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Was ist guter Frontalunterricht? – Und warum ist er didaktisch sinnvoll?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Frontalunterricht?

3. Historische Entwicklung des Frontalunterrichts

4. Relevanz des Frontalunterrichts im Schulalltag

5. Was ist guter Frontalunterricht?
5.1 Tafel und Folien
5.2. Lehrervortrag
5.3. Gesprachsformen und Gesprachsfuhrung
5.4. Die Lehrerfrage
5.5. Aufrufen und „Drannehmen“
5.6. Korpersprache des Lehrers
5.7. Raumregie

6. Didaktische Funktionen des guten Frontalunterrichts

7. Zusammenfassung und Fazit

8. Anhang

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit fugt sich in den Rahmen des Seminars „Unterricht als Interaktion“ ein. Gegenstand des Seminars waren die verschiedenen Interaktionsformen des Unterrichts: Einzelarbeit, Partnerarbeit, Gruppenunterricht und Frontalunterricht. Die einzelnen Interaktionsformen wurden per Referat von mehreren Studenten thematisch vorbereitet und anschliefiend durch Diskussion im Seminar weiter problematisiert.

Die Diskussion zum Frontalunterricht wird hier nun unter dem Aspekt des „guten“ Frontalunterrichts und seiner didaktischen Legitimation weiter vertieft. Im Folgenden wird deshalb geklart, was genau Frontalunterricht ist und es soll ein kurzer Uberblick uber die historische Entwicklung dieser Unterrichtsform gegeben werden. Danach erfolgt eine Betrachtung der Relevanz des Frontalunterrichts im modernen Schulalltag. Anschliefiend wird untersucht, wie Frontalunterricht gestaltet werden sollte, damit er als „gut“ bezeichnet werden kann. Zum Schluss erfolgt eine Betrachtung der Argumente, die „guten“ Frontalunterricht didaktisch legitimieren. Eine Reflexion uber das Referat und die Diskussion zum Frontalunterricht aus dem Seminar vom 30.10.2003 erfolgt im Anhang der Hausarbeit.

2. Was ist Frontalunterricht?

Bevor weiter von Frontalunterricht gesprochen wird, soll eine genauere Begriffsbestimmung geleistet werden, wobei jedoch erst einmal auf ganz allgemeine, rein formale Eigenschaften eingegangen wird. Der Frontalunterricht, oft als „Stiefkind der Didaktik“ oder didaktische „Allzweckwaffe“ oder „Kampfbegriff der Unkultur des Beybringens‘[1] bezeichnet, gehort neben der Einzelarbeit, der Partnerarbeit und dem Gruppenunterricht zu den Sozialformen des Unterrichts. Die Sozialform legt dabei die „Beziehungs- und Kommunikationsstruktur“ des Unterrichts fest.[2] In der Einzelarbeit ist der einzelne Schuler demnach auf sich allein gestellt und bearbeitet eine Aufgabe meist in eigenverantwortlicher Arbeit. In der Partnerarbeit wird eine Aufgabenstellung mit einem Partner, meist dem Banknachbarn, gemeinsam gelost und beim Gruppen- unterricht mit mehreren anderen Schulern, meist in 3er-, 4er- oder 5er-Gruppen.

