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Gottesbilder im Vergleich: Koranische Christologie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 22 Seiten

Theologie - Vergleichende Religionswissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die Bedeutsamkeit Jesu im Koran

2. Gemeinsamkeiten von Leben und Botschaft Jesu in Bibel und Koran

3. Das koranische Verständnis von der Wesensnatur Jesu

4. Die eschatologische Aufgabe Jesu

5. Substitution statt Kreuzestod?

6. Fazit: Die (Un-)Vereinbarkeit von Koran und Bibel?

7. Literaturangaben

1. Einleitung: Die Bedeutsamkeit Jesu im Koran

Nach islamischem Glauben enthält der Koran, die heilige Schrift des Islam, die göttlichen Offenbarungen, welche der islamische Prophet Muhammad zwischen 610 und 632 n.Chr. verkündet hat. Zur Überraschung vieler Menschen tritt im Koran auch die Figur Jesus von Nazaret auf - ein Umstand, den der Theologe und Religionswissenschaftler Adel Theodor Khoury damit erklärt, dass Muhammad vor seinem prophetischen Auftreten Begegnungen als Karawanenreisender mit Christen nach Palästina und Syrien hatte, deren Erfahrungen und Erkenntnisse sich später im Koran niederschlugen.[1] Die Aufgabe der vorliegenden Hausarbeit soll nun darin bestehen, diesen Stellen im Koran nachzugehen, um auf diese Weise eine möglichst allgemeine Darstellung der koranischen Sicht über Jesus von Nazareth herauszustellen, ergo sich um eine koranische Christologie zu bemühen.

Zunächst muss festgehalten werden, dass die Darstellung des Jesus von Nazaret im Koran im Großen und Ganzen fragmentarisch bleibt: Ähnlich wie die neutestamentlichen Evangelien einzeln betrachtet in ihrer Theologie nicht vollständig erscheinen oder ebenso wie die urchristliche Logiensammlung Q in ihrem formalen Aufbau eher unsystematisch wirkt, so fehlt es auch im Koran an einem komplexen, durchstrukturierten Bild über Jesus. Abgesehen von zwei längeren Berichten über die jungfräuliche Empfängnis werden Zitate Jesu oder Beschreibungen seiner Person in den übrigen Text mit stellenweise ganz andersartigen Themen verwoben und erscheinen nicht in einer chronologischen oder inhaltlich logischen Reihenfolge. In den 114 Suren (Kapiteln) der heiligen Schrift des Islams kommt Jesus in 15 Suren einerseits durch kurze Erwähnungen (z.B. in allgemeinen Prophetenaufzählungen) zum Vorschein, andererseits in längeren Passagen direkt zu Wort.

Ein solche scheinbare Unordnung darf jedoch auf keinen Fall als Missachtung von Jesus verstanden werden, da der Surenablauf im gesamten Koran nicht chronologisch strukturiert ist. Stattdessen orientiert er sich an dem Kriterium der abnehmenden Zeilenanzahl der einzelnen Suren: Demnach nimmt die Summe an Zeilen von der ersten bis zur letzten Sure ab.[2] Dem zufolge ist heutzutage Sure 108 mit drei Versen auf anderthalb Zeilen am kürzesten und am längsten die Sure 2 mit 286 Versen auf ca. 615 Zeilen.[3]

Prinzipiell ist es unangemessen zu behaupten, dass der Koran der Persönlichkeit Jesus wenig Aufmerksamkeit widmen würde. Ganz im Gegenteil, wie sich am folgenden Zahlenbild beweisen lässt: Dem Koran zu Folge hat Gott der Menschheit im Laufe der Zeit circa 124.000 Propheten entsandt, von denen im Koran genau 28 (meist hebräische) namentlich erwähnt werden. Von dieser Gruppe wiederum erhalten neun Propheten die Bezeichnung „rasul“, einen Ehrentitel, der sich mit „Gesandter“ übersetzen lässt und der für die ganze Menschheit höchste Bedeutung hat. Nach islamischem Verständnis führt ein „rasul“ nämlich schriftlich fixierte Worte Gottes für alle Menschen der Welt mit sich - ganz im Gegensatz zu einem Propheten, der eine ihm nur mündlich von Gott mitgeteilte Botschaft mit sich trägt, welche auch lediglich an ein bestimmtes Volk oder an wenige spezifische Völker gerichtet ist. Zu diesen erwählten Neun gehört nun u.a. Jesus, obwohl er selbst nach christlichen Überlieferungen nichts Schriftliches an seine Jünger übergeben hat. Bei diesen neun „rasuls“ findet eine erneute Selektion statt: So bestimmt Gott vier von ihnen, um als unentbehrliche Mittler zwischen ihm und der gesamten Menschheit zu fungieren. Erwählt werden Adam, Moses als der „Freund Gottes“, Jesus als das „Wort Gottes“ und Muhammad als das „Siegel der Propheten“.

