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Versuch einer Einordnung der Kunstfigur Helge Schneider in eine ‚dada-avantgardistische’ Geisteshaltung

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 10 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Dada-Avantgardistische Medienkunstfigur Helge Schneider - Lebensform Dada

„ Der Dadaismus, so wie ich es heute nach vielen Jahren sehe, war eine Revolte der von vielen Seiten bedrängten Persönlichkeit. Es war der Aufstand gegen die drohende Vermassung, Verdummung, Zerstörung. “[1]

Öffentliche Auftritte der Kunstfigur Helge Schneider in der Medienlandschaft sind stets ein ‚Fest des Absurden’. Einen Roten Faden in der Summe seiner Aussagen festzustellen scheint nahezu unmöglich und doch wirkt er nicht dümmlich oder gar ungebildet. Vielmehr zeigt er dem Publikum einen Spiegel auf, dessen Reflektion wiedergibt in wiefern es sich selbst zum Narren macht, wenn es sich selbst, seiner Lebensform, geprägt von Prestige und sozialem Status, in ihrem gesellschaftlichen Umgebung und dem damit verbunden Wirtschaftssystem, derart ernst nimmt und in keiner Relation zu tatsächlichen Missständen des gesellschaftlichen Wandels stehen. So formulierte Richard Huelsenbeck, einer der ersten bekannten Dadaisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in seiner Autobiografie aus dem Jahre 1957, dass er sich persönlich gezwungen fühlte, aus seinem existentialistisch geprägten Selbstverständnis heraus, gegen eine drohende Vermassung, Verdummung, der technisierten aufkommenden Informations- und Gesellschaft, zu rebellieren. So war und ist jene dadaistische Avantgarde der Vergangenheit, aber auch die einer Figur des Helge Schneider, ein Aufschrei, Rebellion sowie Versinnbildlichung eines unzufriedenstellendes Zeitgeschehens von äußeren wirtschafts- und sozialpolitischen Veränderungen und Lebensbedingung. Mit dem Resultat einer sich alles verweigernden nihilistischen Einstellung, fernab eines sich immer mehr ausbildenden Mainstreams.

Lebensbejahung findet schon zu Zeiten des Jahrhundertwechsels des 19. und 20. Jahrhunderts zu großen Teilen nur noch ‚spektakulär’ in passiver Teilhabe[2] (bzw. Teilnahmslosigkeit am tatsächlichen immer mehr ins Verborgene geratene Zeitgeschehen) an Events statt. Eine nihilistische Nicht-Teilnahme wird regelmäßig durch Ausgrenzung sanktioniert und zwar so lange bis jene nihilistische Außenseitergruppe „entdeckt“, als Vorreiterideengebern gefeiert, vom System absorbiert, und von den selben Menschen/Gruppen/Vereinigungen, die sie zuvor noch ausgrenzten, in den Mittelpunkt geschoben werden. Komik und Tragik liegen gerade in performativen Auftritten eines H. Schneiders dicht beieinander, wobei der tragische Teil häufig selbstironisch kompensiert und in seiner Figur nur selten im puren (und tatsächlichen Ausmaß der Verzweiflung) an die Öffentlichkeit kommt bzw. nur schwer von Seiten der Rezipienten auszumachen ist. Ernsthaftes wird komisch und komisches gerät an den Rande des wahnsinnigen Unsinns. Parabelhaft lässt sich hier eigener Verstand, der des Helge Schneiders, sowie Bedeutung der Unterhaltungs- wie auch der Kulturindustrie anzweifeln. Schwachsinnigkeiten erhalten neue Dimensionen, wenn eine akademische und kultivierte Person eine Lebenspraxis wiedergibt, die sich zwar einerseits ;lustig’ beobachten lassen, genauso aber auch schockierend zu gleich sind, wenn er krankhaftes einer sich immer mehr zivilisierenden, individualisierenden und isolierenden Gesellschaft karikaturhaft widerspiegelt.[3] Unter einem ‚Deckmantel der Unterhaltung’ sind Informationsgehälter seiner Aussagen in aller Regel mit Vorsicht zu genießen. Unvorhersehbar ist das, was er als nächstes tut und worauf er sich als nächstes (nicht-)einlässt, um daraufhin einen weiteren Haken schlagen zu können. So ist er kaum zu fassen und in der Regel immer einen Schritt voraus. Auf unberechenbare Art und Weise gelingt ihm der Spagat aus Seriosität und Albernheit, aber auch eigene Genialität mit selbstironischer Alltäglichkeit und Gelassenheit zu verbinden.

In seinen subtilen kritischen Äußerungen verliert er aber nicht den Respekt, sondern zeigt im Gegenteil (selbstehrlich) Verhältnisse auf, die ihrerseits, legitimiert durch gesellschaftliche Anerkennung und gesetzestreu auf Kosten jener leben, die nicht teilen können, wie sich Gesellschaften in ihren Strukturen wandeln.

