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Freundschaft und Geschlecht

Gender-Aspekte der intimen Paarbeziehung

Seminararbeit 2007 25 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Freundschaft- Eine Einführung in die Begrifflichkeit

3. Freundschaftskonzepte
3.1. Beste Freundinnen

4. Freundschaft und Geschlecht
4.1. Männerfreundschaften
4.2. Frauenfreundschaften
4.3. Gegengeschlechtliche Freundschaften

5. Resümee und Reflexion

6. Literatur

1. Vorwort

Dies ist eine Seminararbeit zum Seminar „Soziologie der Liebe, Freundschaft und Paarbildung“. Im Seminar entstand der Eindruck, dass das soziale Phänomen der „Freundschaft“ eher einen stieftöchtlerlichen Status innerhalb der Soziologie einnimmt, während dem Thema Liebe (im Sinne heterosexueller Paarbeziehungen) bei weitem größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Im Plenum wurde durch gelegentliche Anstöße der Professorin jedoch immer wieder das Thema Freundschaft aufgegriffen, auch wenn die theoretisch­abstrahierenden Implikationen durch mangelnde soziologische Grundlagenliteratur oft ausblieben. Dieser Umstand stellt für mich die Motivation zum Verfassen dieser Seminararbeit dar. Zunächst möchte ich versuchen den Begriff der Freundschaft handhabbar zu machen um mich im Weiteren dem Phänomen der „besten Freundschaft“ zu widmen. Das Konzept dieser besonderen Form der Freundschaft soll mir dazu dienen den genderspezifischen Aspekt der freundschaftlichen Paarbeziehung auszuleuchten indem ich zunächst gleichgeschlechtliche Freundschaftskonzepte, im Sinne idealtypisch- geschlechtsspezifischer Freundschaften, vergleiche. Schließlich möchte ich auch eine „abweichende“ Freundschaftsform beleuchten: die so genannte gegengeschlechtliche (Freundschaft cross-sex-friendship). Diese erscheint mir interessant, da manche TheoretikerInnen in ihr eine Chance für ein größeres Verständnis zwischen den Geschlechtern und für eine Auflösung der Geschlechterdifferenzen sehen.

2. Freundschaft- Eine Einführung in die Begrifflichkeit

Es scheint beinahe unmöglich eine klare Definition des Begriffs „Freundschaft“ in der Literatur aufzufinden. Ebenso wie bei der Liebe handelt es sich dabei meistens um Paarbeziehungen. Jedoch differenzieren die Entwürfe der Zweierbeziehungen hier stärker. Nichts desto trotz finden sich in zahlreichen Schriften der verschiedensten Fachrichtungen Hinweise auf die essentielle Bedeutung dieser Beziehungen für das menschliche Zusammenleben.

„Zu nichts scheint uns die Natur so sehr bestimmt zu haben wie zur Geselligkeit, [...] Aristoteles sagt, dass die guten Gesetzgeber mehr Sorge für die Freundschaft als für die Gerechtigkeit trugen. [...] In ihr findet die Geselligkeit den letzten Grad ihrer Vollendung. [...] Insgeheim sind alle Freundschaften, die Wollust oder Eigennutz, öffentliche oder häusliche Notwendigkeit errichten und erhalten, um so weniger schön oder edel, und um so weniger Freundschaften, als sich andere Gründe, Zwecke und Gewinste als die Freundschaft selbst in sie mengen." [S. De Montaigne, M. (1953): S.9].

Freundschaft gilt als unentbehrlich zur Unterhaltung des physischen und psychischen Wohlbefindens. Nach Kracauer (1971) begünstigt Freundschaft, wenn sie auf wechselseitiger entgegenkommender Anregung hervorgeht, die Ich-Erweiterung. Geist, Triebe und Sinne der FreundInnen werden belebt und können mit dem/der signifikanten Anderen ausgetauscht werden. Wenn dieses Verhältnis in Balance ist, funktioniert es für die Beteiligten gebend und nehmend.

Als soziologische Kategorie ist Freundschaft bislang dennoch ein relativ unerörtertes Feld. Sie wurde in der Vergangenheit eher von PhilosophInnen, PsychologInnen und SozialpsychologInnen beschrieben und untersucht. Tenbruck nennt mögliche inhaltliche Gründe für die mangelnde Thematisierung dieser Beziehungsform in der Soziologie. Im Fokus der Soziologie stehe vor allem anderen die Gesellschaft, nicht der/die Einzelne und Freundschaften scheinen auf den ersten Blick ein „privates Anliegen" und nicht institutionalisiert zu sein, und daher „Sache des[/der] Einzelnen, nicht der Gesellschaft [Vgl. Tenbruck, F. (1964): 434]."