Nicht nur, dass der Koran damit neben der Bibel die einzige Heilige Schrift einer Weltreligion darstellt, die Jesus überhaupt erwähnt, was an sich schon eine Würdigung bedeutet, des weiteren wird Jesus dort außerdem im Rahmen einer äußerst gravitätischen Ehrung zu den vier wichtigsten Menschen der Menschheit gerechnet. Der von Christen (wie z.B. vom Theologen Dr. Andreas Maurer zumindest in Ansätzen)[4] vorgebrachte Vorwurf, der Islam halte Jesus in respektloser Weise lediglich für einen Propheten von vielen, ist somit bereits ohne tiefgreifende Evaluation des Korans gegenstandslos geworden: Denn trotz der Einstufung zu einem Propheten von 124.000 muss man in Erinnerung behalten, dass Jesus sozusagen als einer der „Ersten unter Gleichen“ im Koran gesehen wird und bei vielen Muslimen religiös motivierten Respekt erfährt.

2. Gemeinsamkeiten von Leben und Botschaft Jesu in Bibel und Koran

Bis zu einem gewissen Grad decken sich koranische und neutestamentliche Aussagen bezüglich Jesu Herkunft, Leben und Botschaft: Wie Sure 19, 20[5] deutlich macht, ist es ein fester Teil islamischen Glaubens, dass Jesus jungfräulich empfangen wurde. Dieser Umstand erhält im Koran noch insofern verstärkt Ausdruck, als dass Marias biblischer Lebensgefährte Josef keinerlei Erwähnung findet, und sich Maria vor und nach ihrer Empfängnis in der Einsamkeit der Wüste aufhält.[6] In der Erzählung von Jesu Geburt sind im weiteren typologische Elemente enthalten.[7] So heißt es, dass „Maria den Jesus an einem fernen Ort gebar“[8], „auf einem flachen, fruchtbaren Höhenzug mit Quellwasser“[9], „das ist Bethlehem, unter einer Palme; sie fand eine Palme und ernährte sich von Datteln.“[10] Eine ähnliche Geschichte entdeckt man in Genesis 21, 14-19, wo Hagar, die nach ihrer Verstoßung durstend in der Wüste von Beerscheba umherirrte, den Knaben Ismael unter einen Strauch legte und durch göttliche Weisung Wasser fand.

Maria, die im Islam als Prophetin ohne besondere Botschaft gilt, kam ebenfalls in Lebensgefahr und wurde durch ein Wunder, die Intervention des Knaben Jesus, gerettet. Die Israeliten brachten nämlich eine „gewaltige Verleumdung“[11] gegen Maria vor, indem sie Maria des Ehebruchs beschuldigten, worauf nach rabbinischem Gesetz Tod durch Steinigung oder Erdrosseln stand. Jesus rettete seine Mutter dadurch, dass er sich, indem er schon als Säugling des Sprechens mächtig war, als Prophet auswies und in einer Vorschau sein Wunderwirken – Krankenheilung und Totenerweckung – bekannt gab. Die Thora werde er bestätigen, die jüdischen Speisegesetze aber mildern.[12]

Aus dem Leben Jesu kennt der Koran außer diesem Selbstbekenntnis nur wenige Episoden, nämlich die Wahl der Apostel (betitelt als answar / „Helfer“)[13] und die Herabsendung des Tisches[14], wohl eine Anspielung auf die wundersame Brotvermehrung.

Kommen wir zu den Differenzen in der Verkündigungslehre: Vergleicht man die koranische Botschaft Jesu mit der biblischen, so lässt sich kein gravierender Unterschied in den Hauptpunkten erkennen. In beiden Schriften ruft Jesus (1) die Menschen zur Umkehr zu einem (2) gnädigen und liebenden Gott auf, sie sollen (3) Gott und (4) einander lieben, (5) am Ende der Welt gibt es eine Auferstehung der Toten und (6) eine Art Jüngstes Gericht, wo die Bösen von den Guten getrennt und gerichtet werden.

