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Ein Kind seiner Zeit

Betrachtung des Romans "Brat´ja Karamazovy" ("Brüder Karamasow") im zeitgeschichtlichen Kontext mit Focus auf das "weltliche Gericht"

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die drei Ebenen
2.1. Möglichkeiten der Verknüpfung eines Werkes mit dem zeitgeschichtlichen Kontext
2.2. Die zeitliche Architektur des Romans „Brat'ja Karamazovy“ im Spiegel der Realität
2.3. Andere Erklärungsmodelle

3. Parallelen zu realen Prozessen
3.1. Der Kroneberg-Prozess
3.2. Der Fall Vera Zasulic

4. Die Bauern und das Fehlurteil
4.1. Den Bauern wird eine neue Rolle zugewiesen
4.2. Zwei Welten prallen aufeinander - Rechtsdualismus in Russland und dessen Konsequenzen
4.3. Warum gibt Dostoevskij den Bauern die Macht?

5. Das Werk als Spiegel der Realität

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Jedes künstlerische Werk, sei es ein Film, ein Song oder eben ein Roman, ist ein Kind seiner Zeit, das eine mehr, das andere weniger. So reicht die breite Palette von zeitgeschichtlichen Dokumenten, die Geschehenes objektiv und sachlich oder Erleb­tes subjektiv und emotionsgeladen widerspiegeln, aber in beiden Fällen orientiert an bestimmten Ereignissen (man denke nur an die deutsche Wiedervereinigung, die in vielen Liedern, Büchern und Filmen auf beiderlei Art und Weise verarbeitet wurde) bis zu fiktiven Werken, die auf den ersten Blick völlig losgelöst scheinen von histori­schen Hintergründen, weil die Handlung eben nicht auf wahren Begebenheiten be­ruht. Doch auch hier kann eine Prüfung auf den zeitgeschichtlichen Kontext sehr in­teressante Ergebnisse zu Tage fördern. Der Teufel liegt hier meist im (versteckten) Detail, was es umso interessanter macht. Zu beachten ist hierbei, dass der zeitge­nössische Leser über Grundlagenwissen verfügt, auf welches das Publikum späterer Generationen nicht mehr zugreifen kann, weil es nicht in dieser Zeit lebte. Diesen historischen Background muss sich der geneigte Leser erst aneignen, will er einige Hintergründe besser verstehen.

Im Folgenden soll anhand des zeitgeschichtlichen Kontexts aufgezeigt werden, in­wieweit Dostoevskijs Roman „Brat'ja Karamazovy“ mit realen Hintergründen verwebt ist und ob die Gestaltung der Gerichtsverhandlung typisch für die Ereignisse jener Tage ist. Dazu soll erst eine allgemeine Betrachtung zum Wie und Warum der zeitli­chen Romanarchitektur vorgenommen werden, um in der Folge Parallelen zu reellen Ereignissen aufzuzeigen und schlussendlich die Frage zu klären, warum die Ge­richtsverhandlung, die Geschworenenjury und vor allem das Urteil gerade so kon­struiert wurden, wie sie sie konstruiert wurden.

