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Treue in der Untreue – Vergleichende Aspekte in Musils Erzählungen „Die Vollendung der Liebe“ und „Grigia“

Hausarbeit 2006 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Parallelität und Weiterentwicklung
2.1. Plot
2.2. Stilkritik

3. Die Darstellung der Eingangssituation bezüglich des jeweiligen ehelichen Verhältnisses
3.1. „Die Vollendung der Liebe“
3.2. „Grigia“
3.3. Vergleichende Aspekte

4. Die Konfrontation der Ehe mit dem Trieb
4.1. „Die Vollendung der Liebe“
4.2. „Grigia“
4.3. Vergleichende Aspekte

5. Ehebruch und Vereinigung in beiden Erzählungen
5.1. Identitätskrise und Vereinigung
5.2. Treue in der Untreue

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand der folgenden Untersuchung ist der Vergleich der beiden Erzählungen Robert Musils „Die Vollendung der Liebe“[1] und „Grigia“[2].

Musil entwirft im Jahr 1911 das Szenario, in welchem Claudine, der Protagonistin in der „Vollendung der Liebe“, in Abwesenheit ihres Ehemannes ein Ehebruch die Vollendung der Liebe zu ihrem betrogenem Ehemann zu garantieren verspricht. 13 Jahre später fügt sich in Musils Novelle „Grigia“ der Protagonist Homo, fern von seiner Ehefrau, nach dem Ehebruch in das Schicksal eines einsam Sterbenden, weitab der Zivilisation. Die Vereinigung mit der wirklich Geliebten ist hier im Irdischen nicht möglich, und der Ehebruch öffnet so den Gedanken Homos, dass seine „Geliebte Grigia nur Teil einer Sendung war, die ihn mit seiner Geliebten in Ewigkeit weiter verknüpfte.“[3]

Die einzeln konzipierten, jedoch gemeinsam verfassten Novellen werden aus ihrem zur Einheit gefassten Zusammenhang herausgehoben und in Beziehung zueinander gesetzt.[4] Zentrale Fragestellung ist die Untersuchung der jeweilig intendierten Vereinigung nach einem Ehebruch. Hierzu wird Robert Musils Darstellung des Ehebruchs in „Die Vollendung der Liebe“ durch die weibliche Protagonistin und Ehebrecherin Claudine kontrastiert mit ihrem männlichen Gegenstück Homo[5] in „Grigia“. Gegenstand der Untersuchung ist die Darstellung der bewussten Funktionalisierung eines Ehebruchs zur Überwindung einer Identitätskrise mittels einer Vereinigung.

Entwickelt wird der Vergleich im Folgenden einleitend anhand der ins Auge scheinender Parallelität in bezug auf Aufbau und Plot. Ferner werden stilistische Eigenarten hinsichtlich der Frage einer möglichen Weiterentwicklung erläutert. Im Weiteren wird das Augenmerk auf die Stilisierung der jeweiligen Anfangsszenen gelenkt, um aus diesen das dort dargestellte Bild der zu brechenden Ehe herauszuarbeiten. Nach der räumlichen Trennung der Ehepartner, wird im nächsten Abschnitt die Darstellung derer Konfrontation mit dem Trieb verglichen, bevor abschließend die von den jeweils ehebrechenden Partnern intendierte Vereinigung unter Berücksichtigung der Untreue in Zusammenhang gebracht wird. Im Allgemeinen wird hierbei jeweils von der Erzählung „Die Vollendung der Liebe“ ausgegangen, dann zu „Grigia“ übergeleitet, um Beide im Folgenden nebeneinander zu stellen. Sowohl in Bezug auf die Chronologie des Verfassens, als auch auf den komplexer verfassten inneren Kampf Claudines bietet sich diese Untersuchungsform von Parallelität und Weiterentwicklung an.

Zur Forschungslage ist anzumerken, dass speziell die Erzählung „Die Vollendung der Liebe“ reichlich untersucht wurde, und in der Forschungsliteratur kaum ein Aspekt unbetrachtet geblieben ist. Deshalb beansprucht diese Arbeit nicht, alle Forschungswerke diesbezüglich mit einbezogen zu haben. Den Aspekt des Vergleiches der beiden zu untersuchenden Novellen hat erstmals Joseph P. Strelka aufgegriffen und in einem Aufsatz hinsichtlich der These untersucht, dass Homo „als männliches Gegenstück zu Claudine beispielhaft für eine „überaus weitreichende [Weiterentwicklung] auf dem Gebiet der Gestaltung sowohl wie des Gehalts“ sei.[6] Diese Untersuchung ist Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit. Zugleich wurden auch von Karl Corino[7] und von Thomas Pekar[8] einzelne Bezüge zwischen den beiden Novellen bemerkt. Deren Studien sind – nicht nur in diesbezüglichen Punkten – für die vorliegende Ausarbeitung von Bedeutung.

