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Die Darstellung sexueller Begierde in „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ von Heinrich Kaufringer sowie „Die halbe Birne“ von Konrad von Würzburg

-Ein intendierter Aufbau von Fassaden?

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Problem der Ehe in: „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“
2.1 Kurze Inhaltsangabe
2.2 Die Ehe als Fassade
2.3 Die Faszination des Verborgenen

3. „Die Halbe Birne“ als Metapher realer Lust
3.1 Kurze Inhaltsangabe
3.2 Die Darstellung der beiden Protagonisten im Zusammenhang mit Metapher für sexuell aufgeladene Situation
3.3 Das Epimythion der halben Birne

4. Fazit

5. Quellen

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich erörtern, ob in mittelalterlichen Mären versucht wurde, mit Hilfe von Fassaden das Verhalten der Menschen im Rahmen der Ehe, aber auch in konkret sexuell aufgeladenen Situationen, zu verharmlosen oder gar zu verbergen.

Für meine Untersuchung habe ich zum einen „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“[1] von Heinrich Kaufringer ausgewählt. Primär, um das Verständnis einer – vermeintlich – glücklichen Ehe darzustellen. Hier scheint mir der Aspekt der Zivilisation eine entscheidende Rolle zu spielen. Die Ehe als Fassade für katastrophale Verhältnisse innerhalb des familiären Kreises, scheint keine Besonderheit zu sein. Das Thema vom entdeckten und bestraften Ehebruch wird in dem betrachteten Märe um einige erstaunliche Merkmale erweitert. Das Verhalten der Männer gegenüber der erkannten Untreue gleicht einer Art kompensierenden Strafe. Muss, um die häusliche Ehre aufrecht zu erhalten, einer der beiden Ehepartner also regelmäßig Leid über sich ergehen lassen? Oberstes Ziel scheint zu sein, die Ehe zu erhalten, um keine öffentliche Ächtung zu erfahren. Man will dem gesellschaftlichen Normensystem entsprechen. Deshalb mein gewählter Begriff der Fassade, gemeint als eine Art Vorhang oder auch Mantel des „höfisch-kultivierten Scheins“[2], wie es Edith Feistner ausdrückt.

Zum anderen „Die halbe Birne“[3] von Konrad von Würzburg, an der sich eine Metaphorisierung von Begierde und des eigentlichen Sexualaktes nachvollziehbar herausarbeiten lässt. Eben diese Sexualmetaphern dienen dazu, moralische Schwächen – insbesondere des weiblichen Geschlechts – zu umschreiben. Neben einem sexuellen Nebensinn der Früchte, stelle ich die Frage, ob eine weitere Zeichenhaftigkeit der von Konrad niedergeschrieben Geschichte ausgeht. Eine latent vorhandene Triebhaftigkeit, sowie animalisch wirkende Instinktgesteuertheit der beschriebenen Protagonisten, werden hierzu ebenfalls im Fokus meiner Arbeit stehen.

Im ersten Teil der Hausarbeit werde ich mich mit der Eheproblematik beschäftigen. Dazu werde ich zunächst kurz den Inhalt des Märes „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ wiedergeben, und anschließend die Ehe als scheinbar beschönigende Institution aufdecken.

In Anknüpfung daran, spreche ich die Faszination des Verborgenen an. In diesem Teil möchte ich primär anhand von Sekundärliteratur meine These der intendierten Fassade untersuchen.

Den dritten Teil dieser Arbeit widme ich der halben Birne. Auch hier beginne ich mit einer kurzen Inhaltsangabe, um daraufhin die beiden Protagonisten genauer zu betrachten, sowie eindeutige Metaphern für sexuell aufgeladene Situationen zu finden. Ebenfalls genauer betrachten werde ich das Epimythion dieses Textes. Abschließend werde ich resümieren, inwieweit meine These der Fassade an den beiden Texten fest zu machen ist.