Es gibt aber dennoch SoziologInnen, die sich mit der Freundschaft beschäftigt haben, wenn auch oft nur am Rande ihrer Theorien. Die Handhabung des Begriffes ist schwerfällig, weshalb sich die ForscherInnen größtenteils nur gewissen Teilgebieten der Freundschaft widmen [Vgl. Härtwig, J. (2004)]. Freundschaft ist zu vielschichtig, um in einer einzigen Begriffsbestimmung vollends operationalisiert werden zu können.

In einer unveröffentlichten Studie von Lück bewerteten StudentInnen die Begriffe Freundschaft, Liebe, Sympathie, Zuneigung, Anziehung und Attraktivität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Heidbrink, H. (2007)

Die generell hohen Korrelationen demonstrieren die mangelnde Differenz der Begrifflichkeiten. Die geringste Korrelation besteht zwischen Freundschaft und Attraktivität, die höchste zwischen Anziehung und Zuneigung. Freundschaft und Liebe weisen bei einer Korrelation von .91 eine gemeinsame Varianz von 83% auf. Dieses empirische Beispiel verdeutlicht, weshalb eine exakte Abgrenzung der Begriffe teilweise unmöglich erscheint [S. Heidbrink, H. (2007)].

Die Konzeption der Freundschaft ist zwar umfassend, aber unter den verschiedenen Auslegungen finden sich doch auch greifbare Berührungspunkte und Kongruenzen darüber, was Freundschaft ausmacht.

Nötzoldt- Linden definiert Freundschaft als "eine auf freiwilliger Gegenseitigkeit basierende dyadische, persönliche Beziehung zwischen nicht verwandten, gleichgeschlechtlichen Erwachsenen in einer Zeitspanne." [Nötzoldt- Linden, U. (1994): 29]. Damit hat sie eine sehr generelle Bestimmung entwickelt, die komplex ist, aber die gegengeschlechtliche Freundschaft eigentlich exkludiert.

Eberhard und Krosta erzielten beispielsweise in der Analyse der von ihnen durchgeführten Gruppendiskussionen interessante Ergebnisse hinsichtlich der Abgrenzung der Freundschaft von anderen Beziehungsformen: Einig waren sich alle TeilnehmerInnen, dass Freundschaften eine nichtsexuelle Beziehungsform darstellen und sich von Bekanntschaften durch eine weniger oberflächliche Form unterscheiden [Vgl. Eberhard, H., J., Krosta, A. (2004): 157].

3. Freundschaftskonzepte

Simmel hat das Konzept der "differenzierten Freundschaft" entworfen und prägte den Begriff „Freundschaft" als Paarbeziehung unter intimen und kaum institutionalisierten Verhältnissen, bestimmt durch das Wissen und Nicht- Wissen um die Individualität des/der signifikanten Anderen.

Für Tönnies und Weber entstehen Freundschaften im Rahmen von Vergesellschaftung und bestehen neben Verwandtschaft und Nachbarschaft. Tönnies vertritt die Meinung, dass die Arbeit einander verbinde und Freundschaften entstehen lasse, und sie ein geistiges Band der Beteiligten bewirke. Freundschaft sei mentaler Natur und beruht auf Zufall oder freier Wahl. Freundschaft entsteht aus intimen Kenntnissen übereinander [Vgl. Rapsch, A. (2004)].

Kracauer prägte den Begriff der „mittleren Freundschaft" in Abgrenzung zur Kameradschaft (als Zielverbindung), zur Fachgenossenschaft (als Sachverbindung) und Bekanntschaft (als Gegenwartsverbindung). Er beschreibt die eine Freundschaft, die für ihn in der Pflege ähnlicher Gesinnungen besteht und gemeinsame Entwicklungen voraussetze. Es müsse eine Übereinstimmung in den Idealen und im Welt- und Menschenbegreifen vorhanden sein. Freundschaft ist bei ihm auch durch das Wachstum mit- und durcheinander geprägt [Vgl. Rapsch, A. (2004)].

Diese angeführten Definitionen von Freundschaften differenzieren sich dadurch dass unterschiedliche Perspektiven der Freundschaft beachtet und integriert werden, und andere ausgeschlossen werden. Dennoch sind die AutorInnen sich in Bezug auf gewisse Aspekte weitgehend einig:

Freundschaft ist eine persönliche, nicht-sexuelle Beziehung, die auf Freiwilligkeit und Wechselseitigkeit basiert und für eine ungewisse Zeit aufrechterhalten wird. Einige

WissenschaftlerInnen heben besonders die Bedeutung der Wesensgleichheit oder Affinität der Freundinnen hervor.

Der symbolisch- interaktionistische Ansatz von Suttles begreift Freundschaft beispielsweise als „Soziale Institution". Demnach wäre Freundschaft eine eigenständige Form des Umgangs mit eigenen sozialen Normen und Regeln. Freundschaft ist für Suttles durch drei Merkmale geprägt: Freundschaft ist eine generelle Beziehung, die überall entstehen kann, Freundschaft ist eine freiwillig eingegangene und an der Person als solcher orientierte Beziehung und ihre Ausgestaltung ist eine Angelegenheit privater Aushandlungen. Für Tenbruck dient Freundschaft vor allem zur Stabilisierung des Individuums und der Ich- Findung. Freundschaft stoße jedoch heutzutage an gewisse Grenzen, die aus der zunehmenden Individualisierung resultieren und „differenzierte Freundschaften" zur Folge haben [Vgl. Rapsch, A. (2004)].