Im Frontalunterricht verlauft die Unterrichtung der Klasse dagegen im Klassenverband bzw. „Plenum“[3], weshalb Frontalunterricht auch als „Klassenunterricht“[4] bezeichnet werden kann. Frontalunterricht besteht aus den beiden Aktivitatsformen Vortrag und Frageunterricht, wobei der Vortrag ein Schuler- bzw. Lehrervortrag und die Frage eine Schuler- bzw. Lehrerfrage sein kann.[5] Der Anteil der Lehreraktivitat bei Vortrag und Frage uberwiegt jedoch ganz klar. Der Frontalunterricht ist dann ein uberwiegend „thematisch orientierter und sprachlich vermittelter Unterricht, in dem die Klasse gemeinsam unterrichtet wird und der Lehrer - zumindest dem Anspruch nach - die Arbeits-, Interaktions- und Kommunikationsprozesse steuert und kontrolliert.“[6] Frontalunterricht wird, wie der Name vermuten lasst, hauptsachlich frontal, also von vorn, gehalten. Jeder Lehrer gestaltet seinen Frontalunterricht anders, jedoch gibt es einige allgemein gultige Merkmale, die sich zu einer Charakteristik des Frontalunterrichts vereinen lassen. Im Frontalunterricht ubernimmt der Lehrer die wichtigsten Steuerungs-, Kontroll- und Bewertungsaufgaben, es sei denn, ein Schuler ubernimmt zeitweise in Form eines Schulerreferats die Regie des Unterrichts.[7] Die „offizielle“ Kommunikation der Schuler untereinander ist sehr begrenzt, da Kommunikation uberwiegend zwischen Lehrer und Schuler stattfindet[8]. In manchen frontal gehaltenen Unterrichtsstunden kann jedoch auch, wie viele Unterrichtsprotokolle belegen, die „inoffizielle“ Kommunikation zwischen den Schulern uberwiegen, beispielsweise durch Schwatzen, Zettelchen, Handzeichen, SMS, Blickkontakt usw. Des Weiteren mussen die Schuler im Frontalunterricht den grofiten Teil der Unterrichtszeit sitzend zubringen und sich dabei auch noch, den Blick nach vorn gerichtet, dem Lehrer zuwenden bzw. an die Tafel oder in den eigenen Hefter schauen.[9] Der Frontalunterricht ist meist thematisch orientiert, wobei der grofite Wert auf die Vermittlung kognitiver Inhalte gelegt wird.[10] Die typischen Medien, die im Frontalunterricht zum Einsatz kommen, sind: Tafel, Overhead-Projektor, Schulbuch, Arbeitsheft und eventuell vom Lehrer zu Verfugung gestellte Arbeitsblatter.[11] Als „Schema F“ einer frontalen Unterrichtsstunde konnte gelten: Stundeneroffnung mit der ritualisierten Begrufiung und der Klarung organisatorischer Angelegenheiten, Unterrichtseinstieg in Form einer kurzen Leistungsuberprufung des zuletzt behandelten Stoffs oder der Uberprufung der Hausaufgaben, Darbietung des neuen Stoffs durch den Lehrer, Arbeit am neuen Stoff durch die Schuler, eine Form der Ergebnissicherung als Tafelanschrieb, Ubung oder Zusammenfassung durch Lehrer oder Schuler und einer Stundenschliefiung durch Erteilung der Hausaufgaben.[12]

Frontalunterricht wird also durch die Aktivitat des Lehrers dominiert. Wahrend diese Unterrichtsform in fruherer Zeit zur Bevormundung, Manipulation und Erziehung zur Disziplin der Heranwachsenden diente, unterliegt sie heute einem „grundsatzlichen Funktionswandel“[13]. Frontalunterricht kann heutzutage naturlich nicht mehr aus „unhinterfragbaren“ Inhalten bestehen, die von einer allmachtigen Lehrerperson vermittelt werden, sondern ist eine von vier moglichen Sozialformen des Unterrichts, in der ein „steuernder, anleitender und strukturierender Lehrer die Sinn-, Sach- und Problemzusammenhange systematisch vermittelt“.[14] Dieser Funktionswandel des Frontalunterrichts ist gleichbedeutend mit der Veranderung vom „schlechten“ zum „guten“ Frontalunterricht, die an spaterer Stelle genauer behandelt wird.

Doch seit wann gibt es eigentlich Frontalunterricht? Wie entwickelte sich diese Unterrichtsmethode und wer nahm auf die Entwicklung grofieren Einfluss? Ein kurzer Uberblick uber die historische Entwicklung des Frontalunterrichts soll im nachsten Punkt gegeben werden.