Von einer Avantgarde zu sprechen ist immer dann unmöglich, versucht man eine Avantgarde der Gegenwart auszumachen. Avantgarde im Sinne einer Lebenspraxis, die einer Idealvorstellung und oder einen Protest verfolgt, lässt sich individuell in jedem Menschen wieder erkennen, ob jene Lebenspraxis jedoch als geeignete und darüber hinaus als progressiv und logische Konsequenz der Zeitgeschehnisse sich rückführen sowie ableiten und mehr noch als Widerstand gegen Umstände im kulturellen, politischen als auch ästhetischen und moralische Sinne, begreifen lässt, hängt auch von der mehr oder weniger bewusst geführten Lebenspraxis ab. Jene Lebensgestaltung verliert aber nicht den Hang zur Alltäglichkeiten. Sie passt sich gleichermaßen an, wie das sie in der Lage ist, persönliche Eigenarten ins Leben zu integrieren. Also der Freiheit den Vorzug gegenüber den Zwang gibt. Gleichzeitig sehnt er sich nach Selbst- Vertrauen, Anerkennung und Einschätzung seiner selbst. Das Gefühl der persönlichen Eigenart, dem Wunsch nach Freiheit, sowie die Suche nach Austausch mit Gleichgesinnten führen beinah zwangsläufig zu Ambitionen der freien Lebens(werk)- Gestaltung.[4] Denn einer Lebenspraxis, regressiert auf Umstände der Passivität und Abhängigkeit, wirken divergierend auf eine selbstbestimmte Lebenspraxis, die aber darauf aus sein will, einem/dem Wandel der Zeit mit Hilfe Interaktionen, mitzubestimmen. Einfluss zu nehmen auf innerliches sowie äußerliches Unbehagen, die häufig in Wechselwirkung mit soziokulturellen bzw. politischen Verhältnissen entstehen.

Dada in der Post-Moderne

Avantgardistischer Einfluss kann also in künstlerischen, aber auch in politischen Dimensionen erfolgen bzw. erzeugt und erfahrbar gemacht werden. Beispiele hierfür können unter anderem sein: performative Auftritte wie Happenings, (Autoren-)Filme, (dadaistische) Plakate oder aber auch dadaistische Lautgedichte, in ihrer stets ganz eigensinnigen Sprache des jeweiligen Performers/Künstlers.

Gerade solch dadaistischen Lautgedichte, dessen offensichtliche Absurdität und undeutbarer Charakter eine Zeit widerspiegeln, die heute als Aufbruch in eine Moderne der Industrialisierung, Ausdifferenzierung und Subkulturen bezeichnet wird. Eine Moderne, die sich vor allem durch eine gefühlte Beschleunigung der Zeit auszeichnet und eine zielgerichtete Orientierung, in einer zunehmend sich globalisierenden Bevölkerung erschwert, wenn Informationen, Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten ansteigen.

Darüber hinaus verkürzten sich Abstände von Räumen, auch (Länder-)Grenzen konnten schneller überwunden werden. Verkürzte Kommunikationswege boten mit Hilfe von Eisenbahn und Telekommunikationstechniken neuartiges Ausmaß an Ideen, Theorien und Ideologien. Sie eröffneten ein bis dahin nicht unbekanntes Potential zur Verbreitung, auch von avantgardistischer Lebensweisen, sowie der Möglichkeiten zur sozialen Vernetzungen und Vereinigungen, wie z.B. unter Künstlern, Politikern, Institutionen und Unternehmen. Es begann eine Zeit der Zusammenschlüsse hinsichtlich Machtstrukturen institutioneller und lobbyistischer Bewegungen in Wirtschaftsystemen. Auch Avantgardistische Gruppen versuchte u.a. mit Hilfe ihrer Manifesten einen Ist- Zustand zu beschreiben, um einen/ihren Soll-Zustand voranzutreiben/zu propagieren.

[...]


[1] Vgl. Richard Huelsenbeck: Mit Witz, Licht und Grütze. Auf den Spuren des Dadaismus. Wiederauflage im Nautilus Verlag. Hamburg. 1992. Erstauflage im Limes Verlag. Wiesbaden. 1957, S.79.

[2] Vgl. Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels. Edition Nautilus. Hamburg. 1978. 1. Kapitel, Absatz 12, S. 4.

[3] Vgl. 00 Schneider - Jagd auf Nihil Baxter. D 1994, R: H. Schneider. In: YouTube, URL: http://www.youtube.com/watch?v=fu8NAwN38vI (11.02.2010)

[4] Vgl. Abgeschminkt. Theatermenschen beobachtet von Johanna Schickentanz. Erstausstrahlung: 04.06.2005. Theaterkanal. In: Youtube, URL: http://www.youtube.com/watch?v=4F59aNDygXg (1/2),. (02.02.2010).

Details

Seiten
10
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640649990
ISBN (Buch)
9783640649716
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152945
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Theater-/ Film- und Fernsehwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
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