Aus systemtheoretischer Perspektive dienen sowohl Liebe als auch Freundschaft zur Codierung von Intimität. Freundschaft wird dabei als semantische Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche verstanden. Die überlieferten Verbindungen und Festigkeiten verloren durch die Individualisierung an Kraft: Die Individualisierung ist zum allgemeinen Vergesellschaftungsprozess geworden, die auch die noch bestehenden gemeinschaftlichen Lebensformen auflöst [Vgl. Eberhard, H., J., Krosta, A. (2004): 51]. Es entfaltete sich, durch den Wandel der Gesellschaft von einer stratifikatorischen zu einer funktionalen Differenzierung, eine Semantik der Intimität, wobei die Semantik der Freundschaft eine sozial tolerierte Verhandlung der Individualität gestattet. Freundschaft gliedert die unvollständigen

Individualitätsentwürfe ein, was dem Entwurf der modernen Gesellschaft eher entspricht. Freundschaft kann aber nur entstehen, wenn von Beginn an Kommunikationsanschlüsse existent sind. Dies ist auf zwei Arten möglich: Wenn sich Personen ähneln oder die Verbindung auf bestimmte Angelegenheiten begrenzt wird (Interessenskongruenz). Interaktionssysteme können ihre Ganzheit also einerseits über den Bezug auf bestimmte Themen und andererseits durch die Referenz auf Individuen gewinnen [Vgl. Schmidt, J. F. K.(2000) ].

Die Kompensation für die Individualisierung ist der fortwährende Kampf gegen die Einsamkeit. Nötzoldt- Linden (1994) stellte die Annahme auf, dass „heutige"

Freundschaften die von den Individuen in Anbetracht des gesellschaftlichen Wandels ersehnte Kompensationsfunktion nicht mehr befriedigend erfüllen. Auch Fatke und Valentin (1988) haben festgestellt, dass in ihrer Untersuchung Freundschaften meistens nicht auf Dauer angelegt waren.

Für Von Wiese liegt die Motivation dafür, Freundschaften einzugehen generell in der Furcht davor einsam zu sein. Wenn das Ich erkennt, "dass Eindrücke, Ahnungen und Wünsche und vor allem Befürchtungen, die es in bestimmten Augenblicken durchdringen, von der menschlichen Umgebung nicht geteilt werden, dass es wahrhaft mutterseelenallein in einer daran unbeteiligten Welt steht." [Von Wiese, L. (1956): 16]. Für ihn ist Freundschaft eine Kraft, die diese Vereinsamung hemmt und auch Platz für psychischen Austausch bietet. Von Wiese unterscheidet weiters zwischen Geschlechter-, Generations- und Freundschaftspaaren. Die Unterschiede resultieren nicht aus inneren Strukturen der Beziehungen, sondern aus der Intensität ihrer Bindungen, der Intimität. Als Merkmale der Freundschaft macht er das Vorhandensein einer Wahlgruppe, Verbundenheit, ein Entspringen aus dem „Zentrum der Persönlichkeit" und ein Einwirken von Individuellem auf Individuelles fest.

Argyle und Henderson (1986) versuchten sich den Funktionen von Freundschaft anzunähern und stießen in ihrer Umfrage auf drei Hauptfunktionen von Freundschaft:

1. Hilfe - finanzielle Hilfe oder Beistand bei Alltagsproblemen.
2. Soziale Stütze - gilt als bedeutendster Anlass für Freundschaft und schließt den
einfachen Erfahrungsaustausch auf gewöhnlicher (alltäglicher) Ebene, um einen gemeinsamen mentalen Wirkungskreis herzustellen, Erfahrungen zu verbalisieren und denen anderer gegenüberzustellen, mit ein.
3. Gemeinsame Vorlieben - für gemeinschaftliche Aktivitäten in der Freizeit, Zeitvertreib, Unbekümmertheit und Vergnügen.

Nötzoldt-Linden erläutert die Nuancen der Relevanz von Freundschaft für das Individuum mit den einzelnen Gesichtspunkten sachlich, gesellschaftlich, personal und gefühlsmäßig. Eine FreundIn ist nicht bloß eine pflichtfreie WegbegleiterIn, sondern sollte neben greifbarem, materiellen Beistand auch psychisch-moralische Unterstützung leisten, vor Einsamkeit bewahren und soziale Stütze sein.

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Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640648290
ISBN (Buch)
9783656061229
Dateigröße
897 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152831
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
2
Schlagworte
Geschlecht Gender Freundschaft Paarbeziehung

Autor

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Titel: Freundschaft und Geschlecht