2. Parallelität und Weiterentwicklung

2.1. Plot

Mit der Unterstellung, dass Liebe und das Bekenntnis zu jener Liebe ein sich liebendes Paar vereinigt, ist ein Komplex geschaffen, der beide Novellen miteinander verbindet. In beiden Erzählungen entwickelt sich ferner in einer ehelichen Beziehung im Zeitraum räumlicher Trennung der beiden Ehepartner ein Ehebruch.

Die Entwicklung der Figurenkonstellation ist in beiden Novellen ähnlich: Nach Vorstellung der Paarbeziehung zu Beginn des Erzählten trennen sich die Wege der jeweiligen Paare – Claudine reist zu ihrer Tochter, Homo schließt sich nach Abfahrt zum Kuraufenthalt von Frau und Kind spontan einer Expedition an. In der Abwesenheit des Ehepartners kommt es im Folgenden zum Ehebruch von Claudine bzw. Homo. Die Schilderung der wirklichen Paarbeziehung ist in beiden Fällen nach Abreise der Ehepartner abgeschlossen, und die Figur des Partners wird lediglich in Gedankenschilderungen der Ehebrechenden aufgegriffen. Jeweils schließt die Erzählung in der Konstellation, dass die Ehebrechenden allein sind; Homo ist von seiner Geliebten verlassen und der irdischen Welt entrückt und Claudine zwar im Akt des Ehebruches inbegriffen, doch geistig fern dieser wirklichen Situation mit jenem fremden Dritten.

Durchdrungen ist jedoch die Darstellung des Ehebruchs in beiden Erzählungen vom Wunsch der (Wieder-)Vereinigung mit dem wirklichen Partner, zu der es jedoch innerhalb des Plots nicht kommt. Lediglich auf der Metaebene hat Claudine im letzten Satz der Novelle „ganz fern […] eine Vorstellung von ihrer Liebe“[9], der Liebe zu ihrem Ehemann, während Homo „schon zu schwach [war], um ins Leben zurückzukehren.“[10] Das Leben, sein Leben, wäre demnach das Leben mit seiner Frau und seinem kranken Kind und eben nicht jenes entrückt Leben in dem es zu jenem Ehebruch mit Grigia gekommen ist. Annährung an jenes Leben mit Frau und Kind bedeutet dieses Ende jedoch dennoch, weil Homo sich jene Annäherung bzw. Wiedervereinigung jenseitig sehr wohl vorgestellt hat und erwünscht.

2.2. Stilkritik

Musils Arbeit an der „Vollendung der Liebe“ entwickelte sich aus einer lediglich bis zu vierzehn Tage geplanten Gelegenheitsarbeit heraus zu „2 ½ jährigen verzweifelten Arbeitens“[11]. Musil erarbeitete für die sich selbst vorgenommene Darstellung einen besonderen Stil, der den Gehalt der Novelle zu unterstreichen gedacht war. Es sollte glaubhaft gemacht werden „dass es sich bei dem dargestellten Ehebruch Claudines mit der Figur des Ministerialrats nicht einfach um einen Rückfall in ihr bewegtes frühes Vorleben handelt, sondern aus der unüblich festen und gesicherten ehelichen Liebe zu ihrem Gatten heraus um etwas ganz anderes, - die geplante Absicht, diesen Ehebruch als letzte Vollendung der Liebe zum Gatten zu zeigen“.[12] (Strelka hält dies für gescheitert.)

Als biografisches Urmodell liegt der Erzählung „Grigia“ eine Trennung durch den Ersten Weltkrieg zu Grunde, entsprechend verschieden sind die Ausgangsbasis, die Vorraussetzungen und die Perspektive auch in der literarischen Stilisierung des zu Erzählenden. Hervorgehoben wird in der Betrachtung der Erzählung die traditionelle Erzählform, die Musil wählt. Luserke geht so weit, aus diesem Grund „Grigia“ als Fremdkörper im Werk Musils zu betrachten.

In Bezug auf die späte Stilkritik Robert Musils, dass es seinen Erzählungen der „Vereinigungen“ an „Schilderungskraft“[13] bzw. „Schilderungsabsicht“ fehle, spricht Joseph P. Strelka davon, dass

Musil aus diesem Fehler – zumindest im Hinblick auf die Leserwirkung war es ein solcher – gelernt und in der Novelle Grigia einen neuen Stil

entwickelt“[14]

hat. Dieser wirke auf den ersten Blick „verhältensmäßig konventionell“[15], und man habe ihn „nicht völlig zureichend als einen Stil der Bild-Parataxe zu charakterisieren versucht“, dennoch präsentiere er „jedenfalls unter anderem eine Art vordergründige Fabel mit Pointierung und Motivverkettung […], welche den Vorwurf mangelnder „Schilderungskraft in keiner Weise gerechtfertigt erscheinen lassen.“[16] In jedem Fall ist der scheinbar weniger artifizielle und hermetische Charakter von „Grigia“ auffallend, der sich auch in der deutlicheren, extremeren Gestaltung des Plots ausdrückt.[17] Herausgelöst sind die Erzählungen der „Drei Frauen“ zumindest aus jener Tradition Musils, die vom jungen Törless zur Darstellung der Claudine reicht; der Protagonist Homo wird„nicht mehr aus einer binnenpsychologischen Perspektive der Figuren [dargestellt] wie der jungen Törless oder der Frauen Claudine und Veronika heraus, sondern er schreibt über [… ihn]“.[18]

