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Die FDJ im politischen System der DDR

Anspruch und Wirklichkeit der SED-Jugendorganisation

Hausarbeit 2009 27 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Erinnerung an die FDJ - 20 Jahre nach dem Mauerfall

II. Exkurs: Massenorganisationen als „Transmissionsriemen“ im sozialistischen Staat

III. Entwicklungsphasen der FDJ
A) Von den antifaschistischen Jugendausschüssen bis zur Gründung der FDJ 1945-1947
B) Der Weg zur SED-Massenorganisation 1947-1953
C) Zwischen Jugend- und Parteiinteressen 1953-1961
D) Emanzipation und Weltoffenheit statt Isolation 1961-1973
E) Stagnation, Agonie, Untergang 1973-1989

IV. Nach der Wende: Über die „fdj“ und das Bild der FDJ in der Geschichte

V. Fazit: Die Freiheit nur im Namen - Anspruch und Wirklichkeit der FDJ

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Erinnerung an die FDJ - 20 Jahre nach dem Mauerfall

„ Mehr noch als das Lied gefiel mir die FDJlerin, die es sang. Ihre weiche Stimme ergriff mich. Ihr hüb sches Gesicht ließsie selbst wie die Fahnenträgerin erscheinen, die die rote Fahne schön macht. Ihr goldblondes Haar fiel in Locken bis auf die Schultern, harmonierte mit ihrem blauen FDJ-Hemd. “ (Geiges 2007: 30-31)

Mit solchen Schmonzetten berichtet der Autor Adrian Geiges in seinem Roman „Wie die Weltrevo- lution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann“ über den Schulalltag an der FDJ-Kader- schmiede in Wandlitz bei Berlin. Geiges, damals SDAJ-Mitglied aus Baden-Württemberg, wurde 1979 an die Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ entsandt, um dort für ein Jahr politisch geschult zu werden. In dem 2007 erschienenen Buch, das sich nach Art der Popliteratur vor allem an ein junges Publikum richten soll, berichtet Geiges von allerhand komischen Episoden - ohne aber eine ernste Auseinandersetzung mit der FDJ, ihrer Politik, ihrem Personal und ihren Methoden zu führen. Und so nimmt die junge Generation vor allem eines beim Lesen mit - dass es in und mit der FDJ im Grunde komisch und unterhaltsam gewesen sei. Vom Verlag wurde das Buch als „hemmungslos po- litisch“ angekündigt: Zwar wird hier und da kritisiert, letztlich ist diese Art der Reflexion aber vor al- lem hemmungslos - und wenig politisch.

In diesem Jahr jährt sich der Mauerfall zum zwanzigsten Mal. Gerade in Jubiläumsjahren bekommt die Ost-West-Debatte einen konjunkturellen Aufschwung - es wird Bilanz gezogen, wie es denn mit der tatsächlichen Wiedervereinigung Deutschlands steht, ob neben dem Land nun auch die Menschen vereinigt sind. Diese Bilanz fällt ernüchternd aus: Unter der Überschrift „Noch nicht angekommen“ berichtet die Berliner Zeitung von einer Umfrage, nach der sich nur 22% der Ostdeutschen als „echte Bundesbürger“ fühlen, während 62% sich in einer Art „Schwebezustand“ zwischen Ost und West sehen (Berliner Zeitung 2009).

Die Kulturwissenschaftlerin Regina Bittner beschreibt in einem aktuellen Artikel verschiedene (Kul- tur-)Techniken der Ostdeutschen, mit der die Menschen auf den Umbruch seit 1989 reagiert haben: Die „Akkulturation“ findet dabei vor allem über eine Art der „Selbstethnisierung“ statt, mit der Menschen ihren eigenen Standpunkt in der bundesdeutschen Gesellschaft definieren (Bittner 2009: 9-10). Zu diesem Bild gehört seit 2003 auch eine „Ostalgie-Welle“ in den Massenmedien, die mit dem Film „Good Bye, Lenin!“ ihren kommerziellen Höhepunkt fand. Vanessa Watkins zeigt mit ih- rer Analyse des „Ostalgie-Booms“ im deutschen Fernsehen die besonders hohen Zuschauerquoten in der Zielgruppe der 14-49jährigen auf, die im Jahr 2003 bei 30,3% lag - rund 10% mehr als jener Anteil des Publikums aus dieser Zielgruppe, der von der „Tagesschau“ erreicht wird (Watkins 2005: 77). Die Generation der „Mauerfall-Kinder“ ist seit zwei Jahren volljährig - und naturgemäß defi- niert die heutige junge Generation ihr DDR-Bild vor allem aus eben diesen medialen Erfahrungen, jedoch immer weniger über eigenes Erleben, wie der Spiegel bereits vor zwei Jahren in einer Titelre- portage berichtete (Spiegel 2007).

