte: Im Jahr 828 erwarben venezianische Kaufleute unter dubiosen Umständen die Überreste des Heiligen und brachten sie in den Dogenpalast nach Venedig. Der Markus-Kult führte zur Schaffung einer Reihe von Insignien und Symbolen, so u.a. ab dem Jahre 1000 von Markusbannern. Viel wich­tiger ist aber der politische Wert der Reliquie: Dadurch konnte Venedig gegenüber Byzanz eine weit­gehende Eigenständigkeit sicherstellen und gab sich selbst den Titel „Serenissima Repubblica di San Marco“ (Rösch 2000: 22-26).

Jedoch gehörte Venedig nach wie vor zu Byzanz, das seinen Anspruch mit dem Friede von Aachen im Jahr 812 erneuerte. Mit der Anerkennung des Kaisertums Karls des Großen in Westeuropa ver­schaffte sich der byzantinische Kaiser Basil gleichzeitig den Zugriff auf Dalmatien, Istrien und eben Venedig. Byzanz hatte jedoch nur die formale Oberhoheit über Venedig, da es aufgrund der Ausein­andersetzungen mit der arabischen Expansion an anderen Stellen gebunden war. Auch deswegen konnte Venedig erste eigene Verträge mit den Städten am Festland schließen und ließ sich die eige­nen Besitz- und Handelsprivilegien beurkunden - allerdings nicht von Byzanz, sondern vom Kaiser Lothar I. Mit einer eigenen Seemacht wurde Venedig zudem mehr und mehr zum selbstständigen Machtfaktor im Adriaraum. Auch Byzanz selbst war auf die militärische Hilfe Venedigs angewiesen (Rösch 2000: 36-42).

Mit dem „Pactum Lotarii“ sicherte sich Venedig ab 840 also die Kontrolle über den Adriaraum. Die­ser Vertrag markierte den Beginn einer Expansion „mit eigenen Mitteln“ ohne Rücksichtnahme auf die Interessen der Obermacht in Byzanz. So erhielt die Dogenrepublik ab dem 9. Jahrhundert weit­gehende Handelsrechte für die norditalienischen Flüsse. Während die rechtliche Sicherheit der Schiffskonvois über Verträge sichergestellt wurde, schützten die Venezianer ihre Schiffe militärisch mit eigenen Kampfschiffen und fuhren in Geleitzügen. Für den Handel galten ausschließlich vene­zianische Regeln, was insbesondere im Salzgeschäft zu einer Monopolstellung Venedigs im Adria­raum führte. Doch es blieb nicht bei diesen Waren: Die Venezianer bedienten den steigenden Bedarf an orientalischen Luxuswaren. Begünstigt wurde diese Handelstätigkeit durch eine byzantinische Bulle aus dem Jahr 993, die den Händlern aus Venedig weitgehende Steuerprivilegien zusprach (Feldbauer / Morrissey 2004: 18-19).

Ab dem Jahr 900 konnte Venedig also weitgehend selbstständig agieren und im Adriaraum nahezu unbehelligt operieren - gesichert entweder durch militärische Macht oder gekaufte Sicherheit durch Tributzahlungen. Die Lagunenstadt eignete sich nahe Städte wie Comacchio an, die zuvor noch als Rivalen im Flusshandel agierten. Zugleich sank die Bedrohungslage von Seiten der Großreiche im Osten und Westen - Venedig erlebte in diesen Zeiten eine friedliche Periode, während „das Abend­land im Chaos versank“ (Rösch 2000:42).

Diese quasi ausgehandelte und gekaufte Sicherheit ermöglichte es Venedig, sich als Handelsmacht zu etablieren. Dazu ist ein engmaschiges Informationsnetzwerk notwendig: Durch ihre Zugehörig­keit zu Byzanz konnten die Veneten in die muslimischen Länder an der Levante und an die Küsten Nordafrikas Kontakte aufbauen. Hinzu kommen Verbindungen zu den Häfen im westlichen Mittel­meer. Dementsprechend veränderte sich auch die Warenpalette: War Venedig zuvor vor allem im Salz- und Lebensmittelhandel aktiv, verdingte es sich mehr und mehr mit Luxuswaren, wie z.B. Tuche, Seide, Goldfäden, Edelsteine oder Gewürze. In Richtung des Orients wurden nun auch ver­mehrt Hölzer und Metalle geliefert. Hinzu kommt der Sklavenhandel mit noch nicht christianisier­ten Slawen. Die venezianischen Kaufleute konnten nun den wachsenden europäischen Markt bedie­nen, der durch ein enormes Bevölkerungswachstum immer weiter anwuchs. Besonders profitiert hat Venedig von den Kreuzzügen, die den Seehandel in Richtung Konstantinopel und der Levante ansteigen ließen. Gleichzeitig nutzten die Venezianer einen erheblichen Wettbewerbsvorteil aus: Während Pisaner 4% und Genuesen 10% ihres Handelswertes in Zöllen abführen mussten, konnten die zum byzantinischen Reich gehörenden Veneten nahezu abgabenfrei handeln (Rösch 2000: 57­60).