2. Das Problem der Ehe in: „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“

2.1 Kurze Inhaltsangabe

Das Märe beginnt mit einem alten Sprichwort, welches besagt, dass Mann und Frau nur dann eine glückliche und „rechte“ Ehe führen könnten, wenn beide Charaktere voll und ganz übereinstimmten. Nach diesem Promythion beginnt die Handlung mit der Beschreibung eines wohlhabenden und angesehenen Ehepaares, dessen einziger Streitpunkt die Großzügigkeit des Mannes, beziehungsweise die Sparsamkeit der Frau, ist. Unter ihrem Geiz leidet der Ehemann so sehr, dass er beschließt die Welt zu bereisen, um das perfekte Ehepaar ganz ohne Differenzen, zu finden. Nach drei Jahren Suche wohnt er über einen längeren Zeitraum bei einem Paar, dessen öffentliche Erscheinung nicht besser hätte sein können. Aber der Ehemann erklärt dem Suchenden kurz vor seiner Abreise, dass auch dieses Bild von Harmonie nicht der Wirklichkeit entspricht. Jeden Abend muss seine Frau Wein aus dem Schädel des Pfarrers trinken, dessen Liebhaberin sie einmal war. Ihr Mann hat ihn umgebracht und verlangt nun jeden Abend diese Buße von seiner Frau. Enttäuscht reist der Suchende ab, findet aber erneut ein Vorzeigeehepaar, doch auch hier muss die Frau regelmäßig, von einem im Keller gehaltenen Bauern, sexuell befriedigt werden, um dem Mann uneingeschränkte Treue erweisen zu können. Nach jahrelanger Reise begibt sich der suchende Ehemann zurück zu seiner Frau. Er weiß die „ehrsame und keusche“ Frau viel mehr zu schätzen und sieht ihre Sparsamkeit nun viel gelassener. Im Epimythion gibt der Erzähler den Rat, die kleinen Fehler seines Partners zu achten, und sich des Glückes bewusst zu sein, keine größeren Probleme zu haben.

2.2 Die Ehe als Fassade

Anhand des vorliegenden Märes lässt sich herausarbeiten, inwieweit die Ehe als Fassade für ein durch menschliche Triebe und Verlockungen geprägten Alltagsleben fungiert. Das ausgerechnet der nach dem perfekten Ehepaar suchende Mann auf zwei Paare stößt, die nur mit Hilfe von geheimen – im Prinzip sadistischen – Praktiken das Glück ihrer Ehe beibehalten können, mutet fast schon als ironischer Witz an.

