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Veränderte Darstellung von Familienstrukturen/Kindheit in der Kinder- und Jugendliteratur

Analyse des Jugendbuchs „Und was mach ich?“ von Gudrung Pausewang

Studienarbeit 2007 33 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Familie im Wandel

3. Untersuchung des Jugendbuchs „Und was mach ich?“ von Gudrun Pausewang in Bezug auf die dargestellte Familienstruktur und die Beziehung der Familienmitglieder untereinander
3. 1. Inhaltsangabe
3.2. Charakteristik und Rollen der Hauptfiguren
3.3. Die Familie Kröger
3.3.1. Familienform
3.3.2. Probleme und Spannungen innerhalb der Familie
3.3.3. Die Bedeutung ihrer Brüder für Nele
3.3.4. Umgang mit Problemen/Krisen
3.3.5. Zuflucht
3.3.6. Neles Entwicklung
3.3.7. Beziehung der Eltern untereinander

4. Die Darstellung von Familie/Kindheit in der Kinder- und Jugendliteratur
4.1. Der Wandel
4.2. Dargestellte Familienformen
4.3. Arten von Familienromanen für Kinder und Jugendliche
4.3.1. Der psychologische Familienroman
4.3.2. Der komische Familienroman

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des Seminars „Jugendliteratur“ möchte ich mich vertiefend mit der Darstellung von Familienstrukturen bzw. Kindheit in der Kinder- und Jugendliteratur auseinandersetzen, wobei mein Schwerpunkt sich der Jugendliteratur widmet und die Kinderliteratur in Form von Bilderbüchern außer Acht lässt. Dabei möchte ich neben der aktuellen Darstellung auch auf den Wandel eingehen, der sich bei der Beschreibung von Familien und Familienproblemen in der Jugendliteratur vollzogen hat.

Zunächst werde ich einen kurzen Überblick der Familiensituation in Deutschland geben, die sich seit der vorindustriellen Zeit bis heute verändert hat, um einen Bezug zur Realität herzustellen. Anschließend werde ich, um zusätzlich eine praktische Aktualität aufzuweisen, ein Jugendbuch bezüglich der dargestellten Familienform und des Umgangs der Familienmitglieder untereinander analysieren. Zu diesem Zweck habe ich das Buch „Und was mach ich?“ von Gudrun Pausewang gewählt, dessen Erstausgabe im Jahr 2003 erschienen ist. Das Buch ist für jugendliche Leser/Leserinnen ab 13 Jahren geeignet. Auf stilistische Mittel, die die Autorin verwendet, werde ich bei meiner Analyse nicht eingehen, sondern ausschließlich auf die Familienstruktur.

Des Weiteren wird mir die wissenschaftliche Forschung Aufschluss darüber gewähren, wie sich Familiensituationen in der Kinder- und Jugendliteratur verändert haben und wie sie aktuell dargestellt werden.

Meine Fragestellung, die sich aus diesem umfangreichen Themengebiet ergibt, ist, ob und inwiefern sich der gesellschaftliche Wandel in der Jugendliteratur niederschlägt.

2. Familie im Wandel

In der vorindustriellen Zeit leben häufig mindestens zwei Generationen einer Familie kontinuierlich in einem Haus zusammen und bilden die Großfamilie, die eine Wirtschafts- und Versorgungsgemeinschaft ist, jedoch nicht die vorherrschend gelebte Familienform darstellt. In der Zeit um 1950 bis 1960 ist die traditionelle Kleinfamilie bzw. Kernfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und zwei bis drei Kindern, sehr verbreitet.[1]

Durch einen Wandel des Verständnisses der Ehe, welche früher aus wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit geschlossen wird und weniger aus persönlichen und emotionalen Gründen sowie der veränderten der Rolle der Frau, die früher ausschließlich für die häusliche Arbeit und die Kinderbetreuung verantwortlich ist, wohingegen der Mann durch eine autoritäre Rolle des Familienvaters und Versorgers geprägt ist, entsteht eine Pluralisierung an Lebensformen.[2]

