Lade Inhalt...

Die Bundesrepublik Deutschland als politisches System nach David Easton – Eine haltbare These

Seminararbeit 2009 19 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Die BRD als politisches System nach Easton – eine haltbare These?

2. Der allgemeine Systembegriff
Parsons’ Strukturfunktionalismus

3. David Easton: Das politische System
Grundbegriffe der Theorie

4. Kritik an Eastons Theorie nach Arno Waschkuhn
Die Allgemeinheit des Modells

5. Die Bundesrepublik Deutschland als politisches System nach Easton
5.1 Input – Die Rolle der Parteien und Verbände
5.2 Konversion – Die Rolle der Parlamente
5.3 Output – Die Rolle der Regierung
5.4 Feedback – Die Rolle der Wahlen und der Medien

6. Fazit
Die BRD als politisches System nach Easton – eine haltbare These?

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die BRD als politisches System nach Easton – eine haltbare These?

David Easton hat mit seinem Werk „The political system“ neben namhaften Wissenschaftlern wie Deutsch und Almond den systemtheoretischen Ansatz politischer Theorie geprägt. Als Wegbereiter hierfür ist Talcott Parsons zu nennen, der Mitte der vierziger Jahre den Strukturfunktionalismus aus seiner Handlungstheorie entwickelte, was ihn letztendlich zu einer allgemeinen Systemtheorie führte, für die er einen allgemeingültigen Anspruch erhob. Für die Vertreter der politischen Systemlehre war dies der Anlass, Annahmen über das „System Politik“ zu machen und Parsons’ allgemeine Systemtheorie im Speziellen anzuwenden.

Easton gehörte dabei einer Gruppe von Politikwissenschaftlern an, die versuchten, eine alternative Richtung zur klassischen vergleichenden Regierungslehre einzuschlagen. Er entwickelte seit den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts das Modell des politischen Kreislaufs, beruhend auf dem strukturfunktionalistischen Ansatz von Parsons und gehört damit im Bereich der politischen Systemlehre zu den Vertretern der klassischen systemtheoretischen Ausrichtung.

Für sein Modell wurde in der Folgezeit immer wieder allgemeine Gültigkeit erhoben, ein Stand nahe einer „General Theory“ der Politikwissenschaften. Doch wie lässt sich dieser Ansatz auf das explizite Beispiel anwenden? Die in der systemtheoretischen Tradition stehenden Modelle sind seit Ende der 1960er Jahre vermehrt einer Kritik ausgesetzt, die eine zu nüchternde, aller normativen Grundelemente entbehrende Beschreibungsweise attestiert. Der Politikwissenschaftler Arno Waschkuhn knüpft mit seiner Kritik an dieser Stelle an: Er wirft Eastons Modell einen zu großen Allgemeinheitscharakter vor und fragt nach dem Sinn der Anwendung der Theorie als Realanalyse.[1]

Anhand des Fallbeispieles der Bundesrepublik Deutschland soll festgestellt werden, ob eine Einordnung der BRD in die Eastonsche Typologie möglich ist. In wie weit trifft die oben genannte Kritik zu und bleiben wesentliche Merkmale der politischen Entscheidungsfindung im Eastonschen Verständnis womöglich unberücksichtigt? Am Ende steht ein Fazit, das die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit noch einmal zusammenfasst und kritisch bewertet.

2. Der allgemeine Systembegriff

Parsons’ Strukturfunktionalismus

Um eine angemessene Analyse zu gewährleisten, ist es zunächst erforderlich, den allgemeinen Systembegriff zu erläutern, auf dem der Theorieansatz von Easton basiert.[2]

Einer allgemeinen Definition zufolge stellt ein System eine Einheit dar, die aus mehreren miteinander in Beziehung stehenden Elementen zusammengesetzt ist.[3] Ferner beruht ein System auf einer stabilen Ordnung, es erbringt eine bestimmte Integrationsleistung, weist gegenüber anderen Systemen einen bestimmten Grad an Geschlossenheit auf und grenzt sich durch eine dem System eigene Struktur in bestimmter Weise von seiner Umwelt – also auch von allen anderen Systemen – ab. Somit verfügen Systeme über eine eigenständige Struktur, die auf ein Systemgleichgewicht ausgerichtet ist. Durch die Herausforderungen der Umwelt kann dieser Gleichgewichtszustand jedoch nie perfekt sein. Diese Herausforderungen versucht das System durch interne Differenzierung zu bewältigen, etwa durch die Entwicklung neuer Institutionen und Verknüpfungen zwischen den Institutionen.[4] Das bedeutet, dass Einwirkungen auf oder Veränderungen von einzelnen Teilen des Systems auf das Gesamtsystem wirken, welches seinerseits die Selbsterhaltung sucht.[5]

