Lade Inhalt...

Tauwetter in der DDR?

Führte Stalins Tod zu mehr Freiheiten für die Intelligenz, ähnlich wie in der Sowjetunion?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 24 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung!
1.1. Problemstellung
1.2. Forschungsstand
1.3. Aufbau

2. Historisch-geschichtlicher Rahmen
2.1. Tauwetter in Sowjetunion
2.2. Tauwetter in der DDR

3. Die Liberalisierung und ihr schnelles Ende!
3.1. Der Liberalisierungsprozess
3.2. Ende der Freiheit

4. Schlussbetrachtung

5. Bibliographie

1. Einleitung

1.1. Problemstellung

„Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“1, ob diese bekannte Parole der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) der DDR auch auf die Zeit der Tauwetterperiode in der Sowjetunion zutrifft, soll in dieser Arbeit herausgefunden werden. „Zu keiner Zeit vorher oder nachher hat die SED die kulturpolitische Ori- entierung auf die Sowjetunion so intensiv betrieben wie in den frühen fünfziger Jahren.“2 Gab es in der DDR eine Tauwetterperiode ähnlich der in der Sowjetunion in den frühen fünfziger Jahren? Vor allem im Bereich der Kunst und Kultur taten sich für die Intelligenz der Sowjetunion nach Stalins Tod ungeahnte Freiheiten auf. Gab es eine solche Phase künstlerischer Freiheit in der DDR in den Jahren nach Stalins Tod ebenfalls?

Für die Sowjetunion ist der Zeitraum, der als Tauwetterperiode bezeichnet wird, relativ genau einzugrenzen. Mit Joseph W. Stalins Tod am 5. März 1953, spätestens mit Chruschtschows Geheimrede zum XX. Parteitag der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) vom 14. bis 26. Februar 1956, begann für die russische Gesellschaft und vor allem für die russische Intelligenz eine Peri- ode der Erleichterungen, Freiheiten und Entstalinisierung. Diese positive Entwick- lung erhielt im Oktober desselben Jahres einen ersten Dämpfer mit der militäri- schen Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn. Spätestens die Ablösung Nikita Chruschtschows durch Leonid Breschnew im Oktober 1964 beendete diese Tauwetterperiode.

In der DDR stellt sich die Situation ein wenig anders dar. Zum einen lässt sich keine so eindeutige zeitliche Eingrenzung vornehmen, zum anderen sind kei- ne so klar erkennbaren Freiheitsgewinne auszumachen wie in der Sowjetunion. Der Tod Stalins stellte in der DDR ebenfalls eine Zäsur dar, allerdings mit weniger starken Auswirkungen als in der UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubli- ken). Auch wenn es sich bei der DDR um einen zu der Zeit noch sehr von der So-

wjetunion abhängigen Staat handelte, so spiegelte sich die sowjetische politische

Entwicklung doch nicht vollkommen wider. Eine Auseinandersetzung und Aufarbei- tung der Stalindiktatur fand kaum statt, im Gegenteil. „Am kaltschnäuzigsten ver- hielt sich Walter Ulbricht. [Er] … schien sich nicht vorstellen zu können, was in den Menschen vorging…. Er erwies sich insofern als Schüler Stalins, als er meinte, man müsse den ganzen Komplex gar nicht zur Sprache bringen.“3 Zu dieser Zeit bildeten die Hauptthemen der Diskussion wirtschaftliche und ideologisch Proble- me.

Der Bereich Kunst und Kultur, vor allem im Bezug auf aktive politische In- strumentalisierung, war noch relativ unbedarft. Zwar sollten die Künstler, vorrangig die Schriftsteller, dabei helfen den Sozialismus aufzubauen und dem Volk schmackhaft machen, aber wie später gezeigt wird, war vor allem das Politbüro der Überzeugung, dass dies bisher mit mäßigem Erfolg geschah.

1.2. Forschungsstand

Die Tauwetterperiode Russlands stellte für unzählige Forschungsarbeiten bisher das Schwerpunktthema dar. Eine zusätzliche Verbreiterung der Literaturlage, lie- fert die historische Analyse und Forschung um Ilja Ehrenburgs Roman „Tauwet- ter“4 von 1954. Dieser Roman ist bekanntlich Namensgeber für die Periode der Entspannung und Liberalisierung in der sowjetischen Politik nach Stalins Tod. Die Möglichkeit einer genauen Eingrenzung des zeitlichen Rahmens führte dazu, dass die Forschung bzgl. der politischen und freiheitlichen Entwicklungen wesentlich umfangreicher ist als für die DDR. Die DDR-Forschung scheint sich auf den ersten Blick vor allem mit dem Unrechtsstaat, seinem Ende und der politischen und wirt- schaftlichen Entwicklung auseinanderzusetzen. Politisch wie auch kulturell ist die- se Zäsur in der Sowjetunion wesentlich besser zu erkennen und zu fassen. Gera- de dank Chruschtschows Geheimrede zum XX. Parteitag der KPdSU5, die eben- falls zum Gegenstand diverser Analysen wurde, kann man auch die politische Veränderung sehr gut nachvollziehen.

