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Die sprachgeschichtliche Leistung des deutschen Pietismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 19 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung
1.1) Vorbemerkungen zum Thema „Die sprachgeschichtliche Leistung des deutschen Pietismus“
1.2) Literarhistorischer Hintergrund

2.) Hauptteil
2.1) Überblick über den Pietismus
2.2) Der Pietismus eine kontrakulturelle Bewegung?
2.3) Der pietistische Wortschatz

3.) Schlussteil
3.1) Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine als Beispiel pietistischen Wirkens
3.2) Zusammenfassung und Beurteilung des Pietismus

4.) Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1) Quellen
4.2) Forschungsliteratur

1.) Einleitung

1.1) Vorbemerkungen zum Thema „Die sprachgeschichtliche Leistung des deutschen Pietismus“

Im Kontext einer sprachgeschichtlichen Analyse des 18. Jahrhunderts möchte ich in meiner Hausarbeit das Thema „Die sprachgeschichtliche Leistung des deutschen Pietismus“ erörtern. Dieses Thema spielt für die Betrachtung der deutschen Sprache im 18. Jahrhundert insofern eine wichtige Rolle, da es innerhalb des 18. Jahrhundert zu vielen Veränderungen und nebeneinander auftretenden Strömungen kam, in die auch der Pietismus als konfessionelle Reformbewegung einzuordnen ist. Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich folgende These thematisieren: Der deutsche Pietismus wurde und wird mit den Stichworten belegt wie kontrakulturell, irrational, Subjektivismus und Empfindsamkeit. Die sprachgeschichtliche Leistung des deutschen Pietismus besteht weniger in der Hervorbringung eines Seelen- und Gefühlswortschatzes als vielmehr in der Säkularisierung religiösen Wortschatzes für den allgemeinen Gefühlswortschatz.[1]

Die dem Pietismus entgegengebrachte Kritik der Kontrakulturalität und des Subjektivismus[2] möchte ich demnach in meiner Arbeit ebenso in den Blick nehmen wie den Wortschatz des deutschen Pietismus, den August Langen in seinem gleichnamigen Werk[3] gesammelt und dargelegt hat. Bevor ich im Hauptteil meiner Hausarbeit diese These bearbeiten werde, möchte ich jedoch zunächst einen kurzen literarhistorischen Einstieg vornehmen, um ein grundlegendes Verständnis zu den Rezipienten und Produzenten des 18. Jahrhunderts zu schaffen. Im Anschluss daran soll außerdem eine allgemeine überblicksartige Einführung zum Pietismus gegeben werden, nach der ich die These bearbeiten möchte. Abschließend werde ich dann einen kurzen Exkurs zur Herrnhuter Brüdergemeine und deren Gründungsvater Nikolaus Graf von Zinzendorf machen, wobei es sich hier um ein exemplarisches Beispiel für einen bedeutenden Pietisten und dessen Wirkungsstätte handeln soll.

Während ich mich bei der Thematik des deutschen Pietismus im 18. Jahrhundert zentral mit dem Verhältnis zur Kultur und dem Wortschatz befassen möchte, könnte man auch die Rolle der Frau im Umfeld des Pietismus in den Mittelpunkt der Betrachtungen rücken, was ich jedoch nur am Rande thematisieren werde. Auch die Sprach- und Dichtungstheorie Zinzendorfs wäre ein weiterer zu untersuchender Aspekt, den ich in meiner Arbeit allerdings komplett vernachlässigen werde, da ich lediglich einen kurzen Exkurs zum Leben und Wirken Zinzendorfs machen möchte.