Zentrale Bedeutung erlangen in diesem Zusammenhang die Systemkomponenten Struktur, Funktion und Prozess. Ein System lässt sich allein über die genannten Begrifflichkeiten definieren: Die Zu- und Anordnung der systemeigenen Elemente (Struktur), das Verhältnis von Aufgabe und Leistung eines Systemelements (Funktion) und der Ablauf von wiederholbaren bzw. sich wiederholenden Operationen einzelner Systemelemente und einzelner Subsysteme untereinander (Prozesse).

Das politische System gilt - als zu analysierendes Objekt - als ein soziales System, da es soziale Elemente, wie Institutionen und Organisationen, und soziale Operationen, wie Interaktionen und Kommunikationen, inkludiert.[6] Soziale Systeme streben, wie jedes andere System auch, nach Selbsterhaltung. Dieser Vorgang ist durch die Formulierung eines Bestandsproblems gekennzeichnet; die Funktion eines Teilelementes ist dabei die Lösung eines Problems, das für das Ganze in spezifischer Weise bedeutsam ist. Das Bestandsproblem der Existenzsicherung lässt sich in eine bestimmte Menge von Unterproblemen aufspalten, für deren Lösung die Funktionen von Teilelementen sorgen.[7] Parsons entwickelte diesen allgemeinen Systembegriff weiter und beschrieb vier universale Bezugsprobleme des Problems der Bestandserhaltung. Jedes System müsse über Strukturen, Funktionen und Prozesse verfügen, die die vier Anforderungen des „AGIL-Schema“ erfüllen können.[8] Um seinen Bestand gegenüber der Umwelt sichern zu können muss ein soziales System die Bezugsprobleme Anpassung (adaption), Zielerreichung (goal-attainment), Integration (integration) und Strukturerhaltung (latent pattern maintenance) durch die Strukturkomponenten Rollen, Kollektive, Normen und Werte lösen.[9] Parsons ordnet in diesem Zusammenhang die vier Bezugsprobleme vier Gesellschaftsbereichen und damit vier Subsystemen des gesellschaftlichen Systems zu: Anpassung – Ökonomie, Zielerreichung – Politik, Integration – gesellschaftliche Gemeinschaft, Strukturerhaltung – kulturelles Treuhandsystem.[10] Parsons schreibt damit dem politischen Subsystem im Speziellen das Erreichen kollektiv bindender Entscheidungen und die Durchsetzung von gemeinsamen Grundüberzeugungen zu.[11]

An dieser Stelle setzt der Wissenschaftler Easton an und entwickelte seinerseits ein eigenes Systemmodell. Im Folgenden werden in kurzer Form die wesentlichsten Kernpunkte seines Modells des politischen Systems vorgestellt.

3. David Easton: Das politische System

Grundbegriffe der Theorie

David Easton entwickelte auf der Grundlage der strukturfunktionalistischen Analysemöglichkeiten die Parsonsche Systemtheorie in politikwissenschaftlicher Hinsicht weiter. Dabei geht es ihm um die detaillierte Modellierung der Elemente des politischen Systems sowie bei der Systemanalyse um die Spezifikation des Sets von Regeln, welche die Verknüpfungen und Prozesse zwischen den Systemelementen bestimmen.[12]

Im Speziellen betrachtet Easton das politische System als eines von vielen Subsystemen der Gesellschaft, als funktionale Ausdifferenzierung mit der konkreten Funktion der gesamtgesellschaftlich verbindlichen Herstellung und Durchsetzung von Entscheidungen über Ziele, Verteilungen und Regeln.[13]

Als politisches System beschreibt Easton die Gesamtheit der Institutionen und Prozesse, gleichsam alle Interaktionen, die die Funktion - also die Leistung des politischen Systems für das Gesamtsystem - erfüllen, für die Gesamtgesellschaft „autoritativ“ Entscheidungen über die Verteilung begehrter Güter und Werte zu treffen.[14] Easton selbst umschreibt diese These mit „the autoritative allocation of values“.[15] Genau diese Interaktionen unterscheiden das politische System von seiner Umwelt. Damit wird deutlich, dass sich Easton eng an den handlungstheoretischen Vorstellungen Parsons orientiert. Anders als Parsons ordnet Easton dem politischen System aber eine hegemoniale Stellung unter den Subsystemen zu, da die autoritativ getroffenen Entscheidungen für die gesamte Gesellschaft als verbindlich gelten.

