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Intuitive Entscheidungsfindung - Ist der Homo Oeconomicus noch zu retten?

Bachelorarbeit 2010 59 Seiten

BWL - Recht

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzfassung

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Vorwort

1 Teil 1: Theoretische Analyse
1.1 Forschungsstand
1.1.1 Intuition ± Ein Überblick
1.1.2 Prospect Theory
1.1.3 Repräsentativitätsheuristik
1.1.4 Ankerheuristik
1.1.5 Verfügbarkeitsheuristik
1.1.6 Weitere Wahrnehmungsverzerrungen
1.2 Zusammenfassung

2 Teil 2: Empirische Untersuchung
2.1 Leitfaden der Befragung
2.2 Fragebogenkonstruktion

3 Darstellung der Ergebnisse

3.1 Stichprobe

3.2 Auswertung

Frage I: Risikoaversion

Frage II: Repräsentativitätsheuristik

Frage III: Ankerheuristik

Frage IV: Verfügbarkeitsheuristik (Spielerfehlschluss)

Frage V: Risiko (Verluste/Gewinne)

Frage VI / Frage XI: Visuelle Ankerung

Frage VII / Frage VIII: Ankereffekt bei verknüpften Fragen

Frage IX: Ankerheuristik (vorgegebener Anker)

Frage X: Sunk costs (Versunkene Kosten)

4 Fazit und Ausblick

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

Kurzfassung

Gegenstand der hier vorgestellten Arbeit ist eine theoretische - sowie empirische Analyse diverser wirtschaftlicher Situationen und die damit verbundene intuitive Entscheidungsfindung der Marktteilnehmer. Der fiktive Akteur ± der Homo Oe- conomicus ± ist VHLW ODQJHU =HLW HLQ LGHDOHU Ä:LUWVFKDIWVPHQVFK³ XQG Nutzenmaximierer. Jedoch zeigen die ÄProspect Theory³, sowie andere deskripti- ve Ansätze, dass dieses angenommene und fundierte Modell nicht individuell ein- setzbar und somit nur bedingt in der Praxis anwendbar ist. Diese Arbeit und das damit verbundene Experiment sollen die Probanden in eine teilweise markttypi- sche Situation versetzen und die Unterschiede zwischen dem rational-logischen und dem intuitiv-heuristischen Entscheidungsweg darstellen. Durch das Zusam- menwirken der Intuition mit der Zeitbegrenzung wird im Laufe der Arbeit ver- sucht, die verzerrenden Effekte bei der Entscheidungsfindung zu minimieren. Die intuitive Entscheidungsfindung soll dadurch so greifbar wie möglich gemacht werden.

Schlagwörter: Intuition, Entscheidungsfindung, Heuristik, Entscheidungsprozess, Homo Oeconomicus, Prospect Theory

Abstract

The influences of emotions and also intuition, are attending more and more inter- est and attention at the capital markets. Every day we are confronted with a chain of situations, which are forcing us to make decisions. This complexity of this de- cision-making process is increasing steadily over time. The Homo Oeconomicus as an ideal model, of how market participants make their decisions is losing ground. The intention of this paper is to criticize the Homo Oeconomicus postu- lates and to find a more or less realistic approach for how to determine to which extent heuristics are involved in the decision-making process. The empirical part of this paperwork demonstrates a conspicuous tendency. Thus, the greater empha- sis on the intuitive decision-making process is rather efficient then the emphasis on the rational-logical way of making decisions.

Keywords: Intuition, decision-making, cognitive bias, decision process, prospect theory, heuristics

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Rendite im Verhältnis zum Risiko

$EELOGXQJ 'LH SURWRW\SLVFKH :HUWHIXQNWLRQ GHU Ä3URVSHFW 7KHRU\³

$EELOGXQJ 'LH :DKVFKHLQOLFKNHLWVJHZLFKWXQJVIXQNWLRQ GHU Ä3URVSHFW-7KHRU\³

Abbildung 4: Frage I - Entscheidungssituation 1

Abbildung 5: Frage I ± Entscheidungssituation 2

Abbildung 6: Pivot-Diagramm zur Frage I (Gewinnsituation)

Abbildung 7: Pivot-Diagramm zur Frage I (Verlustsituation)

Abbildung 8: Pivot-Diagramm zur Frage III

Abbildung 9: Pivot-Diagramm zur Frage III (Median)

