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Die Reise des Heiligen Brendan

Vergleich zwischen "Navigatio" und "Reisefassung"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Entstehung und Überlieferung
2.1 Navigatio
2.2 Reisefassung

3. Inhaltlicher Vergleich im Hinblick auf
3.1 Überlieferung, Ziel, und Gründe zur Ausfahrtt
3.1.1 Navigatio
2.1.2 Reisefassung
3.2 Bestand an Episoden
3.2.1 Navigatio und Reisefassung
3.2.2 In den einzelnen Fassungen

4. Ausführliche Betrachtung einer Episode
4.1 Navigatio
4.2 Reisefassung
4.3 Vergleich

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Spricht man über Reisebeschreibungen im literarischen Sinne, so gibt es mehrere Formen, die sich mit der Beschreibung einer Reise beschäftigen. Während der Schwerpunkt bei den einen auf die Mühen und Erlebnisse auf der Hinfahrt gesetzt sind, liegt der Fokus beim anderen Typus auf den Erlebnissen während der Heimfahrt (Haug 2005: 37). Aber auch eine drit- te literarische Kategorie lässt sich finden, die die Reise als eine Umher- fahrt mit verschiedenen Stationen beschreibt, die jede für sich eine Hand- lung bietet und scheinbar wahllos aneinander gesetzt sind (Haug 2005: 38). Wenn man die Beschreibung der Reise des Heiligen Brendan klassifi- zieren möchte, kommt diese am ehesten diesen Typus nahe, der als Im- ram bezeichnet wird.

Der irische Abt, der im 6. Jahrhundert (Strohschneider 1997: 4) eine Rei- se zu der scheinbar himmlischen Insel „Terra repromissionis sanctorum“ unternimmt (Jacobsen 1998: 67) findet sich in mannigfaltiger Überliefe- rung. Allein die ursprüngliche Navigatio sancti Brenbani findet sich in über 120 mittelalterlichen Handschriften wieder (Jacobsen 1998: 63). Daneben existieren unterschiedliche Fassungen mit unterschiedlich reicher rhetori- scher Ausgestaltung in lateinischer Sprache. Von diesen lassen sich die Übersetzungen in die „Vulgärsprachen“ (zit. Haug 2005: 41) herleiten. Par- allel existiert in wohl ursprünglich mittelfränkischer Tradition eine weitere Version der Brendanerzählung die als „Reisefassung“ bekannt geworden ist (Beckers 1989: 41). Die Verbreitung dieser Fassung hat sich auf den niederländischen und nieder- und hochdeutschen Raum beschränkt.

Es sind grundlegend also zwei verschiedene Fassungen vorhanden, die aus unterschiedlicher Tradition stammen und (wenn sie auch in vielen Ge- meinsamkeiten aufweisen) doch viele unterschiedliche Aspekte beinhal- ten. Diese beginnen, wie erwähnt, bei der Entstehung und Überlieferung, setzen sich über die unterschiedlichen Intentionen zur Reise bis zum ge- samten Verlauf an sich fort.

Diese Arbeit versucht daher, diese beiden Versionen (also die 'Navigatio' und die Reisefassung) zu vergleichen und Unterschiede und Gemeinsam- keiten herauszuarbeiten.

Dazu wird zunächst die Entstehung und Überlieferung der beiden Versio- nen betrachtet. Dabei sollen beide Fassungen sowohl auf die ursprüngli- chen Schriften betrachtet, als auch Veränderungen in den folgenden Edi- tionen in den Schriften untersucht werden.

Im Anschluss daran wird eine globale inhaltliche Deutung der Navigatio und der Reisefassung versucht. Nicht einzelne kurze Ausschnitte, sondern umfassendere Unterschiede werden dabei herausgearbeitet, die durch die Unterschiede in den Versionen entstehen. Insbesondere auf die Frage des Ziels, bzw. der Motivation zur Ausfahrt soll hier eingegangen werden Im weiteren Verlauf werden einzelne inhaltliche Punkte, also Stationen der Reise, verglichen werden. Auch hierbei soll deutlich gemacht werden, wel- che Punkte in welcher Fassung vorhanden sind und welche nicht, bzw. ob Stationen, die auf den ersten Blick unterschiedlich wirken nicht doch einen gemeinsamen Kern aufweisen.

Auch wenn ein Vergleich von zwei sich ähnelnden Texten immer einen stark deskriptiven Charakter hat, soll die Untersuchung der Frage nach dem Verhältnis der beiden Versionen zueinander als Kern mit aufgenom- men und dazu bereits bestehende Überlegungen aus der Forschung nä- her betrachtet werden.