Das politische System ist nach Easton offen und steht mit seiner Umwelt in einer Art Austauschverbindung. Als Umwelt können zwei Teilbereiche identifiziert werden: Zum einen der innergesellschaftliche Bereich, zu dem alle weiteren Subsysteme der Gesellschaft zählen, wie beispielsweise Wirtschaft und Kultur.[16] Zum anderen der außergesellschaftliche Teilbereich, gleichsam internationale Systeme, vor allem politische Systeme anderer Gesellschaften.[17]

Dabei ist das politische System Adressat von gesellschaftlichen „inputs“, welche in sich unterschieden werden in Unterstützungsleistungen und Forderungen.[18]

[...]


[1] Waschkuhn, A: „Politische Systemtheorie. Entwicklung, Modelle, Kritik. Eine Einführung“, Opladen, 1987, S. 64.

[2] Oder um mit Waschkuhns Worten zu sprechen: „bereits der Ansatz von Easton verdankt ihm [der Parsonschen Theorie, Anm. d. Aut.] viel“, Waschkuhn, A.: „Politische Systemtheorie. Entwicklung, Modelle, Kritik. Eine Einführung“, Opladen, 1987, S. 64.

[3] Schubert, K.; Klein, M.: „Das Politiklexikon“, Bonn, 2006, S. 297.

[4] Westle, B.: “David Easton, A Systems Analysis of Political Life, Chicago/London 1965”, in: Kailitz, S.: “Schlüsselwerke der Politikwissenschaft”, Wiesbaden, 2007, S. 105.

[5] Vgl.: Schubert, K.; Klein, M.: „Das Politiklexikon“, Bonn, 2006, S. 297f.

[6] Vgl.: Gukenbiehl, H. L.; Scherr, A.: „System, soziales“ in: Schäfers, B.; Kopp, J. (Hrsg.): „Grundbegriffe der Soziologie“, Wiesbaden, 2006, S.320.

[7] Vgl.: Schneider, W. L.: „Grundlagen der soziologischen Theorie – Band 3“, Wiesbaden, 2005, S. 53ff.

[8] Vgl.: Schneider, W.L.: „Grundlagen der soziologischen Theorie – Band 1“, Wiesbaden, 2008, S. 176.

[9] Vgl.: Ebd., S. 177.

[10] Vgl.: Abels, H.: „Einführung in die Soziologie“, Wiesbaden, 2007, S. 217.

[11] Vgl.: Ebd.

[12] Vgl.: Westle, B.: “David Easton, A Systems Analysis of Political Life, Chicago/London 1965”, in: Kailitz, S.: “Schlüsselwerke der Politikwissenschaft”, Wiesbaden, 2007, S. 105.

[13] Vgl.: Westle, B.: “David Easton, A Systems Analysis of Political Life, Chicago/London 1965”, in: Kailitz, S.: “Schlüsselwerke der Politikwissenschaft”, Wiesbaden, 2007, S. 105.

[14] Vgl.: Abromeit, H.; Stoiber, M.: „Demokratien im Vergleich“, Wiesbaden, 2006, S.20.

[15] Easton, D.: „A Systems Analysis of Political Life“, New York, 1965, S.96.

[16] Vgl.: Easton, D.: “A Systems Analysis of Political Life”, Chicago, 1971, S. 21.

[17] Vgl.: Ebd.

[18] http://www.bpb.de/wissen/RZ3X71,3,0,Politisches_System.html#art3, 30.04.2009.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640648252
ISBN (Buch)
9783640647866
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152806
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Fachbereich Sozialwissenschaften
Note
1,30
Schlagworte
Easton politische Kybernetik Kreislaufmodell Input Output Konversion BRD politisches System

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Bundesrepublik Deutschland als politisches System nach David Easton – Eine haltbare These