Man kann die „Ostalgie-Welle“ gut und gerne kritisieren - und die fortwährende „anekdotische Darstellung [der DDR in Form] von Konsumgütern, Medien, Musik und Sport“ (Watkins 2005: 77) als Behinderung einer „richtigen“ Erinnerungskultur geißeln. Es ist davon auszugehen, dass recht- zeitig zum Mauerfall-Jubiläum am 9. November 2009 noch eine Reihe eben solcher Beiträge er- scheinen werden. Allerdings ist nach einer aktuellen Studie (Gille 2008) die Sorge, dass gar durch die „Ostalgie-Welle“ der DDR-Sozialismus von jungen Menschen historisch verklärt würde, eher übertrieben: Jugendliche in Ost und West, die sozialistische Ideen vertreten, beziehen diese auf ab- strakte Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit, anstatt das DDR-System konkret zu befürworten. Dementsprechend sind auch Kampagnen wie die „Ostalgie? Nein danke!“-Plattform der Jungen Union (www.ostalgie-nein-danke.de) schrille Zwischenrufe und gehen an einer sachlichen Ausein- andersetzung mit dem Thema vorbei.

Also: Statt bloß Kritik zu üben, wäre es weitaus wirksamer, jungen Menschen den Blick auf ein diffe- renziertes DDR-Bild zu ermöglichen. Und was eignet sich dazu mehr, als eine lebensnahe Darstel- lung des Alltags junger Leute in der DDR? Dazu gehört auch und vor allem eine Auseinanderset- zung mit der FDJ als der Jugendorganisation der DDR. Die vorliegende Arbeit hat eben die Freie Deutsche Jugend zum Thema. In dieser Ausarbeitung soll nicht nur die Geschichte der SED-Ju- gendorganisation dargestellt, sondern vor allem deren Funktion im politischen System der DDR be- leuchtet werden. Deswegen folgt nach dieser Einleitung (I) eine Kategorisierung der FDJ als sozia- listische Massenorganisation leninschen Typs (II). Es schließt sich eine Darstellung der Geschichte der FDJ an (III), wobei der Autor versucht hat, eine Einteilung in voneinander abgrenzbare Phasen vorzunehmen. Nach einer kurzen Bilanz zur Existenz der FDJ nach 1989 und einer Analyse des FDJ-Bilds in der Nach-Wendezeit (IV) folgt ein Fazit, das einige Vorschläge zur Vermittlung eines differenzierten Geschichtsbilds über die FDJ enthält (V).

II. Exkurs: Massenorganisationen als „Transmissionsriemen“ im sozialistischen Staat

Noch vor der offiziellen Gründung der DDR wandelte die SED die bis dahin politisch unabhängigen gesellschaftlichen Verbände in der SBZ zu Massenorganisationen nach kommunistischem Vorbild um. Zwar sollten diese Organisationen auch zukünftig offiziell überparteilich wirken - in ihren Füh- rungsgremien waren auch Mitglieder der Blockparteien vertreten - tatsächlich aber waren die Mas- senorganisationen ein elementarer Baustein zur Konsolidierung der SED-Alleinherrschaft. Dieser Prozess wurde bis 1952 in allen wesentlichen Organisationen abgeschlossen und endete mit der sta- tuarischen Anerkennung der führenden Rolle der SED; so wurde der de facto existierende Zugriff der SED auf die Massenorganisationen auch de jure geregelt (Mählert 2007: 39).

Die ideologische Basis für das Konzept der sozialistischen Massenorganisation übernahm die SED aus der kommunistischen Bewegung, die bereits in den zwanziger Jahren neben der Partei auch gruppenspezifische Verbände und Organisationen zur Unterstützung des eigenen politischen Programms etablierte. Das Grundkonzept der Massenorganisation stammt von W. I. Lenin, das in einem Beschluss des ZK der KPR(B) vom 12.01.1922 festgehalten wurde. Danach bezieht sich der Begriff der Massenorganisation vor allem auf die Arbeit der Gewerkschaften:

„ Die Verbindung mit den Massen, d.h. mit der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter (und sodann aller Werktätigen) ist die wichtigste, grundlegende Bedingung für den Erfolg jedweder Tätigkeit der Ge werkschaften. Von unten bis zur höchsten Spitze [ … ] muss ein ganzes System [ … ] geschaffen [ … ] werden von Genossen, die tief im Arbeiterleben verwurzelt bleiben, das Leben der Arbeiter in- und auswen dig kennen und es verstehen müssen, in jeder Frage, in jedem Moment die Stimmung der Massen [ … ] festzustellen. Eine der gr öß ten [ … ] Gefahren für die zahlenm äß ig bescheidene Kommunistische Partei [ … ] ist die Gefahr der Loslösung von den Massen. [ … ] Wenn der Transmissionsmechanismus zwischen dem Triebwerk und den Maschinen nicht funktioniert, so ist eine Katastrophe unseres sozialistischen Aufbaus unvermeidlich. “ (Lenin 1992: 751-752).

Dieses Konzept der Massenorganisation beschreibt deren Funktion vor allem über den Begriff des „Transmissionsriemens“: Über diesen werden Programmatik und Mobilisierung in die Partei und zu den Massen transportiert. Diese Funktionsauffassung geht vor allem davon aus, dass die liberale Demokratie allein - und vor allem die repräsentative - keine tatsächliche Vertretung der Massen ge- währleistet. Demokratie ist nach Meyer für die Sozialisten kein „Autonomie sicherndes Entschei- dungssystem“, da sich dort der Sozialismus nicht „nach Anhängerzahl und Überzeugungskraft“ bewähren könne. Dementsprechend ist nur die „Vollsozialisierung […] maßgebliches Kriterium des Sozialismus“, während „die politische Organisationsform des Staates […] sich danach zu richten [habe]“ (Meyer 2008: 54-55).

Mählert beschreibt zusammengefasst vier Funktionen der sozialistischen Massenorganisation in der DDR (Mählert 2008: 40):

Kontrollfunktion: Die Gesellschaft soll entsprechend der politischen Ziele der SED gelenkt und kontrolliert werden.
Transmissionsfunktion: Die Gesellschaft soll für die Politik der SED mobilisiert und aktiviert werden.
Informationsfunktion: Die Gesellschaft soll sich gruppenspezifisch gebündelt gegenüber Partei und Staat äußern, d.h. der „Wille der Massen“ soll in die politische Elite getragen werden. — Identifikationsfunktion: Der Mensch im Sozialismus soll sich über die Massenorganisation mit Partei und Staat identifizieren können. Dadurch soll auch die gelenkte Kaderbildung für Par- tei, Wirtschaft und Gesellschaft stattfinden.

Die SED begann bereits ab 1948, die zuvor geschaffenen Verbände wie FDGB (Freier Deutscher Ge- werkschaftsbund), DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands), VdgB (Vereinigung der ge- genseitigen Bauernhilfe), FDJ (Freie Deutsche Jugend), DSF (Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft) und eine Reihe weiterer gruppenspezifischer Organisationen zu sozialistischen Mas- senorganisationen umzuformen. Diese Organisationen hatten für ihre jeweilige Mitgliedergruppe das Organisationsmonopol und wurden von Anfang an durch Kommunisten gesteuert. So gehörten bereits ab Anfang 1947 die Mehrheit der Vorstandsmitglieder des FDGB der SED an (Weber 1999: 141-142).

Besonders für die FDJ gab es ein großes Vorbild: der sowjetische Komsomol als Jugendorganisation der KPdSU. Lenin beschrieb in seiner Rede auf dem III. Kongress des Komsomols die Funktion der kommunistischen Jugendorganisation präzise: So habe die Jugend die Aufgabe, „die kommunisti- sche Gesellschaft zu schaffen“. Diese Aufgabe würde am ehesten erreicht, indem das „Lehren“ und das „Lernen“ verändert wird. Lenin fasste dies zusammen, indem er den Delegierten zurief, „Ihr sollt aus euch Kommunisten erziehen“. Dazu gehöre auch, „gemeinsame Arbeit“ zu leisten, d.h. im Viertel, im Dorf oder in der Stadt mitzuhelfen, so u.a. bei der „Förderung von Sauberkeit oder der Verteilung von Lebensmitteln“ (Lenin 1920: 531-547). Die kommunistischen Jugendverbände weltweit setzten später diese Losung Lenins um, indem sie sich sogar an nationalen oder gar länderübergreifenden Infrastrukturprojekten beteiligten: Die FDJ z.B. übernahm Ende der 50er Jahre zahlreiche „Jugendobjekte“, bei denen FDJ-Mitglieder so u.a. eine Erdölpipeline in Schwedt / Oder bauten oder beim Ausbau des Flughafen Schönefelds halfen (Mählert 1996: 127).

