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Jeremia 23,16-32 (Falsche Propheten)

Quellenexegese 2005 10 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

I. ANALYSE

Literarischer Kontext

In den Kapiteln 21-23 kündigt Jeremia Gericht an: Zuerst richten sich seine Worte gegen Jerusalem, das sich so sicher wähnt und trotzdem vernichtet wird, weil es nicht aufhört Böses zu tun (Kap 21). Dann greift er die Könige Schallum (Joahas), Jojakim und Konja (Jojachin) an (Kap 22): Gott wird ihrem Treiben nicht lange tatenlos zusehen, sondern eingreifen und Verderber schicken (22,7). Als nächstes wird das Urteil über die bösen Hirten gesprochen (23,1-8): Weil sie sich nicht um ihre Herden, das Volk, gekümmert haben, werden sie bestraft und durch einen gerechten Hirten ersetzt. Zum Schluss richtet sich Jeremias Anklage gegen die falschen Propheten (23,9-40), die das Volk in die Irre geführt haben und ihre eigenen Fantasien als Gottes Reden ausgeben.

Die meisten Ausleger sehen Jer 23,9-40 eine Sammlung von mehreren Anklageschriften, die unter der Überschrift „Wider die Propheten“ (23,9) zu einer thematischen Einheit zusammengefasst worden sind. Die Unterteilung variiert ein wenig, es werden vier (Lamparter[1] ), fünf (Thompson[2] und Fischer[3] ) und sechs (Wanke[4] ) Abschnitte vorgeschlagen.

Grob kann man sagen, dass am Anfang, wie in einer Bestandsaufnahme, der katastrophale Zustand des Landes aufgezeigt wird: Es ist voller Ehebrecher, die Propheten sind ruchlos und von ihnen breitet sich Bosheit und Sünde über das ganze Land aus (9-15). Im nächsten Abschnitt (16-22) finden wir die Hauptanklage an die Propheten: Gottes Strafe wird sie treffen, weil sie das Volk durch Prophetien verführen, obwohl sie nicht gesandt wurden und Gottes Willen nicht kennen. Anschließend (23-32) wird das Wesen der wahren Prophetie deutlich: Es ist wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt. Sein Ursprung liegt bei Jahwe, der Himmel und Erde erfüllt. Weil die Lügenpropheten sich anmaßen, diesem Gott ihre eigenen Worte in den Mund zu legen, wird sie sein Zorn treffen.

Der letzte Teil des Kapitels (33-40) grenzt sich inhaltlich und stilistisch stärker vom Rest ab und beschäftigt sich mit einer Redewendung, die anscheinend bei den Menschen üblich geworden ist: Ihr Reden nämlich als „Last-Spruch des Herrn“ zu bezeichnen.

In der Exegese werde ich auf die Verse 16 bis 32 eingehen, dem Höhepunkt der Anklage Jeremias und seiner Darstellung des Kontrastes zwischen wahrhaft göttlicher Prophetie und menschlichen Träumen.

Historischer Kontext

Propheten

Schon zur Zeit Samuels (1Sam 10,5ff) gab es Prophetengruppen, die sog. „Nabis“. Ihre Sorge war eigentlich die Reinherhaltung des israelitischen Glaubens von den Einflüssen durch den kanaanäischen Baalskult. Auch wenn in der Geschichte positive Einflüsse von ihnen ausgingen, waren sie davon überzeugt, dass Gott für das Wohlergehen und Gedeihen seines auserwählten Volkes zuständig war und unter keinen Umständen zulassen konnte, dass ihm Schaden zustieß. Hinzu kam, dass diese Propheten zur Zeit Jeremias immer mehr in die Abhängigkeit des Königshauses gerieten und dazu neigten, aus ihrem Erwählungsglauben heraus, die nationalen Wunschziele durch Offenbarungen und Prophetien zu bestätigen. So gaben sie das weiter, was man von ihnen hören wollte, anstatt die Übertretungen des Volkes aufzudecken und wirklich auf Gottes Reden zu hören[5].

In Kap 23 sehen wir, dass Propheten Jeremias größte Widersacher sind. Auch wenn Politiker, Stammesführer und sogar der König Jeremia von Zeit zu Zeit Gehör schenken, so arbeiten die Propheten die ganze Zeit gegen ihn, verführen die, denen Jeremias Warnungen gelten und versuchen, Jeremia zum Schweigen zu bringen. Das Schlimme dabei ist, dass sie sich, genau wie Jeremia, auf Gottes Reden berufen und Außenstehende so gar nicht klar erkennen können, ob Gott wirklich durch Jeremia, oder doch durch die Propheten spricht.

II. KOMMENTAR

1 Hört nicht auf die Propheten, sie kennen Gottes Willen nicht und wurden nicht von ihm gesandt (16-22)

Mit der Botenformel „So spricht der Herr“ wendet sich Jeremia an das ganze Volk und macht deutlich, dass nicht er es ist, der jetzt spricht. Die Aufforderung, die folgt ist seltsam, weil Gott sein Volk bisher aufforderte, auf seine Propheten zu hören und nicht umgekehrt. Jeremia begründet, seine Aufforderung aber sofort: Diese falschen Propheten betrügen euch, indem sie verkündigen, was aus ihrem eigenen Herzen kommt. Anstatt Sünde aufzudecken, ermutigen sie Gottlose dazu, weiter zu sündigen. Und das passiert nicht einmalig, sondern fortwährend: Das Verb „sagen“ in V. 17 drückt im hebräischen Dauer aus. Die EÜ übersetzt passend mit „immerzu sagen sie“.

Das Problem an den Propheten ist nicht, dass sie Frieden und Heil verkündigen, dass machen auch andere (und zwar rechtmäßig: Jer 23,5f; Jer 30-33; Jes 52,7), sondern dass Gott sie gar nicht in seine Entscheidungen mit hinein genommen hat. Sie waren nicht in seiner „Ratsversammlung“ dabei und können gar nicht wissen, dass Gott für die Frevler etwas ganz anderes plant, als Frieden und Wohlergehen. Der Vers ist direkt an die Propheten adressiert und soll nicht allgemein ausdrücken, dass Gott sich keinem mitteilt (Jeremia ist ja selbst das beste Gegenbeispiel) - vielmehr wird deutlich, dass die entscheidende Berechtigung für das Weitergeben von Offenbarungen fehlt: persönlich von Gott in seine Pläne eingeweiht worden zu sein[6].

[...]


[1] Vgl. Lamparter, Helmut: Prophet wider Willen, Stuttgart: Calwer Verlag 1964, S. 206-218

[2] Vgl. Thompson, J. A.: The Book Of Jeremia, Grand Rapids (Mi): William B. Eerdmans Publishing Co., 21989, S. 493

[3] Vgl. Fischer, Georg: Jeremia 1-25, Freiburg: Herder Verlag, 2005, S. 688f

[4] Vgl. Wanke, Günther: Jeremia, Zürich: Theologischer Verlag, 1995, S. 208-219

[5] Vgl. Lamparter, Helmut: Prophet wider Willen, Stuttgart: Calwer Verlag 1964, S. 207

[6] Vgl. Lamparter, Helmut: Prophet wider Willen, Stuttgart: Calwer Verlag 1964, S. 211

Details

Seiten
10
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640652563
ISBN (Buch)
9783640652846
Dateigröße
437 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153201
Note
2,0
Schlagworte
Jeremia Propheten)

Autor

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Titel: Jeremia 23,16-32 (Falsche Propheten)