Die mit der Zeit zunehmende Erwerbstätigkeit der Frau und die veränderten Lebens- und Berufsperspektiven sind Indikatoren für deren Unabhängigkeit. Da somit nicht mehr vordergründig wirtschaftliche Faktoren der Beweggrund für eine Eheschließung sind, treten persönliche und emotionale Entscheidungen in den Vordergrund. Dadurch verlieren die Ehen an Stabilität und gehen häufiger auseinander als zuvor, da die Ehepartner nicht unbedingt länger ökonomisch aufeinander angewiesen sind. Die Scheidungsrate hat sich in Deutschland von 1970 bis 1985 verdoppelt, wodurch der Anteil der Ein-Eltern-Familien gestiegen ist.[3] Die traditionelle Institution „Ehe“, die die Grundlage einer Familie darstellt, hat an Bedeutung verloren. Viele Paare leben in eheähnlichen Gemeinschaften, wobei diejenigen mit Kindern überwiegend verheiratet sind.[4]

Des Weiteren ist eine Pluralisierung der Lebensformen zu verzeichnen: Die Kern- bzw. Kleinfamilie stellt zwar nach wie vor die meist gelebte Familienform dar - unabhängig davon, ob die Paare verheiratet sind oder lediglich in einer eheähnlichen Gemeinschaft leben. Es existieren dennoch viele unterschiedliche Familien- und Lebensformen nebeneinander, z. B. Ein-Eltern-Familien mit Vater oder Mutter in Folge einer Scheidung oder Verwitwung, Adoptivfamilien, Patch-Work Familien und Paare ohne Kinder.[5]

Aus den veränderten Lebensformen hat sich ebenfalls ein Wandel in der Kindheit sowie der Erziehungsstile und –ziele vollzogen: Durch eine Humanisierung und Demokratisierung im Zusammenleben zwischen Kindern und Erwachsenen haben die Kinder und Jugendlichen bessere Möglichkeiten ihre Persönlichkeit zu entfalten. Die Erziehungsstile haben sich von der Befehls- zur Verhandlungserziehung gewandelt und somit hat eine „Entdramatisierung des Generationskonflikts“[6] statt gefunden. Die Heranwachsenden werden von ihren Eltern zu Selbstständigkeit und Selbstbestimmung erzogen, wohingegen früher Autonomie und Gehorsam das Leitbild der Erziehung geprägt haben.[7]

3. Untersuchung des Jugendbuchs „Und was mach ich?“ von Gudrun Pausewang in Bezug auf die dargestellte Familienstruktur und die Beziehung der Familienmitglieder untereinander

3.1. Inhaltsangabe

In dem Jugendbuch „Und was mach ich“ von Gudrun Pausewang geht es um die 13- bzw. 14jährige Nele, deren Eltern beide einen Friseursalon führen. Da Neles Brüder Sascha und Tobias bereits das Elternhaus verlassen haben, weil sie den Salon des Vaters nicht übernehmen wollen, sind Neles Eltern davon überzeugt, dass diese später Friseurin wird und den Salon der Mutter übernimmt. Doch Nele weiß noch gar nicht, was sie einmal werden möchte – Friseurin jedoch auf keinen Fall. Sie sehnt sich einfach nur nach Freiheit und einer „Portion Einsamkeit“[8].

Nele, die eigentlich Cornelia Kröger heißt, wünscht sich eine eigene „heimliche Bude“[9], in die niemand ohne ihre Erlaubnis einfach herein kommen kann so wie in ihrem Zimmer in der Wohnung der Eltern. Sie fühlt sich durch die Angst und Sorgen der Eltern eingeengt. Sie möchte so leben wie es ihr gefällt und frei sein.

Nele entdeckt auf dem Rohbau eines Hochhauses in der Klettbachstrasse einen kleinen „Würfel“[10]: ein einziger kleiner Raum mit einem kleinen Fenster und einer Tür aus Eisen, den sie sich nach ihren Wünschen mit Möbeln vom Sperrmüll einrichtet. Der Rohbau hat elf Stockwerke. Um auf das Dach zu dem Würfel zu gelangen, muss man einen 50 cm breiten Spalt, der zwischen Treppe und Dachterrasse in die Tiefe führt, überqueren.