Abbildung 10: Pivot-Diagramm zur Frage IV (Spielerfehlschluss)

Abbildung 11: Pivot-Diagramm zur Frage V (Gewinn- und Verlustgewichtung)

Abbildung 12: Kursstrukturen der Frage VI und Frage XI

Abbildung 13: Pivot-Diagramm zur Frage VI - Antwortverhalten Gruppe-1

Abbildung 14: Pivot-Diagramm zur Frage VI - Antwortverhalten der Gruppe-2

Abbildung 15: Pivot-Diagramm zur Frage XI - Antwortverhalten der Gruppe-1

Abbildung 16: Pivot-Diagramm zur Frage XI - Antwortverhalten der Gruppe-2

Abbildung 17: Pivot-Diagramm zu den Fragen VII und VIII (Gruppe-1)

Abbildung 18: Pivot-Diagramm zu den Fragen VII und VIII (Gruppe-2)

Abbildung 19: Pivot-Diagramm zur Frage X (Sunk Cost)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auswertung der Frage IV

Tabelle 2: Mediane der Fragen VI und XI

Vorwort

Der letzte ökonomische Abschwung, der durch die Pleite namhafter US-Banken und Versicherer eingeläutet wurde, verleitet die Fachwelt zum Überdenken und zum Umlenken der bereits fundierten, schematischen Marktgewohnheiten. Zum anderen wird auch das individuelle Verhalten der finanzwirtschaftlichen Akteure verstärkt hinterfragt. Doch nicht nur seit der Finanzkrise 2007, sondern auch nach wie vor ist immer wieder festzustellen, dass Intuition, Irrationalität und Emotio¬nen keine gebührende Rolle in der Diskussion des Einflusses dieser Zustände auf das Verhalten der Marktteilnehmer in finanzwirtschaftlichen Entscheidungspro¬zessen bekommen. Die gegenwärtigen Maktveränderungen und die stetig steigen¬de Komplexität, erhöht das Risiko nicht nur von jedem Einzelnen, sondern auch von ganzen Unternehmen und Institutionen. Zwar öffnen sich die Wirtschaftswis-senschaften diesem, noch zu dünn erforschtem Gebiet der Intuition, jedoch wird diese Thematik nur von einigen wenigen Autoren wissenschaftlich diskutiert. Den ersten Ansatz lieferten die Autoren Kahneman, Slovic und Tversky in ihren Ar-beiten zu den kognitiven Verzerrungen bei der Entscheidungsfindung.1 Dabei fan-den die Forscher unter anderem heraus, dass Entscheidungsträger in komplexen Situationen so genannte Heuristiken anstelle der rational-logischen Entschei-dungsketten anwenden. Somit trübt sich das Bild des rationalen Nutzenmaximierers, der seine wirtschaftlichen Entscheidungen über das Abwägen jedes möglichen Ereignisses, dessen Wahrscheinlichkeit und dem Nutzen als Re-sultat trifft. Diese, fast schon dogmatische Dominanz des „Homo Oeconomicus“ berührt alle Fach- und Forschungsrichtungen der Wirtschafts- und Finanzwissen-schaften und bildet durch diese Annahmen ein Fundament, aus welchem sich wei-tere, spezielle Gebiete ableiten lassen. Auch heutzutage besteht vermehrt die An-sicht, dass die Marktteilnehmer ihr Verhalten nach dem Modell des Homo Oeco- nomicus ausrichten. Dieses Verhalten basiert auf der vollkommenen Rationalität der Subjekte. Dabei ruht diese Annahme auf der Tatsache, dass diese Subjekte unbegrenzte kognitive Fähigkeiten, widerspruchsfreie Wahrscheinlichkeitsurteile Intuitive Entscheidungsfindung und Emotionslosigkeit besitzen.2 Der Wissenschaftszweig „Behavioral Finance“ befasst sich seit einiger Zeit mit dem Verhalten der Marktteilnehmer in finanz-wirtschaftlichen Situationen und wurde nach schon nach einer kurzen Zeit ein wichtiges Teilgebiet der gegenwärtigen Finanzierungslehre. Sie distanziert sich von der Annahme der vollständigen Rationalität, dem Mythos des Homo Oeco- nomicus und untersucht die Anomalien der Finanz- und Kapitalmärkte.