2. Entstehung und Überlieferung

Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei den Beschreibungen der Reise des Heiligen Brendan nicht um solche, die ausschließlich zielgerichtet ab- laufen und besondere Bemühungen oder Aufgaben vom Reisenden auf der Fahrt zum Ziel hin oder von selben zurück, verlangen (Haug 2005: 37). Vielmehr handelt es sich um ein „Herumrudern“ (zit. Haug 2005: 39), das sich zwar mit der T erra repromissionis sanctorrm ein Ziel hat (Jacob- sen 1998: 67), vom Reisenden darüber hinaus aber Prüfungen um Aufga- ben bietet, die im Prinzip in beliebiger Reinhenfolge erfolgen können. In der Reise des Heiligen Brendan ist dies bildlich durch die Inseln darge- stellt, die praktisch frei im Ozean liegen und im Prinzip beliebig bereist werden können (wobei auch hier wiederkehrende inhaltliche Abläufe zu finden sind) und dem Heiligen Brendan sowohl positive, aber auch negati- ve Erlebnisse bescheren. Diese Form des literarischen Textes wird nach der altirischen Gattungspoetik als Imram (übersetzt ins Deutsche: Herrm- rrberei) bezeichnet (vgl. Haug 2005: 39)

Wenn man die Frage der Entstehung der literarischen Versionen der Reise des Heiligen Brendan untersuchen will, muss man sich zunächst klar ma- chen, dass es zwei grundlegend unterschiedliche Fassungen gibt, die zwar ebenfalls in einem Verhältnis zueinander stehen aber unterschiedli- cher Herkunft sind (vgl. Strochschneider 1997: 4). Es handelt sich dabei zum einen um die in der Forschung als Navigatio bezeichnete Fassung und zum anderen um die sogenannte Reisefassrng. Bei der Frage des Verhältnisses der Fassungen zueinander sind in der Forschung verschie- dene Ansichten zu finden. So zeigt Haug (1989: 395), dass wahrschein- lich ein Text existiert, der als gemeinsame Vorstufe zu betrachten ist und über den die beiden Fassungen zusammenhängen. Dieser wiederum soll sich auf einen noch älteren Reisebericht des Immram Mael Dúin beziehen. Es handelt sich bei der Reisefassung also nicht um eine „freie Umarbei- tung“ (zit. nach Strohschneider 1997: 7), der Navigatio. Die niederländi- schen Wissenschaftlerin Clara Strijbosch sieht zwischen Navigatio und Reisefassung weniger in einer gemeinsamen Vorstufe einen Zusamenhang (Strijbosch 1995: 15f.). Sie vertritt vielmehr die Position, dass sich die Reisefassung aus der Navigatio (als ürsprünglichere Version) entwi- ckelt hat.

2.1 „Navigatio“

Die Grundlage jeder Forschung an der Navigatio bildet die kritische Editi- on von Selmer aus dem Jahr 1959, die in aufwändiger Arbeit aus den rund 120 erhaltenen Handschriften zusammengetragen wurde (vgl. Jacobsen 1998: 65 und Fay 1985: VII). Die Entstehung der frühsten Handschrift wird in einem lothringischen Kloster in der Mitte des 10 Jahrhunderts durch einen irischen Mönch vermutet, da sich Überlieferungen bis ins späte 10. Jahrhundert finden lassen. Zur Entstehung der Handschriften, aus denen er die Ausgabe zusammengetragen hat, schreibt Selmer (zit. nach 1959: xxvii):

„A chronological srrvey of the manrscripts by centrries shows that tree manrscripts were written in the tenth centrry or at the trrn of the tenth to the elenth centrry, 14 in the eleventh centrry, 23 in the twelth centrry, 29 in the thirteenth centrry 19 in the forrteenth centrry, anb 28 in the fif- teenth centrry. The corr copies of the seventeenth centrry are of only mo- berate concern to rs.“

Die konkrete Suche nach dem einem in Lothringen als Verfasser tätigen Iren lässt auf eine Entstehung der ersten Manuskripte während der Loth- ringischen Klosterreform schließen, ein Entstehen dieser könnte daher schon im 9. oder sogar 8. Jahrhundert möglich gewesen sein (Jacobsen 1998: 65). Jedoch ist die konkrete Quelle unklar, da sich auf keinem Ma- nuskript ein Name oder sonstige historisch verwertbare Daten auffinden lassen (vgl. Selmer 1959: xxvii). Einzig von seiner Arbeit kann man auf den Verfasser schließen, der äußerst kundig in irischer Hagigraphie gewe- sen sein muss, um das Leben des Heiligen Brendan überhaupt in solch konkreter Form kennen und bestimmen zu können. Darüber hinaus müs- sen Kenntnisse über irische Geographie, Geschichte und über volkstümli- che Überlieferungen vorhanden gewesen sein. Ebenfalls muss es sich um einen klassisch gelehrten Verfasser gehandelt haben, da er der lateini- schen Sprache mächtig war.