3. Historische Entwicklung des Frontalunterrichts

Dokumentierten Frontalunterricht gibt es mindestens seit der Antike.[15] Allerdings kann man davon ausgehen, dass frontale Unterrichtung seit Beginn der Menschheit eine Rolle spielt. Das war immer dann der Fall, wenn Heranwachsende in praktischen oder theoretischen Belangen des Alltags unterwiesen bzw. instruiert wurden.[16] Frontalunterricht im eigentlichen Sinne eines Klassenunterrichts gibt es jedoch erst mit der Bildung von jahrgangsspezifischen Klassen seit dem „Barockzeitalter“.[17] Das Lernen im „Gleichschritt“[18] ist hier noch viel offensichtlicher als die Einzelunterrichtung in der Antike oder die Unterrichtung des „ungeordneten Haufens“[19] im Mittelalter.

Den Lehrervortrag als Bestandteil des Frontalunterrichts entwickelte Johann Amos Comenius im 17. Jahrhundert. Ziel seiner Didaktik war es, auf diese Weise moglichst vielen Schulern moglichst vieles zu lehren.[20] Auch die Lehrerfrage war schon bekannt und wurde von Comenius uberwiegend als Kontrollfrage eingesetzt. Jedoch hatte die Lehrerfrage noch mehr disziplinierende als didaktische Funktion. Der Lehrer zur Zeit Comenius’ war demnach auch kein Didaktiker, sondern eine Aufsichtsperson, die instruierte, korrigierte, disziplinierte und die Motivation der Schuler gegebenenfalls durch Schlage zu fordern versuchte. Der frontale Unterricht war relativ eintonig und bestand aus dem Memorieren und Kopieren von Texten.[21] Diese Gestaltung des Frontal­unterrichts mag stupide erscheinen, doch fur die damalige Zeit war es eine erstaunlich fortschrittliche didaktische Leistung. Der Unterricht erhielt erstmals eine gewisse Ordnung und war vom Lehrer systematisch durchdacht.

Friedrich Eberhard von Rochow gilt als bedeutender Volksschulpadagoge im 18. Jahrhundert. Er setzte sich fur den regelmafiigen Schulbesuch der Kinder ein, fur Schulgeldfreiheit und entwickelte ein altersgerechtes Schulbuch, den „Kinderfreund“.[22] Dem monotonen Memorier]unterricht setzte er seinen Frageunterricht entgegen. Das „Katechisieren“ gab dem Klassenunterricht ein etwas lebendigeres Bild. Lehrerfrage und Schulerantwort wechselten einander standig ab. Diese Frageweise war allerdings nur selten „fragend-entwickelnd“. Meist war sie sehr kurzschrittig und verlangte vom Schuler nur wenig kognitive Leistung. Die Fragen konnten oft mit ja oder nein, richtig oder falsch oder einer kurzen, aus wenigen Worten bestehenden Aufierung beantwortet werden. Trotzdem hatte Rochows „zergliedernder“[23] Frageunterricht eine gewisse didaktische Motivation. Durch das schrittweise Durchdringen des Textes sollte das Verstandnis der Schuler gefordert werden. Sie sollten Zusammenhange einsehen bzw. verstehen konnen und nicht nur stur auswendig lernen.

Johann Friedrich Herbart entwickelte im 19. Jahrhundert seine Formalstufen des Unterrichts und damit ein Schema fur den „Gang des Unterrichts“, welches zur Grundlage fur den „klassischen“ Frontalunterricht wurde.[24] Die Formalstufen bestanden aus den Elementen: Aufnehmen, Denken, Verarbeiten und systematisches Wissen anwenden und abrufen.[25] Die Lehrformen umfassten dabei die Lehrerfrage, den Impuls, also den Denkanstofi durch den Lehrer, die Darbietung und das fragend-entwickelnde Gesprach.[26] Der Unterricht wurde damit, im Gegensatz zu der fruher verbreiteten „Pauk- und Prugeldidaktik“[27],effektiver. Unter diesen Umstanden eignete sich Frontalunterricht gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hervorragend zur „Manipulation der Massen“[28].