2. Die drei Ebenen

2.1. Möglichkeiten der Verknüpfung eines Werkes mit dem zeitgeschichtlichen Kontext

Ein Werk kann auf verschiedene Art und Weise mit der Realität und dem zeitge­schichtlichen Kontext verknüpft sein. Zum Einen kann dies sehr vordergründig und plakativ geschehen, indem etwa wirklich geschehene Ereignisse in den Plot einge­bunden werden. Etwas subtiler ist dann schon die Namensgebung der Protagonisten angesiedelt. So können diese zum Beispiel nach zur Zeit der Entstehung des Werkes berühmten, besonders beliebten oder streitbaren Persönlichkeiten benannt werden, ohne wirklich etwas mit ihnen zu tun zu haben. Natürlich wird dabei liebend gerne in Kauf genommen, dass der Leser unwillkürlich bestimmte Eigenschaften der reellen Figur auf den fiktiven Charakter übertragen könnte (Auch Dostoevskij hat sich bei der Benennung der handelnden Personen sehr viel Mühe gegeben, verfuhr allerdings nicht nach eben genanntem Muster, sondern nutze weitaus diffizilere Assoziations­möglichkeiten. So passiert es zum Beispiel bei Fedor Pavlovic das einzige Mal bei Dostoevskij, dass eine Figur den Vornamen ihres Autors trägt. So wählt er zum Beispiel mit dem Namen Ivan einen Namen, mit dem der „Prototyp“ des Russen assoziiert wird, obwohl Ivan Karamazov alles andere als ein gewöhnlicher Durchschnittsmensch ist. Die erwünschte Wirkung war hier also ähnlich der der zuvor erwähnten Methode: Im Leser werden allein durch die Namensgebung Erwartungen geweckt. Diese werden hier allerdings nicht erfüllt, der Leser wird diesbezüglich manipuliert[1] ). Schlussendlich gibt es Verknüpfungsmethoden, die derart versteckt und raffiniert sind, dass es intensiver Beschäftigung mit dem Werk bedarf, um sie überhaupt zu bemerken. Auf dieser Ebene könnte etwa die zeitliche Architektur des Romans „Brat'ja Karamazovy“ verortet sein.

2.2. Die zeitliche Architektur des Romans „Brat'ja Karamazovy“ im Spiegel der Realität

Die Handlung des Werkes ist auf drei zeitlichen Ebenen angesiedelt. Die eigentliche Handlung findet an nur sieben Tagen (vier im August und drei im November) im Jahr 1866 statt. Die in der Exposition stattfindenden Ereignisse jedoch beginnen schon um das Jahr 1800 herum mit der Geburt Zosimas. Der Zeitpunkt der Erzählung schließlich liegt im Jahr 1879, dies ist also für den Chronisten die Gegenwart[2]. Das alles ist insofern besonders spannend, weil dies auch in der russischen Wirklichkeit drei aufregende Epochen waren. Der erste Zeitabschnitt war geprägt von Unzufrie­denheit und revolutionären Ideen, die von Europa her überschwappten und sich in Zirkeln wie dem der Petrasevskij-Gruppe entzündeten. Auch Dostoevskij war ein Mit­glied dieser Gruppe, und sollte dafür mit dem Tode bestraft werden, erfuhr jedoch auf dem Schafott von der gnädigen Umwandlung der Strafe in Zwangsarbeit in Sibirien[3]. Er bekam noch das alte, von Gewaltenmischung und Willkür geprägte Justizsystem am eigenen Leibe zu spüren[4]. Viele Jahre musste er in Gesellschaft von Mördern und Brandstiftern harte körperliche Arbeit verrichten. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts dann läutete Aleksandr II eine Reformwelle ein, von der die Justizre­form von 1864 klar und deutlich das Sahneschnittchen darstellte. An Stelle einer kor­rupten „'Klassenjustiz' des Adels“ traten nun eher europäisch anmutende Grundsät­ze wie die „Gleichheit aller vor dem Gesetz“, die „Öffentlichkeit des Prozesses“, unabsetzbare und unabhängige Richter sowie das Recht des Angeklagten auf einen Verteidiger. Neu waren auch die Regelungen zur Voruntersuchung, welche der Poli­zei entzogen und besonderen Untersuchungsrichtern anvertraut wurde[5], sowie die Einführung des Geschworenengerichts[6]. Just in die Anfangszeit dieses spektakulä­ren Aufbruchs in ein neues juristisches Zeitalter fällt die eigentliche Handlung des Romans, das neue Rechtssystem ist gerade mal zwei Jahre jung und leidet noch an etlichen Kinderkrankheiten, was später exemplarisch am Beispiel der Geschworenen erläutert werden soll. Bezeichnend ist Dostoevskijs Wahl dieses zeitlichen Hand­lungsrahmens, schrieb er den Roman doch erst 13 Jahre später und hätte demzufol­ge auch diese 7 Tage willkürlich in ein anderes Jahr verlagern können, etwa in eines vor der Justizreform oder kurz vor dem Erscheinen des Romans. Er datierte die Haupthandlung aber ausgerechnet in ein Jahr, in dem nicht nur neben der Justizre­form (es wurden z.B. erst in diesem Jahr die schon 1864 beschlossenen Geschwo­renengerichte erstmals auch in der Praxis eingeführt[7] ) auch zahlreiche andere Neue­rungen für Aufregung sorgten. Nein, in diesem Jahr wurde außerdem auf den Refor­mator Aleksandr II ein Attentat verübt[8]. Die dritte zeitliche Ebene schließlich, die Ge­genwart des Erzählers, ist nicht nur der Zeitpunkt der Romanentstehung, sondern auch zufällig die Phase der Umsetzung der „Reform der Reform“: 1878 wurde der Einflussbereich der Geschworenengerichte erheblich eingeschränkt[9]. Zeitgleich stieg die Zahl der Attentate und terroristischen Akte an[10], man kann also ohne Übertrei­bung von einer wilden Zeit sprechen. Nun wäre es freilich übertrieben, die komplette zeitliche Romanarchitektur allein mit dem geschichtlichen Kontext erklären zu wollen.