3. Die Darstellung der Eingangssituation bezüglich des jeweiligen ehelichen Verhältnisses

3.1. „Die Vollendung der Liebe“

Es läge nahe, dass die Vollendung der Liebe für Claudine in genau jener, ihrer zweiten, Ehe bestehen könnte. Und jenen Zustand der situativen Vollendung zeigt die dialogische Eingangsszene der Novelle: Bürgerlich-romantischem Ideal entsprechend fallen Liebe und Ehe deckungsgleich zusammen. Der scheinbar vollendete Zustand wird von Musil jedoch als Stillleben gezeichnet, selbst „die Gegenstände hielten umher den Atem an, das Licht an der Wand erstarrt zu goldenen Spitzen“[19]. Die Übertragung des statischen Moments auf die Beziehung der Eheleute gelingt durch die Darstellung der geometrischen Konzeption des sich Gegenübersitzens.[20]

Die Paarbeziehung bzw. die Liebe der beiden ist definiert als „System“[21]. Getragen ist die Liebe von beiden Protagonisten, und von deren Willen, dieses System auch gegen die anstehende räumliche Trennung zu erhalten. Dynamisierung erlebt dieses starre System erst durch Auftreten eines dritten Moments. Einleitend eingeführt und seitdem im Raume stehend, in der Erwähnung von Lilli, der Tochter Claudines als Verweis auf das Triebhafte, konkretisiert das Gespräch der beiden Liebenden den Sexualverbrecher G. als jenen Dritten.[22]

[...]


[1] Musil, Robert: Die Vollendung der Liebe. In: Robert Musil: Sämtliche Erzählungen. Vereinigungen. Zwei Erzählungen. Reinbek bei Hamburg 1975, S. 156 – 193. [ Nachfolgend: Vollendung der Liebe].

[2] Musil, Robert: Grigia. In: Robert Musil: Sämtliche Erzählungen. Drei Frauen. Novellen. Reinbek bei Hamburg 1978, S. 223 – 241. [ Nachfolgend: Grigia].

[3] Grigia, S. 236.

[4] Zur Forschungsdebatte, ob die Texte einen Zyklus bilden oder selbstständige Texte vgl.: Luserke, Mathias: Robert Musil . Stuttgart/ Weimar. Hier: S. 65. [ Nachfolgend: Lusereke].

[5] Der Name des Protagonisten „Homo“ ist wohl als Repräsentant des Männlichen schlechthin zu verstehen.

[6] Strelka, Joseph: Musils Novelle „Grigia“ als Gegenstück der „Vollendung der Liebe“, in: Roger Goffin u.a.: Literature et culture allemands. Brüssel 1985, S. 335-343. Hier: S. 336. [ Nachfolgend: Strelka, Gegenstück].

[7] Corino, Karl: Robert Musils „Vereinigungen“. Studien zu einer historisch-kritischen Ausgabe. München 1974. [= Musil-Studien Bd. V / zugleich: Diss. Tübingen 1973]. [ Nachfolgend: Corino, Vereinigungen].

[8] Pekar, Thomas: Die Sprache der Liebe bei Robert Musil. München 1989 [= Musil-Studien Bd. XIX] [ Nachfolgend: Pekar]

[9] Vollendung der Liebe, S. 193.

[10] Grigia, S. 241.

[11] Berghahn, Wilfried: Robert Musil. Reinbeck bei Hamburg 1963, S. 58.

[12] Strelka, Gegenstück, S. 337.

[13] Über Robert Musils Bücher, in: Robert Musil,: Gesammelte Werke, Bd. II: Prosa und Stücke. Kleine Prosa, Aphorismen, Autobiographisches, Essays und Reden, Kritik. Reinbeck bei Hamburg 1978, S. 997.

[14] Strelka, Gegenstück, S. 336.

[15] Idem.

[16] Idem.

[17] Vgl. hierzu Zeller, Rosemarie: Zur Komposition von Musils „Drei Frauen“. In: Gudrun Brokoph-Mauch (Hrsg.): Beiträge zur Musil-Kritik. Bern u.a. 1983, S. 25-48. Hier: S. 25. [ Nachfolgend: Zeller]

[18] Luserke, S. 59.

[19] Vollendung der Liebe, S. 157.

[20] Vgl.: Vollendung der Liebe, S. 156ff.

[21] Vgl.: „Sie fühlten, dass sie ohneeinander nicht leben konnten und nur zusammen, wie ein kunstvoll in sich gestütztes System, das zu tragen vermochten“; später auch „Tragegerüst“ (Vollendung der Liebe, S. 159).

[22] „Theoretische Bemerkungen zum Dritten“ bei Pekar, S. 64ff.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640648238
ISBN (Buch)
9783640647859
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152797
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Germanistisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Treue Untreue Vergleichende Aspekte Musils Erzählungen Vollendung Liebe“

Autor

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