Die FDJ stellte sich selbst bewusst in die Tradition der kommunistischen Jugendverbände. In der „Geschichte der Freien Deutschen Jugend“, herausgegeben vom Zentralrat der FDJ, beginnt die ei- gene Geschichte mit der Oktoberrevolution, die fortan in Form des Marxismus-Leninismus den „Kompass der revolutionären deutschen Jugendbewegung“ bildet (FDJ 1983: 32). In diesem Zu- sammenhang wird die DDR als „Staat der Jugend“ bezeichnet, dessen Beginn eng mit der FDJ ver- woben sei - so wird der Applaus einer FDJ-Delegation im Plenarsaal direkt im Anschluss an die Wahl Wilhelm Piecks zum ersten Präsidenten der DDR als historisches Ereignis mit besonderer Be- deutung verklärt; es soll so quasi zum Beleg für die besondere Rolle der FDJ werden (FDJ 1983: 181-182).

Die DDR, sogenannter „Staat der Jugend“, wird so auch ein Fixpunkt für das ideologische Fundament der FDJ. Deutlich wird dies besonders im seit dem 11.10.1949 veröffentlichten „Gelöbnis der deutschen Jugend“, in dem die DDR als „wahres Haus des Volkes“ bezeichnet wird, an dem die FDJ als „Baumeister“ mit „friedlicher Arbeit und kämpferischer Humanität“ bauen will (FDJ 1983: 183- 184). Und so heißt es im „Lied von der blauen Fahne“, das extra für das erste Deutschlandtreffen der FDJ 1950 komponiert wurde: „ Hebt die Fahnen, lasst sie schweben, sing ein neues Fahnenlied. Wir sind Deutschlands neues Leben, und der Friede mit uns zieht “ (FDJ 1979: 11).

Daran wird deutlich: Die FDJ war eine sozialistische Massenorganisation leninschen Typs - spätestens Anfang der 50er Jahre ist die Transformation dazu abgeschlossen worden. Bei der geschichtlichen Würdigung ihrer politischen Programmatik, der handelnden Personen und besonderer Ereignisse muss das Konzept der Massenorganisation stets berücksichtigt werden. Die Funktion der FDJ ist also klar umrissen: Sie ist nicht nur Jugendorganisation der SED, sondern hat den Anspruch eines gesamtdeutschen sozialistischen Jugendverbandes - der aber für die Ziele der SED arbeitet, indem er ihre führende Rolle anerkennt. Gerade über dieses Moment versuchte die FDJ das Organisationsmonopol für alle Jugendlichen argumentativ rechtfertigen.

III. Entwicklungsphasen der FDJ

Die nachfolgende Gliederung der FDJ-Geschichte in mehrere Phasen erfolgt im Wesentlichen auf Basis der Einteilung von Mählert (1996). Danach lässt sich zu allererst zwischen der Entstehung der FDJ als antifaschistischer und demokratischer Jugendverband und der Zeit ab 1947 unterscheiden, in der die FDJ zur SED-Massenorganisation wurde (A und B). Danach folgt eine Phase, in der das sozialistische System gesamtgesellschaftlich umgesetzt wurde; mit der Zerschlagung des privaten Handwerks und der vollständigen Kollektivierung der Landwirtschaft endet die Privatwirtschaft in DDR, die FDJ weitete ihren Zugriff auf 500.000 Jugendliche aus diesem Bereich aus (Mählert 1996: 134). Dieser Zeitabschnitt (C) endet schließlich mit dem Bau der Mauer.

Die FDJ durchlief nach 1961 wiederum eine Phase der Emanzipation und Öffnung nach außen, die spätestens mit dem Deutschlandtreffen der Jugend 1964 begann und mit den X. Weltjugendfest- spielen in Berlin 1973 ihren Abschluss fand (D). Der letzte hier dargestellte Abschnitt (E) umfasst die Zeit von 1973 bis 1989, in der die Hoffnung auf weitere Liberalisierung im Rahmen der Ostver- träge enttäuscht wurde - stattdessen stagnierte die FDJ und ging schließlich mit der DDR unter, üb- rig blieb nur der Nachwende-Ableger „fdj“, der keine nennenswerte Bedeutung mehr hatte.