2.3. Andere Erklärungsmodelle

Nur zu deutlich sind die vielen Bibelbezüge, die sich sowohl in konkreten Handlun­gen (Ivan antwortet Aleksej in V,3, er sei nicht der „Hüter seines Bruders“[11] ), in der Romanarchitektur (vier Teile zu je drei Büchern, die Zahl Vier steht für das Kreuz, Zwölf ist die Zahl der Vollendung[12] ), als eben auch in der Figur Aleksejs selbst wie­derfinden. Dieser ist zur Zeit der Handlung 20 Jahre alt, zur Zeit der Erzählung[13] also mit 33 Jahren in dem Alter, das Jesus für seinen Märtyrertod zugeschrieben wird. Alesa verkörpert im Sinne der Trichotomie den Geist[14], den neuen Menschen, der durch und durch gut, ja, die personifizierte Nächstenliebe ist. Viele Begebenheiten, wie z.B. das Anfreunden Aleksejs mit den 12 Knaben (die vielleicht seine 12 Jünger werden sollen?[15] ), lassen vermuten, dass der Autor mit ihm in seinem „Glavnyj Ro­man“ noch viel vorhatte. Zumindest sind viele Parallelen zu Jesus erkennbar. Aus dieser Perspektive betrachtet könnte man auch vermuten, dass der zeitliche Abstand zwischen Handlungs- und Erzählebene von 13 Jahren eine spielerische Andeutung auf die etwas komplizierte Geschichte der 12 Apostel ist, welche ja, bedenkt man das „Nachrücken“ Mathias' nach dem Selbstmord Judas'[16], eigentlich 13 waren. So ge­sehen ließe sich auch erklären, warum das letzte der eigentlich 13 Bücher etwas stiefmütterlich aus der normalen Zählung herausgedrängt und als Epilog nur zum besseren Anhang degradiert wird (so kommt man dann auch gleich wieder zur be­deutsamen Zwölfzahl). Erklärungsmöglichkeiten für die zeitliche Romanarchitektur gibt es also viele, höchstwahrscheinlich bereitete gerade das Zusammentreffen aller Faktoren dem Autor großes Vergnügen. Von der Hand zu weisen scheint jedenfalls keine dieser Möglichkeiten zu sein, weder die vielen biblischen Andeutungen, noch die vielen zeitlichen Parallelen gerade zum politischen Geschehen und da vor allem zu Ereignissen im Justizwesen, welche gerade in Anbetracht des großen Umfangs sowohl der Voruntersuchung als auch der eigentlichen Gerichtsverhandlung (jedem dieser Prozesse wird ein ganzes Buch gewidmet[17] ) einen besonderen Stellenwert für den Autor gehabt zu haben scheinen. Daher sollen nun nach den eher allgemein ge­haltenen Ausführungen zum zeitlichen Kontext zwischen Handlungsebenen des Ro­mans und reellen Ereignissen (gerade im Sektor des politischen und Rechtswesens) einige konkrete Beispiele folgen, die Parallelen der Gerichtsverhandlung zur Realität aufzeigen sollen.