Die „Prospect Theory“ kann als eine Einleitung, aber auch als ein Hilfsmittel zum Verständnis von „Behavioral Finance“ angesehen werden. Sie versucht durch ih¬ren Ansatz die Entscheidungsfindung im Bezug zum Risiko zu erfassen. Daniel Kahneman und Amos Tversky entwickelten diese psychologisch realistischere Entscheidungstheorie und stellten diese in den späten siebziger Jahren vor.3 Auch die Verknüpfung der Neurowissenschaften mit den Wirtschaftswissenschaften untersucht das Verhalten der Marktteilnehmer in diversen Entscheidungssituatio-nen. Die Neuroökonomie wurde Ende der 1990, durch die Verbindung der Neu- rowissenschaften und der Wirtschaftswissenschaften, als eine eigenständige Rich-tung, gebildet. So ist diese Wissenschaftsdisziplin relativ frisch, bildet aber schon jetzt ein Gegengewicht zu der Theorie der rationalen Entscheidung und somit auch zum Modell des Homo Oeconomicus. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt jedoch auf den, in der „Prospect Theory“ beschriebenen, Wahrnehmungsverzer¬rungen und der Wechselwirkung mit einer Zeitbegrenzung. Im Hinblick auf diese Tatsache, soll diese Arbeit den Fokus des Lesers erweitern, indem es ihm einen überschaubaren Einblick in die intuitive Entscheidungsfindung in finanzwirt-schaftlichen Situationen gewährt. Der Kern der Arbeit liegt dabei in dem deskrip-tiven Ansatz und soll empirische Beobachtungen anschaulich darstellen. Über-sichtlichkeitshalber ist der erste Teil der Arbeit auf das Wesentliche begrenzt um die quantitative Auswertung der gesammelten Rohdaten nicht einzuengen. Die allseits in der Wirtschaft anzutreffende Rationalitätsannahme soll im Laufe der Arbeit hinterfragt, und somit eine Annäherung von der angenommenen Realität zur tatsächlichen Wirklichkeit vorgenommen werden.

Intuitive Entscheidungsfindung Mit der Hilfe von zwei standardisierten Fragebögen soll im weiteren Verlauf an¬hand zweier Befragungen festgestellt werden ob und in welchem Ausmaß es sig¬nifikante Unterschiede bei dem Antwortverhalten der Probanden gibt. So wird angenommen, dass eine zeitlich begrenzte Befragung, die eine vollständige Auf¬nahme und Verarbeitung der Information verhindert, die Gewichtung auf die intu¬itiv-heuristische Entscheidungsfindung verlagert. Dieser intuitive Entscheidungs¬prozess soll der zweiten, nicht zeitlich begrenzten, Befragung gegenüber gestellt und anhand der ausgewerteten Daten quantitativ verglichen werden.

1 Teil 1: Theoretische Analyse

1.1 Forschungsstand

Zahlreiche Untersuchungen haben in der Vergangenheit gezeigt, dass kognitive Verzerrungen einen bedeutenden Einfluss auf das Verhalten der Subjekte im Zu-sammenhang mit der Entscheidungsfindung haben. Das vollständig rationale Mo-del des Homo Oeconomicus ist nur in einem beschränkten Masse an die alltägli¬che Entscheidungsfindung der Individuen anpassbar.

Eine erste Kritik liefert die „Bounded Rationality“. Das Konzept der begrenzten Rationalität wurde Mitte der 50er Jahre von Herbert Alexander Simon eingeführt und beschreibt die begrenzten kognitiven Fähigkeiten der Entscheidungsträger. Diese begrenzte Rationalität basiert auf den eingeschränkten Möglichkeiten der Menschen, Informationen effizient und ohne Verzerrungen aufzunehmen, zu spei-chern, zu verarbeiten und wiederzugeben. Mit dieser kognitiven Art und Weise Urteile zu bilden, versucht der Entscheidungsträger die Transaktionskosten seiner Entscheidungsfindung zu minimieren. Die Konsequenzen der Entscheidungen sind weitgehend unbekannt und daher kann die Objektivität der jeweiligen Ent-scheidungen nur begrenzt gewährleistet werden. Dafür müssen die Entscheidungs-träger die Entscheidungssituationen nicht ständig neu einschätzen. Auch be-schreibt die Annahme der begrenzten Rationalität ein Verhalten, welches dann die Intuitive Entscheidungsfindung Suche nach Alternativen stoppt, wenn das Individuum die zufriedenstellende Al¬ternative gefunden hat.4 5 Das von Simon durchgeführte Experiment zeigt, dass die Probanden Entscheidungen treffen, ohne im Nachhinein erklären zu können wieso sie diese getroffen haben. Auch beschreibt Simon (1987), dass die Entscheidung nie ein rein analytischer oder ein rein intuitiver Prozess ist, sondern eher die Mi¬schung beider. Demnach ist die begrenzte Rationalität die Verknüpfung von Rati¬onalität und Emotionalität. So entscheidet der Mensch nie aus kalkulatorischer Analyse, sondern wird von Emotionen motiviert und geleitet. 6