Für einen ersten Überblick zur Einbettung des Pietismus in die Sprachgeschichte allgemein und speziell zur Thematik des Pietismus erwiesen sich die Werke „Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart“[4] von Peter von Polenz und „Der Pietismus“[5] von Johannes Wallmann als sehr hilfreich. Zudem setzt sich Wolfgang Martens ausführlich mit dem Verhältnis der Pietisten zum Theater und zur schöngeistigen Literatur in seinem Werk „Literatur und Frömmigkeit in der Zeit der Aufklärung“[6] auseinander. Aktuellere Aufsätze zu diesem Thema finden sich in dem Sammelband „Das Echo Halles“[7] herausgegeben von Rainer Lächele. Darstellungen zur Rolle der Frau im Pietismus finden sich in Christoph Morgners Werk „Geistliche Leitung als theologische Aufgabe“[8]. Für die sprachliche Betrachtung des Pietismus habe ich August Langens Monographie „Der Wortschatz des deutschen Pietismus“[9] herangezogen, worauf ich mich bei der Untersuchung des pietistischen Sprachgebrauchs auch maßgeblich stützen werde. Als zu untersuchende Quelle dienten mir unter anderem das „Herrnhuter Gesangbuch“[10] und das „Herrnhuter Gesangbuch. Band II: Anhang, als ein zweyter Theil zu dem Gesang-Buche der Evangelischen Brüder-Gemeinen“[11]. Nähere Informationen zum Leben und Wirken des Pietisten und Gründungsvaters der Herrnhuter Brüdergemeine Nikolaus Graf von Zinzendorf lieferten mir hingegen die Monographien „Pietismus“[12] von Martin Schmidt und „Geschichte des Pietismus“[13] von Erich Beyreuther.

1.2) Literarhistorischer Hintergrund

Im Folgenden möchte ich lediglich einen knappen Überblick zu den wichtigsten Aspekten der Rezipienten und Produzenten des 18. Jahrhunderts geben, um den Pietismus darin besser einordnen zu können, ohne dabei jedoch näher auf verschiedene aus Forschungssicht diskussionswürdige Aspekte eingehen zu wollen.

Die Buchproduktion in Deutschland fand in der Mitte des 18. Jahrhunderts immer noch zu einem Drittel lateinisch statt, nahm aber im Laufe der Zeit stetig ab, während englische und französische Einflüsse zunahmen. Außerdem übernahm Leipzig zu Beginn des 18. Jahrhunderts vor Frankfurt am Main die führende Rolle im deutschen Buchhandel und bis heute nehmen diese beiden Städte eine herausragende Stellung unter den deutschen Messestädten ein.[14] Aufgrund der geringen Alphabetisierungsrate in Deutschland bestanden die Käufer und Leser von Büchern bis 1750 nur größtenteils aus akademisch Gebildeten, zu denen zählten zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Deutschland lediglich circa 80.000. Vor allem Adlige, Besitzbürger und auch viele Inhaber hoher Ämter waren noch lange Zeit auf Sekretäre, Geistliche, Hofmeister und Hauslehrer angewiesen, die vorlesen und schreiben konnten.[15] Demnach fand die Rezeption von Büchern und Zeitschriften vorwiegend semioral, also halbmündlich und halbschriftlich, statt, sodass oftmals über das Lautlesen, Vorlesen, Weitergeben von Büchern und Zeitschriften sowie durch gemeinsame Abonnements rezipiert wurde.[16] Gelesen wurden im 18. Jahrhundert zu einem Drittel theologische und religiöse Schriften, wobei der Prozentsatz jedoch aufgrund der immer stärkeren Auswahl an Texten und Textsorten stetig abnahm. Während in protestantischen Gegenden vor allem die Bibel, der Katechismus und das Gesangbuch rezipiert wurden, präferierte man in katholisch geprägten Regionen vor allem das Gebetbuch. Weiterhin wurde überall Erbauungsliteratur, die vor allem in calvinistischen Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden weit verbreitet war, rezipiert. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts stellte sie besonders in der Unterschicht die einzige geistige Beschäftigung zur Ablenkung vom grauen Alltag dar. So wurde die Erbauungsliteratur, zu der maßgeblich die Auslegung von Bibelstellen und Trostbüchlein, Sterbebücher und Bußschriften gehörten, durch den Pietismus nicht nur gefördert, sondern auch kultiviert. Man versuchte mithilfe dieser Art von Literatur die gesamte geistige Konzentration auf die Frömmigkeit und christliche Tugenden zu lenken.[17]

2.) Hauptteil

2.1) Überblick über den Pietismus

In diesem Abschnitt möchte ich zunächst klären, um was es sich bei dem Begriff „Pietismus“

handelt, um im Anschluss daran kurz die Entstehung dieser Reformbewegung unter dem Wirken Philipp Jacob Speners zu skizzieren.

