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G. E. Lessing: Minna von Barnhelm - Gleichheit ist allein das feste Band der Liebe

Der Geschlechterkampf zwischen Minna und Tellheim im Spannungsfeld von Liebe und Ehre

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hintergrund und Konflikt

3 Die Protagonisten
3.1 Major von Tellheim
3.2 Minna von Barnhelm

4 Der Geschlechterkampf
4.1 Sprachliche Aspekte
4.2 Aspekte des Handelns

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Lustspiel „Minna von Barnhelm oder Das Soldatengluck" markiert einen Hohepunkt des literarischen Werkes von G. E. Lessing und ist gleichzeitig eines der altesten Theaterstucke der deutschsprachigen Literatur, welches noch heutzutage haufig aufgefuhrt wird (vgl. Fick 2004, S. 242; Barner et al. 1987, S. 271 f.). Dies mag verwundern, denn das Drama spiegelt letztlich ein Stuck Zeitgeschichte aus dem 18. Jahrhundert wider, wobei die Handlung von Figuren getragen wird, deren Verhalten und Probleme erst mit einem bestimmten historischen Verstandnis ersichtlich werden (vgl. Volkl 2003, S. 5).

Nachdem die ersten Auffuhrungen des Stuckes in Berlin, Breslau und Leipzig als groOe Erfolge gefeiert wurden, ist es wohl auch kein Zufall, dass das Drama vom Soldatengluck gerade dort die Zuschauer am meisten begeisterte, wo die Folgen des Krieges zwischen PreuOen, Sachsen, Osterreich und anderen europaischen Machten am starksten zu spuren waren (vgl. Gobel 1987, S. 48 f.).

Der Titel „Minna von Barnhelm" bezeichnet eine der Hauptfiguren. Der Zusatz „Das Soldatengluck" bezieht sich auf eine weitere Hauptfigur und verweist bereits auf einen thematischen Grundkonflikt, namlich das Ehegluck eines Soldaten, welches durch den Ehrbegriff der damaligen Zeit in problematisierender Weise im Drama behandelt wird.

Gegenstand dieser Arbeit soll der Geschlechterkampf zwischen den beiden Protagonisten Minna von Barnhelm und dem Major von Tellheim sein, deren Beziehung in einem Spannungsverhaltnis von Liebe und Ehrgefuhl steht. Es soll erkennbar werden, wie dieses Spannungsverhaltnis angelegt ist und wie es im Drama letztendlich aufgelost wird.

Im zweiten Kapitel wird deshalb der Konflikt des Lustspieles in seinen Grundzugen dargestellt. Im dritten Kapitel werden die beiden Protagonisten kurz vorgestellt. Das vierte Kapitel soll den Verlauf des Geschlechter- kampfes zwischen Minna und Tellheim uber sprachliche Aspekte und Aspekte des Handelns aufzeigen. Im letzten Kapitel erfolgt eine Schluss- betrachtung.

2 Hintergrund und Konflikt

Das Drama spielt in der Zeit nach dem Siebenjahrigen Krieg, der von 1756 bis 1763 dauerte. Die beiden Hauptfiguren, das sachsische Fraulein Minna von Barnhelm und der verabschiedete preuGische Major von Tellheim, sind einander verbunden. Nach dem Krieqsende standen sie jedoch fur langere Zeit nicht in regelmaGiger Korrespondenz miteinander. Tellheim befindet sich in einer finanziellen Notlage, die er mit seinem Verstandnis von Ehrgefuhl und soldatischer Treue selbst verursacht hat. Im Drama wird die Ursache hierfur jedoch erst spat mitgeteilt (vgl. Fick 2004, S. 244):

VON TELLHEIM. Die Stande gaben mir ihren Wechsel, und diesen wollte ich bei Zeichnung des Friedens unter die zu ratihabierende Schulden eintragen lassen. Der Wechsel ward fur gultig erkannt, aber mir ward das Eigentum desselben streitig gemacht. Man zog spottisch das Maul, als ich versicherte, die Valute bar hergegeben zu haben. Man erklarte ihn fur eine Bestechung, fur das Gratial der Stande, weil ich so bald mit ihnen auf die niedrigste Summe einig geworden war, mit der ich mich nur im auBersten Notfalle zu begnugen Vollmacht hatte. So kam der Wechsel aus meinen Handen und wenn er bezahlt wird, wird er sicherlich nicht an mich bezahlt. - Hierdurch, mein Fraulein, halte ich meine Ehre fur gekrankt; [...]. (IV, 6)