A) Von den antifaschistischen Jugendausschüssen bis zur Gründung der FDJ 1945-1947

Die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes wird in Deutschland meist als „Stunde Null“ bezeichnet. Der Krieg, der 55 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, hinterließ Deutschland in Trümmern: Ein Drittel des Volksvermögens war vernichtet, 15 Prozent des Wohnraums war ausgebombt oder zerstört. Rund 25 Millionen Menschen waren auf der Flucht oder evakuiert und verloren so ihre Heimat. Gerade der sowjetisch-besetzte Teil des Landes war besonders betroffen, da zahlreiche Menschen unter dem brutalen Vorgehen der Roten Armee leiden mussten (Weber 1999: 27-28).

Die Lage der jungen Menschen war so dramatisch wie die des gesamten Volkes: Hunger und Not prägte den Alltag. Das bestimmendste Thema war das eigene Überleben - erst viel später kamen po- litische Fragen hinzu. Die Alltagserfahrungen prägten deswegen auch die Gespräche der jungen Menschen untereinander: Wo es Essen gab, wie geheizt werden konnte usw.. Im ersten Winter nach dem Krieg stieg die Sterblichkeitsrate auch bei Kindern und Jugendlichen erheblich an. Mangelnde medizinische Versorgung führte zu Ausbreitung von Seuchen; Typhus, Ruhr und Tuberkulose waren weit verbreitete Volkskrankheiten. Viele junge Menschen waren nicht nur obdachlos, sondern auch elternlos und irrten im Land umher, ohne Orientierung und ohne Bindung. Das Weltbild der jungen Menschen war zerbrochen: Waren sie zuvor noch als Soldaten im Krieg oder als Hitlerjungen voll durch das Nazi-Regime geprägt - und auch politisiert - worden, brach diese Welt nun auf einmal schlagartig zusammen (Gotschlich et al. 1996).

Unter diesen Umständen und mit dieser vom Leid geprägten Generation entstand die FDJ. Nach dem Kriegsende und vor dem Beginn der festgefügten Besatzungsherrschaft gründeten sich überall im Land zahlreiche Initiativen, Ausschüsse, Räte und Komitees, die auch eine Reaktion auf die poli- tische Leere nach dem Ende der Nazi-Diktatur waren. Diese Ausschüsse gaben sich zumeist den ob- ligatorischen Zusatz „antifaschistisch“, um den Bruch mit der Vorzeit auch im Namen darzustellen. In diesen Gruppen fanden sich vielfach Menschen wieder, die bereits vor 1933 in entsprechenden Ju- gendorganisationen von KPD und SPD sozialisiert wurden (Mählert 1995: 24-30).

Mit dem „Befehl Nr. 2“ gestattete die sowjetische Besatzungsmacht in ihrer Einflusszone die Grün- dung von politischen Parteien und Gewerkschaften. Als erste Partei gründete sich in der SBZ am 11. Juni die KPD, am 15. Juni folgte die SPD. Schließlich entstand am 26. Juni die CDU und am 5. Juli die LDP - damit war das demokratische Parteienspektrum deutscher Prägung wieder hergestellt. Diese Parteien konnten ihre Arbeit jedoch nicht frei und ungestört ausüben: Sie unterlagen der Kon- trolle der sowjetischen Besatzungsmacht und mussten Programme und Mitgliederlisten bei den Mi- litärkommandanturen registrieren lassen. Damit war zwar ein pluralistisches Parteiensystem eta- bliert - von einer Parteiendemokratie kann im weitesten Sinne aber nicht gesprochen werden (Weber 1999: 51-52).

Im Rahmen der Neugründung der Parteien konnte die KPD schnell zu führenden Kraft in der SBZ aufsteigen - vor allem durch ihre Nähe zur Besatzungsmacht. Bereits vor der Kapitulation wurden 3 Gruppen kommunistischer Exilanten nach Ostdeutschland geschickt, um dort den politischen Neu- aufbau zu beginnen - führender Kopf der Gruppen war Walter Ulbricht, der später Generalsekretär der SED und Vorsitzender des Staatsrates werden sollte und bis 1971 maßgeblich die Geschicke der DDR lenkte. Die Pläne für die politische Umgestaltung der sowjetischen Besatzungszone waren be- reits in den 40er Jahren in Moskau von den Exilgruppen ausgearbeitet und von der KPdSU abgeseg- net - jetzt setzte die neue KPD ihre Strategie in die Tat um (Weber 1999: 35-41).

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Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640652433
ISBN (Buch)
9783640652747
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v153173
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Historisches Seminar
Note
Schlagworte
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