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Filmanalyse: Die fabelhafte Welt der Amélie

Die Bedeutung des Vorspannes in "Die fabelhafte Welt der Amélie" für den Rest des Films

Hausarbeit 2008 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Die Bedeutung des Vorspannes in
„Die Fabelhafte Welt der Amélie“
für den Rest des Films

Einleitung

Gegenstand und Aufgabe der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit wird der Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ (Original-Titel: „Le fabuleux destin d'Amélie Poulain“) des französischen Regisseurs Jean-Pierre Jeunet aus dem Jahr 2001 untersucht.

Hauptaugenmerk liegt auf dem Vorspann des Films, den ersten drei Minuten (00:35-03:09), für die ich ein Filmprotokoll erstellt habe, das sich im Anhang befindet. Es ist sinnvoll, dieses parallel zur Szene zu lesen. Die Credits lasse ich darin bis auf E14 und E15, wo sie in die Handlung mit eingebunden werden, unerwähnt.

Inhaltlich geht es in der Arbeit um die Frage, inwieweit Themen und Elemente, die im Film eine Rolle spielen, schon im Vorspann auftauchen, wie der typische Stil und die Stimmung des Filmes darin entwickelt werden und inwiefern der Vorspann als eine Erklärung für den Rest des Filmes verstanden werden kann.

Zusätzlich möchte ich einige Hintergrund-Informationen zu den Aufnahmen geben, Jeunets Intentionen dazu erklären und auf Vorbilder und Anspielungen aus der Filmgeschichte hinweisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Handlung des Films

Der Film handelt vom Schicksal eines introvertierten, aber sehr fantasievollen Mädchens mit Namen Amélie, das in Montmartre, Paris aufwächst. Wegen eines vermeintlichen Herzfehlers wächst sie abgeschieden von anderen Kindern auf und erfindet eine eigene Welt, wo Schallplatten wie Crêpes hergestellt werden und Wolken wie Teddybären und Hasen aussehen.

Auch als sie älter wird und als 23-jährige im Café „Deux Moulins“ arbeitet, behält sie die Freude an den „kleinen Dingen des Lebens“ und die Neugierde für sinnlose Fragen bei. Als sie zufällig ein kleines, verrostetes Kästchen mit alten Kinderspielzeugen findet, es seinem alten Besitzer zukommen lässt und sieht, wie sehr ihn dieses unerwartete Wiedersehen berührt, beschließt sie, sich weiter in das Leben anderer einzumischen.

So lässt sie einen Blinden für einen Moment die Welt um ihn herum „sehen“, bringt eine ihrer Kolleginnen mit einem eifersüchtigen Stammgast zusammen, bestraft einen Gemüsehändler, der seinen Gehilfen schikaniert, weckt die Reiselust in ihrem zurückgezogenen Vater und freundet sich mit ihrem Nachbarn Dyfael an, der auf Grund einer Krankheit Knochen besitzt, die brüchig wie Glas sind.

Größere Schwierigkeiten hat Amélie aber dabei, einem ebenso exzentrischen jungen Mann, der weggeworfene Passfotos sammelt, ihre Liebe zu gestehen. Trotz mehrerer, kreativer Versuche, traut sie sich in den entscheidenden Augenblicken nicht, ihn anzusprechen. Bis schließlich Dyfael etwas nachhilft und die beiden doch zusammenfinden.

Die einzelnen Szenen

1. Szene: Montmartre und die überfahrene Fliege (00:35)

Der Erzähler

Gleich am Anfang ist die Stimme des Erzählers (André Dussollier, deutsch: Peter Fricke) zu hören, die immer wieder im Film auftaucht und vor allem in den ersten Minuten eine wichtige Rolle spielt. Gleichzeitig verbindend und erklärend, führt sie in die Geschichte ein, beleuchtet die auftauchenden Charaktere, nennt allwissend Daten und Fakten, die lapidar erscheinen und ist doch sehr subjektiv am Schicksal Amélies interessiert. Insgesamt macht der Erzähler einen allgegenwärtigen, gottgleichen Eindruck, seine Erklärungen scheinen aber nicht immer ganz verlässlich.[1] Der Stil reicht von witzig („bedauerlicherweise ist der Goldfisch aufgrund des familiären Umfeld depressiv und selbstmordgefährdet“ [5:42]) bis sarkastisch („die göttliche Antwort kommt drei Minuten später“ [8:14]) und abfällig („er stürzt sich wie besessen auf den Bau eines Miniaturmausoleums“ [8:39]), immer aber ist der Erzähler auf Amélies Seite. Er nimmt sie in Schutz („und Amélie beschließt sich zu rächen“ [7:25]), erklärt ihr Verhalten („…ist die Welt, die sie erfindet, ihre einzige Zuflucht [5:19]), bejaht ihre Eigenarten („dafür hat sie einen besonderen Sinn für die kleinen Freuden des Lebens [11:46]), fühlt mit ihr mit („die Zeit hat nichts geändert, Amélie flüchtet sich noch immer in die Einsamkeit“ [13:01]) und freut sich („Amélie hat plötzlich das Gefühl, in absoluter Harmonie mit sich selbst zu sein“ [33:16]). Durch die vielen belanglosen, aber wissenschaftlich präzisen Angaben, verbindet der Erzähler zusammenhanglose und scheinbar zufällige Geschehnisse miteinander und schafft so einen durchgehenden roten Faden, an dem auch Amélies Leben wie in einem chaotischen Universum einen Platz findet.[2]

Die Künstlichkeit der Bilder

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch die durchdachte Bildaufteilung (Horizont auf dem unteren Drittel, klare Linien und Formen) und die surrealen Farben (Goldene Sepiatöne, Grün, starke Farbsättigung), wirkt die Szene insgesamt sehr künstlich, vergleichbar mit einem Comic oder einer nostalgischen Postkarte.