Tellheim wurde beauftragt, einen Teil der Kontributionszahlungen ein- zutreiben, die Friedrich der II. dem besetzten Sachsen auferlegt hatte. Die Forderungen sollten mit unnachgiebiger Harte durchgesetzt werden und nur im auBersten Fall sollte die niedrigste Zahlung ausreichen. Fur die sachsischen Stande bedeutete dies der finanzielle Ruin. Um das Schlimmste zu verhindern, lieh Tellheim den Standen den Fehlbetrag zwischen der Minimalforderung und der erhobenen Summe in Hohe von 2.000 Pistolen (vgl. Fick 2004, S. 244). Der historische Geldwert entspricht einer Summe von schatzungsweise 500.000 DM (SaGe 1993a, S. 73.). Es handelte sich also um eine nicht unerhebliche Summe Geld.

Fur die Leihe des Geldes erhielt Tellheim einen Wechsel bzw. einen Schuldschein, der es nach den Regelungen des Friedensvertrages vorsah, die Schulden von einer staatlichen Behorde ersetzt zu bekommen, wobei die Behorde dann zum neuen Glaubiger der Stande werden wurde. Allerdings wurde ein Verdacht qeqen Tellheim erhoben, der ihm Bestechlichkeit vorwarf. Es wurde vermutet, dass Tellheim gar kein Geld vorgestreckt habe und den Wechsel lediqlich als Bestechunq fur die niedriqen Kontributions- zahlunqen von den Standen erhalten habe (vql. Fick 2004, S. 244; Michelsen 1990, S. 224 ff.).

Tellheim fuhlt sich durch diesen Vorwurf und die daraus folqende Mittellosiqkeit und Ausqrenzunq aus bestimmten Gesellschaftskreisen in seiner Ehre verletzt. Des Weiteren hatte er bei einer Verurteilunq weqen Bestechunq mit einer mehrjahriqen Haftstrafe zu rechnen (vql. SaOe 1993a, S. 74 f). Solanqe Tellheim nicht von oberster Stelle rehabilitiert wird, ist er kein ehrenwertes Mitqlied der Gesellschaft (vql. Fick 2004, S. 245). Diese Umstande machen verstandlich, dass fur ihn an eine Ehelichunq des Frauleins Minna von Barnhelm nicht zu denken war.

Der Konflikt besteht also darin, dass das Fraulein von Barnhelm ihre Liebe und ihre Beziehunq zu Tellheim aufrechterhalten will, wahrend der in seiner Ehre qekrankte Tellheim die Voraussetzunqen dafur nicht mehr qeqeben sieht. Die beiden Protaqonisten des Dramas qeraten nun in einen reqelrechten Kampf miteinander, in welchem sich Minna von Barnhelm mit ihrem reinen Verstandnis von Liebe auf der einen Seite und Tellheim mit seinem fest qefuqten Beqriff von Ehre auf der anderen Seite qeqen- uberstehen.

Diesen Geschlechterkampf in Minna von Barnhelm qestaltet Lessinq als einen doppelten Prozess der Selbstfindung, der einerseits die auBere Wirklichkeit, andererseits das Individuum voll einspannt (Sanna 1994, S. 20). Um die Konflikthaftiqkeit und den daraus resultierenden Kampf der Hauptfiquren besser nachvollziehen zu konnen, sollen die beiden Charaktere naher betrachtet werden.

3 Die Protagonisten

3.1 Major von Tellheim

Tellheim ist ein kurlandischer Major im Dienste PreuGens. Das Tuqend- und Altruismusideal ist in ihm soldatisch versteift ausqepraqt. Nach den ehrverletzenden Umstanden seiner militarischen Entlassunq ist er nun unverschuldet mittellos und resiqniert (vql. Schwan 1993, S. 313).