Für die DDR stellt sich die Situation problematischer dar. Zwar wurde auch hier viel und umfassend die Literatur und Kunstentwicklung erforscht, allerdings wird die Zeit zwischen Stalins Tod und Breschnews Amtsantritt, sowie die ersten Jahre seiner Herrschaft kaum erwähnt und wenn, dann nur ganz kurz.

Als Standardwerk der DDR-Literatur(Politik) sei hier „Die Intellektuellen. Lite- ratur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000“6 von Werner Mittenzwei hervorge- hoben. In diesem Werk erschließt Mittenzwei nicht nur die literarischen Entwick- lungen der DDR, sondern stellt auch anschaulich dar, wie stark die Kunst von dem System instrumentalisiert wurde. Zu welchen teils grotesken Auswüchsen der Selbstkritik und auch des Lobes, sowie der Verteufelung ein und desselben Künst- lers seitens der Regierung es in der DDR kam, wird an mehreren Stellen deutlich aufgezeigt.

Als zweiten Autor möchte ich auf Wolfgang Emmerich und dessen „Kleine Literaturgeschichte der DDR“7 verweisen. Ebenso wie Mittenzwei ist Emmerich ein DDR-Bürger gewesen. Beide analysieren anhand eigener Erfahrungen. Dies birgt neben dem Vorteil des besseren Verstehens und Nachvollziehens die Gefahr der Subjektivität. Wolfgang Emmerich beschreibt und erläutert in mehreren Auflagen die Entwicklung der Literatur- und Kunstgeschichte/-politik der DDR. Dabei ist be- sonders zu beachten, dass die erste Auflage 1981 zu DDR-Zeiten und in der DDR veröffentlicht wurde. Vor dem Hintergrund, dass er DDR-Bürger war, ist diese Ausgabe systemunkritischer formuliert als die späteren Ausgaben. An vielen Stel- len der weiteren Auflagen, mir lag die erweiterte Neuausgabe von 1996 vor, erklärt Emmerich, warum er heute bestimmte Interpretationen unter anderem Blickwinkel sieht und einige Stellen vollkommen neu formuliert wurden.

Das dritte Werk, welches die Tauwetterperiode in der DDR-Kultur über mehr als nur ein paar Absätze analysiert, ist Eberhart Schulzʻ Hochschulschrift „Zwi- schen Identifikation und Opposition. Künstler und Wissenschaftler der DDR und ihre Organisationen von 1949 bis 1962“8. Wie der Titel schon andeutet, liegt das Hauptaugenmerk in dieser Analyse auf der organisatorischen Struktur und den einzelnen Organisationsebenen der Künstler. Speziell der Einfluss der SED auf

Organisationen der Künstler, sowie die Schaffung solcher, wird von Schulz analy-

siert. Auch er ist DDR-Bürger, scheint mir aber kritischer zu analysieren als Emme- rich.

Wenn man bei der Recherche die Werke der DDR-Literatur mit einbezieht, fällt auf, dass diese Periode des Tauwetters in der Sowjetunion kaum und die in der DDR gar nicht erwähnt wird. In keinem der mir vorliegenden DDR-Lehrbücher zur Literatur scheint in der besagten Dekade in Kunst und Kultur Erwähnenswer- tes geschaffen oder errungen worden zu sein. Weder die „Kurze Geschichte der Deutschen Literatur“9 unter Leitung von Kurt Böttcher und Hans Jürgen Geerdts herausgegeben, noch die Lehrbücher des Schulunterrichts, konkret „Literatur im

Überblick“10 und „Lehrbuch für den Literaturunterricht in den Klassen 8-10. Zu Entwicklung der Literatur und die bedeutender Dichterpersönlichkeiten“11 widmet sich mit dieser Periode in der DDR. Sie wird regelrecht übersprungen. Nach um- fangreichen Analysen der Aufbauliteratur und der Literatur der Entnazifizierung gehen diese Bücher direkt in die Untersuchung des Bitterfelder Wegs über. Dass zwischen Aufbauliteratur und Bitterfelder Weg ca. zehn Jahre liegen, unterschla- gen sie dabei.

Das in der BRD erschienene „DDR Lesebuch. Stalinisierung 1949-1955“12 setzt sich hingegen ausführlich mit der Tauwetterperiode auseinander. Die He- rausgeber Ilse Spittmann und Gisela Helwig versuchen unter Zuhilfenahme von Originaldokumenten, Zeitungsberichten und ähnlichen Quellen die kulturpolitische Entwicklung in der DDR seit 1949 nachzuzeichnen. Sicher ist ihre Analyse in dem

1991 erschienenen Lehrbuch vom Fall der Mauer gekennzeichnet, ermöglicht aber eine etwas andere Sicht auf die Situation, wie sie sich in den zu analysierenden Jahren darstellte. Vor allem die Aneinanderreihung von Quellen und das nahezu vollständige Fehlen von Erläuterungen eröffnet dem Leser eine ganz andere Art die Veränderungen zu erfassen, als es die anderen Werke ermöglichen. Statt zu erklären, wie sich die Lage änderte, wird diese Veränderung beim Lesen der offi- ziellen Dokumente, Gedichte und Roman-/Zeitungsausschnitte für den Leser er- kennbar. Die von den Autorinnen verwendeten Primärquellen stellen einen großen

Querschnitt durch die BDR- und DDR-Tageszeitungen, offizielle Dokumente, Kir-

chenmitteilungen, künstlerische Werke und Analysen ost- und westdeutscher Wis- senschaftler dar.