Dieser Unterrichtsstil wurde im Zuge der Reformpadagogik in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts heftig kritisiert. Der Schuler sollte aus seiner passiven und uberwiegend rezeptiven Rolle im Frontalunterricht heraus zu mehr Selbsttatigkeit erzogen werden.[29] Trotz dieser und anderer Reformversuche scheint Frontalunterricht aus dem Unterrichtsalltag nicht wegzudenken. In der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts wurde die Gruppenarbeit von vielen Didaktikern als didaktische „Universallosung“ gepriesen. Doch die methodische Gestaltung des Frontalunterrichts erhielt durch zahlreiche technische Medien, wie Overhead-Projektor, Power-Point und Video, neue Moglichkeiten, sich von einer antiquierten Unterrichtsform zu einer modernen zu entwickeln.[30] „Guter“ Frontalunterricht ist nicht langer eine Form der autoritaren Fuhrung einer Klasse, sondern eine methodisch abwechslungsreiche Sozialform.

Doch bevor geklart wird, was „guter“ Frontalunterricht ist, soll festgestellt werden, welche Relevanz Frontalunterricht im heutigen Schulalltag uberhaupt hat.

4. Relevanz des Frontalunterrichts im Schulalltag

In der Schule des 18. oder 19. Jahrhunderts wurde Unterricht ausschliefilich als Frontalunterricht gehalten. In dieser Zeit wurde Unterricht praktisch mit Frontal­unterricht gleichgesetzt. Sozialformen wie Gruppenunterricht oder Partnerarbeit spielten keine Rolle.

Auch nachdem die anderen Sozialformen entwickelt wurden, machte Frontalunterricht weiterhin einen hohen Anteil des schulischen Unterrichts aus.[31] Abbildung 1 soll die Relevanz des Frontalunterrichts im modernen Schulalltag besser verdeutlichen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schulfachspezifische Anteile der Sozialformen[32]

[...]


[1] Gudjons, H.: Frontalunterricht - neu entdeckt. Integration in offene Unterrichtsformen. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt 2003. S. 7-8

[2] Meyer, H.: Unterrichtsmethoden I: Theorieband. 3. Aufl., Frankfurt am Main: Scriptor 1995. S.136-138

[3] Fuhrmann, E.: Unterrichtsverfahren im Frontalunterricht. in: Zeitschrift PADAGOGIK, H. 05/98. S. 9

[4] Meyer 1995, S. 138

[5] Aschersleben, K.: Frontalunterricht - klassisch und modern. Eine Einfuhrung. Neuwied: Luchterhand 1999. S. 7

[6] Meyer, H.: Unterrichtsmethoden II: Praxisband. 2. Aufl., Frankfurt am Main: Scriptor 1989. S. 183

[7] Meyer 1989, S. 182

[8] ebd. S. 182

[9] ebd. S. 182

[10] ebd. S. 182

[11] ebd. S. 183

[12] Meyer 1989, S. 182 - 183

[13] Bastian, J.: Frontalunterricht. Zuruck zu einer Schule von gestern? in: Zeitschrift PADAGOGIK, H. 11/90. S. 8-9

[14] ebd. S. 9

[15] Meyer 1989, S. 185

[16] ebd. S. 185

[17] ebd. S. 185

[18] Meyer, E. u. Okon, W.: Frontalunterricht. Frankfurt am Main: Scriptor 1984. S.20

[19] Gudjons 2003, S. 11

[20] ebd. S. 13

[21] Aschersleben 1999, S. 14

[22] ebd. S. 20-25

[23] Aschersleben 1999, S. 28

[24] ebd. S. 39

[25] Gudjons 2003, S. 18

[26] ebd. S. 18

[27] ebd. S. 18

[28] Meyer 1989, S. 185-186

[29] Gudjons 1999, S. 18-19

[30] Gudjons 2003, S. 18-19

[31] Aschersleben 1999, S. 8

[32] Quelle: Aschersleben 1999, S. 9

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640643103
ISBN (Buch)
9783640643134
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152536
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Pädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Frontalunterricht Unterrichtsmethode Sozialform Schule Unterricht Didaktik Unterrichtsform

Autor

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