Tellheim kann zu Recht als quter Mensch bezeichnet werden, denn er qibt sich qroGzuqiq, verstandnisvoll und mild qeqen seine Unterqebenen. Das ist ein Wesenszuq, der preuGischen Offizieren nicht immer zu Eiqen war (vql. Volkl 2003, S. 15 f). So erlasst Tellheim der trauernden Witwe seines ehemaliqen Stabsrittmeisters namens Marloff edelmutiq die Schulden:

VON TELLHEIM. Ganz qewiss, qnadiqe Frau. Marloff ist mir nichts schuldiq qeblieben. Ich wusste mich auch nicht zu erinnern, dass er mir jemals etwas schuldiq qewesen ware. Nicht anders, Madame; er hat mich vielmehr als seinen Schuldner hinterlassen. Ich habe nie etwas tun konnen, mich mit einem Manne abzufinden, der sechs Jahre Gluck und Unqluck, Ehre und Gefahr mit mir qeteilet. Ich werde es nicht verqessen, dass ein Sohn von ihm da ist. Er wird mein Sohn sein, sobald ich sein Vater sein kann. [...] (I, 6)

Im darauf folqenden Auftritt vernichtet Tellheim die handschriftlich dokumentierten Schuldverschreibunqen seines Stabsrittmeisters, womit dessen Schulden und Tellheims Forderunqen endqultiq hinfalliq werden.

Auch seinem ehemaliqen Wachtmeister Paul Werner verweiqert Tellheim die Annahme des Geldes, das dieser ihm schuldiq ist. In dem Gesprach zwischen den beiden wird neben der GroGzuqiqkeit Tellheims eine weitere Eiqenschaft erkennbar, der selbstlose Einsatz fur seine Soldaten:

WERNER. [...] Wer hat daran qezweifelt, Herr Major? Habe ich Sie nicht hundertmal fur den qemeinsten Soldaten, wenn er ins Gedranqe qekommen war, Ihr Leben waqen sehen? (III, 7)

Tellheim ist also ein vorbildlicher Offizier und ein Mensch mit qroGzuqiqem, edelmutiqem Wesen. Trotz aller Gute ist er als qemischter Charakter anzusehen (vql. Fick 2004, S. 252 f.). Sein Verstandnis von Ehre belastet die Beziehung zu Minna von Barnhelm. Solange Tellheim nicht vom Koniq rehabilitiert wird, lastet auf ihm der fur einen quten Soldaten ehrverletzende Verdacht der Korruption. Tellheims Argumentation ist demnach nicht als qrundlos ubertriebenes und selbstmitleidiq ubersteiqertes Ehrgefuhl eines entlassenen Soldaten zu interpretieren, sondern als Bestreben nach „o]ffentlicher Unbescholtenheit" (vql. Michelsen 1990, S. 226). Dennoch wirken seine AuOerunqen Minna gegenuber vielfach schroff, abweisend und verletzend, die das Bild vom quten Menschen aber nur scheinbar revidieren. Tellheim wendet jedoch den Ehrbeqriff seiner Zeit in einer fast schon selbstzerstorerischen Konsequenz qeqen Minna und sich selbst beim ersten Aufeinandertreffen an, wobei er die Irrationalitat der Emotionen vorerst durch eine rationale, von „Vernunft und Notwendigkeit" qepraqte, Sichtweise ersetzt:

VON TELLHEIM. Recht, gnadiges Fraulein; der Ungluckliche muss gar nichts lieben. Er verdient sein Ungluck, wenn er diesen Sieq nicht uber sich selbst zu erhalten weiB; wenn er es sich qefallen lassen kann, dass die, welche er liebt, an seinem Ungluck Anteil nehmen durfen. - Wie schwer ist dieser Sieq! - Seitdem mir Vernunft und Notwendigkeit befehlen, Minna von Barnhelm zu verqessen, was fur Muhe habe ich anqewandt! [...] (II, 9)

Im weiteren Verlauf des Dialogs wird Tellheim der unglaubigen und nicht verstehen wollenden Minna gegenuber deutlicher:

VON TELLHEIM. [...] Sie nennen mich Tellheim; der Name trifft ein. - Aber Sie meinen ich sei der Tellheim, den Sie in Ihrem Vaterlande qekannt haben: der bluhende Mann, voller Anspruche, voller Ruhmbeqierde, der seines qanzen Korpers, seiner qanzen Seele machtiq war, vor dem die Schranken der Ehre und des Gluckes eroffnet standen, der Ihres Herzens und ihrer Hand, wenn er schon Ihrer noch nicht wurdig war, taglich wurdiger zu werden hoffen durfte. - Dieser Tellheim bin ich ebenso weniq, - als ich mein Vater bin. Beide sind qewesen. - Ich bin Tellheim, der verabschiedete, der an seiner Ehre qekrankte, der Kruppel, der Bettler. [...] (II, 9)

Hierin zeiqt sich auch Tellheims „emotionale Verhartunq", die daraus resultiert, dass die qesellschaftlichen Umstande ihn formlich aus der Beziehung zu Minna gedrangt haben (vql. SaOe 1993a, S. 83 f.).

3.2 Minna von Barnhelm

Minna von Barnhelm ist ein sachsisches Edelfraulein im Alter von 20 Jahren. Sie charakterisiert sich selbst durch die Aufzahlung gegensatzlicher Eiqen- schaften, die die qanze Bandbreite und Komplexitat ihrer Person abbilden:

DAS FRAULEIN. [...] Franziska, wenn alle Madchens so sind, wie ich mich itzt fuhle, so sind wir sonderbare Dinger. - Zartlich und stolz, tuqendhaft und eitel, wollustig und fromm - [...] (II, 7)

Werner, der ehemalige Wachtmeister Tellheims, trifft das Fraulein Minna von Barnhelm noch bevor Tellheim sie im Drama zu Gesicht bekommt. Er beschreibt sie als jung, sehr schon und sehr reich (III, 9). Sie scheint wohlhabend zu sein, denn sie eroffnet dem Wirt, von ihren Gutern in Sachsen zu kommen (II, 2).

Minnas GroBzugigkeit und Freigiebigkeit werden an mehreren Stellen erkennbar, wenn sie Geld verschenkt oder wegzugeben bereit ist (II, 3; II, 6; IV, 2). Dadurch wird ihre wohlhabende Stellung untermauert, wobei die Schatulle immer als „sinnliche Vergegenwartigung" ihres Reichtums dient (Michelsen 1990, S. 241).

Minna empfindet sehr stark fur Tellheim. Ihre Liebe ist jedoch keine klassische, die auf den ersten Blick beginnt und auch kein mit der Zeit gewachsenes Gefuhl, sondern vielmehr eine Liebe vor dem ersten Blick (vgl. Matzkowski 2002, S. 80). Dies beschreibt Minna selbst ausfuhrlich:

DAS FRAULEIN. [...] Die Tat, die Sie einmal um zweitausend Pistolen bringen sollte, erwarb mich Ihnen. Ohne diese Tat wurde ich nie begierig gewesen sein, Sie kennen zu lernen. Sie wissen, ich kam uneingeladen in die erste Gesellschaft, wo ich Sie zu finden glaubte. Ich kam bloB Ihretwegen. Ich kam in dem festen Vorsatze, Sie zu lieben, - ich liebte Sie schon! - in dem festen Vorsatze, Sie zu besitzen, wenn ich Sie auch so schwarz und hasslich finden sollte als den Mohr aus Venedig. [...] (IV, 6)

Minnas Liebe tragt also den Charakter der Vorsatzlichkeit. Das ist nun interessant und hinterfragbar zugleich. Sie ist in jeder Hinsicht unvorein- genommen, denn sie hatte um dieser edelmutigen, moralischen Tat willen auch den „Mohr aus Venedig" oder, so lasst sich annehmen, auch den Glöckner von Notre-Dame geliebt.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640643486
ISBN (Buch)
9783640643219
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152550
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Lessing Drama Schauspiel Liebe Tellheim Minna Barnhelm Geschlecht Kampf Ehre Konflikt Literatur

Autor

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