Nachdem er im fünften Jahr endlich ein seinen idealen Vorstellungen entsprechendes Ehepaar gefunden hat, schätzt er sich zunächst glücklich. „si zugen baide gar geleich mit worten, werken und mit sin.“ (V. 118) Ein erster Hinweis auf die Zwiespältigkeit der Ehe hinsichtlich der Unehrlichkeit dieser Verbindung findet sich wenige Verse später. Nur unter vertraulichen Bedingungen kann der Suchende von seinem Eheproblem berichten. „in gehaim tuon ich ew bekannt, wie mein läf sich gestalt.“ (V. 144) Der vermeintlich glückliche Ehemann bittet seinen Gast noch eine Nacht zu bleiben und deutet implizit an, dass der Suchende noch nicht alle Facetten ihres Ehelebens kenne. Nach einem großen, sehr gelungenen Fest spricht der Gastgeber aus, dass die Verbindung zu seiner Gattin durchaus nicht so makellos ist, wie sein Gast zunächst annahm. „es gat oft nach fräuden pein und nach wunne herzenclag.“ (V. 200). Die Amivalenz – angeblich – glücklicher Ehen lässt sich hier gut darstellen. Es wurde versucht den Anschein des häuslichen Glücks zu wecken und zu waren. Im Folgenden erklärt der Ehemann, dass sämtliche Freuden der Frau nicht von ihren Taten und ihrem Leid ablenken können. Er solle zusehen und verstehen. „nun müest ir ietz zestund sehen und auch aigenlichen spehen, das die fräud nit helfen mag, darnach muoß volgen jamers clag dem weib, als si verschuldet hat.“ (V. 205) Der Ehemann zwingt seine Frau ungeduldig ihr „Trinkgeschirr“ zu holen. Diese möchte jedoch lieber Todesqualen erleiden, als in der Öffentlichkeit, also vor dem Gast, dieses bis dahin noch unklare Ritual zu vollziehen. Sie will unter allen Umständen verhindern, dass dieses Geheimnis außerhalb der Ehe bekannt wird. „si schampt sich sere vor dem gast; der was da ir überlast.“ (V. 227). Neben der Tatsache, dass es sich bei dem Trinkgeschirr um die Hirnschale eines Pfarrers handelt, scheint es die Frau noch schwerer zu treffen, dass ein Außenstehender von diesem Ritual erfährt. Die Fassade der augenscheinlich ungetrübten Freude einer perfekten Ehe beginnt zu bröckeln. Die Frau soll die „Minne des Heiligen Johannes“ trinken. Dadurch erfährt der Gast, dass auch diese – im Alltag so glücklich wirkende Frau – einmal untreu war. Der Ehemann erwischte seine Frau und den Pfarrer und brachte ihn anschließend um. Als Bußetat trinkt die Frau nun regelmäßig, unter großen Qualen, aus diesem Schädel. „[…], si trank darauß mit jamers pein.“ (V.236) Anstatt sich zu trennen, nehmen die Eheleute in Kauf, diese Last jeden Abend erneut auf sich zu nehmen, um ihre bürgerliche, ehrenhafte Wohlanständigkeit zu wahren. Nach diesem ernüchternden Ergebnis reist der Gast ab, um weiterzusuchen. Auch bei dem zweiten Ehepaar kann der Reisende zunächst keine Einschränkung des ehelichen Glücks erkennen. „ir iegliches das ander maint mit ganzen trewen oun gevar.“ (V. 292). Wobei sich die Frage stellt, ob der Zeitraum von sechs Jahren um zwei – vermutlich – harmonische Ehepaare zu finden, indirekt die Problematik des Versuchs an sich andeutet. Denn auch hier ergibt sich ein Gespräch der beiden Männer, welches ebenfalls ein Problem innerhalb dieser Partnerschaft erahnen lässt. Der Gastgeber offenbart ihm, dass ein im Keller versteckter, animalisch anmutender Bauer versteckt ist. Dieser wurde von dem Gatten vor Jahren gefangen genommen. Natürlich nicht in unmittelbarer Umgebung, da sonst die Öffentlichkeit davon erfahren hätte. Auch hier lässt sich der Drang zu einem positiven Erscheinungsbildes herauslesen. Familiäre Abstammung, finanzielle Unabhängigkeit und Ansehen in der Stadt scheinen von enormer Wichtigkeit: „ich pin von guotem geschlächt geporn und die frawe mein. wir mügen wol die pesten sein hie in der statt, das wißt fürwar, an gepurt und an reichtum zwar.“ (V. 382). Die Schuld ist hier laut Ehemann bei der Frau zu suchen, er spricht gegenüber seinem Gast offen aus, dass sie sich innerhalb der Stadtmauern regelrecht prostituiert habe und damit der gesamten Familie die Ehre genommen hat. „die hat si getriben ser in der statt hin und her und hat ir geschlächt geschant.“ (V. 389) Neben dem generellen Ehrverlust der Familie kommt der Aspekt des männlichen Versagens hinzu. Der von Hans – Jürgen Bachorski angedeutete „defizitäre Ehemann“ kristallisiert sich hier andeutungsweise aus dem Ergebnis des Ehebruchs heraus. „Ein betrogener Ehemann erleidet einen Schaden an Ehre, an Besitz, an körperlicher Integrität, und – was wichtig ist – dieser Schaden wird sichtbar, […].“[4] Da nun die Frau ihren offenbar unersättlichen Minnedurst regelmäßig gemeinsam mit dem versteckten Bauern stillen kann, gilt sie in der Stadt wieder als tugendhaft. Der Begriff der Fassade verstärkt sich durch die leidvollen Äußerungen des Ehemannes, dessen Ehre nun nur noch innerhalb des eigenen Hauses verletzt wird. „so ist mein ere vast versert gar haimlich und gar leise.“ (V. 420)

[...]


[1] Sämtliche Zitate von „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ stammen aus folgender Textgrundlage: Heinrich Kaufringer: Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar, in: Novellistik des Mittelalters, hrsg., kommentiert und übersetzt von Klaus Grubmüller, Frankfurt/Main 1996 (Bibliothek des Mittelalters 23),

S. 768 – 797.

[2] Edith Feistner: Kulinarische Begegnungen. Konrad von Würzburg und „Die halbe Birne“, in: Vom Mittelalter zur Neuzeit. Fs. Horst Brunner, hg. von Dorothea Klein u. a., Wiesbaden 2000, S. 295.

[3] Sämtliche Zitate von „Die halbe Birne“ stammen aus folgender Textgrundlage:

Konrad von Würzburg(?): Die halbe Birne, in: Novellistik des Mittelalters, hrsg., kommentiert und übersetzt von Klaus Grubmüller, Frankfurt/Main 1996 (Bibliothek des Mittelalters 23), S. 178 – 207.

[4] Hans Jürgen Bachorski: Ehe und Trieb, Gewalt, Besitz, Diskursinterferenzen in Mären und Schwänken, in:

Der Hahnrei im Mittelalter, hg. von Danielle Buschinger, Wolfgang Spiewok, Greifswald 1994. S. 14.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640643653
ISBN (Buch)
9783640644155
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152417
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,7
Schlagworte
Darstellung Begierde Suche Ehepaar“ Heinrich Kaufringer Birne“ Konrad Würzburg Aufbau Fassaden
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Titel: Die Darstellung sexueller Begierde in „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“ von Heinrich Kaufringer sowie  „Die halbe Birne“ von Konrad von Würzburg