Insgesamt ist festzuhalten, dass diese spezielle Periode der DDR-Kulturpoli- tik bisher noch nicht alleiniger Forschungsgegenstand gewesen zu sein scheint. Sie wurde im Kontext anderer Entwicklungen bzw. der allgemeinen Entwicklung und Verlaufsanalyse mit bearbeitet, aber eben scheinbar noch nicht explizit allein analysiert. Das ist sicher zum einen durch die oben angeführten Probleme der Einordnung und zum anderen durch den recht kurzen Zeitraum, je nach Ausle- gung zwei bis fünf Jahre, bedingt.

1.3. Aufbau

Die Analyse, ob es in der DDR eine Tauwetterperiode ähnlich der in der Sowjet- union nach Stalins Tod gab, wird im folgenden Kapitel mit der Schaffung einer Dis- kussionsgrundlage begonnen. Zuerst wird im zweiten Kapitel der historisch-ge- schichtliche Rahmen der Sowjetunion und der DDR kurz zusammengefasst und eine zeitliche Einordnung gegeben. In diesen zwei Teilkapiteln soll eine über- blicksartige Beschreibung der politischen Situation für die Künstler und die Kultur der jeweiligen Länder erfolgen. Dabei wird bei der Betrachtung der DDR ein paar Jahre vor Stalins Tod eingestiegen, um die Entwicklung aufzuzeigen, die die künstlerische Freiheit und die Instrumentalisierung für ideologische Zwecke nah- men. Nötig ist dieser Vorgriff in der Geschichte, um im Folgenden aufzuzeigen, in welchen Bereichen und mit welcher Intensität sich die Freiheiten der Intelligenz in der Zeit nach dem Tode Stalins änderten. Die kurze Beschreibung der Tauwetter- periode der Sowjetunion erfolgt vor allem vor dem Hintergedanken, dass so der Vergleich gezogen werden kann zwischen UdSSR und DDR. Dabei soll weniger ein Vergleich im klassischen Sinne von einzelnen Gemeinsamkeiten und Unter- schieden erfolgen, das würde den Rahmen der Arbeit sprengen, als vielmehr er- möglicht werden, ein generalisierendes Urteil zu bilden, ob tatsächlich eine solche Periode in der DDR existierte und wenn ja, in welcher Ausprägung/ Ausgestaltung.

[...]


1 Groth, Joachim-Rüdiger: Widersprüche : Literatur und Politik in der DDR 1949-1989 : Zusammenhänge, Werke, Dokumente, Frankfurt am Main 1994. S. 24.

2 Jäger, Manfred: Kultur und Politik in der DDR : 1945-1990, Köln 1995. S. 69.

3 Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen : Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945-2000, Leipzig 2001. S. 134.

4 Ėrenburg, Ilʹja Grigorʹevič: Tauwetter : Roman, 2. Aufl., Berlin 1957.

5 Chruščev, Nikita Sergeevič: Die Geheimrede Chruschtschows : über den Personenkult und seine Folgen : Rede des Ersten Sekretärs des ZK der KPdSU, Gen. N. S. Chruschtschow, auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, 25. Februar 1956 ; Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU über die Überwindung des Personenkults und seiner Folgen : 30. Juni 1956, Berlin [-Ost] 1990.

6 Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen : Literatur und Politik in Ostdeutschland von 1945-2000, Leipzig 2001.

7 Emmerich, Wolfgang: Kleine Literaturgeschichte der DDR, Erw. Neuausg, Leipzig 1996.

8 Schulz, Eberhart: Zwischen Identifikation und Opposition. Künstler und Wissenschaftler der DDR und ihre Organisationen von 1949 bis 1962, Köln 1995.

9 Böttcher, Kurt u.a.: Kurze Geschichte der deutschen Literatur, Berlin[-Ost] 1981.

10 Bütow, Wilfried: Literatur im Überblick, Berlin 1990.

11 Zacharias, Prof. Dr. Ernst-Ludwig: Lehrbuch für den Literaturunterricht in den Klassen 8-10. Zur Entwicklung der Literatur und bedeutender Dich- terpersöhnlichkeiten, Berlin 1974.

12 Sittmann, Ilse; Helwig, Gisela (Hrsg.): DDR-Lesebuch. Stalinisierung 1949 - 1955, Köln 1991.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640655625
ISBN (Buch)
9783640655939
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153303
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,7
Schlagworte
DDR Literatur Tauwetter Stalin Ulbricht Bitterfeld

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Tauwetter in der DDR?