Zeitlich ist der Pietismus neben der Aufklärung und der Empfindsamkeit in das 17. und 18. Jahrhundert einzuordnen. Polenz nennt dies die zweite Phase nach dem Barock und vor der Geniezeit des Sturm und Drangs.[18] Der Pietismus stellt eine konfessionelle Reformbewegung dar, die durch tiefe Frömmigkeit gekennzeichnet ist und eine lebensnähere, persönlichere Bindung zur Kirche anstrebt. Außerdem wird der Pietismus als eine Art Sammelbecken vieler verschiedener Strömungen bezeichnet, da er niederländische, französische und englische Einflüsse sowie barocke und mystische Elemente vereint.[19] Entstanden ist der Pietismus zwar bereits im ausgehenden 17. Jahrhundert doch zur vollen Blüte gelangte er erst im folgenden Jahrhundert. Als bedeutendste religiöse Bewegung des Protestantismus seit der Reformationszeit zielte der Pietismus auf die Verinnerlichung und Individualisierung des religiösen Lebens sowie der Entwicklung neuer Formen der persönlichen Frömmigkeit und des gemeinschaftlichen Daseins ab.[20]

Die Klärung des Begriffs „Pietismus“, der tiefe Frömmigkeit bedeutet, gestaltet sich hingegen bedeutend schwieriger als die Formulierung ihrer Ziele. Denn ursprünglich trat der Begriff „Pietisten“ vereinzelt seit dem Jahr 1674 als Bezeichnung für die Anhänger Philipp Jacob Speners auf, ohne dabei die anderen Reformer zu berücksichtigen, die heute ebenso mit dem Begriff belegt werden. Die bisher älteste schriftliche Bezeugung des Wortes liegt in einem Brief Speners aus dem Jahre 1680 vor, doch bereits neun Jahre später traten die Begriffe „Pietisten“, „Pietismus“ und „Pietisterey“ als gängige Bezeichnungen in ganz Deutschland auf. Allerdings benannte man Pietisten, Seperatisten und Herrnhuter noch bis ins 19. Jahrhundert getrennt, sodass die Herrnhuter Brüdergemeine Zinzendorfs ursprünglich nicht einmal zu den Pietisten gerechnet wurde.[21]

[...]


[1] Hierbei handelt es sich um die Bearbeitung der These 9, die ich bereits zusammen mit Frau Julia Ullsperger in der Seminarsitzung vom 24. Juni 2008 thematisiert habe.

[2] Vgl. Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band II: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin/ New York 1994, S. 311.

[3] Langen, August: Der Wortschatz des deutschen Pietismus. Tübingen 1954.

[4] Polenz, Peter von: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. Band II: 17. und 18. Jahrhundert. Berlin/ New York 1994.

[5] Wallmann, Johannes: Der Pietismus. Göttingen 2005.

[6] Martens, Wolfgang: Literatur und Frömmigkeit in der Zeit der frühen Aufklärung. Tübingen 1989 (=Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur; Bd. 25).

[7] Lächele, Rainer (Hrsg.): Das Echo Halles. Kulturelle Wirkungen des Pietismus. Tübingen 2001.

[8] Morgner, Christoph: Geistliche Leitung als theologische Aufgabe. Kirche - Pietismus - Gemeinschaftsbewegung. Stuttgart 2000 (=Praktische Theologie und Missionswissenschaft; Bd. 30).

[9] Langen, August: Der Wortschatz des deutschen Pietismus. Tübingen 1954.

[10] Herrnhuter Gesangbuch. Christliches Gesang-Buch der Evangelischen Brüder-Gemeinen von 1735. Hildesheim3 1741.

[11] Herrnhuter Gesangbuch. Band II: Anhang, als ein zweyter Theil zu dem Gesang-Buche der Evangelischen Brüder-Gemeinen. o. O. 1735.

[12] Schmidt, Martin: Pietismus. Stuttgart 1972.

[13] Beyreuther, Erich: Geschichte des Pietismus. Stuttgart 1978.

[14] Vgl. Polenz: Deutsche Sprachgeschichte, S. 20.

[15] Vgl. ebd., S. 21.

[16] Vgl. ebd., S. 18.

[17] Vgl. ebd., S. 21.

[18] Vgl. ebd., S. 301.

[19] Vgl. ebd., S. 311.

[20] Vgl. Wallmann: Der Pietismus, S. 21.

[21] Vgl. ebd., S. 22.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640654956
ISBN (Buch)
9783640654987
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153362
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut: Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Sprachgeschichte 18. Jahrhundert Pietismus Herrhuter Brüdergemeine Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf
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