Die erste deutsche Übersetzung der Navigatio findet sich relativ spät in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Diese wurde vom Münchner Arzt und Schriftsteller Johannes Hartlieb im Auftrag der bayerischen Herzogin Anna von Braunschweig angefertigt (vgl. Strohschneider 1997: 5). Eine erste Druckausgabe der lateinischen Texte wurde im Jahre 1871 durch Carl Schröder angefertigt.1 Diese nutzt grundlegend als Quelle eine Handschrift aus Leipzig des 13. Jahrhunderts unter Berücksichtigung einer verwand- ten Wolfenbütler-Handschrift aus dem 15. Jahrhundert (Zaenker 1987: xxiii). Jedoch erst die oben angesprochene kritische Ausgabe von Selmer (1959) aus über 120 Handschriften bietet verwertbare Ergebnisse, da Schröders Ausgabe von 1871 einem anderen lateinischen Übersetzungs- zweig angehört.

2.2 Reisefassung

Die auffällig späte Übersetzung der Navigatio im deutschen Sprachraum wird darauf zurück geführt, dass mit der Reisefassung über das Mittelnie- derländische eine Sondertradition der Erzählung vorhanden ist (vgl. Stroh- schneider 1997: 6). Erstmalig wird sie in einem mitteldeutschen Gedicht aus dem 13. Jahrhundert greifbar. Daneben existiert außerdem ein ostfäli- scher Text aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhundert. Anhand einer sprachwis- senschaftlichen Analyse lies sich zeigen, dass aufgrund Gemeinsamkeiten dieser Schriften eine Vorstufe existieren muss, die aus reimgrammati- schen Gründen mit großer Sicherheit dem Ripuarischen (R) zugeordnet werden kann (vgl. Strohschneider ebd.).

Darüber hinaus existieren weitere Fassungen, die in drei Hauptbearbei- tungssträngen immer unabhängig voneinander wieder auf die ripuarische Urfassung zurück zu führen sind.

Diese sind zum einen eine mittelniederländische Verserzählung (CH)2, die in zwei differenzierten Handschriften (C und H) aus dem 14. und 15. Jahr- hundert vorliegen. Darüber hinaus existiert eine deutsche gereimte Fas- sung (M/N) in mitteldeutscher (M) und niederdeutscher Überlieferung und eine Prosafassung (P) aus dem 14. Jahrhundert , die in fünf Handschriften und mehreren Druckversionen vorhanden ist (Haug 2005: 45).

Schematisch lässt sich das Verhältnis im folgenden Schaubild darstellen (vgl. Haug 2005: 45 in angepasster Form) :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Inhaltlicher Vergleich im Hinblick auf

3.1 Überlieferung, Ziel und Gründe zur Ausfahrt

3.1.1 Navigatio

Die „Navigatio Sancti Brendani“ basiert eindeutig auf der Figur des histori- schen Brendan (Strohschneider 1997: 63). Dabei handelt es sich um den Abt eines irischen Klosters, der angeblich im Jahre 484 geboren wurde und im 6. Jahrhundert mit seinen Klosterbrüdern eine Reise unternommen hat (Fay 1985: VII). Anlass dieser ist die Schilderung von einer Insel na- mens „ Terra repromissionis ranctorrm“, also dem „Lanb ber Verheißrng“, durch seinen Neffen Barintus (Haug 2005: 42). Dessen „Söhnchen Mern- oc, der Versorger der Armen Christi […] von [seinem] Antlitz“

[...]


1 Siehe hierzu :Schröder, Carl: Sanct Brandan. Ein lateinischer und drei deutsche Texte. Erlangen 1871

2 Benennung der Handschriften übernommen von Haug 2005: 44f.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640641819
ISBN (Buch)
9783640642304
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v152323
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
2,3
Schlagworte
Brendan Brandan Reisebeschreibung Navigatio Sancti Brendani Navigatio Sancti Brendani Spätmittelalter Abt Brendan Reisefassung

Autor

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