Auf dem Grundstück des Rohbaus lernt sie Jupp, einen rothaarigen und rotbärtigen Obdachlosen kennen, der dort ebenfalls sein Lager aufgeschlagen hat. Nele freundet sich schnell mit ihm an. Nach einiger Zeit finden sich weitere Personen auf dem Grundstück ein, die ihr Vater als „Asoziale“[11] und ihre Mutter als „Bodensatz“[12] bezeichnen würde.

Doch für Nele werden Minus, der ehemalige Buchhalter, der nach Seife duftet, das Pärchen Waldi und Pomponia und die Prostituierte Gittel mit der blonden Lockenperücke, die in einem bunten Wohnmobil lebt, gute Freunde, auf die sie sich verlassen kann und von denen sie lernt, dass das Leben auch anders sein kann.

Jeden Mittag nach der Schule geht Nele zu ihrem „Würfel“ und ihren neuen Freunden, doch um sechs, wenn ihre Eltern ihre Salons schließen, muss sie zu Hause sein.

Von ihrem „Würfel“ und dem Leben hinter dem Bauzaun in der Klettbachstraße erzählt sie niemanden, nicht einmal ihren besten Freundinnen Lisa, Molle und Marion. Die Angst, dass ihre Eltern ihr Geheimnis herausbekommen und sie es gezwungenermaßen aufgeben müsse, ist zu groß. Denn Lisa erzählt alles ihrer Mutter und diese würde dann alles Neles Mutter erzählen.

Gittel, die so etwas wie eine Ersatzmutter für Nele wird, bringt sie auf die Idee mit dem Fotografieren und Nele bekommt von ihren Eltern eine eigene Kamera zu ihrem 14. Geburtstag. So ziehen die beiden gemeinsam durch die Stadt und machen viele Bilder - vorwiegend von obdachlosen Menschen. Einmal treffen sie sich sogar abends als ihre Eltern bei der kranken Oma in Osnabrück sind. An diesem Abend bekommt Nele auf der Bahnhofstoilette etwas Schreckliches zu sehen: ein junges Mädchen liegt bewusstlos in der Toilette und Nele sieht die Einstiche von Spritzen in ihrer Armbeuge.

Nele vermisst ihre Brüder sehr, denn als sie noch da waren, hat sie sich in ihrer Familie noch wohl gefühlt. Tobias, ihr älterer Bruder hat in dem Friseursalon des Vaters gelernt, obwohl ihn niemand dazu überredet hat. Doch Tobias hatte Spielschulden und verschwindet eines Tages in die USA, wo er im Gefängnis sitzt. Davon erfährt Nele erst sehr spät.

Nachdem Tobias nicht mehr zu Hause ist, soll Sascha einmal Vaters Friseursalon übernehmen. Doch Sascha ist nicht so anpassungsfähig. Mit dem Druck der Eltern beginnt er eine Lehre in einem Friseursalon, er reagiert jedoch mit Protest und lässt sich seine Haare bis auf die Schultern lang wachsen und wäscht sie nur selten. Seit dem Sylvesterabend, an dem die Verwandten zu Besuch sind, ist alles anders geworden: Sascha wird festgehalten, dass er sich nicht wehren kann und der Vater schneidet seine Haare ab. Am nächsten Morgen ist auch Sascha verschwunden.

Lange Zeit ist Sascha schon weg und Nele ahnt nicht, wo er sich aufhält. Auch als er zwischendurch zweimal nach Hause kommt als die Eltern an der Arbeit sind, verrät er Nele nichts. Aber er verspricht ihr, dass er sie eines Tages abholen würde. Da er keine Adresse hat, sagt sie ihm, dass sie Nachrichten für ihn unter der alten Trauerweide verstecken würde.

Eines Tages erhalten die Krögers eine furchtbare Nachricht: Sascha wurde am Fuß eines mehrstöckigen Gebäudes tot aufgefunden.