Auch wenn der Koran kein direktes Gegenstück zu dem biblischen Dekalog[15], einen knappen Katalog ethischer Grundnormen und einen der Kernpunkte biblischer Botschaft, enthält, so kann man in Sure 17, 22-39 und in Sure 6, 151- 153 dennoch eine Auflistung von sehr ähnlichen Grundgeboten erkennen:

„[22] Setze nicht neben Gott einen anderen Gott […]

[23] Und bestimmt hat dein Herr, dass ihr ihm allein dienet und dass ihr gegen eure Eltern gütig seid […]

[26] Und gib dem Verwandten, was ihm gebührt, und dem Armen und dem Kämpfer auf Gottes Weg […]

[31] Tötet nicht eure Kinder aus Angst vor Verarmung […]

[32] Und bleibt fern der Hurerei […]

[33] Und tötet keinen Menschen, den euch Gott verwehrt hat, es sei denn um der Gerechtigkeit willen […]

[34] Und bleibt fern dem Gut der Waise, außer zu ihrem Besten, bis sie das Alter der Reife erreicht hat. Und haltet den Vertrag […]

[35] Und gebet volles Maß, wenn ihr messet, und wäget mit richtiger Wage […]

[36] Und fuße nicht auf dem, wovon du kein Wissen hast […]

[37] Und schreite nicht auf der Erde stolz einher […]“[16]

Neben diesem koranischen „Dekalog“ existiert eine weitere Version der „Zehn Gebote“, die inhaltlich und formal noch eher der biblischen Fassung entspricht. Diese vom islamischen Gelehrten Thalabis (um 1000) aufgesetzte Fassung ist ein Teil der Qisias al-Anbija, der sog. „Prophetenlegenden“, die zwar niemals kanonischen Status erhalten haben (und deshalb in zahlreichen Varianten kursieren), sich aber dennoch oftmals gerade in der Volksfrömmigkeit großer Beliebtheit erfreuen. Neben den alttestamtlichen Regeln nimmt dieser koranische Dekalog die „Goldene Regel“[17] mit auf, wohingegen er auffälligerweise das Sabbatgebot auslässt. Dies ist damit zu erklären, dass der Islam die Begründung dieses Gebots, nämlich die Ruhepause Gottes, ablehnt, da ihnen eine solche Gottesvorstellung als zu anthropomorph erscheint und Allahs folgender Selbstaussage widerspreche:

[...]


[1] Vgl. KHOURY, Adel Theodor: „Unser Gott und euer Gott ist einer - Der Koran über das Christentum“; S. 52; in: Welt und Umwelt der Bibel: „Von Jesus zu Muhammad“ (Nr. 35); Stuttgart 2005, S. 3.

[2] Vgl. BOBZIN, Hartmut: „Der Koran- Eine Einführung“ (4. Auflage); München 1999, S. 21.

[3] Die erste Sure Fatiha / („Die Eröffnende“) sowie die letzten Suren wurden dabei aufgrund ihrer

besonderen theologischen Aussagekraft oder Schönheit von der normalen Reihenfolge ausgenommen.

[4] Vgl. MAURER, Andreas: „Basiswissen Islam“; Holzgerlingen 2002, S. 76.

[5] Sämtliche Koranpassagen werden, wenn nicht anders angegeben, zitiert nach der Übersetzung von

KHOURY, Adel Theodor: „Der Koran“ (3. Aufl.); Gütersloh 2001.

[6] Vgl. Sure 19, 27.

[7] Vgl. BUSSE, Heribert: „Die bedeutenden biblischen Gestalten im Koran“; S. 54-58.

[8] Vgl. Sure 19, 22.

[9] Vgl. Sure 23, 50.

[10] Vgl. Sure 19, 23f.

[11] Vgl. Sure 4, 145.

[12] Vgl. Sure 3, 49f.

[13] Vgl. Sure 3, 52f.

[14] Vgl. Sure 5, 112-115.

[15] Vgl. Ex 20, 1-17 od. Dtn 5,6-21.

[16] Vgl. Übersetzung aus HENNING, Max: „Der Koran“, Stuttgart 1991, S. 87.

[17] Vgl. z.B. Mt 7,12.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640657094
ISBN (Buch)
9783640656998
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153506
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Katholische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Jesus Koran Christologie Isa Rasul Jesus im Koran

Autor

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