3. Parallelen zu realen Prozessen

3.1. Der Kroneberg-Prozess

Auch wenn viele Parallelen zur Wirklichkeit auftreten, muss auch hier betont werden, dass viele Ereignisse aus der Logik des Gesamtwerkes resultierend gar nicht anders geschehen konnten, als sie geschahen. Einige Details weisen bei entsprechendem Hintergrundwissen, über welches der zeitgenössische Leser zweifellos verfügte, je­doch derartige Ähnlichkeiten zu historischen Ereignissen auf, dass zumindest eine nähere Betrachtung sehr lohnenswert und interessant sein kann. So ist z.B. Mitjas Verteidiger Fetjukovic laut Baberowski Spasovic, dem Verteidiger im Kroneberg­Prozess, nachempfunden. Dieser verteidigte einen Klienten, der wegen Kindesmiss­handlung angeklagt war und stellte den Tatbestand als solchen gar nicht in Frage, sondern vielmehr die Tatsache, dass dies strafbar sei, da das Prügeln Heranwach­sender zur gängigen russischen Erziehungspraxis gehöre. Dostoevskij war derma­ßen empört darüber, dass ein Anwalt wegen eines prozessualen Erfolges eigenen Überzeugungen abschwor, dass er öffentlich gegen Spasovics Plädoyer protestierte[18]. Gerade diese Diskrepanz zwischen der Aufgabe der Gerichte, über die Strafwürdigkeit einer Tat zu befinden und der moralischen Verantwortung spiegelt auch die Verteidigungsstrategie Fetjukovics wieder, der den Vatermord als solchen als gar nicht stattgefunden erklärte, da Fedor Pavlovic gar kein richtiger Vater gewesen sei. Wie beim reelen Vergleichsfall wird hier der Tatbestand an sich gar nicht in Frage gestellt[19] ( ich will annehmen, daß der Angeklagte des Vatermordes schuldig wäre.“[20] ), sondern vielmehr versucht, die Straffähigkeit dieser Tat zu wiederlegen, weil Pavlovic seinen Vaterpflichten nie wirklich nachgekommen und seinem Sohn somit kein Vater gewesen wäre.[21]. - Besonders interessant ist hier allein schon die Namensgebung der einzelnen Kapitel, die den Leser in eine bestimmte Richtung lenken sollen („Ein Raub hat nicht stattgefunden“[22], „Es ist auch kein Mord begangen worden“[23] ).

[...]


[1] Man beachte desweiteren auch die äußerst interessante Namensgebung der Stadt (vgl. Harreß 2007: 278) und der Familie (vgl. Harreß 2007: 283)

[2] Vgl. Harreß 2007: 275 f.

[3] Vgl. Stender-Petersen 1993: II 279 f.

[4] Vgl. Kaiser 1972: 2

[5] Solch eine Voruntersuchung nach neuen Maßstäben beansprucht auch im Roman erheblichen Platz, vgl. Dos­toevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): IX 1-9 (359 ff.)

[6] Vgl. Stökl 1990: 549

[7] Vgl. Geierhos 1977: 69

[8] Vgl. Stökl 1990: 547

[9] Vgl. Kaiser 1972: 484

[10] Vgl. Baberowski 1996: 691 f.

[11] Vgl. Harreß 2007: 288

[12] Vgl. Harreß 2007: 290

[13] Das wäre dann bedeutsam, wenn man annimmt, dass der „Glavnyj Roman" auf dieser Zeitebene angesiedelt worden wäre, so wie es Dostoevskij vorhatte (vgl. „Vorwort" (S.5)).

[14] Vgl. Harreß 2007: 284

[15] vgl. Dostoevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): X, 1-7 (417 ff.), Epilog, 3 (630 ff.)

[16] Vgl. die Bibel: Apostelgeschichte 1,15 ff

[17] vgl. Dostoevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): IX, 1-9 (359 ff.), XII, 1-14 (534 ff.)

[18] Vgl. Baberowski 1996: 552

[19] vgl. Dostoevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): XII, 2 (539)

[20] vgl. Dostoevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): XII, 12 (607)

[21] vgl. Dostoevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): XII, 13 (607 ff.)

[22] vgl. Dostoevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): XII, 11 (596)

[23] Vgl. Dostoevskij 1879/80 (v. Walter, o.J.): XII, 12 (601)

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640654260
ISBN (Buch)
9783640654642
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153345
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Slavistik
Note
1,0
Schlagworte
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Titel: Ein Kind seiner Zeit