Als Nele zu ihrem „Würfel“ gehen will und erkennt, dass der Bauzaun abgebaut und all ihre Freunde verschwunden sind, wird ihr klar, dass Sascha ihre Nachricht erhalten haben muss. Er wollte zu ihr und hat in der Dunkelheit der Nacht den Spalt zwischen Treppe und Dachterrasse nicht sehen können - ein Schock für Nele. Und auch das Leben hinter dem Bauzaun in der Klettbachstrasse ist nun vorbei.

3.2. Charakteristik und Rollen der Hauptfiguren

Nele: Sie heißt Cornelia Kröger, ist dreizehn Jahre alt und wird am 26. Juli vierzehn. Obwohl ihr Vater sagt, sie sei „dreizehn Jahre jung“[13], fühlt sie sich selbst eigentlich „dreizehn Jahre alt, fast schon erwachsen“.[14]

Häufig fühlt sie sich durch die Angst und Sorgen der Eltern eingeengt. Für Nele ist es wie „ein unsichtbarer Käfig“[15], in dem sie gehalten wird. Sie muss zu Hause sein, wenn ihre Eltern Feierabend haben oder anrufen, wenn sie später kommt. Tagsüber versorgt sie sich alleine, denn sie wird immer selbstständiger. Nele sehnt sich nach Freiheit und einem Leben, wie es ihr gefällt, sie sagt, sie will frei sein und „fliegen können“[16]. Dennoch sehnt sie sich auch nach Einsamkeit, Zeit zum Nachdenken, bei der sie niemand stört.

Nele wünscht sich respektiert zu werden. Obwohl sie nicht gut lügen kann, lässt sie sich manchmal kleine Notlügen und Ausreden einfallen, damit ihr Geheimnis von ihrem „Würfel“ nicht herauskommt.

Sie hat eine starke innere Bindung zu ihren beiden Brüdern Tobias und Sascha und diese sind für Nele ein Vorbild.

Nele weiß noch nicht, welchen Beruf sie einmal erlernen möchte. Doch eines weiß sie schon ganz sicher: auf keinen Fall Friseurin, da sie die Gerüche in den Salons ihrer Eltern nicht ausstehen kann.

Mutter: Ihr Name ist Karin Kröger, geborene Flausch, sie ist siebenundvierzig Jahre alt, Friseurin und besitzt einen eigenen Damenfriseursalon. Sie ist sehr tüchtig und ihre Arbeit sowie ihr Erscheinungsbild sind ihr sehr wichtig. Deshalb geht sie niemals ohne Make-Up auf die Straße und ihre Haare sind stets gut frisiert. Zurzeit sind ihre Haare rot gefärbt. Sie legt großen Wert darauf, dass die Probleme der Familie nicht nach außen und zu der Kundschaft durchdringen, daher erfindet sie oft Lügen, um die tadellose Fassade der Familie nach außen zu wahren. Durch ihre Arbeit bleibt wenig Zeit für Freizeit und die Familie.

[...]


[1] vgl. Bertram, Hans: Familien: Lebensformen für Kinder. S. 60 - 63

[2] vgl. Geitner, Erwin: Die Darstellung der Familie in Kinder- und Jugendbüchern heute. S. 30

[3] vgl. Hofer, Manfred: Familienbeziehungen. S. 42

[4] vgl. Fuhs, Burkhard: Auslaufmodell? Die Lebensform Familie hat sich verändert. In: Julit. 03/05. München: Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V. 2005. S. 5

[5] vgl. Ebd. S. 3 - 4

[6] Daubert, Hannelore: Familie im Umbruch. Kinder- und Jugendliteratur als Spiegel eines gewandelten Kindheits- und Familienbildes. In: Julit. 03/05. München. Arbeitskreis für Jugendliteratur e. V. 2005. S. 14

[7] vgl. Ebd. S. 14

[8] Pausenwang, Gudrun: Und was mach ich? S. 7

[9] Ebd. S. 10

[10] Ebd. S. 21

[11] Ebd. S. 51

[12] Ebd. S. 51

[13] Ebd. S. 18

[14] Ebd. S. 18

[15] Ebd. S. 21

[16] Ebd. S. 21

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Titel: Veränderte Darstellung von Familienstrukturen/Kindheit in der Kinder- und Jugendliteratur