Die Venezianer hatten für ihren Fernhandel eine besondere Taktik entwickelt: Ihre Schiffe liefen in Geleitzügen - in der Regel im Frühjahr und im Herbst - aus. Dabei wurden die Züge von Galeeren­geschwadern eskortiert, die normalerweise den Adriaraum gegen Seeräuber schützten. Der Geleit­zug wurde dann geteilt: Ein Teil der Schiffe fuhr weiter nach Romania, also Richtung Konstantino­pel und hin zum Schwarzen Meer, der andere Teil fuhr nach Oltremare, das heißt nach „Übersee“ in Richtung Levante. Bis zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden so auch erste venezianische Außenposten, vor allem im Bereich Konstantinopels. Venedig entwickelte sich mehr und mehr zur Drehscheibe zwischen Ost und West, indem es den Warenaustausch zwischen Orient und Okzident abwickelte. So gelangten Luxusgüter in den Westen und Wollstoffe und Metallwaren in den Osten (Lane 1980: 115-120).

Seine Stellung als Drehscheibe des Handels hatte Venedig vor allem den umfangreichen Handelspri­vilegien zu verdanken: Bereits 1082 erhielt es vom byzantinischen Kaiser Alexios Komnenos I. zum Dank für die Hilfe beim Kampf gegen die Normannen in Süditalien die Handelsrechte für nahezu das gesamte byzantinische Reich. Ebenso nutzte Venedig das Handelsprivileg für das Heilige Römi­sche Reich, das von Kaiser Heinrich IV. verliehen wurde - danach durften Reichsangehörige nur bis Venedig handeln, während die Venezianer den Weitertransport selbst erledigten. Diese umfangrei­chen Handelsrechte sicherten also Venedigs Funktion als Drehscheibe und ermöglichten einen Auf­stieg als kommende Handelsmacht (Rösch 2000: 47).

Doch der Aufstieg Venedigs ging nicht ohne Spannungen von sich: Der byzantinische Kaiser Manuel sah den eigenen Handel durch das venezianische Wachstum bedroht und ließ kurzerhand 1171 alle Venezianer in Konstantinopel verhaften, mehrere Tausend Venezianer sollen der Strafak­tion zum Opfer gefallen sein. Mit einem Schlag verlor Venedig den Zugriff auf das Handelsgeschäft in Richtung Osten - diese Situation nutzten die Konkurrenten Pisa und Genua sofort aus. Mehrere Jahrzehnte vergingen, bis die Verluste ausgeglichen waren, wobei inzwischen auch anderswo im byzantinischen Raum Progrome gegen Lateiner stattfanden. Während ein kurzfristiger Gegen­schlag Venedigs fehlschlägt, kann die Lagunenstadt erst 1204 den Sieg über das vorherige Herr­scherreich feiern: Im Zuge des vierten Kreuzzugs erhält Venedig nicht nur Konstantinopel, sondern auch rund drei Achtel des byzantinischen Reiches, sowie Kreta (Rösch 2000: 60-65).

Venedig kann sich also von einer unbedeutenden Lagunenstadt zur Handelsmacht mit Weltgeltung entwickeln. Dafür lassen sich zusammenfassend folgende wichtige Voraussetzungen beschreiben: Eine kluge Vertragspolitik in Richtung West und Ost (1.), die sinnvolle Investition von militärischer und wirtschaftlicher Kraft bei der Unterstützung von mächtigeren Partnern (2.) und die Ausnutzung von umfangreichen Handelsprivilegien und Kostenvorteilen als Grundlage für einen effektiven See­handel (3.). Die dafür notwendigen inneren Voraussetzungen und Institutionen werden im folgen­den Kapitel beschrieben.

III. Aufstieg: Institutionen als Voraussetzung für Wirtschafts­kraft

Grundlage wirtschaftlicher und militärischer Stärke ist eine innenpolitisch stabile und effektive Ord­nung des Staates. In der Geschichtsanalyse wurde die nahezu konfliktfreie Gesellschaftsentwicklung Venedigs zum Mythos verklärt - so sei die innere Verfasstheit des venezianischen Staates die „Vollendung aristokratischer Prinzipien“ (Feldbauer / Morrissey 2004: 117). Tatsächlich liegt es auf der Hand, dass eine gefestigte innere Ordnung das Wachstum nach außen begünstigt. Dazu gehö­ren zweifelsohne funktionierende wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen - seien sie nun Behörden oder eben Rechtsnormen, deren Bindekraft das Wirtschafts- und Gesellschaftsleben der Serenissima zusammenhält. Einige maßgebliche Bausteine des venezianischen Staatsaufbaus sollen deswegen in ihrer Entwicklung und Wirksamkeit in diesem Kapitel beschrieben werden, immer unter Berücksichtigung der Bedeutung für die Weltmacht Venedigs im Bezug auf den Außenhandel nach West und Ost.

[...]

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640659531
ISBN (Buch)
9783640659647
Dateigröße
752 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153610
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Historisches Seminar
Note
Schlagworte
Venedig Globalisierung Weltmacht Seemacht Mittelalter Frühe Neuzeit Seehandel Handel Prototyp Serenissima Republica Seekrieg Mittelmeer Levante Gold Silber Gewürzhandel Gewürze Geschichte Entstehung Banken Bank Wechsel Kredit Zinsen Währung Seerepublik

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