Laut einem OECD Bericht aus dem Jahr 2005 durchlaufen Entscheidungsträger einen speziellen Entscheidungsprozess. Dieser basiert auf einem höchst komple¬xen Input und beginnt erwartungsgemäß mit der Informationssuche. Die Informa-tionssuche ist die erste Stufe der Entscheidungsfindung und wird von etlichen systematischen Fehlern begleitet. Die Verzerrung der Informationsaufnahme be-ginnt mit der selektiven Wahrnehmung. Diese Verzerrung strukturiert die aufge-nommene Information aufgrund eigener Erfahrung. Die Antizipation der Erwar-tung beeinflusst die Wahrnehmung dessen, was tatsächlich ist. Dabei werden vom Entscheider nur bestimmte Aspekte wahrgenommen, andere aber blockiert. Eine weitere Verzerrung ist die so genannte „Verfügbarkeitsheuristik“, welche den Entscheidungsträger aktuelle und schnell abrufbare Informationen übergewichten lässt. Das Gleiche gilt auch für Informationen welche aus dem engen Kreis (Fami-lie, Freunde, Arbeitskollegen) gewonnen werden. Das Bias „Herdentrieb“ (her-ding) lässt den Entscheider der Mehrheit folgen, bzw. ähnlich handeln. Dies kann man z.B. beobachten wenn die Besucher eines Kinos unterbewusst nur einen von mehreren Ausgängen benutzen, obwohl dieser schon überfüllt ist.7

Die Informationsverarbeitung ist die nächste Stufe eines Entscheidungsprozesses. Auch diese Stufe wird von einigen Verzerrungen beeinflusst. Das „Framing“, oder auch Präsentation, beeinflusst das objektive Abwiegen einer Handlungsstrategie insofern, dass zum Beispiel die Reihenfolge, die Art und Weise und die Darstel- Intuitive Entscheidungsfindung lung (positive oder negative) der Information einen signifikanten Einfluss haben.

Aber auch das Beharrungsvermögen (conservatism) bestehender Meinungen und Ansichten verzerrt beim Eintreffen neuer Informationen. Ein weiterer Bias ist die Selbstüberschätzung (overconfidence). Menschen neigen dazu ihre eigenen Fä-higkeiten mit einem sehr großen Optimismus zu beurteilen.8 Dabei werden Erfol¬ge dem eigenen Können zugeschrieben, Misserfolge jedoch externen Umständen.9

Diese Phasen des Entscheidungsprozesses werden Vollständigkeitshalber an die¬ser Stelle beschrieben, um die Komplexität des Entscheidungsprozesses zu ver-deutlichen. Diese beiden Phasen sind deshalb so wichtig, da sie unmittelbar kurz vor der tatsächlichen Entscheidung stattfinden und diese folglich beeinflussen. Diese verzerrenden Einflüsse (Bias) sind nicht der zentrale Kern der Untersu¬chung und werden zu einer Größe zusammengefasst. Demgemäß werden die kog¬nitiven Verzerrungen zusammenfassend als ein Einfluss auf die Entscheidungs¬findung, im Laufe der Arbeit behandelt.

Wie bereits zuvor beschrieben, greifen die Anleger in unsicheren und komplexen Entscheidungssituationen auf Heuristiken zurück. Die Wissenschaftler Kahneman und Tversky beschrieben in ihren Arbeiten Heuristiken als eine einschneidende Größe bei der Entscheidungsfindung, wobei der Zugriff auf diese Heuristiken meist unbewusst geschieht. So gesehen könnte man die Intuition als ein Zugriff auf Heuristiken bei einer unsicheren Entscheidungssituation definieren. Um die intuitive Entscheidungsfindung zu untersuchen wurden für diesen Zweck die Rep-räsentationsheuristik, die Verfügbarkeitsheuristik und die Ankerheuristik ausge-wählt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.1.1 Intuition - Ein Überblick