Diese künstliche Wirkung der Bilder zieht sich durch den ganzen Film. Der besondere Umgang mit den Hauptfarben Grün, Rot und Braun gibt dem Film eine altmodische, idyllische Anmutung und versetzt ihn von der Bildwirkung her um ein paar Jahrzehnte in die unbestimmte Welt der „guten alten Zeiten“ zurück. Vanderschelden sieht in der Kombination Rot und Grün einen Bezug zum Thema Weihnachten und stellt fest, dass das erdige Braun nicht bloß dazu dient, Amélie in die sepiafarbene Umgebung einzubetten, sondern auch ihre kindliche Welt zu betonen.[3]

Auch das Comic-Thema (allgemein sehr lebendig in Frankreich) und Anspielungen auf TV-Helden tauchen immer wieder auf, z.B. Amélie im Zorro-Kostüm, sprechende Bilder und Figuren oder die Ähnlichkeit mit Audrey Hepburn in der Szene am Karussell (1:10:10).

Genau diese Künstlichkeit und die vermeintlich heile Welt führte dazu, dass Kritiker Jeunet vorwerfen, ein unrealistisches Bild des Viertels Montmartre entworfen zu haben, in dem ethnische Minderheiten und Homosexuelle „kaum repräsentiert werden, obwohl gerade diese Bevölkerungsgruppen das Stadtbild des 18. Arrondissements, in dem der Film spielt, im Alltag prägen“.[4] Um den gewünschten Bildeindruck zu schaffen, hat Jeunet tatsächlich viele Aufnahmen von Paris nachträglich am Computer verändert, Wolken hinzugefügt, Plakate im Hintergrund farblich dem Bildaufbau angepasst und störende Elemente entfernt. Schon für die Dreharbeiten selbst wurde das Stadtbild verschönert, indem zum Beispiel Fassaden umgestrichen wurden[5]. Selbst die Darsteller scheinen idealisiert, so weist ein Obdachloser zum Beispiel Amélies Spende mit den Worten „Oh nein, vielen Dank, meine Hübsche, ich arbeite sonntags nie“ [10:39], zurück.

Jeunets Antwort auf die Vorwürfe lautet schlicht, dass er nicht vor hatte, ein realistisches Bild von Paris zu zeigen.[6] „Nach diesem Abenteuer[7] wollte ich eigentlich einen kleinen Film machen und Paris in den Mittelpunkt stellen. Aber ich bin wie Kurosawa[8] der Ansicht, dass jede Einstellung ‘wie ein Gemälde’ sein soll. So habe ich mir aus allen Ansichten von Paris diejenigen ausgesucht, die mir am besten gefielen. Dann sind wir hingegangen und haben die Autos aus den Straßen entfernt, die Graffiti von den Mauern gewaschen, die Plakate gegen farbenfrohe ausgetauscht…“[9]

[...]


[1] Vgl. Isabelle Vanderschelden: Amélie, Urbana u.a.: Univ. of Illinois Press 2007, S.61

[2] Vgl. W. Everett, „Fractal films in the architecture of Complexity”, Studies in European Cinema, 2,3 (December 2005), S.159-172, Zit. nach: Vanderschelden (Anm. 1), S.61

[3] Vgl. Vanderschelden (Anm. 1), S.42

[4] http://www.filmlinc.com/fcm/11-12-2001/Amélie.htm, Übers. nach: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_fabelhafte_ Welt_der_Am%C3%A9lie, Zugriff: 2008-05-04

[5] Vgl. Universal/DVD, „Die fabelhafte Welt der Amélie (2 DVDs), 2002, Audiokommentar von Jeunet auf der DVD 1

[6] Vgl. Vanderschelden (Anm. 1), S.85

[7] Jeunets vorherige Hollywood-Produktion „Alien – die Wiedergeburt“

[8] Gemeint ist der japanischen Regisseur Akira Kurosawa (1910-1998), einer der einflussreichsten Vertreter des japanischen Kinos

[9] Susanne Hermanski: Die Obsessionen eines schönen Mädchens, Interview mit Jean-Pierre Jeunet, in: Süddeutsche Zeitung, 16.08.2001, SZ Extra, S. 1 (Nr. 187), Zit. nach: http://www. christian-maiwald.com/cm/Abschluesse/MA%20-%20NinaW.pdf, Zugriff: 2008-06-01

Details

Seiten
27
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640655472
ISBN (Buch)
9783640656271
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153191
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,0
Schlagworte
Filmanalyse Welt Amélie Bedeutung Vorspannes Rest Films

Autor

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