Der Terminus „Intuition“ stammt aus dem lateinischen und besteht aus zwei Wör-tern in (innen; hinein) und tueri (sehen) und ist nicht genauer erfassbar. Auch im alltäglichen Sprachgebrauch ist der Begriff „Intuition“ nicht genau definiert. Meistens benutzen Menschen diesen Begriff um ein Erlebnis oder Ereignis zu beschreiben. Auch kann ein Individuum als intuitiv bezeichnet werden - d.h. die Intuition kann auch als eine Eigenschaft dargestellt werden. Hier ist anzumerken, dass damit meistens spontanes und nicht reflektiertes Verhalten gemeint ist. 10 Man merkt jedoch, dass die Intuition nicht genau beschrieben und erfasst werden kann. Genauso schwer ist es auch dieses Phänomen separat zu betrachten.

Diese Arbeit bedient sich der folgenden Definition für den Begriff „Intuition“. Dabei liegt der Fokus auf der kreativ-heuristischen Seite:11

- Die banale und triviale Seite im Gewohnheits- und halbautomati-schen Handeln und
- die kreativ-heuristische Seite.

Die banale, triviale Seite der Intuition basiert auf dem Handeln aus der Gewohn-heit oder dem Halbautomatischen Handeln. So erfolgt hier das Handeln quasi au-tomatisch und wird als Routine erlebt, z.B. die tägliche Autofahrt. Die kreativ-heuristische Seite beschreibt einen unterbewussten Prozess in einer kreativ-problemlösenden Art, dass von Individuen häufig bei komplexen Problemen ein-gesetzt wird.12

Interessant ist, dass solche intuitiven Entscheidungsprozesse sehr oft vergleichs-weise bessere Ergebnisse als Informationsverarbeitungsprozesse erzielen. So fan-den Luigi Guiso und Tullio Jappelli in einer Studie für die Bank Unicredit heraus, dass je weniger sich die Kunden über ihre Geldanlage informierten, desto durch-schnittlich ertragsreicher war diese im Vergleich zum Risiko. Die folgende Grafik zeigt die Rendite im Vergleich zum Risiko und den zeitlichen Aufwand der 1800 Kundendepots. Somit stellten die italienischen Wissenschaftler fest, dass je mehr die Anleger sich mit ihren Portfolios beschäftigten desto weniger erfolgreich war ihre Investition.13 Demgemäß könnte diese Tatsache ein Indiz für das effiziente „aus-dem-Bauch-heraus“- Entscheiden sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Rendite im Verhältnis zum Risiko

Quelle: Center of Research on Pensions and Welfare Policies, in: FAZ-Online, März 2009.

Auch Gigerenzer bewies, dass Portfolios die von zufälligen Passanten zusammen-gestellt worden waren bessere Wertentwicklung aufwiesen als die Depots die von Experten verwaltet wurden.14 Diese Tatsache lässt darauf schließen, dass intuitiv-heuristische Entscheidungsprozesse (in diesem Fall die Rekognitions-Heuristik) wohlmöglich im Durchschnitt wirtschaftlich bessere Resultate erzielen können als die rational-logische Informationsverarbeitung.

Wie bereits erwähnt, kann die Intuition (Zugriff auf Heuristiken) und die rationa¬le Analyse nur in einem bedingten Ausmaß von einander separiert werden. Dieser Intuitive Entscheidungsfindung Annahme von Herbert Simon folgten viele gegenwärtige Wissenschaftler und bestätigten das Konzept der begrenzten Rationalität. So ist Quincy Hunsicker der Meinung, dass der Entscheidungsträger sich schnell zwischen dem intuitiven und dem rationalen Entscheidungsprozess bewegt. Auch kommt er zum Schluss, dass beide Entscheidungsfindungen eine wichtige Rolle spielen, obwohl es schwierig ist sie im richtigen Verhältnis anzuwenden.15 Auch David Myers vertritt in seinem Buch die Meinung, dass beide Entscheidungsprozesse zusammen wirken. Jedoch dienen diese, ergänzend verschiedenen Funktionen.16 Zusammenfassend kann man sagen, dass die Intuition und die rationale Denkweise sich im Entscheidungspro- zessim Zusammenwirken unterstützen und ergänzen. Die Grenzen dieser beiden Entscheidungsfindungen sind unklar und nicht greifbar. Auch die Gewichtung des einen oder anderen Entscheidungsprozesses ist von Situation zu Situation dem-nach individuell.

1.1.2 Prospect Theory

Um Entscheidungsprozesse besser zu verstehen, ist ein Exkurs in die „Prospect Theory“ von maßgeblicher Bedeutung. Behaviorale Wirtschaftswissenschaften versuchen, mit der Anlehnung an die „Prospect Theory“ die Entscheidungsfin-dung der Marktteilnehmer zu beschreiben. Dabei bilden verschiedene psychologi-sche Effekte, bzw. Bias, die Grundlage für das Verstehen der Entscheidungsfin-dung.

Die „Prospect Theory“ wurde Ende der 70er Jahre entwickelt. Diese deskriptive Entscheidungstheorie stammt von David Kahneman und Amos Tversky, welche das Verhalten der Menschen in Bezug auf Risiko untersuchten. Dabei fanden sie zunächst heraus, dass Menschen risikoavers bei Gewinnen und risikosuchend bei Verlusten sind. Die Wertefunktion der „Prospect Theory“ bildet einen konkaven Teil für Gewinne (oberhalb des Referenzpunktes) und einen konvexen Teil für die Verluste (unterhalb des Referenzpunktes).

[...]


1 Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos: Prospect theory: An analysis of decision under risk, in: Econometrica, Jg. 2, No. 47, (1979), S. 263-291.

2 Vgl. Selten, Reinhard: What is bounded rationality?: Paper prepared for the Dahlem Conference 1999, Rheinische Fridrich-Wilhelm-Universität, (2000), S 129.

3 Vgl. Kahneman, Daniel / Tversky, Amos: Prospect theory: An analysis of decision under risk, in: Econometrica, Jg. 2, No. 47, (1979), S. 263-291.

4 Vgl. Simon, Herbert: Administrative Behavior: A study of decision-making processes in Admin- istrative Organization, The Free Press, Macmillian USA, (1976), S. 102 ff.

5 Vgl. Ebd, S. 81 ff.

6 Vgl. Simon, Herbert: Making managent decisions, The role of Intuition and emotion, in: Acade- my of Management Executive, (1987) S. 57ff.

7 Vgl. OECD report: Improving Financial Literacy, Analysis of issues and policies, 2005, Zitiert nach: Schönemann Doris M.: Die Financial Literacy bestimmt das Verhalten, in: Die Zeit- schrift des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter, (2008), S. 27.

8 Vgl. OECD report: Improving Financial Literacy, Analysis of issues and policies, 2005, Zitiert nach: Schönemann Doris M.: Die Financial Literacy bestimmt das Verhalten, in: Die Zeit- schrift des Verbands Schweizerischer Vermögensverwalter, (2008), S. 27.

9 Vgl. Ross, Michael, Fiore Sicoly: Egocentric biases in availability and attribution, in: Journal of Personality and Social Psychology, Jg. 37, (1979), S. 322-336.

10 Vgl. Goldberg, Philip (1986): Die Kraft der Intuition - Wie man lernt seiner Intuition zu vertrau- en, Scherz, Bern, (1986), S. 267.

11 Vgl. Sponsel, Rudolph: Internet Publikation für Allgemeine und Integrative Psychotherapie, URL: (http://www.sgipt.org/gipt/method/intuit0.htm), (2000).

12 Vgl. Svenson, Ola: Decision making and the search for fundamental psychological regularities: What can be learned from a process perspective? in: Organizational Behavior and Human De- cision Processes, Jg. 65, (1996), S. 263.

13 Vgl. Guiso Luigi / Japelli Tullio: Financial Literacy and Portfolio Diversification, in: ECO 2008/31, European University Intsitute, (2008), S. 17 ff.

14 Vgl. Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition, Bertelsmann, München, (2007), S. 38.

Intuitive Entscheidungsfindung 12

15 Vgl. Hunsicker, J. Quincy: Stärkung der intuitiven Basis von Management-Entscheidungen. In: Bechtler (Hrsg.), 1986, S. 193 ff.

16 Vgl. Myers, David G: Intuition ± Powers and Perils, Yale University Press, New Haven, (2002), S. 21

Details

Seiten
59
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640653959
ISBN (Buch)
9783640654420
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152580
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Intuition Homo Oeconomicus Intuititive Entscheidungsfindung Begrenzte Rationalität Entscheidungsfindung Irrartionalität auf dem Finanzmarkt Behavioral Finance Prospect Theory

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